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Benno Rüttenauer: Pompadour - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorBenno Rüttenauer
titlePompadour
publisherGeorg Müller
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201309
projectid93f754c4
wgs9110
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Das Wunder des Abbé Cochin

Es mag vorkommen, daß ein witziger Zufall Wunder wirkt, und wenn er sich dabei eines armen Menschen bedient und dieser damit den Nimbus der Heiligkeit gewinnt, darüber aber doch nicht ein Schelm wird, sondern gar ein Heiliger im menschlichsten Sinne des Wortes, so ist das zweite Wunder größer als das erste.

An der Sankt Jakobsgasse, ehemals so berühmt als Sitz des gesamten Pariser Buchhandels, nämlich an ihrem äußeren südlichen Ende gegenüber der Sternwarte, breitet sich noch heute das Hospiz Cochin aus, das mit seiner Bruderanstalt, dem Spital des Südens, zusammen ein ganzes kleines Stadtviertel einnimmt. In den umfangreichen Gärten dieses Krankenpalastes gewahrt man inmitten eines Rasenrondells ein einfaches Standbild aus Champagnerstein, das ein unscheinbares Männlein im langen Priesterrock und dem Abbémäntelchen des achtzehnten Jahrhunderts darstellt, auf seinem Sockel aber liest man die karge Inschrift: L'Abbé Cochin.

Dieser Heilige ohne offiziellen Heiligentitel, der sich mit der Stiftung des nach ihm benannten Asyls eine demütige Unsterblichkeit gewonnen hat, war im Leben der Hauptpfarrer von Sankt Jakob, genannt zum Hochtritt, und war schon als solcher wegen seiner ausgebreiteten Wohltätigkeit allgemein verehrt wie ein zweiter Vinzenz von Paul. Als ein Wundertäter im engeren Sinn des Wortes aber – woran nicht jeder zu glauben braucht – erwies er sich nur einmal im frühen Jünglingsalter, und zwar auf eine höchst spaßige Art.

Damals war er Zögling im Seminar zu Sankt Sülpiz (aus dem gerade hundert Jahre später der berühmte Spottvogel Ernst Renan in so skandalöser Weise davongeflogen ist), und wenn das Sprichwort vom Dorn, der sich beizeiten spitzt, bei Heiligen bekanntlich nicht immer zutrifft, so doch bei ihm, der es mit dem Studium, dem Gebet und dem Almosengeben so ernst nahm, daß er unter seinen Kameraden auch nicht einen einzigen seinesgleichen fand. Die Frömmigkeit bildete zur Zeit keinen Modeartikel, nicht einmal in Priesterseminarien, und die Genossen des guten Cochin, ob Bürger- oder Bauernsöhne, fanden alle, man begreift es, den Herrn von Voltaire und den Bürger Jean-Jacques, oder gar den jüngeren Crébillon unterhaltender als das römische Brevier mit seinen Psalmodien und Litaneien, und die meisten trugen ihr Taschengeld lieber heimlich in verbotene Häuser, wo es wenigstens äußerlich nach wohlduftenden Essenzen roch, als es an das Hunger- und Lungervolk der Bettler wegzuwerfen, von dem man doch nur ein höhnisches »Vergelt's Gott« zum Dank erhielt. Ihnen allen war der fromme Abbé Cochin ein wenig ein Dorn im Auge. Sie empfanden ihn, obwohl ein Pariser Kind (die wenigsten unter ihnen waren es), wie ein Wesen aus einem andern Jahrhundert und neckten und hänselten ihn, wo sie konnten, und hielten ihn ein wenig für einfältig in seinem frommen kindlichen Gemüt. Und da in Seminarien und ähnlichen Anstalten, wie man weiß, ein jeder unverbrüchlich einen Spitznamen haben muß, so bekam auch er, und er erst recht, seine Spottbenennung und hieß allgemein der Heilige, was damals weniger als je etwas Rühmliches besagen sollte. Und auch die Kirche hat den giftigen Spottnamen nie in einen Ehrentitel gewandelt, auch trotz des zu erzählenden Wunders, das doch, wenigstens im engen Kreis, eine Art Aufsehen erregt hat. Nur vom Volk wurde er ernstlich als Heiliger verehrt, wie er es sein ganzes Leben hindurch tatsächlich verdiente.

Der Abbé Cochin erhielt von seinem Vater, dem Gerichtsrat Cochin beim Kaufmannsgericht im Stadthaus, ein monatliches Taschengeld von zwei Louisdor, die er ausschließlich dazu benutzte, um eine kleine Anzahl Hausarmer zu unterstützen; er besuchte diese selber in ihren Wohnungen und genoß dabei viel reine Genugtuung, aber freilich meistens auch den Schmerz, mit seinen armen fünfzig Lires fast immer schon zu Ende zu sein, wenn es der Monat erst zur Hälfte war.

Und als er da einmal an einem Tag des allgemeinen Ausgangs der Seminaristen unter dem Torbogen des Hauses einen seiner Schützlinge auf ihn warten sah, es war eine kranke Witwe mit drei unerwachsenen Kindern, gab's ihm keinen kleinen Stich ins Herz, da er nur zu gut wußte, daß auf dem glänzend kahlen Schädel des Herrn Präfekten eher ein Haar als in seinen Taschen ein Heller zu finden gewesen wäre. Unterdessen warf sich die arme kranke Frau ihm zu Füßen auf den Boden, ihn anflehend unter heftigen Tränen und Zuckungen, ihr doch mit einer kleinen Hilfe beizuspringen, und gleich möge er es tun und ohne Zögern, da der Hausbesitzer ihr in aller Frühe angedroht habe, sie mitsamt ihren armen Würmlein von Kindern aufs Pflaster zu setzen, wenn sie bis zum Mittag nicht wenigstens einen Abschlag ihrer Miete bezahlt habe.

Der Abbé fühlte sich von dem Auftritt aufs schmerzlichste ergriffen, er suchte die Frau aufzurichten, mußte ihr aber gestehen, daß er leider auch nicht den Schatten von einer Kupfermünze zur Verfügung habe. Die Witwe aber warf sich ihm von neuem zu Füßen, brach in noch verzweifelteres Schluchzen aus, und bald klangen ihre Reden wie von jemand, der nicht recht im Kopf ist, so schien es dem Abbé. »Wir wissen es,« rief sie, »daß du ein Heiliger bist, wir alle, denen du seit drei Jahren geholfen hast, wissen es. Und bist dennoch kleingläubig, du Mann Gottes, und gedenkst nicht des Propheten Elias und der Witwe mit dem Oelkrüglein. Er ist ein Heiliger,« rief sie von neuem, »und entbehrt doch des Glaubens. Mich aber hat Gott vertrauend gemacht in meiner Not, und ein armes elendes Weib muß den Heiligen lehren. Greife in deine Tasche, Mann Gottes, du wirst Geld darin finden, Gott wird es fügen, er hat dich erwählt zum Werkzeug seines Wunders.«

Dem Abbé ward es unheimlich bei diesen Reden, und um die Frau durch den Augenschein von ihrem Wahn zu heilen, griff er in die Tasche seiner Soutane, um sie umzukehren; aber er hatte kaum den Griff getan, als er erblaßte wie ein zum Tode Erschrockener. Er fühlte Geld in der Tasche. Drei Silberstücke von sechs Lire zog er hervor. Hastig und wie eine Triumphierende griff die Frau nach den Münzen, ihr Glaube hatte ihr geholfen.

Sie eilte davon, der Abbé aber blieb zurück in unglaublicher Verwirrung. Er suchte sich zu besinnen, doch wie er auch nachdachte, er konnte nicht an der Gewißheit zweifeln, daß seine Taschen leer gewesen waren seit acht Tagen schon. Seine Absicht war gewesen, seine Eltern am Greveplatz zu besuchen; jetzt bei dem Aufruhr in seinem Innern fühlte er sich dazu außerstande, und wie ein Traumwandelnder schritt er über den damals wüstliegenden Platz auf das Portal der neuen Kirche zu, die da mit ihrem schweren Säulenbarock und den massigen ungleichen Turmstümpfen wie ein steinernes Ungeheuer über das umgebende Häusergewimmel von Sankt Sulpice emporragte. Er trat ein und suchte seine Lieblingskapelle auf, die zur Heiligen Jungfrau vom guten Rat genannt wird, und die er so ratlos in seiner Seele wie heute noch nie betreten hatte. Seine fromme Einfalt hatte ernstliche Gewissenskämpfe bis jetzt kaum gekannt und zum erstenmal in seinem Leben wußte er nicht ein und aus mit seinen Gedanken. Denn daran zu zweifeln, daß Gott sichtbar eingegriffen habe, um der armen Frau aus ihrer Bedrängnis zu helfen, schien ihm ein sträflicher Unglaube, den ihm die fromme Witwe bereits zum Vorwurf gemacht hatte, und anderseits wehrte sich in ihm ein gewisses einfaches sittliches Gefühl dagegen, sich als ein besonders erwähltes, außerordentliches Werkzeug Gottes zu betrachten: wie vor einem frevelhaften Hochmut und Fallstrick des Teufels erschrak er davor, der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne.

Und es kam noch schlimmer. Indem er so unter Gebet und in grüblerischem Gedankenwiderstreit um die verlorene Seelenruhe rang, gewahrte er plötzlich, daß sich eine Anzahl alter Weiber an die Kapelle herandrückte, die zusammen geheimnisvoll tuschelten und ehrfürchtig scheue Blicke nach ihm warfen: kein Zweifel, sie wußten bereits von dem Vorfall. Da machte er in seinem einfältigen Herzen eine ihm ganz neue Erfahrung, nämlich wie es, abgesehen von Glauben und Frömmigkeit, für einen anständigen Menschen ein peinigendes Gefühl ist, von letzten Grundes doch recht albernen Menschen als ein Wundertier (Wundertier oder Wundermann) angestaunt zu werden, und daß darunter sich leicht etwas anderes verstecken könne als die Gnade eines göttlichen Wunders. Davor wollte er sich um jeden Preis bewahren. Doch war es nicht so einfach, zu entfliehen, die Weiber umringten ihn, sie warfen sich vor ihm auf den Boden, sie bedeckten seine Soutane mit inbrünstigen Küssen, ja, sie hätten sie ihm am liebsten in Stücke zerrissen; und nicht viel fehlte, daß es ihm ergangen wäre wie jenem ägyptischen Kämmerer, der doch vor etwas ganz anderem floh als vor alten schmutzigen Bettelweibern.

Ganz verstört kam er in das Seminar zurück, und auch hier von den Kameraden wurde er in einer Art empfangen, die ihn von neuem verblüffte.

»Ah, da ist er endlich, der Duckmäuser,« rief's ihm von allen Seiten entgegen. »Du machst ja verdammte Fortschritte in der Heiligkeit,« lachte ihm sein Zellengenosse, ein Krämersohn aus der Pikardie, unter die Nase, »du bist so in stetiger Verzückung, daß du deine eigene Kleidung nicht mehr kennst. Und was er für Augen macht, dieser Schöps von einem Heiligen! Aber schau doch einmal an dir hinunter. Du hast meine Soutane angezogen statt der deinigen. Hoffentlich aber sind meine achtzehn Lires noch darin.«

Und damit griff er ihm in die Tasche. »Donnerwetter, « rief er verdutzt, »die Vögel sind ausgeflogen!«

»Du bist auch naiv, mein Lieber,« spottete ein kleiner Gaskogner, »schau doch, wie er über und über rot wird; er hat natürlich deine Soutane mit Absicht verwechselt und deine drei Doppeltaler haben gewiß bei der rothaarigen Louison hinter Sankt Severin oder sonst bei einer ihrer Schwestern in venere einen warmen Unterschlupf gefunden. Leute, die sich den Anschein der Heiligkeit geben, die sind mir auch die Rechten, man kennt das.«

»Er heißt nicht umsonst Cochin,« warf ein dritter hin, »Cochin – Cochon.«

Und es nützte dem Abbé Cochin nichts, daß er den Genossen sein Erlebnis treuherzig erzählte, sie glaubten ihm kein Wort oder taten doch so. Und die Demütigung war ihm nicht einmal so unlieb, er nahm sie gern als verdiente Strafe für die leise Regung von geistigem Hochmut, die sich, wenn auch nur für einen Augenblick, seiner reinen Seele bemächtigt hatte. Später aber, als er schon Pfarrer von Sankt Jakob, genannt zum Hochtritt, geworden, hat er die Geschichte einigemal guten Freunden erzählt und damit immer eine große Heiterkeit erregt, in die er selber gern einstimmte. Doch nur äußerlich lachte er darüber. Denn da er ein ernstlich frommer Mann war, lag für ihn trotz allem eine Art heiliges Wunder in dem Erlebnis, da doch in der ahnungslosen Verwechslung seiner Soutane mit der eines anderen die Fügung Gottes ebenso deutlich zum Ausdruck kam, als wenn der grobe Glaube der frommen Witwe einer ebenso groben Tatsache entsprochen hätte. Ueber diese Auffassung mag mancher lächeln, aber der Abbé Cochin tat gut daran, so zu denken, er wäre wohl sonst nie vom Pariser Volk wie ein zweiter Vinzenz von Paul verehrt worden, und das Hospiz Cochin, das allen Revolutionen zum Trotz noch heute als frommes Denkmal seines Stifters aufrecht steht, wäre wahrscheinlich nie aus dem Boden gewachsen.

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