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Pommerle

Magda Trott: Pommerle - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePommerle
publisherLeipziger Graphische Werke AG
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150129
projectid12ac5659
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Pommerle will die Hungernden speisen

Nun war man wieder daheim in Hirschberg, Pommerle bemühte sich, recht brav zu sein, denn gar zu schrecklich stand die Erinnerung an jene Stunden, in denen es umhergeirrt war, vor seinen Augen. Nicht nur in der Schule gab sich das Kind die größte Mühe, es versuchte auch daheim der Tante zu helfen und äußerte eines Tages den Wunsch, auch Sticken und Nähen zu lernen, damit sie der Puppe und später einmal der Tante die Kleider machen könnte.

»So ist es recht, mein Pommerle,« lobte Frau Bender, »wir wollen zunächst mit einer Stickerei anfangen. Ich werde dir zeigen, wie du es zu machen hast, und später kannst du dann allein viele kleine, niedliche Sachen arbeiten.«

Pommerle freute sich über diese Aussicht. Es wußte, daß die Tante im Sommer Geburtstag hatte, und nahm sich vor, ihr mit einer Handarbeit eine Freude zu machen, Pommerle wollte sich dabei ganz besondere Mühe geben und etwas Wunderschönes sticken.

Sie vertraute sich dem Onkel an, und der Professor versprach dem Kinde, in ein Handarbeitsgeschäft zu gehen und dort etwas auszuwählen. Nun drängte Pommerle an jedem Tage, und so entschloß sich Professor Bender eines Nachmittags zum Einkauf. Man ging in eines der Handarbeitsgeschäfte. Das Kind staunte über die vielen schönen Sachen, die hier ausgestellt waren. Ganz besonders fiel ihm ein gesticktes Sofakissen in die Augen.

»So etwas kann ich wohl noch nicht machen, Onkel?«

»Nein, Pommerle, das kannst du noch nicht, aber wenn du größer geworden bist und schon viel gestickt hast, machst du es auch.«

Schließlich wählte man ein Nadelkissen, das mit einfachen Stichen zu verzieren war. Die Verkäuferin zeigte dem Kinde, wie es die Stickerei auszuführen hatte, und nun konnte es die Kleine kaum erwarten, um mit der Arbeit zu beginnen. Die Tante durfte freilich davon gar nichts wissen. Es sollte doch eine Geburtstagsüberraschung werden.

»Onkel, – du darfst der Tante aber nichts sagen.«

»Nein, nein, Pommerle, wir wollen sie damit doch überraschen.«

»Schenkst du der Tante auch etwas?«

»Freilich, mein Kind.«

»Was schenkst du ihr denn?«

»Schöne neue Gardinen, Kaffeetassen und einen Sommerhut.«

»O, so viel! – Schenkst du mir auch etwas, Onkel, wenn ich Geburtstag habe?«

»Aber natürlich, Pommerle.«

»Was schenkst du mir denn dann?«

Er nahm die Kleine auf seine Knie und sagte: »Gerade an deinem Geburtstag fahren wir nach Pommern.«

»O–o–o–o!«

Pommerle umarmte den Onkel stürmisch.

»An die Ostsee!«

»Und bleiben volle vier Wochen dort.«

»An die See, an meine liebe Ostsee! Ach, Onkel, was wird mir die See alles zu erzählen haben! – Onkel, wann ist denn mein Geburtstag?«

»Da mußt du noch fünfzigmal schlafen gehen.«

»Wenn ich nun gleich schlafen gehe, lieber Onkel, kommt es dann schneller?«

»Nein, Pommerle, es muß erst fünfzigmal Abend werden und fünfzigmal wieder Morgen.«

Das Kind seufzte. »Ach, das ist doch noch seht lange, Onkel!«

»Das ist gar nicht so schlimm, Kleines, die Zeit vergeht so rasch!«

Pommerle überlegte. »Sag' mal, Onkel, – kann der liebe Gott alles?«

»Ja, mein Kind, er kann alles!«

»Dann will ich ihn gleich nachher furchtbar bitten, daß er die fünfzig Tage ganz rasch vorübergehen läßt, vielleicht können wir dann bald fahren.«

»Erst wollen wir doch den Geburtstag der Tante feiern. Erst willst du ihr doch das Nadelkissen schenken.«

Mit einem Satz sprang das Kind von den Knien des Onkels herunter.

»O, ich muß ja sticken, sonst werde ich nicht fertig.«

So saß denn Pommerle jetzt öfters im Garten auf einer durch Gebüsch versteckt gelegenen Bank und stickte. Eines Tages erschien Jule. Er brachte seiner kleinen Freundin einen Strauß Anemonen.

»Für dich,« sagte der Knabe. »Weißt du, wo ich die her habe?«

»Sag'!«

»Aus der kleinen Schneegrube. Die hast du doch auch gesehen, weißt du, als wir mit deinem Onkel gingen.«

»Ja, ich weiß, Jule.«

»Was machst du denn da?«

»Ich sticke.«

»Was machst du da?« Jule schrie es entsetzt heraus.

»Ich sticke für meine Tante ein Nadelkissen.«

Jule griff nach der angefangenen Arbeit und entriß sie den Kinderhänden.

»Das darfst du nicht!« rief er erregt.

»Aber, Jule!«

»Nein, die kleine Anna ist daran gestorben!«

»Weil sie ihrer Tante ein Nadelkissen gestickt hat?«

»Ich weiß es genau, – du darfst nicht sticken.«

»Jule, du bist ja dumm, der Onkel hat gesagt, ich kann es tun. Gib mir rasch die Arbeit wieder.«

»Nein!«

»Jule, du bist häßlich, du hast mir doch versprochen, immer artig zu sein.«

»Du wirst auch krank werden,« erwiderte der Knabe. »Die Leute haben es fast alle im Hirschberger Tale erzählt, daß die kleine Anna am Stickhusten gestorben ist. Den kann sie doch nur bekommen haben, weil sie immerfort gestickt hat.«

»Kriegt man wirklich vom Sticken den Husten?«

»Die Leute haben es doch gesagt, daß sie den Stickhusten bekommen hat.«

»Vielleicht weiß das der Onkel nicht. Ich will ihn mal fragen.«

In diesem Augenblick schritt Professor Bender durch den Garten. Pommerle eilte ihm entgegen und sagte mit glühenden Wangen:

»Onkel, bekomme ich auch den Husten, wenn ich der Tante das Nadelkissen arbeite?«

»Nein, mein Kind, warum denn?«

»Na, der Jule sagt es doch.«

Der Professor schaute den Knaben an, der noch immer die Stickerei in den Händen hielt.

»Was hast du denn da wieder geschwatzt, Junge?«

»Die Anna hat auch den Stickhusten bekommen.«

»Jule!« sagte der Professor lachend, »du bist und bleibst doch ein Dummkopf. – Weißt du denn nicht, daß der Stickhusten eine Krankheit ist, die nichts mit dem Sticken zu tun hat, die vielmehr ein Husten ist, bei dem man nur schwer Luft bekommt, so daß es den Anschein hat, als ersticke man. – Schäme dich, Jule, so dumm zu sein! Was Stickhusten ist, weiß doch jedes Kind.«

Der Knabe schüttelte den Kopf. »Die Anna hat aber immerzu gestickt!«

»Nun laß endlich diese dummen Reden, es wird höchste Zeit, daß du etwas lernst. Du bist fast fünfzehn Jahre alt. Andere Knaben in deinem Alter gehen schon lange in die Lehre, um ein Handwerk zu lernen. Du aber bummelst von Monat zu Monat herum. – Was soll denn später aus dir werden, Junge?«

»Ich bringe Ihnen doch Steine und Käfer.«

»Das ist doch keine Beschäftigung für einen Mann. Willst du dein Leben lang nichts Ordentliches tun? Ist es nicht wunderschön, wenn man was Ordentliches gelernt hat? Was sagst du dazu, Jule, wenn ich dich in die Lehre zu einem braven Meister gäbe?«

»Dann kann ich ja nicht mehr ins Gebirge laufen.«

»Der liebe Gott hat den Menschen zum Arbeiten, nicht zum Bummeln erschaffen, merk' dir das. Ueberlege dir meine Worte, Jule, – ich denke, es wird das beste sein, wenn du zum Herbst zu einem Schuhmacher oder einem Schmied, einem Tischler oder irgend einem anderen Handwerksmeister gehst. Du kannst mir Bescheid sagen, was du lernen möchtest, Junge. Besprich das mit deiner Mutter. Ich werde dann einen Meister suchen, der aus dir einen tüchtigen und geschickten Handwerker macht.«

Jule zog zunächst ein langes Gesicht, aber er nickte schließlich zustimmend mit dem Kopfe.

»Ach ja, Jule,« sagte Pommerle und klatschte in die Hände. »Du mußt ein Tischler werden, wie es bei uns der Meister Hinsche war. Ich bin oft bei ihm in der Werkstatt gewesen. Das war ein gar lieber Mann. – Jule, du mußt auch solch ein Tischler werden!«

»Ich will es mir überlegen,« erwiderte der Knabe.

»Das tu nur,« meinte Professor Bender, »und gib mir bald Nachricht, damit ich dich beizeiten unterbringe. Wir haben tüchtige Handwerker am Ort, bei denen kannst du viel lernen.«

Jule ging davon. Wenn das Pommerle wollte, daß er ein Tischler wurde, wollte er sich die Sache wohl überlegen. Dann konnte er dem Pommerle mal einen schönen Stuhl machen, auf dem es recht bequem saß. Oder für die Puppe einen feinen Schrank, den wollte Pommerle doch schon lange haben. – Es war vielleicht gar nicht so übel, ein Tischler zu werden. Je länger der Knabe darüber nachdachte, um so größer wurde in ihm der Wunsch, dieses Handwerk zu erlernen.

Er blieb jetzt des öfteren vor der Werkstatt des Tischlers Reichardt stehen und schaute dessen Arbeiten interessiert zu. Wie lustig war es doch, wenn die Hobelspäne nur so umherflogen, wenn sich die Bretter zu einem Ganzen zusammenfügten.

Bereits nach wenigen Tagen erklärte Jule dem Professor, daß er wohl ein Tischler werden möchte.

»So ist es recht, mein Junge, ich will nun noch mit deiner Mutter reden, und dann werde ich hören, ob dich Meister Reichardt zum Herbst als Lehrling einstellen kann.«

Der Professor sprach auch noch mit seiner Frau.

»Das ist brav von Jule,« sagte Frau Bender, »ich wollte ohnehin heute zu Jules Mutter gehen, um zu hören, wie es ihr geht. Bei der Gelegenheit kann ich ihr gleich von Jules Zukunft sprechen.«

»Ich hätte dich gerne begleitet, habe aber heute nachmittag eine Verabredung und werde erst spät heimkehren.«

»Geh nur ruhig, mein lieber Mann, ich bin ja bald wieder zurück.«

So kam es, daß an diesem Nachmittage Pommerle allein mit dem Dienstmädchen im Hause weilte. Pommerle war wieder im Garten und begoß dort die Blumen. Das Mädchen hantierte in der Küche, erklärte dann aber dem Kinde, daß es noch rasch einholen müsse, doch sei es gleich wieder zurück, Pommerle solle inzwischen im Garten bleiben.

Das kleine Mädchen zupfte eifrig das Unkraut aus den Beeten. Es war so in seine Arbeit vertieft, daß es nicht bemerkte, daß zwei Wanderburschen am Gartenzaune stehen blieben und sich umschauten. Die Kleidung der beiden Männer war reichlich zerrissen, besonders die Schuhe waren sehr schlecht. Einer der Burschen hatte die Sohle mit einem Bindfaden festgebunden.

»Guten Tag,« rief der eine der Männer ziemlich laut.

Pommerle schaute von der Arbeit auf, erhob sich, machte einen Knicks und sagte freundlich: »Guten Tag.«

»Du bist wohl allein zu Hause?«

»Ja, ich bin allein, der Onkel und die Tante sind fortgegangen, und die Anna kauft noch rasch etwas ein. Sie wird aber gleich wieder zurück sein.«

»Da kannst du uns wohl nichts zu essen geben? Wir haben großen Hunger.«

Pommerles Mitleid erwachte sofort. Die beiden armen Männer hatten Hunger, und das war etwas sehr Schlimmes. Die Tante hatte oft genug gesagt, daß man Hungernde nicht fortschicken dürfe.

»Ihr müßt etwas warten,« sagte das Kind. »Wenn Anna zurückkommt, wird sie euch etwas geben.«

»Kannst du uns nicht wenigstens ein Stück Brot geben, kleines Mädchen?«

»Brot ist in der Speisekammer,« erwiderte die Kleine.

»Können wir nicht reinkommen und uns etwas nehmen? wir haben doch so großen Hunger.«

Pommerle überlegte. »Ich will euch das Brot herausbringen und ein Messer dazu.«

»Dann bring nur auch noch ein Stück Wurst mit, trockenes Brot ist zu wenig für unseren Hunger.«

Wieder dachte das gutherzige Kind daran, daß es der liebe Gott doch gerne sah, wenn man den Armen etwas gab. So eilte es kurz entschlossen hinein ins Haus, um für die beiden hungernden Männer etwas Eßbares zu holen. Es machte die Speisekammer auf und schaute sich um, was es wohl geben könnte. Dort standen Gläser mit eingekochtem Gelee, hier eine Schüssel mit Ausschnitt, daneben der Käse. Oben an der Decke hing ein großer Schinken, und auch sonst standen noch vielerlei Vorräte auf den Brettern umher.

Die beiden Wanderburschen waren leise dem Kinde nachgekommen. Jetzt standen auch sie in der geöffneten Speisekammertür und schauten sich mit begehrlichen Augen um. Ganz besonders der Schinken lockte sie.

»Wir haben lange keinen Schinken gegessen,« sagte der eine.

Erschrocken drehte sich Pommerle um. Es hatte nicht gemerkt, daß die beiden Männer hinter ihr dreingekommen waren.

»Der hängt zu hoch,« sagte das Kind. Aber schon hatte der Wanderbursche den Schinken heruntergelangt und sagte lachend:

»Ich darf mir doch wohl ein Stück abschneiden?«

Der zweite hatte die Küchenbank unter dem Tisch hervorgeholt, an den Küchentisch gestellt, und nun rief er seinem Begleiter zu:

»Bring her, was du gefunden hast. Kleines Fräulein, wir sind sehr müde und dürfen doch hier etwas ausruhen?«

»Freilich!«

»Hat die kleine Dame nicht etwas zu trinken?« fragte der andere. Er schnitt jetzt bereits die dritte dicke Scheibe von dem köstlichen Schinken ab.

»Nein, aber der Onkel hat in seinem Arbeitszimmer einen Schrank mit allerlei Flaschen.«

»Da wollen wir doch mal nachsehen.«

Pommerle schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte die Kleine energisch, »dort dürft ihr nicht hinein.«

»Hast du nicht 'ne Zigarre?«

»Ich habe keine, der Onkel hat welche.«

»Kannst du uns keine geben?«

»Das kann ich nicht, der Onkel hat alles zugeschlossen.«

»Wir könnten doch aufschließen, kleines Fräulein.«

»Das geht nicht.«

»Aber wir haben doch solchen Hunger auch auf eine Zigarre, wir kommen so weit her. Wir sind schon um die halbe Erde gelaufen.«

Das Kind horchte auf. »Wart ihr auch an der See?«

»Freilich!«

»Ich bin nämlich auch von der See. – Ich bin aus Pommern. Waret ihr auch in Pommern?«

»Natürlich, wir waren auch schon in Pommern.«

Die Kleine wurde immer neugieriger.

»Waret ihr auch in Neuendorf? Habt ihr unser Haus gesehen?«

»Du bist wohl aus Neuendorf?«

»Ja.«

»Nu sieh mal an, –«

Die beiden Männer zwinkerten sich zu. Sie kannten zwar den Ort, von dem das Kind sprach, nicht, hofften aber, daß sie noch mehr von dem Kinde bekommen würden, und so begannen die beiden verschlagenen Burschen zu lügen.

»Natürlich, wir waren lange in Neuendorf. – Wie heißt du denn?«

»Hanna Ströde.«

»Nu sieh doch mal an, da ist wohl der Herr Ströde, den ich kenne, dein Vater?«

Das kleine Mädchen senkte traurig den Kopf. Es hatte endlich von der Tante die Belehrung annehmen müssen, daß der Vater nicht wiederkam, daß er in der Ostsee ertrunken war und im Himmel weilte.

»Der Vater ist ertrunken,« erwiderte es traurig.

»Richtig,« meinte der Wandersmann, »aber ich habe ihn gekannt. Ich soll auch jetzt wieder nach Neuendorf zurückkommen. Sollte dir Grüße bestellen. – Soll ich auch von dir grüßen?«

Pommerle zitterte vor Erregung. »Ja, grüße den Otto Jäger und die Trude Götsch und die Elli Bauer. – Wann gehst du denn wieder hin?«

Der Mann schaute auf seine Stiefel.

»Ich würde gleich morgen hingehen, aber ich habe keine Stiefel, wenn ich neue hätte, ginge ich schon zurück. Dann käme ich bald wieder und würde dir von der Trude und dem Otto viel erzählen.«

»Ich habe zwei Mark, die will ich dir geben.«

»Ist recht, kleines Mädchen, ich werde auch in Neuendorf viel von dir erzählen. Aber leider langt das nicht für Stiefel, hast du nicht noch etwas in deiner Sparbüchse?«

»Die hat die Tante, aber der Jule hat noch einen Taler.«

»Hast du vielleicht ein paar Stiefel?«

»Der Onkel hat viele Stiefel. Wartet, bis die Tante zurückkommt, dann schenkt sie euch ein Paar.«

»Es wäre uns lieber, wenn wir nicht so lange warten brauchten. Wir möchten recht bald noch Pommern.«

Der Schinken wurde kleiner und immer kleiner. Die beiden Männer verschmähten das Brot und aßen frisch darauflos Schinken und Wurst, die sie sich eigenmächtig aus der Vorratskammer geholt hatten. Gerade erhob sich der eine der Männer wieder, um auch noch die Schüssel mit dem Aufschnitt zu holen. Da kehrte das Hausmädchen zurück. Es schrie entsetzt auf, als es die beiden Männer so gemächlich schmausend in der Küche sitzen sah.

»Alle guten Geister, – – Einbrecher, – – Hilfe! Machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

Die Kleine eilte auf das Mädchen zu. »Du, sei still, die kommen von der Ostsee. Sie kennen die Trude und die Elli Bauer und den Otto Jäger!«

»Der Schinken – – die Wurst! Nein, ist so etwas überhaupt schon vorgekommen? Nun aber marsch hinaus!«

Der andere griff noch hastig nach dem Schinken, um ihn mitzunehmen.

»Aber, gnädige Frau, Sie werden doch mit hungernden Männern Mitleid haben?«

Der andere hatte sich bereits zur Tür hingeschlichen, griff jetzt noch hastig nach dem Schinken, um ihn mitzunehmen. Mit zornigem Blick sprang Anna auf ihn zu und riß ihm den Schinken aus der Hand.

»Auch noch stehlen wollt ihr, ihr Landstreicher? Jetzt schnell hinaus, oder ich rufe die Nachbarschaft herbei!«

Pommerle war sprachlos. Die Tante hatte doch immer gesagt, man solle den Hungernden etwas geben, und nun machte Anna solchen Lärm und jagte die armen Männer davon.

»Ich hole sofort die Polizei. – Halt, die Wurst bleibt hier! Herrje – – wo ist denn der Schinken hin?«

Der zweite der Männer hatte inzwischen wieder nach dem Schinken gegriffen und damit das Weite gesucht. Er war durch den Garten geeilt und lief nun mit der kostbaren Habe die Straße entlang. Das Hausmädchen wollte hinter ihm her eilen, aber erst mußte der zweite Mann aus dem Hause.

»Hinaus, sage ich!«

Da hielt es der andere auch für das beste, das Weite zu suchen. Leider war es ihm nicht gelungen, die Wurst mitzunehmen. Aber er hatte sich ja heute recht gründlich sattgegessen.

»Aber, Pommerle, wie kannst du denn diese Strolche ins Haus lassen?«

»Sie hatten doch Hunger.«

»Der schöne Schinken! – Ach, du meine Güte, was wird nur die Frau Professor dazu sagen!«

»Denke doch mal, sie waren an der See!«

»Schwindler sind's. Das sind zwei Vagabunden, die nicht arbeiten wollen, die in jedes Haus betteln gehen. So etwas darfst du nicht ins Haus lassen, Pommerle. Ein Glück, daß ich so rasch wieder zurückkam. – Lieber Himmel, was mögen die beiden alles mitgenommen haben!«

Aufgeregt rannte das treue Mädchen durch die Zimmer.

»Sind sie hier auch gewesen?«

»Nein, nur in der Küche und in der Speisekammer.«

»Ist gerade genug! – Ach, der schöne Schinken! Nein, Pommerle, was du doch alles für Sachen machst!«

Das kleine Mädchen war gänzlich geknickt. Aus reinem Mitleid hatte es gehandelt, hatte sich nur nach den Worten der guten Tante gerichtet, wollte Hungernden etwas geben und hatte nun alles verkehrt gemacht.

»Ich habe ihnen meine zwei Mark geschenkt,« sagte das Kind kleinlaut.

»Auch das noch! Es ist gut, daß sie nicht noch mehr mitgenommen haben! – Der schöne Schinken!«

Als eine Stunde später Frau Bender heimkehrte, eilte ihr das Kind erregt entgegen.

»Ach, Tante, ich glaube, ich war wieder sehr unartig. Bitte, bitte, sei mir nicht böse. Aber sie haben mir doch von der Trude und dem Otto erzählt, und der liebe Gott sagt doch, daß man hungrige Leute nicht fortschicken soll.«

Frau Bender verstand aus den Worten des Kindes nicht recht, was während ihrer Abwesenheit geschehen sei. Erst als das Hausmädchen ihr den Vorgang berichtete, begriff sie des Kindes Reden.

Pommerle stand zerknirscht neben der Tante.

»Komm einmal zu mir, kleines Mädchen,« sagte Frau Bender gütig. »Du hast es gut gemeint, aber richtig war es nicht. Sieh einmal, das sind ganz fremde Männer, die dürfen nicht in die Wohnung hinein. Wenn du allein bist, darf überhaupt niemand ins Haus. Du hättest den beiden sagen sollen, sie möchten ein wenig warten, bis Anna wieder zurück sei. Dann hätte ihnen Anna ein Brot gegeben.«

»Ich habe es doch gut gemeint – – –«

»Das weiß ich, Pommerle, aber das waren Leute, die nicht arbeiten wollen, die nur betteln, und solche Leute verdienen es nicht, daß man ihnen Schinken gibt. Niemand darf sich außerdem etwas nehmen, das haben die beiden getan. Du siehst also, daß es keine bescheidenen Männer waren.«

»Sie wollten auch noch was zu trinken und Zigarren haben.«

»Es war sehr richtig von dir, daß du ihnen das nicht gegeben hast, mein Kind. In Zukunft lasse solche Burschen nicht ins Haus, denn es könnte sonst schlimmer ausgehen.«

»Ich will es ganz gewiß nicht wieder tun. Ich dachte nur, weil sie doch den Otto und die Elli kennen, sie kämen zu mir, um mich zu besuchen.«

»Das haben dir die beiden Männer nur vorgeredet, Kind. Leider kann man nicht allen glauben. Nicht alle Menschen sind wahr. Die Lüge aber ist etwas sehr Häßliches. Du siehst auch daraus, mein Liebling, daß die beiden Burschen keine guten Menschen waren.«

»Ich will es ganz gewiß nicht wieder tun, liebe Tante, sei mir nur nicht böse.«

»Mein gutes Kind, ich bin dir sogar von ganzem Herzen gut. Und wenn du deinen Otto und die Trude wiedersehen willst, dauert es ja nicht mehr lange.«

»Nun brauche ich auch nur noch vierundvierzigmal schlafen zu gehen, Tante!«

Frau Bender lächelte. »Zählst du so genau?«

»Ja, Tante, ich habe mit einen großen Zettel gemacht mit lauter Strichen, und an jedem Morgen streiche ich einen durch. Und dann zähle ich die anderen immer wieder! – Tante, Tante, fahren wir auch wirklich in vierundvierzig Tagen an die Ostsee?«

»Natürlich, mein Pommerle!«

»Aber den Vater sehe ich dann doch nicht?«

»Nein, mein gutes Kind, aber er sieht dich.«

»Bleiben wir dann lange an der See?«

»Dreißig ganze Tage.«

»O, das ist aber schön! Und ich darf dann den ganzen Tag mit der Trude und dem Otto spielen?«

»Freilich darfst du das.«

»Ach, Tante, du bist so gut, so furchtbar gut!«

»Hast du mich denn auch ein wenig lieb, mein Kind?«

Das kleine Mädchen schlang beide Arme stürmisch um den Hals Frau Benders. »Du bist genau so gut wie mein Vater, – weißt du, so wie de muß auch meine tote Mutti mal gewesen sein.«

»Komm ich dann auch manchmal noch an die See?«

»Möchtest du denn immer und immer bei mir bleiben, Pommerle?«

»Wenn es der liebe Gott auch weiterhin so gut mit uns meint wie bisher, werden wir in jedem Sommer an die See fahren, mein Kleines, aber im Winter bleiben wir hier. Dann arbeiten wir fleißig, damit wir uns unsere Erholung im Sommer auch verdient haben. Denn nur, wenn man fleißig gearbeitet hat, darf man sich eine Freude gönnen.«

»Dann will ich auch recht fleißig arbeiten, Tante, so fleißig wie die Anna.«

»Das mußt du auch, Pommerle, denn der liebe Gott hat nur die fleißigen Kinder lieb.«

Am Abend dieses Tages überlegte das Kind, was es wohl tun könne, um dem lieben Gott ganz besonders zu gefallen und dadurch recht bald an die See zu kommen. Wenn es recht viel arbeitete, kam es sicherlich noch eher dorthin.

Pommerle hatte gesehen, daß Anna an jedem Morgen mit dem Besen oder mit dem Eimer durch die Stuben ging und dort kehrte und wischte. Nur auf den Boden war die Anna nicht oft gegangen, Pommerle strahlte über das ganze Gesichtchen. Es wollte den Boden scheuern und wischen. Aber ganz heimlich. Tante und Onkel sollten sich freuen, wenn es die Arbeit geleistet hatte.

Anstatt am kommenden Nachmittage im Garten zu spielen, stieg das kleine Mädchen auf den Boden. Es nahm aus der Küche den Aufwischeimer und den Lappen, ließ Wasser ein und schleppte dann keuchend und pustend den mit Wasser gefüllten Eimer die Bodentreppe empor. Es wollte gründlich arbeiten. Kein Stäubchen sollte auf der Diele verbleiben. Erst gestern hatte Anna die schönen Fließen in der Küche gescheuert. Sie hatte Wasser darüber gegossen und die Fließen mit dem Schrubber bearbeitet. So wollte es Pommerle jetzt auch machen.

Es goß die Hälfte des Wassers auf die Dielen des Hausbodens und begann nun zu reiben. Das Wasser verlief sich rasch, Pommerle goß daher die andere Hälfte aus.

Ganz leise füllte das Kind unten in der Küche den Eimer zum zweiten Male. Dann zog es Schuhe und Strümpfe aus und bearbeitete nun in bloßen Füßen weiter den Hausboden. Immer neue Wassermengen ergossen sich.

Als Professor Bender sein Arbeitszimmer betrat, schaute er erstaunt zur Decke empor, was rumorte denn über ihm? Er achtete aber nicht weiter auf die Geräusche, da seine Frau öfters auf dem Boden zu kramen hatte. Als aber nach zehn Minuten das Kratzen und Schrubben noch immer nicht schwieg, schaute er unwillig zur Zimmerdecke empor und sah nun einen großen nassen Fleck, der sich zusehends vergrößerte.

»Nanu, – was ist denn das? Unser Dach ist doch dicht, und geregnet hat es doch auch nicht!«

Er wollte doch gleich einmal hinauf auf den Boden gehen und nachsehen, was der Lärm zu bedeuten hatte und ob er mit der nassen Decke zusammenhing.

Im Flur traf er seine Frau.

»Du bist nicht auf dem Boden?«

»Auf dem Boden? Was sollte ich dort? Ich komme eben aus dem Garten.«

»Die Decke tat meinem Zimmer ist vollkommen naß.«

»Die Decke in deinem Zimmer?« Frau Bender betrat das bezeichnete Zimmer und erblickte den großen Wasserfleck.

»Ja – was ist denn das? Ist Anna oben?«

Der Professor und seine Frau stiegen die Bodentreppe empor. Dort lag Pommerle mit aufgeschlitztem Röckchen und bloßen Füßen, hielt die Scheuerbürste in der kleinen Hand und bearbeitete die Dielen, daß es schwitzte. Große Wasserlachen standen überall.

»Pommerle!«

Das kleine Ding wandte sich um und lachte seine Pflegeeltern strahlend an.

»Ich bin ja bald fertig! Ist nicht alles fein?«

»Was machst du denn hier oben, Kind?«

»Ich arbeite!«

»Aber warum denn, Pommerle?«

Treuherzig schaute die Kleine die Tante an. »Damit mich der liebe Gott recht oft an die See schickt.«

Im ersten Augenblicke wußte Frau Bender nicht, was die Worte des Kindes zu bedeuten hatten, dann begriff sie. Gerührt hob sie das kleine Mädchen auf und drückte es ans Herz.

»Nun laß es gut sein, liebes kleines Ding. Jetzt werden wir Anna rufen, daß sie trocken auswischt. Das Wasser ist durch die Dielen geflossen, und die Zimmerdecke in Onkels Zimmer ist naß geworden.«

»Hol doch nicht die Anna,« bat die Kleine, »ich möchte das alleine fertig machen.«

»Nein, mein Liebling, du hast jetzt genug getan, und der liebe Gott ist mit dir zufrieden. Aber in Zukunft fragst du vorher, ob du solch eine Arbeit übernehmen darfst. Wenn du das tust, freut sich der liebe Gott noch mehr darüber.«

Dann nahm Frau Bender ihr kleines Pflegetöchterchen an der Hand und führte es hinunter. Sie rief nach dem Hausmädchen und gab ihm den Auftrag, die Wasserpfützen fortzuwischen, die Pommerle auf dem Boden hatte erstehen lassen.

Anna brummte zwar ein wenig, aber auch sie hatte das kleine Pommerle von Herzen gern, und so leistete sie willig die ihr übertragene Mehrarbeit.

Am Abend aber lag Pommerle in seinem Bettchen, sprach sein Abendgebet und setzte fromm und gläubig hinzu:

»Lieber Gott, ich habe heute viel gearbeitet, nun mache auch, daß ich recht rasch an die Ostsee komme. Du wirst das schon können, lieber Gott!«

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