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Pommerle

Magda Trott: Pommerle - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePommerle
publisherLeipziger Graphische Werke AG
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150129
projectid12ac5659
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Pommerle und Jule werden Freunde

Der Mai war ins Land gekommen, Pommerles Sehnsucht nach dem weiten Meer, dem weißen Strande, war von Woche zu Woche gewachsen und hatte sich endlich nicht länger unterdrücken lassen. Frau Professor Bender, die wohl ahnte, was in dem Herzen ihres Pflegetöchterchens vorging, hatte Pommerle versprochen, schon in der kommenden Woche für zwei Tage in die Berge zu gehen, denn bisher hatte sich keine Gelegenheit gefunden, einen derartigen Ausflug zu machen.

Sie hatte sich die denkbarste Mühe gegeben, dem Kinde Abwechslung zu schaffen. Sie hatte bemerkt, daß der faule Jule Kretschmar, es am besten verstand, Pommerles Gedanken in andere Bahnen zu lenken, und obwohl sie es gar nicht gerne sah, daß Jule gar so oft mit Hanna zusammen war, drückte sie ein Auge zu, weil Jule eben allerhand lustige Gedanken hatte und durch seine Streiche das kleine Mädchen zum Lachen brachte.

Nun kam dazu, daß Jules Mutter, die alte Botenfrau Kretschmar, seit acht Tagen im Krankenhaus lag, und so hatte man Jule gesagt, daß er die Mahlzeiten im Hause des Professors einnehmen solle. Die Folge davon war, daß sich Pommerle immer mehr an den wilden Knaben anschloß und sich gerne von ihm erzählen ließ.

Für heute, Sonntag morgen, erwartete man Jule früher denn üblich, denn es war der Geburtstag des Professors, und gemeinsam wollten die beiden Kinder den Frühstückstisch mit Blumen schmücken.

Hanna stand bereits wartend an der Gartentür, aber Jule kam noch immer nicht. So begann sie denn allein Blumen und Grünes abzupflücken, um den Onkel dadurch zu überraschen.

Plötzlich erschien Jule. Er war noch atemlos vom schnellen Laufen.

»Hast du es wieder verschlafen?« tadelte ihn Hannchen.

»Nein, aber meine Katze ist fortgelaufen.«

Pommerle machte ein bestürztes Gesicht. Sie kannte die graue Katze, die Jule so oft mit in den Garten des Onkels gebracht hatte.

»Schon gestern ist sie nicht zurückgekommen. – was mache ich nur?«

Pommerle überlegte. Da fiel ihm ein, daß der Onkel neulich in die Zeitung eine Anzeige geschrieben hatte, weil auch er einen Schirm verloren hatte. Der Schirm war daraufhin wieder zurückgebracht worden. Solch ein Inserat sollte auch Jule veröffentlichen.

»Ich werde den Onkel bitten, daß er uns das Geld dazu gibt, und dann schreibst du alles auf für die Zeitung.«

Jule starrte zu Boden, dann schüttelte er den Kopf.

»Das geht nicht, Hanna.«

»Warum denn nicht?«

»Weil es die Katze doch nicht lesen kann.«

Nun überlegte auch Pommerle eine Weile, dann sagte das kleine Mädchen überlegen: »Jule, das braucht die Katze nicht. – Du bist doch zu dumm.«

Aber der Knabe blieb nach wie vor dabei, daß das Inserat gar keinen Zweck habe.

»Kannst denn du noch das Gedicht, daß du dem Onkel hersagen sollst?« forschte Pommerle.

»Freilich, ich lerne doch seit vierzehn Tagen daran herum.«

»Dann sage es mal auf.«

»Unsinn! Ich muß es doch nachher dem Professor sagen.«

»So pflücke wenigstens mit mir Blumen.«

Aber Jule schien auf diese Aufforderung nicht zu hören. Interessiert schaute er in den Nachbargarten. Dort hingen an den Sträuchern unreife Stachelbeeren. Die lockten ihn. Unreifes Obst aß er für sein Leben gern.

»Du – Hanne, wollen wir uns ein paar Stachelbeeren stehlen?«

»Nein, Jule, das dürfen wir nicht. Wenn das der liebe Gott sieht, ist er böse auf uns.«

»Er sieht es ja nicht.«

»Doch, er schaut aus dem Himmel zu uns herunter.«

Jule lachte unbändig.

»Sieh doch mal die dicken Wolken dort oben, da kann er nicht durchsehen. Da hat der Rübezahl dicke Wolken vorgeschoben, weil er will, daß ich mir die Stachelbeeren abpflücken soll. Der Rübezahl meint es nämlich sehr gut mit mir.«

»Der liebe Gott sieht es aber doch.«

»Der Rübezahl hat mir gesagt, wenn so viel an den Sträuchern hängt, kann ich mir was nehmen.«

»Hast du ihn denn schon einmal gesehen, den Rübezahl?«

»Na und ob!«

Es gruselte Pommerle ordentlich. »Jule, – wie sieht er denn aus?«

»Er hat einen großen Schlapphut und einen langen grauen Bart, sonst sieht er aus wie ein Wandersmann. Aber in der Hand hält er einen langen Stock, das ist ein Zauberstock. Damit holt er Gold und Silber aus den Bergen, darauf reitet er durch die Luft. – Du, Hanne, der Rübezahl kann alles!«

»Ich möchte ihn auch mal sehen, Jule.«

»Da müssen wir mal zusammen in die Berge gehen,« flüsterte Jule geheimnisvoll. »Aber niemand darf das wissen, sonst kommt er nicht.«

»Erfüllt er jeden Wunsch?«

»Jeden, wenn er in guter Laune ist.«

»Kann er auch so viel wie der liebe Gott?«

»Na und ob! Noch viel mehr. Er kann alles!«

»Dann möchte ich mal in die Berge gehen.«

»Können wir machen, ich kenne jeden Weg.«

»Kannst du auch auf die ganz hohen Berge hinauf?«

»Freilich, bis auf die Schneekoppe. Sie ist höher als alle Berge der Welt.«

»Sieht man von dort aus über die ganze Welt, Jule?«

»Na freilich!«

»Auch bis nach Pommern hinein?«

»Pah, noch viel weiter.«

Pommerles Augen glühten, »Wann wollen wir gehen? Der Onkel und die Tante müssen aber mit.«

»Quatsch, wir beide gehen allein.«

»Ach, Jule, das geht doch nicht.«

»Wenn du den Rübezahl sehen willst, darfst du nur mit mir gehen.«

Pommerles Sehnsucht war erwacht. Wenn man von den Bergen bis nach Pommern sehen konnte, sah man die Ostsee, und der gute Rübezahl würde ihr dann vielleicht den Wunsch erfüllen, nach der Fischerhütte zurückkehren zu dürfen. Sie wollte ja nur rasch einmal nachsehen, ob der Vater wiedergekommen sei. Die Tante meinte zwar, daß er beim lieben Gott wäre, aber vielleicht war er doch nach Hause gekommen.

Nachdenklich pflückte sie die Blumen, während Jule über den Zaun stieg und sich vom Nachbar ein paar Hände voll unreifer Stachelbeeren holte, die er gierig verschlang.

Pommerle rief ihn zurück.

»Du sollst doch nicht stehlen, Jule. Komm, teile lieber die Blumen in drei Häuschen. – Aber du kannst ja nicht rechnen. Ach, Jule, wie bist du dumm!«

»Oho, kann ich rechnen, Hanne!«

Das kleine Mädchen lachte. »Ich weiß, daß du nichts kannst.«

»Rede keinen Unsinn!« rief Jule erregt.

Das kleine Mädchen wies auf die Straße hinaus, auf der soeben gluckend eine Henne mit zwölf Küchlein vorüberlief.

»Zähle mal, Jule. Wieviel Küken sind es?«

»Zwölf.«

»Nun passe auf. Wenn du jetzt auf die Straße gehst, die zwölf Küken fortnimmst und wenn ich dir die Hälfte davon gebe, was bekommst du dann?«

»Prügel!«

»Unsinn! Ich meine, wieviele Küken du dann hast.«

»Die Hälfte.«

»Jule, du bist wirklich dumm! Und wenn nun jedes dieser Küken zwei Eier legt, wieviele Tier hast du dann?«

»Hahaha, – ich möchte mal das Küken sehen, das schon Eier legt. Hanne, du bist ja ganz dämlich! Wo kann denn ein Küken Eier legen!«

»Na, ich meine doch, wenn sie groß geworden sind. – Wieviel Eier hast du dann?«

»Wieviele habe ich denn dann?«

»Vierundzwanzig, dummer Jule.«

Wieder lachte der Knabe, daß es schallte.

»Weißt du denn, ob das alles Hennen sind? Bei uns legen die Hähne keine Eier! – Nee, so dumm!«

»Aber wenn es nun alles Hennen sind?«

»Ganz bestimmt nicht, das weiß ich besser.«

Pommerle gab sich damit zufrieden, denn in solchen Sachen wußte der Jule immer Bescheid. Außerdem zeigte sich jetzt Frau Bender in der Tür, die den Kindern winkte, sich zu beeilen, um rasch die gepflückten Blumen ins Zimmer zu bringen.

So wurde denn der Frühstückstisch schön geschmückt, dann erschien der Professor, und man brachte die Glückwünsche an. Pommerle sagte ein niedliches Gedichtchen ohne Stocken auf, dann winkte Frau Bender auch den Knaben heran, damit er seilt Gedicht hersage.

Nur zögernd stellte sich der lange, magere Knabe vor den Professor hin, räusperte sich mehrfach und begann dann:

»Ich bin hier – – ich bin hier – – ich bin hier – – –«

»Das sehe ich, lieber Jule,« sagte Professor Bender gut gelaunt, »nun aber mal weiter.«

»Ich bin hier – –«

Sein Gesicht wurde blutrot, er hustete, scharrte mit den Füßen und senkte schließlich den Kopf.

»Na, es war gut gemeint,« sagte der Professor, »solch ein Gedicht zu lernen, ist schwer, – nicht wahr, mein Junge? Ich weiß jetzt, daß du da bist, aber vielleicht weißt du ein anderes Gedicht. Es braucht nicht gerade ein Geburtstagswunsch zu sein.«

Jule starrte noch immer vor sich nieder. Ermunternd legte ihm der Professor die Hand auf die Schulter: Jule schüttelte den Kopf. Da trat Pommerle von hinten an den Knaben heran.

»Sag dem Onkel doch ein Gedicht aus meinem Lesebuch.«

»Ich weiß keins.«

»Was wir gestern zusammen gelesen haben.«

Ein Freudenschimmer ging über das Gesicht des Knaben. Seine Gestalt straffte sich, er schaute dem Professor fest in die Augen und begann dann laut und vernehmlich:

»Du armes Schwein, du tust mir leid,
Du lebst nur noch so kurze Zeit!«

Stolz schaute sich Jule um. Der Professor aber lachte schallend los.

»Bist doch ein reizender Bengel,« sagte er, indem er Jule einen sanften Backenstreich versetzte. »Wenn du nicht mehr weißt, kannst du dich begraben lassen.«

Jule war sehr stolz darauf, daß er überhaupt ein Gedicht gesagt hatte, und wartete nun auf ein Stück Kuchen, das man ihm schenken würde.

Als man ihm den Teller reichte, griff er natürlich nach dem größten Stück.

»Mußt du immer unbescheiden sein,« tadelte der Professor, »konntest du nicht das kleinere Stück nehmen?«

»Warum denn?« sagte Jule frech.

»Andere wollen auch essen, mein Junge.«

»Sie haben schon so lange Kuchen gegessen, Sie haben schon Kuchen gegessen, als ich noch gar nicht auf der Welt war. Ich soll Ihnen doch nacheifern.«

»Wenn du das nur in anderen Dingen tätest, Jule.«

Jule sprach dem Kuchen wacker zu, aber schließlich erklärte er, daß nun nichts mehr in seinen Bauch gehe, und daß er jetzt wieder heimgehen werde.

»Ich denke, du willst mir das Holz zerkleinern, Jule?«

»Heute zum Geburtstage?«

»Schade,« meinte Frau Bender, »daß unser Pommerle nicht Klavier spielen kann, es hätte sonst dem Onkel ein Stücklein vorspielen können.«

»Ich kann Musik machen,« rief Jule voller Begeisterung, »ich habe eine Mundharmonika, darauf geht es fein!«

»Das laß nur sein,« lachte Frau Bender, »von solcher Musik ist der Herr Professor kein Freund.«

Als aber am Nachmittag im gegenüberliegenden Hause Klavier gespielt wurde, fielen Jule die Worte Frau Benders wieder ein. Jetzt war es an ihm, dem Professor eine Freude zu machen, und et kam auf den Gedanken, das geschlossene Fenster kurzerhand einzuwerfen, damit man seine Musik besser hören könne.

Gesagt – getan. – Ein Klirren, ein Aufschrei, das Spiel verstummte, und während Jule sich dem Strafgericht durch eilige Flucht entzog, suchte man bei Oberlehrer Kaul vergeblich nach dem Täter.

Jule aber hockte hinter einem Strauche im Vorgarten des Professors und ärgerte sich, daß seine gut gemeinte Tat so wenig Erfolg gehabt hatte.

In den nächsten Tagen sprach man im Hause des Professors von dem bevorstehenden Ausfluge in die Berge, Pommerle hatte glänzende Augen, denn Jule hatte ihm gesagt, daß es von dem höchsten Berge bis zur Heimat schauen könnte. So zählte es sehnsüchtig die Tage und fieberte vor Ungeduld.

Jule ließ den Kopf hängen. Er wäre für sein Leben gern mit dem kleinen Pommerle gefahren, aber Benders machten keinerlei Andeutungen. So beschloß er, einmal etwas gründlicher nachzufragen. Als Frau Bender eines Morgens im Garten war, blieb er am Zaune stehen.

»Nun, Jule, wie geht es deiner Mutter?«

»Besser. Sie liegt schon mit einer andern im Bett.«

»Was, – ich denke, sie ist im Krankenhause?«

»Nun ja, aber vielleicht ist das Krankenhaus so voll, man hat ihr noch eine Frau ins Bett gelegt.«

»Wer hat dir denn diesen Unsinn gesagt, Jule? Im Krankenhause hat jeder sein eigenes Bett.«

»Hat er nicht,« beharrte der Knabe, »ich war doch erst heute da.«

»Und da hast du gesehen, daß noch eine zweite Frau im Bett deiner Mutter liegt?«

»Nein, gesehen habe ich es nicht, aber die Schwester hat es gesagt.«

»Was hat sie dir denn gesagt, Jule?«

»Die Mutter liegt mit – – mit – –« Jule dachte eine Weile angestrengt nach, dann tief et laut: »Die Mutter liegt mit einer Angina zu Bett.«

Frau Bender lachte schallend auf.

»Da kannst du ganz beruhigt sein, mein Junge, Angina ist keine Frau, Angina ist eine Halsentzündung.«

Jule schüttelte den Kopf. »Es wird schon eine Frau sein,« beharrte er, »im Krankenhause ist nicht immer alles in Ordnung.«

Trotz aller Belehrungen ließ er sich nicht überzeugen. Jule behauptete nach wie vor, daß die Mutter, die in der billigsten Klasse untergebracht war, eine Bettgenossin bekommen habe.

»Wann fahren Sie denn weg?« fragte er plötzlich unvermittelt.

»Am Mittwochmorgen, Jule.«

»Hat die Hanne auch einen Rucksack?«

»Jawohl.«

»Den kann sie doch nicht selber tragen, der ist doch viel zu schwer für sie.«

»Er ist nicht schwer, Jule.«

»Ich werde der Hanne den Rucksack tragen.«

»Ach so, Jule! Nun, wenn du versprichst, recht brav zu sein, dann könnte man sich die Sache ja überlegen.«

Er warf die Mütze in die Luft und schrie: »Also abgemacht, Frau Professor, ich komme mit!«

Nun eilte auch Pommerle herbei. – Mit einem hellen Jauchzer klatschte es in die Hände.

»Du kommst mit auf den hohen Berg, wo man die ganze Welt sehen kann!«

»Jawohl, ich komme mit, ich soll euch den Weg zeigen.«

»Gehen wir auch zu Rübezahl?« flüsterte Pommerle dem Knaben ins Ohr.

»Freilich, aber dann dürfen die anderen nicht dabei sein.«

»Sonst kommt er wohl nicht?«

»Nee, ganz alleine müssen wir sein.«

»Alleine, mitten in den hohen Bergen?«

»Ja, – ganz alleine.«

Pommerle gruselte es wohl ein wenig, aber in dem Gedanken, daß ihm Jule treu zur Seite stehen werde, wollte es doch eine Begegnung mit dem Berggeiste Rübezahl, der jeden Wunsch erfüllte, herbeiführen.

Die nächsten Tage packte Pommerle seinen kleinen Rucksack ein und aus. Er war so vollgestopft, daß gar nichts mehr hineinging. Frau Bender blickte fragend auf das Kind.

»Was hast du denn alles mitgenommen, Pommerle?«

Nun kam es heraus, daß das kleine Mädchen das neue weiße Kleid und die neuen Schuhe eingepackt hatte.

»Wozu brauchst du denn die Sachen, Pommerle?«

»Für den Onkel Rübezahl.«

Frau Bender lachte. »Der Rübezahl sieht dich auch in einem dunklen Kleidchen genau so gern. Nun komm, jetzt wollen wir gemeinsam deinen Rucksack packen, damit du nicht zu schwer daran zu tragen hast.«

»Nehmen wir die Frau Krause auch mit?«

Frau Krause war die Aufwartung, die neben dem Dienstmädchen hin und wieder die groben Arbeiten verrichtete. Frau Krause hatte sich tief in Pommerles Herz geschlichen, denn die ältliche Frau konnte so wunderschöne Geschichten erzählen. Es imponierte der Kleinen ohnehin, daß Frau Krause Aufwartung machte. Das Wort klang ihr gar lieblich im Ohr.

In der Schule war Pommerle jetzt nicht mehr recht aufmerksam. Sein ganzes Denken war nur auf die bevorstehende Fahrt in die Berge gerichtet. Der Lehrer mußte mitunter ernste Worte sagen, um das kleine Mädchen zur Aufmerksamkeit anzuhalten, Pommerle war darüber zwar ein wenig geknickt, erzählte auch Jule davon, und der meinte:

»Hm, – dazu sind ja die Lehrer da.«

»Aber man muß doch was lernen, Jule, sonst bleibt man dumm.«

»Ich habe auch nichts gelernt,« meinte der Knabe, »und bin klüger als der Herr Professor, denn ohne mich könnte er seine dicken Bücher nicht schreiben.«

»Warum denn nicht, Jule?«

»Hahaha, – wie soll er denn schreiben, wenn er keine Steine hat! Die habe ich ihm doch alle gebracht. Einen ganzen Sack voll, – drum schreibt er ja auch so dicke Bücher.«

Nachdenklich blickte die Kleine vor sich nieder.

»Wenn du mir einen Sack Steine bringst, könnte ich auch nichts schreiben. Dazu muß man doch einen so klugen Kopf haben, wie ihn mein Onkel hat.«

Jule schnippte verächtlich mit dem Finger. »Auf den Kopf kommt es nicht an, Purzelbäume kann er doch nicht schießen.«

»Ach,« rief Pommerle und klatschte in die Hände, »Jule schieß los, ich sehe das so gerne!«

Aus dem Garten schallte bald helles Jauchzen des Kindes, denn Jule gab Vorstellung. Er konnte auf den Händen laufen, konnte wie eine Katze an den Bäumen emporklettern, konnte sich an den Aesten hin und her schwingen und gab sich dabei den Anschein, als stürze er in die Tiefe, von Zeit zu Zeit kreischte er fürchterlich auf, um dann, wenn auch Pommerle ein entsetztes Gesicht machte, in helles Spottlachen auszubrechen.

»Kleine Mädchen sind furchtbar dumm,« sagte er geringschätzig.

»Kannst du auf den Händen laufen?«

»Nein.«

»Soll ich dir's beibringen?«

»Ach ja!« Pommerles Gesichtchen glühte. »Kannst du lange laufen?«

»Oho, ich – – wenn du willst, laufe ich bis zur Schneekoppe!«

»Auf den Händen?«

»Na, meinst du auf dem Kopp!«

»Jetzt zeige, wie man's macht, Jule!«

»Kostet fünfzig Pfennige.«

»Die habe ich nicht, Jule.«

»Dann mußt du sie dir von deiner Tante geben lassen. In der Schule bezahlt man doch auch. Jede Lehrstunde kostet Geld. – Na, willst du Unterricht?«

»Soll ich nicht erst die Tante fragen?«

»Quatsch, – das wird doch eine Ueberraschung für sie. Das kannst du ihr zum Geburtstag schenken. Dann kommst du auf den Händen angelaufen und gratulierst. – Das wird sein!«

Und nun begann die Unterrichtsstunde. Jule packte die Beine des kleinen Mädchens, hielt sie in die Luft und befahl: »So, nun lauf!« Ja, so lange Jule die Beine hielt, ging es; als er sie aber losließ, war der Spaß zu Ende. Eben wollte man noch einmal versuchen, da erschien Frau Bender.

Aus dem Garten schallte bald helles Jauchzen des Kindes, denn Jule gab Vorstellung.

»Was macht ihr denn da?«

Jule zog sich sogleich hinter einen Baum zurück, Pommerle indessen eilte der Tante erregt entgegen.

»Ich habe Unterricht, Tante. – Der Jule kann auf den Händen bis zur Schneekoppe laufen, und das will ich auch lernen.«

»Das ist nichts für kleine Mädchen, Pommerle. Kleine Mädchen brauchen nicht auf den Händen zu laufen, das sollte der Jule doch wissen.«

»Warum soll ich das nicht lernen, Tante?«

»Weil sich so etwas für kleine Mädchen nicht schickt. – Es ist nicht hübsch, wenn du auf dem Kopfe stehst und wenn man von dir die Röckchen und die Höschen sieht. Das darf nicht sein, Pommerle.«

»Dann werde ich es sein lassen,« sagte die Kleine,

»Jule!« Frau Bender rief den Namen laut in den Garten. Aber der kauerte hinter dem Baum und gab sich den Anschein, als höre er die rasende Stimme nicht. Erst als Frau Bender den Garten wieder verlassen hatte, kam er zum Vorschein.

»Sie ist fort, nun machen wir weiter.«

»Nein,« gab Pommerle energisch zurück, »die Tante will es nicht.«

»Ich will auch manches nicht, was sie will,« sagte Jule ergrimmt, »kein Mensch fragt danach. Sie freut sich schließlich doch, wenn du aus den Händen läufst.«

»Nein, es geht nicht.«

»Ha, warum denn schon wieder nicht?«

»Es schickt sich nicht für kleine Mädchen, hat die Tante gesagt, weil dann die Leute die Höschen und die Röckchen sehen.«

Jule schaute nachdenklich auf das vor ihm stehende Kind. Dann sagte er plötzlich: »Dann ziehen wir eben die Höschen und die Röckchen aus.«

»Aber, Jule! Dann sieht man bei mir ja die nackten Beinchen. – Nein, es darf nicht sein.«

»Du bist ja dumm,« sagte der Knabe. »Aber Mädchen sind eben immer zimperlich, und große Herren sollten mit Mädchen gar nicht spielen. – Aber die fünfzig Pfennige mußt du mir doch geben.«

»Ich werde die Tante darum bitten. Du kannst sie dir von der Tante holen kommen.«

»Nu, so dumm,« knurrte Jule, »damit sie mich auszankt! Die fünfzig Pfennige kriege ich von dir. Und wenn du sie mir nicht bringst, sollst du mal sehen!«

Pommerle wurde es fast ängstlich zumute. Aber da lachte Jule und meinte:

»Ich will dir das Geld schenken, aber du mußt mir auch immer etwas von deiner belegten Schnitte abgeben, wenn ich Hunger habe.«

»Das kannst du haben!«

Damit war der Frieden wieder geschlossen. Man saß einträchtig nebeneinander, und Pommerle erzählte aufs neue, wie schön die Ostsee sei. Jule aber lag im Grase, hatte die Arme unter dem Kopfe verschränkt, hörte gar nicht hin, was die Kleine sagte, – er schlief.

Der Dienstag kam heran, Pommerle lief aus einem Zimmer ins andere und schaute sehnsüchtig zum Gebirgskamm hinauf. Uebermorgen würde es dort hoch oben stehen und die Ostsee sehen, auf den allerhöchsten Berg, die Schneekoppe hieß er, würde es steigen und die ganze Welt übersehen. Außerdem wohnte auch ganz in der Nähe der Schneekoppe der Rübezahl, der dort sein Steinhaus hatte, das aber keiner sah, denn es war tief in die Berge hineingebaut. Jule hatte allerdings gesagt, daß er den Weg dorthin fände. Er wollte Pommerle hinführen.

Es war kurz vor dem Mittagessen, als es bei Professor Bender klingelte, Pommerle, in dem Glauben, daß es sein Freund Jule sei, eilte zur Tür und öffnete, ehe das Mädchen zur Stelle war.

Ein Herr stand draußen, der das Kind fragend anschaute.

»Ach so, du bist die kleine Pflegetochter des Herrn Professor?«

»Nein, ich bin das Pommerle.«

»Ganz recht, so nimm diese Karte und sage dem Herrn Professor, daß ich meine Aufwartung machen möchte.«

Pommerle reichte dem Herrn die Karte wieder hin und sagte laut und vernehmbar: »Du kannst wieder gehen, deine Aufwartung brauchen wir nicht.«

»Nanu?«

»Wir haben die Frau Krause, und die bleibt bei uns.«

Damit drängte Pommerle den Herrn ziemlich energisch zurück, machte die Tür zu und drehte sogar noch den Schlüssel in dem Schlosse um.

Medizinalrat Mittmann war wenige Augenblicke erstaunt, dann begriff er. Er lachte draußen so laut auf, daß es Pommerle noch hörte.

Das kleine Mädchen eilte rasch zu Onkel Bender und sagte aufgeregt: »Du, Onkel, da draußen ist noch einer, der die Teppiche klopfen will, aber das macht doch die Frau Krause weiter. Ich habe ihn weggeschickt.«

»Ist's vielleicht ein armer, alter Mann gewesen, Pommerle?«

»Ja, ein alter Mann ist es gewesen.«

»Vielleicht hat er Hunger.«

»Ich geb' ihm ein Brot!« rief Pommerle begeistert. Schon eilte es davon, hinaus in die Küche und verlangte stürmisch von Auguste ein Butterbrot.

Medizinalrat Mittmann klingelte zum zweiten Male.

Wieder erschien Pommerle, öffnete die Tür einen kleinen Spalt und hielt ihm das Brot entgegen.

»Iß, du armer, alter Mann.«

Gänzlich verdutzt nahm der Medizinalrat das ihm aufgedrängte Brot entgegen, aber ehe Pommerle die Tür erneut schließen konnte, stellte Mittmann den mit einem Lackstiefel bekleideten Fuß dazwischen.

»Kann ich nicht den Herrn Professor für einen Augenblick sprechen, Kleine?«

»Der Onkel hat doch gesagt, ich soll dir ein Brot geben.«

»Nimm mal diese Karte und gib sie dem Onkel ab, ich werde so lange warten.«

Zögernd nahm Pommerle die Visitenkarte und trug sie dem Onkel ins Zimmer.

»Der alte Mann will nicht weggehen, er schickt dir diesen Zettel.«

Professor Bender warf einen Blick auf die Karte, las den Namen des Medizinalrates und rief entsetzt aus:

»Dem Herrn hast du das Butterbrot gegeben?«

»Ja, es ist dick gestrichen, er wird es gewiß schon gegessen haben.«

Professor Bender begab sich selbst in den Flur, eilte zu der halb geöffneten Tür. Dort stand feierlich im Besuchsanzuge der erst kürzlich nach Hirschberg gekommene Medizinalrat Dr. Mittmann, ein Butterbrot in den mit hellen Handschuhen bekleideten Händen haltend.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung – –« Weiter kam der Professor nicht, denn beide Männer brachen in lautes Gelächter aus.

Pommerle kümmerte sich nun nicht weiter um den alten Mann. Es hörte nur noch, daß im Herrenzimmer im Beisein der Tante furchtbar gelacht wurde. Daß es selbst den Grund zu dieser Heiterkeit gegeben hatte, ahnte es nicht.

Am nächsten Tage war es endlich so weit, daß die Reise angetreten wurde. Mit der Bahn ging es zunächst nach Krummhübel. Dort sollte ein Frühstück eingenommen werden; nach Verlauf einer Stunde wollten Benders mit den beiden Kindern dann hinauf zur Kirche Wang steigen und vielleicht noch weiter wandern, um am Abend wieder nach Krummhübel zurückzukehren.

Pommerles Herz klopfte zum Zerspringen. Scheu schlich es hinter Frau Bender her, staunte das schöne Hotel an, hatte das größte Interesse für die vornehmen Herren im Frack, die in dem großen Saale geschäftig hin und her liefen.

Zunächst gab es für das kleine Mädchen so viel zu sehen, daß es gar nicht nach den Bergen schaute. Wie anders war doch hier alles als daheim. Auch Jule war zum ersten Male in seinem Leben verlegen. Er drehte ununterbrochen die Mütze zwischen den Händen, bis sie ihm Professor Bender aus der Hand nahm und an den Kleiderständer hängte. Und als nun gar Jule und Pommerle beauftragt wurden, vom Speisesaal aus nochmals hinauf ins Zimmer zu gehen, um der Tante das Handtäschchen zu holen, schlichen beide mit gesenkten Köpfen durch den weiten Saal und wagten nicht aufzusehen. Scheu kehrten sie nach einer Weile zurück. An der Tür zum Speisesaale stand der feine Herr im schwarzen Frack. Er öffnete vor den beiden Kindern die Flügeltür und machte eine Verbeugung.

Wie gebannt standen die beiden und stauten den Kellner an, als sähen sie etwas Wunderbares. Dann riß sich Jule zusammen, machte eine Verbeugung, und Pommerle knixte tief. So standen sich die drei stumm gegenüber, bis der Kellner schließlich sagte:

»Na, kommt mal rein.«

Wieder ein Knix von seiten Pommerles, dann schlichen beide, als ob sie ein böses Gewissen hätten, durch den Speisesaal hin an den Tisch, an dem Benders saßen.

Pommerle konnte nicht genug staunen. Ein anderer Herr im seinen Anzug stellte den Suppenteller vor sie hin. Das Kind sprang auf und machte wieder einen artigen Knix. Und als das Jule sah, folgte er dem Beispiel und verbeugte sich jedesmal, sobald ein Kellner in die Nähe des Tisches kam.

»Ihr könnt jetzt ruhig sitzen bleiben,« sagte der Professor, »eßt brav, und wenn wir ausstehen, dürft ihr auch aufstehen.«

Jule aber vergaß das Essen vollständig. Es gab gar so viel hier zu sehen. In silbernen Schüsseln trugen die Kellner das Essen hin und her. Auch den Mann an der Tür ließ er nicht aus den Augen. Er machte jedesmal eine Verbeugung, wenn ein neuer Gast den Saal betrat. Jule hätte es gar zu gern gesehen, wenn einer der Kellner, der ein vollbesetztes Tablett trug, ausgerutscht und hingefallen wäre. Das hätte einen Spaß gegeben.

»Jule, willst du nicht endlich die Suppe essen?« mahnte der Professor.

Der Knabe schrak zusammen, wollte gerade mit beiden Händen nach dem Teller greifen, um schneller zum Ziele zu kommen, da mahnte Frau Bender leise:

»Dort liegt dein Löffel, Jule.«

Das weitere Essen verlief ohne Störung. Professor Bender drängte schließlich zum Aufbruch.

»Zunächst gehen wir zur Kirche Wang; dort rasten wir ein Weilchen, denn für unser Pommerle ist es die erste Gebirgstour. Wir werden uns die kleine, uralte Kirche besehen, und wenn unser Kleines nicht gar zu müde ist, gehen wir noch weiter.«

So stieg man bergan. Jule hatte Pommerle fest an der Hand gefaßt und begann zu erklären.

»Der Berg, der hier gerade vor uns steht, das ist die Schneekoppe, der höchste Berg der ganzen Welt! Und dort drüben liegt die Hampelbaude.«

»Hampelbaude, – was ist denn das für ein Name?«

»Dort macht man die Hampelmänner,« erklärte Jule, der mit seinen Kenntnissen immer gern prahlte.

»Und wo wohnt Rübezahl?«

»Hinter der Schneekoppe.«

»Gehen wir dort hinauf?«

»Möchte schon.«

»Wir müssen doch aber zu Rübezahl!«

»Ich möchte auch hin, aber ich weiß nicht, ob der Alte will.«

»Der Alte, – der Rübezahl?«

»Nee, dein Onkel.«

Während der Professor mit seiner Frau langsamen Schrittes folgten, schritten die beiden Kinder immer rascher aus. Jule hatte ununterbrochen zu erzählen. Er sprach von Rübezahls Schloß, von seinem Lustgarten, von seiner Kanzel, von der er bei Vollmondschein um Mitternacht predigte, von den riesigen Gold- und Silberschätzen, die im Innern der Berge lägen, und anderes mehr.

So war denn sehr bald die Kirche Wang erreicht, wartend blieben die beiden Kinder stehen, denn noch waren Onkel und Tante nicht in der Nähe.

Eine Bude mit Ansichtskarten, Schokolade und Reiseandenken aller Art fesselte die Aufmerksamkeit der Kinder. Neben der Bude aber stand ein Mann, der hatte eine weiße Mütze auf dem Kopfe und einen Blechkasten umgehängt, aus dem es dampfte. Er ging auf die Kinder zu und wies auf den Kasten mit den Würstchen und sagte:

»Heiße Wiener?«

Jule trat einen Schritt zurück, sah sich den Mann an, dachte an das Wort des Professors, daß er aus der Reise sehr artig und höflich sein müsse, zog seine Mütze, machte dem Würstchenverkäufer eine Verbeugung und sagte:

»Und ich heiße Jule.«

»Heiße Wiener,« wandte sich der Mann jetzt erneut an Pommerle.

Das kleine Mädchen aber wußte nicht, was der Mann wollte, und klammerte sich scheu an seinen Begleiter, der jetzt erst, nachdem der Deckel des Behälters geöffnet wurde, merkte, was er falsch verstanden hatte.

Inzwischen waren auch Professor Bender und seine Frau herangekommen. Es ging an die Besichtigung der alten Kirche Wang, Pommerle bestaunte alles; Jule untersuchte unterdessen den Rucksack nach etwas Eßbarem. Dann trat man wieder ins Freie; Bender gab Pommerle die verlangten Erklärungen, und schließlich wanderte man weiter der Schlingelbaude zu, um gegen Mittag auf der Prinz-Heinrich-Baude einzutreffen.

»Gehen wir nicht nach der hohen Schneekoppe?« fragte Pommerle.

»Das werden wir im Sommer machen, mein Kind, nicht heute.«

»Kann man von der Hampelmann-Baude die Ostsee sehen, Onkel?«

»Nein, mein Kind, aber wir kommen heute auch zu einem Wasser, das dir sicherlich sehr gefallen wird.«

Pommerle wandte sich an Jule: »Ist das Wasser so groß wie die Ostsee?«

»Na und ob, noch viel größer. So ein großes Wasser hast du noch gar nicht gesehen.«

»Fahren auch Schiffe darauf?«

»Massenhaft.«

Pommerle war es zufrieden. Es hatte jetzt Eile, hin zu jenem großen Wasser zu kommen, das den Namen ›der große Teich‹ hatte.

Als man endlich auf der Prinz-Heinrich-Baude angekommen war und das Mittagsmahl einnahm, gab es wieder genau so seine Herren im schwarzen Frack, die vor den Ankommenden die Tür öffneten. Erneut fühlte sich das kleine Mädchen bedrückt, und auch Jule äugte verstohlen nach rechts und links, weil ihm die Handhabung von Messer und Gabel, so wie sie der Herr Professor pflegte, recht schwer fiel. Er wartete stets auf einen unbeachteten Augenblick, um Fleisch und Kartoffeln mit dem Löffel zum Munde zu führen.

Jule sprach den Gerichten wacker zu, Pommerle hingegen verspürte gar keinen Hunger, es dachte an die See, die man jetzt gleich sehen sollte. So blieben zwei große Fleischstücke auf der Schüssel liegen. Begehrlich schaute der Knabe hinüber, aber niemand bot ihm etwas an. Als man sich endlich erhob, zögerte er, und als Professor Bender mit Frau und Pflegetochter zum Ausgange schritt, griff der Knabe hastig nach den beiden Fleischscheiben und versenkte sie blitzschnell in seine Hosentaschen.

Pommerle drängte zum Weitergehen: »Wir wollen doch an die See.«

Wenige Augenblicke später stand man an dem großen Teiche mit seinem dunklen Wasserspiegel.

»Wir wollen doch weitergehen, an die See!« rief das Kind.

»Die See gibt es hier nicht, Pommerle, aber schau einmal dort hinab. Ist der große Teich nicht wunderbar schön?«

»Ich denke, wir kommen hier an die See?« Die Stimme des kleinen Mädchens klang gepreßt.

»Döskopp!« schrie Jule, »das ist der die See. Der Teich ist doch viel größer als eure See –«

Pommerle starrte in die Tiefe. Der große Teich enttäuschte sie schwer, Pommerle hatte geglaubt, daß sich jetzt vor ihren Augen eine unabsehbare Wasserfläche ausbreiten würde. Nun sah sie einen kleinen Weiher, ohne Schiffe, ohne Horizont, an dem sich Himmel und Wasser vereinigten.

»Ist das nicht schön?« fragte der Onkel.

Pommerles Augen waren mit Tränen angefüllt. »Nein,« sagte es schluchzend, »das ist nicht die See, das kleine Wasser will ich nicht sehen.«

Frau Bender versuchte das erregte Mädchen zu beruhigen. Man wanderte sehr rasch weiter, um nach der Hampelbaude zu kommen.

Hier wartete eine neue Enttäuschung auf Pommerle. Es hatte geglaubt, daß an allen Wänden die schönen bunten Hampelmänner hingen, daß allerwärts arbeitende Männer und Frauen umhersitzen würden, die Schnüre an Arme und Beine der Hampelmänner knüpfen würden. Aber nichts von alledem war zu sehen.

Zornig blitzten die Augen des kleinen Mädchens Jule an.

»Wo sind denn die Hampelmänner?«

»Die werden nur während der Nacht gemacht. Am Tage wird die Baude gesäubert, da darf niemand etwas davon merken, sonst ist der Rübezahl böse.«

Pommerle begriff zwar den Zusammenhang nicht recht, aber es gab sich zufrieden. Plötzlich fesselte ein Bilde das an der Wand des Raumes hing, die Aufmerksamkeit des Kindes: Rübezahl. Ein Mann mit langem, grauem Barte, mit grünem Jägerhut: und einem Umhange der bis fast zur Erde reichte. Er stand inmitten wilden Steingerölls, aber die Hälfte dieser Steine war blitzendes Gold.

»Siehst du,« erklärte Jule, »er kann alle Steine im Gold verwandeln, und dieses Gold schenkt er armen Leuten.«

»Hat et dir auch schon etwas geschenkt?«

»Nu freilich!«

»Was denn?«

Jule wußte im Augenblick nichts zu antworten, aber Pommerle ließ mit Fragen nicht nach.

»Eine goldene Uhr,« log er, »die habe ich aber verloren. Wenn wir das nächste Mal zu Rübezahl gehen, lasse ich mir einen großen Sack voll Taler schenken. Dann baue ich mir im Gebirge ein Haus, esse und trinke den ganzen Tag und tue gar nichts.«

Aufmerksam hörte Pommerle zu. Der Rübezahl wollte ihm während des ganzen Weges nicht mehr aus dem Köpfchen gehen. Immer wieder stellte es neue Fragen an Jule, und als man an einem Bächlein vorüber kam, fragte es:

»Gehört dieses Wasser auch dem Rübezahl?«

»Freilich.«

»Darum läßt er wohl hier am Rande so schöne Pflanzen wachsen?« Die Kleine wies auf das frische Grün, das in der sumpfigen Gegend besonders üppig gedieh.

»Gefällt dir das Zeug da?« fragte der Knabe.

»O ja!«

»Willst du was haben? Dann reiße ich dir was aus.«

»Ich möchte schon. Die Pflanzen sollen in unserem Garten weiterwachsen. Aber der Rübezahl wird gewiß böse werden, wenn wir ihm etwas fortnehmen. – Laß es lieber sein, Jule, sonst kommt er plötzlich und tut uns etwas zuleide.«

So ging man langsam weiter. Aber Jule beschloß, Pommerle eine Freude zu machen. Ganz heimlich wollte er die schönsten pflanzen aus der sumpfigen Stelle herausreißen, um sie Pommerle später zu geben.

So blieb er eine Weile an dem Wasser zurück, beugte sich dann nieder und riß eine ganze Hand voll der Pflanzen aus. An den Wurzeln hing schlammige Erde, eine häßliche Flüssigkeit tropfte herab. Aber das störte Jule gar nicht. Damit Pommerle ja nichts merken sollte, steckte er die feuchten pflanzen mit der schlammigen Erde kurzerhand in seine Hosentasche. Was würde Pommerle später für Augen machen, wenn er ihm heute abend unten in Krummhübel die Pflanzen schenkte.

Man war wieder eine gute halbe Stunde weitergewandert, da verspürte Jule Hunger. Man hatte zwar auf der Prinz-Heinrich-Baude gut gegessen, aber Jule gehörte nun einmal zu jenen Knaben, die immer essen konnten.

Er überlegte. Sollt er bei Frau Bender anfragen, ob sie noch etwas Vorrat habe? Aber da fiel ihm plötzlich ein, daß er sich ja die beiden großen Fleischstücke, die auf der Schüssel zurückgeblieben waren, eingesteckt hatte, um sie später verzehren zu können.

Hocherfreut griff er in die Hosentasche. O weh – er hatte vorhin an das Fleisch nicht gedacht, als er die schlammigen und schmutzigen Pflanzen in dieselbe Hosentasche steckte, in der sich das gebratene Fleisch befand.

Jule schob die Oberlippe vor, betrachtete zunächst die zerdrückten Pflanzen, dann holte er die beiden Fleischscheiben aus der Hosentasche hervor. – Wie sahen sie aus! Die schmutzige Erde und der Schlamm hatten sich auf das Fleisch festgesetzt, die Bratensoße, die an dem Fleisch gewesen war, war in der Hosentasche zurückgeblieben, Jule hatte die schmutzigen Stücke in der Hand und schaute sie tiefbetrübt an.

»Was hast du denn da, Jule?« fragte Professor Bender, der sich eben nach dem Knaben umgewandt hatte.

»Steine,« log Jule und wollte alles wieder in die Hosentasche versenken.

»Zeig' her,« sagte der Professor, »du weißt. Steine sehe ich immer gern.«

Jule zögerte, aber Professor Bender sagte nochmals energisch: »Zeig mir die Steine!«

Nun mußte Jule die Pflanzen und die Fleischstücke wohl oder übel hervorbringen.

»Ich habe dem Pommerle eine Freude machen wollen,« sagte er schmollend, »aber so geht es mir immer.«

»Du hast gelogen, Jule,« sagte der Professor ernst, »schämst du dich nicht? – Kannst du nicht bei der Wahrheit bleiben? Du stehst, mein Junge, Lügen haben kurze Beine. Ich rate dir, in Zukunft immer die Wahrheit zu sprechen.«

Der Knabe senkte beschämt den Kopf.

»Das Fleisch kannst du natürlich nicht mehr essen,« sagte der Professor. »Wir werden es aber nicht fortwerfen, sondern für einen Hund verwahren, denn man darf nichts verkommen lassen. In Zukunft sei aber nicht so gierig.«

Aufmerksam hatte Pommerle der Unterhaltung zugehört. Als man dann weiterwanderte, tippte die Kleine den Knaben an.

»Ich weiß etwas, Jule.«

»Was weißt du denn?«

»Der Rübezahl hat nicht gewollt, daß du ihm seine Pflanzen nimmst, und darum hat er dir die Tasche schmutzig gemacht und das Fleisch verdorben.«

»Der Rübezahl soll sich seinen Kram behalten,« riefe Jule ärgerlich und schleuderte im weiten Bogen Fleisch und pflanzen von sich.

»Aber, Jule,« sagte Pommerle vorwurfsvoll, »du solltest das Fleisch doch für einen Hund behalten.«

»Wenn ich nichts habe, braucht ein Hund auch nichts!«

Der Professor hatte diese Worte gehört, drehte sich um, drohte Jule mit dem Finger, worauf der Knabe beschämt sich nach rückwärts wandte und die beiden Fleischstücke wieder aufnahm.

»Vielleicht könnte man sie abwaschen,« sagte er zu sich selbst, »sicherlich würden sie dann auch noch schmecken.« Aber er fürchtete doch, den Professor ernstlich zu erzürnen. So steckte er die beiden Fleischstücke gehorsam wieder ein, um sie später einem Hunde zu geben.

Spät abends kehrte man wieder nach Krummhübel zurück.

»Bist wohl sehr müde, mein Pommerle?« fragte Frau Bender.

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Tante, gehen wir morgen wieder in die Berge?«

»Morgen sehen wir uns wieder etwas anderes an.«

Dann wandte sich die Frau Professor an den Knaben:

»Höre mal, Jule, du kannst morgen früh, da ihr ja doch zeitig aufstehen werdet, unserem Pommerle ein wenig Krummhübel zeigen. Aber um halb zehn Uhr, zum Frühstück, seid ihr beide wieder zurück.«

Jule machte ein pfiffiges Gesicht, dann trat er an Pommerle heran und flüsterte: »Wollen wir morgen zu Rübezahl gehen?«

»Ja, – und weißt du, was ich mir von ihm wünsche?«

»Viel Geld!«

»Nein, – er soll mir die Ostsee zeigen, und dann soll er mich auf seine Flügel setzen und an den Strand bringen. Bis die Tante wieder aufgestanden ist, kann ich zurück sein, nicht wahr?«

»Hahaha, Flügel hat doch der Rübezahl nicht, aber er kann dich auf seinen Mantel setzen, damit kann er nämlich auch fliegen.«

»Ob er es wohl tut, Jule?«

»Freilich, wenn ich mit dabei bin, tut er es.«

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