Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Leopold Sacher-Masoch >

Polnische Geschichten

Leopold Sacher-Masoch: Polnische Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLeopold von Sacher-Masoch
titlePolnische Geschichten
created20011108
senderh.guhl@bluewin.ch
firstpub1886
Schließen

Navigation:

Die wilden Frauen

In keiner der kleinen Lehmhütten, aus denen das galizische Dorf Rokaw bestand, brannte mehr ein Licht oder Feuer, nur bei Jur Matausch sah man noch einen unstäten Schimmer durch den wurmstichigen Fensterladen dringen, matt und traurig wie der Schein des Lämpchens, das zu Häupten des Todten brennt, und man sah auch noch einen lichten blauen Rauch durch das windschiefe, geschwärzte Strohdach dringen, denn es gab dort ebensowenig einen Schornstein wie eine Fensterscheibe und der Rauch musste sich seinen Ausweg nehmen, wo er ihn fand.

Das Haus war ein echtes galizisches Bauernhaus jener Zeit, wo der Landmann noch der Unterthan des Edelmannes und ein halber Sclave war. Man nannte ihn ein Thier, den Sohn einer Hündin, und so wohnte Jur Matausch denn auch nicht viel besser als ein Thier. In einem und demselben Raume befanden sich der Herd, auf dem ein offenes Feuer brannte, ein Schwein mit vier Ferkeln, eine Stange, auf der Hahn und Hühner schliefen, eine rothe, mit Blumen bemalte Truhe, eine mit Stroh gefüllte Lagerstatt, eine zweite, auf der ein Polster und ein grober Kotzen lagen, und ein roh gezimmerter Tisch, an welchem drei Männer und ein junges Mädchen sassen, während zwei andere Mädchen, ein Hund und eine Katze um den Herd herum kauerten und lagen.

Auf dem Tisch brannte ein Stümpfchen Unschlittkerze, das in einem ausgehöhlten Erdapfel stak, und neben einem Päckchen groben blaugrauen Papiers stand ein gar kurioses Schreibzeug. Die mit Schimmel überzogene Tinte befand sich in einem Branntweingläschen, dessen abgebrochener Stengel wieder in einer grossen Rübe stak, während ein halber ausgehöhlter Kürbis als Streusandfass diente.

Der Bauer, dem die Hütte gehörte, Jur Matausch, war der Einzige, der im ganzen Dorfe lesen und schreiben konnte und zwar deutsch ebenso gut wie kleinrussisch, denn er war 16 Jahre hindurch Soldat gewesen und hatte es bis zum Korporal gebracht. Er sass auch im Gefühle seiner Wichtigkeit mit der Miene eines Gelehrten da und vergass niemals, wenn er sie nicht gerade benützte, die Feder hinter das Ohr zu stecken. Er schnupfte auch von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Würde aus einer kleinen Dose, was sein Ansehen beim Landvolke nicht wenig erhöhte.

Das Mädchen an seiner Seite war seine älteste Tochter Damaska, aus deren schönen hellen Augen eine seltene Klugheit sprach, während die kräftigen, dunklen Brauen, die kleine Nase, die stolz aufgeworfenen Lippen und das runde Kinn eine nicht gewöhnliche Energie verriethen.

Die beiden Bauern, die mit ihnen am Tische sassen und Matausch aufmerksam zuhörten, waren aus einem Nachbardorfe herübergekommen, um sich bei ihm Raths zu erholen. Ihr Grundherr hatte sie bereits seit Jahren in Bezug auf die den Unterthanen vorgeschriebenen Leistungen übervortheilt und, wenn sie eine Einsprache zu erheben wagten, misshandelt. Matausch las ihnen das Robotpatent Kaiser Josefs II. vor, das dem galizischen Landvolke die Erlösung aus der polnischen Sclaverei gebracht hatte, erklärte ihnen die bezüglichen Stellen, unterrichtete sie genau über ihre Pflichten und Rechte und setzte ihnen schliesslich eine kräftige Eingabe an das k. k. Kreisamt in Kolomea auf, in der er mindestens zwanzig Mal Gott, die heilige Jungfrau, die blutenden Wunden des Heilands, alle Heiligen und Märtyrer, den Kaiser, die Kaiserin und sämmtliche Erzherzoge und Erzherzoginnen um Beistand anrief.

Eben hatten die beiden Landleute statt ihrer Unterschrift ein jeder drei Kreuze darunter gesetzt und Matausch selbst ihre Namen hinzugefügt, als ein Bauernmädchen hereinkam, das im Edelhofe bedienstet war.

»Vetter,« begann sie, »ich bin rasch herübergekommen, Euch zu warnen. Man führt nichts Gutes gegen Euch im Schilde. Der Mandatar (der Bevollmächtigte des Gutsherrn) wird Euch rufen lassen, morgen schon.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil Ihr die Bauern aufhetzt gegen die Grundherren, hörte ich sagen, und ihnen Klagen schreibt, die sie zum Kreisamt tragen.«

»Soll er mich in Gottes Namen anzeigen,« sprach Matausch und nahm bedächtig eine Prise.

»Nicht darauf ist es abgesehen.«

»Auf was denn?«

»Euch prügeln zu lassen.«

»Hm! Bist Du dessen gewiss?«

»Ich hörte ja selbst den Herrn Mandatar mit dem einäugigen Schreiber darüber sprechen.«

»Gott lohne es Dir,« versetzte Matausch, »kehre aber jetzt gleich zurück, sonst merken sie es im Dominikalhof, dass Du in das Dorf gegangen bist, und Du müsstest es schwer büssen.«

Matausch stützte seinen Kopf in die Hände und dachte nach.

»Du wirst doch nicht hingehen, Vater?« begann Damaska.

»Was würde uns das helfen,« gab er zur Antwort, »sie sind die Stärkeren, sie können uns zwingen, wenn sie wollen.«

»Sie sind die Stärkeren,« erwiderte Damaska, »weil wir feig sind. Sind wir Bauern nicht in der Mehrzahl?«

»Zugegeben,« sagte Matausch, »was wäre aber die Folge, wenn wir uns widersetzen sollten? Jetzt schützen und die Kreisämter im Namen des Kaisers, dann würden sie Soldaten gegen uns senden und uns niederschiessen lassen.«

»Aber Ihr werdet Euch doch nicht prügeln lassen,« fiel einer der fremden Bauern ein.

»Ich habe 16 Jahre dem Kaiser gedient,« erwiderte Matausch stolz, »ohne nur einen Streich zu erhalten, Gott wird mich auf meine alten Tage nicht ganz verlassen.«

»Wenn Ihr Beistand braucht,« sagte der zweite Bauer, »sendet in unser Dorf, wir kommen Alle.«

»Ich danke Euch,« antwortete Matausch, »si weit dürfen wir gar nicht denken.«

Als die Beiden ihn verlassen hatten, seufzte er tief auf, verlöschte das Licht und sass dann noch lange auf der Bank beim Tische und starrte in die glühende Asche, die auf dem Herde lag.

Am nächsten Tage kam, in aller Frühe schon, der herrschaftliche Haiduk und lud Matausch in den Dominikalhof. Der Alte erschien pünktlich in seinem vollen Sonntagsstaate, der darin bestand, dass er Stiefel, über seinem Leinwandanzug einen Schafspelz und auf dem Kopfe eine hohe, schwarze Lammfellmütze trug, aber er erschien nicht allein. Mit ihm erschien das ganze Dorf. Tausend Männer, Greise und Knaben, Frau, Mädchen und Kinder drangen in den Hof des Edelsitzes herein und füllten denselben vollständig.

»Die heilige Mutter soll uns schützen, Herr Liewald,« rief der einäugige Schreiber, als er die Kopf an Kopf gedrängte Menge überblickte, »sie sind im Stande und erschlagen uns Alle. Mässigen Sie sich nur dies eine Mal.«

Der Mandatar Liewald war ein wüthender Feind der Schwaben (wie man in Galizien jeden Deutschen nennt) und ein Bauernschinder erster Sorte. Ohne dem Schreiber zu antworten, setzte er seine Mütze auf, steckte eine Pistole zu sich und ging mit dem Kantschuk in der Hand hinaus, wo bereits zwei Haiduken, der Kosak und der Bediente ihn mit bekümmerter Miene erwarteten. Der einäugige Schreiber folgte, aber nur bis zur Thürschwelle.

»Wo ist Jur Matausch?« begann der Mandatar.

»Hier.«

»Tritt vor.«

Matausch gehorchte.

»Was treibst Du denn?« fuhr der Mandatar ihn an. »Von allen Seiten laufen Klagen gegen Dich ein, nicht weniger als siebzehn Grundherrschaften haben Dich bereits angezeigt. Bist Du ein Bauer, ein Winkelschreiber, ein Räuber, oder was bist Du eigentlich?«

»Ein ehrlicher Mensch, Herr.«

»Schweig und rede, wenn man Dich fragt. Du wiegelst das Volk auf, Du, der Du die Gesetze so gut kennst, weisst Du auch, welche Strafe den Volksaufwiegler erwartet?«

»Ich weiss es,« erwiderte Matausch, »aber ich habe Nichts gethan, als was der Kaiser erlaubt hat.«

»Wer fragt hier nach dem Kaiser!«

»Ich, Herr, der ich ihm 16 Jahre treu gedient habe,« gab Matausch mit fester Haltung zur Antwort, »Finden Sie, dass ich gefehlt habe, so zeigen Sie mich beim Kreisamt an, das ist Ihre Sache.«

»Meine Sache ist, Dich zur Ruhe zu bringen,« schrie der Mandatar, »Du elender Schreier, Rebell, und da werden wir es viel kürzer machen, legt ihn auf die Bank und gebt ihm hundert Prügel.«

»Sie werden mich nicht prügeln lassen, Herr,« sprach Matausch ruhig, »dazu haben Sie kein Recht.«

»Ich frage viel darnach. Vorwärts, ergreift ihn!«

Die Haiduken machten Miene, dem Mandatar zu gehorchen, aber die Menge drang mit erhobenen Stöcken auf sie ein, und sie zogen sich sofort wieder zurück.

»Keine Gewaltthat,« begann jetzt Matausch, die Bauern beschwichtigend. »Sie haben kein Recht, Herr, mich prügeln zu lassen, und Ihr dürft Euch gegen die Obrigkeit nicht auflehnen.«

Während sich die Menge langsam entfernte, ergriff der Mandatar plötzlich Matausch beim Genick und schrie: »Da ist er, der Hundesohn, auf die Bank mit ihm.«

Im Nu hatten die Haiduken den Alten überwältigt, aber im nächsten Augenblick sprang Damaska ihrem Vater zu Hilfe. Mit einem grossen Feldstein traf sie den Mandatar am Kopfe, so dass er blutend zu Boden stürzte, und riss Matausch aus den Händen der Haiduken, die erschreckt in das Haus flüchteten.

Die Bauern kehrten jetzt mit wildem Geschrei zurück, umringten Matausch und seine Tochter und brachten sie in Sicherheit.

Der Mandatar liess sie jetzt unbehelligt, aber Matausch erwartete deshalb doch nichts Gutes. Er sass vor seiner Hütte und dachte nach. Die Nachbarn kamen und gingen, der Alte hörte die Rathschläge an, die sie ihm ertheilten, aber keiner von allen gefiel ihm sonderlich.

Nachmittags brachte der herrschaftliche Schafhirte die Nachricht, dass der Mandatar einen Bericht in die Kreisstadt gesendet und Soldaten gegen die rebellischen Bauern verlangt habe.

Matausch nickte traurig mit dem Kopfe und rief dann seine Tochter zu sich in die Stube.

»Ich mache Dir keinen Vorwurf daraus, Damaska,« sprach er, »dass Du den Mandatar mit dem Steine getroffen hast, Du hast Deinen alten Vater vor der Schande gerettet, die er gewiss nicht überlebt hätte, aber jetzt haben sie uns in der Hand, wir haben uns gegen die Obrigkeit aufgelehnt und den Stellvertreter unseres Gutsherrn verwundet. Wenn die Soldaten kommen, dürfen wir nicht an Widerstand denken, sie würden uns sonst einfach niederschiessen. Man wird uns also Alle einziehen, in den Kerker werfen und ohne Zweifel zu schweren Strafen verurtheilen.«

»Wie wäre das möglich,« rief Damaska, »da wir doch im Rechte sind?«

»Wir waren im Rechte,« erwiderte ihr Vater, »jetzt sind wir es nicht mehr.«

»Sollen wir uns gutwillig strafen lassen, dafür, dass der Mandatar uns Gewalt anthun wollte?« fragte die zweite Tochter des alten Matausch, die blonde Nikola.

»Wir haben hier nichts mehr zu suchen,« fuhr der Alte fort, »hier im Dorfe erwartet uns nur Gefängniss und Strafe, überdies wird uns die Herrschaft so wie so unser Haus und unseren Grund wegnehmen, sobald man uns einmal gefangen genommen und weggeführt hat, deshalb will ich mit Euch in die Berge gehen, dorthin, wo die Zufluchtsstätte aller Unglücklichen und Verfolgten ist. Gott wird uns nicht verlassen.«

»Willst Du ein Hajdamak (Rebellischer Bauer, Räuber) werden, Vater?« sprach seine jüngste Tochter Maruschka.

»Nein, gewiss nicht,« erwiderte er, »wir werden auch so finden, was wir brauchen, und jetzt macht Euch fertig. Mit Anbruch der Nacht machen wir uns auf den Weg.«

Und so geschah es. Als es vollkommen dunkel geworden war und sich nur hie und da ein Stern an dem mit Wolken bedeckten Himmel sehen liess, zogen Matausch und seine beiden jüngeren Töchter mit ihrem Hab und Gut davon, sie trieben das Pferd und die einzige Kuh, die sie hatten, sowie das Schwein mit den Ferkeln langsam vor sich her. Das Wenige, was sie sonst besassen sowie die Hühner trugen sie in Körben auf dem Rücken. Der Hund ging mit ihnen, die Katze, welche Maruschka auf dem Arme trug, machte sich los und setzte in grossen Sätzen in die Hütte zurück.

Nachdem sie einen Vorsprung gewonnen, zündete Damaska, die noch zurückgeblieben war, das Stroh und Reisig an, mit dem sie ihre Hütte angefüllt hatten, und folgte den Vorausgegangenen dann eilig. Als sie sich bei dem Kreuze, das auf dem Berge hoch über dem Dorfe Stand, zusammenfanden, schlugen die Flammen bereits aus Thür und Fenster sowie aus dem Strohdach ihrer verlassenen Hütte empor. Matausch blickte lange seufzend, Thränen in den Augen, hinab, dann schritt er mit seinen Kindern weiter, in die Karpathen, in die Wildniss.

Es war die Zeit, wo die Huzulen, die kühnen Bewohner der Karpathen, die selbst zur Zeit der Sclaverei und des Robot (der Fronarbeit) ihre Freiheit behaupteten und keinem Herrn gehorchten, noch mit ihrem Vieh auf den hoch im Gebirge gelegenen Weiden waren, auf denen sie heute noch den ganzen Sommer zuzubringen pflegen. Matausch zog es daher vor, mit seinen Töchtern eine Gegend aufzusuchen, die selten oder nie der Fuss eines Menschen betrat. Er fürchtete zwar nicht, dass die Bergbewohner ihn ausliefern würden, aber er wusste, dass der Arm der Gerichte weiter reichte als der eines Dominiums, und da er in sich einen Verbrecher und in seiner Tochter Damaska eine Verbrecherin sah, mied er die Wege, welche die Menschen gingen.

Nach einer beschwerlichen, zum Theil sogar lebensgefährlichen Wanderung durch den Urwald, über hohe Felsenberge und tiefe Abgründe, in denen wilde Sturzbäche brausten, liess der Alte sich in einer von zwei hohen Granitwänden gebildeten Schlucht nieder, deren nördlicher Eingang sich hinter Steingerölle und vom Sturm gebrochenen, halbverfaulten Bäumen verbarg, während der gegen Süden gelegene durch einen kleinen See vollkommen von der Aussenwelt abgesperrt war. Hier, wo hohe, schwarze Tannen und höher oben nur isländisches Moos und kleine Kiefern wuchsen, wo der Adler in den Lüften kreiste und in den mit Moos bewachsenen Klüften Bär und Wolf hausten, bauten sich die Flüchtlinge eine Hütte aus den Stämmen junger Tannen, die sie mit Reisig deckten und in der sie sich aus Steinen einen Herd errichteten. In kürzester Zeit stellten sie sich mit Hacke und Nägeln die nothwendigste Einrichtung her, und da es ihnen, solange die Kuh Milch gab und die Hühner Eier legten, auch nicht an Nahrung fehlte, versöhnten sie sich bald mit ihrem Schicksal.

Während die Mädchen essbare Schwämme und verschiedene Beeren suchten, die Kuh und die Schweine auf die Weide führten, das Haus in Ordnung hielten und kochten, durchstreifte der Alte von seinem Hunde begleitet die Gegend, zu keinem andern Zwecke, als um einem Thiere gleich für sich und seine Jungen Nahrung zu finden. Er stellte den Drosseln Schlingen und es gab keinen Tag, wo er nicht mehrere heimbrachte, er entdeckte, dass es in dem kleinen, krystallklaren See prächtige Forellen gab, und bald war ein wenn auch nur rohgearbeitetes Netz fertig, mit dem er mehr als eine derselben hervorholte.

Zweimal beschädigte der Regen ihre Wohnung in erheblicher Weise, das dritte Mal zerstörte ein Wolkenbruch dieselbe fast ganz und brachte sie Alle in ernste Gefahr. Nur mit der grössten Anstrengung gelang es ihnen, ihr Hab und Gut, ihr Vieh und sich selbst auf eine erhöhte Felsplatte zu retten, aber auch hier wurden zwei der kleinen Schweine herabgeschwemmt und ertranken, und das Wasser, das immer höher stieg und fast die ganze Schlucht füllte, drohte Alle, Menschen und Thiere, in dem feuchten Abgrund zu begraben.

In dem Augenblick der höchsten Noth brachen sich indess die Wellen einen Ausweg in den natürlichen Wall, der den Eingang zur Schlucht sperrte, zugleich hörte der Regen auf und si begann das Wasser wieder zu sinken. Es währte indess zwei Tage, ehe das Erdreich wieder soweit trocken war, dass die Flüchtlinge an den Wiederaufbau ihrer Hütte denken konnten, sie mussten daher ebenso viele Nächte unter freiem Himmel zubringen. Dann erst kamen sie von ihrem Felsen und die Hühner von ihrem Baume, auf den sie sich geflüchtet hatten, herab, und nach kurzer, aber angestrengter Arbeit war der Schaden wieder gut gemacht, und sie konnten wieder unter dem schützenden Dache ruhen.

Auf einem seiner nicht selten mehrtägigen Streifzüge gelangte Jur Matausch bis an die Grenze des Dominiums von Rokaw. Während er an einer Quelle im Gebüsch verborgen rastete, hörte er auf den knisternden Tannennadeln, die den Boden bedeckten, Schritte nahen und erblickte den Mandatar Liewald, der, eine einläufige Flinte auf der Schulter, die Waidtasche umgehängt, offenbar auf die Jagd ging. Ehe Matausch es hindern konnte, sprang sein Hund mit lautem Gebell auf den Mandatar los. Dieser warf einen Stein nach ihm, aber das Thier drang nur um so wüthender auf ihn ein, so dass der Mandatar ungeduldig die Finte herabriss und sie auf das Thier abfeuerte. Der Schuss ging fehl und in demselben Augenblicke, wo der grosse Wolfshund den Mandatar bei der Brust fasste und zu Boden riss, trat Matausch aus dem Gebüsch hervor.

»Gott hat gerichtet,« sprach er, »und hat Ihr Leben in meine Hand gegeben.«

»Was willst Du?« fragte der Mandatar bebend und bleich vor Todesangst, »willst Du mich tödten?«

Matausch nahm die Flinte, die neben seinem Feinde lag, rief seinen Hund und hiess den Mandatar aufstehen. »Geben Sie mir auch noch Ihre Jagdtasche,« sagte er dann, »ich kann sie gut brauchen.«

Der Mandatar that, wie ihm geheissen.

Der Alte hing die Tasche um und lud das Gewehr.

»Hast Du die Absicht, mich zu erschiessen?« fragte der Mandatar, »hier ist Geld, verschone mich.«

»Ich brauche Ihr Geld nicht,« erwiderte Matausch, »gehen Sie, entfernen Sie sich rasch, denn wenn meine Leute kommen, sind Sie verloren. Gehen Sie und der Himmel verzeihe Ihnen, was Sie an mir gethan.«

Der Mandatar floh rasch den Abhang hinab und Matausch kehrte guter Dinge mit der prächtigen Beute, die er gemacht hatte, nach Hause zurück.

Damaska billigte nicht, dass er das Leben des Mandatars geschont hatte. »Wenn ich ihn einmal treffen sollte,« sprach sie, »dann werde ich Alle, die er elend gemacht hat, an ihm rächen!«

»Das wäre nicht gut, mein Kind,« entgegnete der Alte, »uns ziemt Vergebung und Geduld, Gott allein steht die Rache zu.«

Während der letzten Sommerzeit und zu Anfang des Herbstes blieben die Flüchtlinge in ihrem sicheren Asyl. Matausch ging jetzt manchmal mit der Flinte aus, und da er seine Schüsse sparte, brachte er jedesmal, wenn er sein Rohr abfeuerte, irgend ein Wild mit, wenn nicht einen Rehbock oder eine Gemse, so doch mindestens einen Tüchtigen Hasen. Dann gab es jedesmal einen Festtag oder auch mehrere.

Als sich aber der Winter anzumelden begann, da erklärte der Alte, es sei nicht nur gefährlich, sondern geradezu unmöglich, länger in ihrer Hütte auszuharren, wo sie jede Stunde von einem starken Schneefall begraben werden könnten. Er hatte sich überzeugt, dass die Hirten längst die Weiden verlassen hatten und dass die Blockhäuser, die auf den letzteren erbaut waren, leer standen. In einem solchen beschloss er zu überwintern, und so traten die Heimatlosen von Neuem die Wanderung an, mit Allem, was ihnen gehörte.

Sie zogen diesmal nicht weit. Bald zeigte sich ein ausgedehntes Plateau und auf demselben, umgeben von einem starken Zaune, ein geräumiges Blockhaus. Hier richteten sie sich für den Winter ein. Die Mädchen sammelten Wachholderbeeren, aus denen sie einen gesunden Branntwein bereiteten, und der Alte suchte einen Hirsch zu erlegen, dessen Fleisch geräuchert einen Vorrath für den Winter abgeben konnte.

Es war gerade der erste Schnee gefallen, als Matausch bei einem solchen Ausflug auf einen grossen Bären stiess und, nachdem er denselben durch einen Schuss verwundet hatte, von dem furchtbaren Thiere umarmt und getödtet wurde. Es geschah nicht weit von dem Blockhaus. Seine Töchter hörten den Schuss und des Vaters Hilferuf, sie eilten herbei, aber sie kamen zu spät. Alles, was ihnen gelang, war, den Bären zu verscheuchen und die Leiche ihres Vaters zu retten.

Während Damaska sich der Flinte bemächtigte, trugen die beiden Anderen den Todten in das Haus. Hier lag er zwei Tage, am dritten begruben sie ihn und pflanzten ein hölzernes Kreuz auf seinem Grabe auf.

In dem Augenblicke, wo dies geschehen war, erklärte Damaska ihren Schwestern, dass eine von ihnen fortan das Haupt der Familie sein müsse und die Anderen derselben zu gehorchen hätten. Nikola und Maruschka erwiderten in einem Athem, dass nur Damaska ihr Oberhaupt sein könne, und stellten sich willig unter ihre Befehle.

Damaska trat neben das Kreuz und liess die beiden Anderen die Hände auf dasselbe legen und Treue und Gehorsam schwören. Als dies geschehen war, gingen sie zusammen in das Haus und hielten ein stilles Todtenmahl ab, bei dem sie nach uralter slavischer Sitte des Verstorbenen und seiner guten Eigenschaften und Thaten gedachten.

Am Schlusse desselben erhob sich Damaska und schwur, den Vater zu rächen, sie schwur, sie wolle entweder das Leben verlieren oder den Bären tödten, der den Vater umgebracht hatte, auch den Mandatar bestrafen, der sie Alle von Haus und Feld in die Wildniss getrieben hatte.

Die Mädchen hatten bei ihrer Flucht auch einen mit dem Bilde des Gekreuzigten geschmückten Weihkessel mitgenommen, der jetzt an der Thürpfoste hing. Noch an demselben Abend schnitt Damaska in eine Flintenkugel ein Kreuz ein und legte dieselbe, während sie ein Gebet sprach, in das Weihwasser. Am folgenden Tage bekreuzte sie sich, nahm die Kugel aus dem Weihkessel, lug sie in das Gewehr, hing dasselbe um die Schulter, steckte ein langes, scharfes Messer zu sich, wickelte ein Stück groben Tuches um ihren linken Arm und ging so davon.

Sie kehrte erst gegen Abend zurück, müde und ernst, aber guten Muthes. Nach langem Umherirren hatte sie die Spuren des Bären entdeckt und bis zu dem Felsen verfolgt, dessen Kluft ihm als Wohnung diente und zugleich eine natürliche Festung bildete. Hier war sie entschlossen, das Thier aufzusuchen, und wie sie sich entschloss, so that sie auch.

Am nächsten Tage stand sie vor Sonnenaufgang auf, rüstete sich genau so wie das erste Mal und verliess, nachdem sie noch von ihren Schwestern Abschied genommen, das Blockhaus.

Hundert Schritte von der Kluft entfernt, in der das furchtbare Thier hauste, standen drei grosse Tannenbäume von dichtem, jungem Holz umgeben. Hier erwartete sie den Bären.

Er liess nicht lange auf sich warten. Als die Sonne über den schwarzen Wipfeln der Bäume, die die starren Felsen krönten, sichtbar wurde und den Schnee mit einem röthlichen Schimmer übergoss, kam er hervor und näherte sich langsam.

Als er nur noch zehn Schritt entfernt war, sprang Damaska aus dem Gebüsch und schrie ihn an. Der Bär spitzte die Ohren und setzte sich auf.

Das kühne Mädchen feuerte rasch entschlossen die Flinte auf ihn ab und traf ihn auch, aber nicht tödtlich.

Der Bär stand jetzt aufrecht in seiner ganzen Grösse vor ihr und ging mit offenem Rachen auf sie zu. Damaska warf die Flinte zur Erde und erwartete ihn stehenden Fusses.

Als er nur noch einen Schritt weit von ihr entfernt war, sprang sie auf ihn zu, stiess ihm den mit dem Tuche umwickelten linken Arm in den Rachen und mit der Rechten das Messer in das Herz. Lautlos sank das Unthier um. Die furchtbaren Tatzen, mit denen er Damaska umarmen wollte, rissen ihr zu beiden Seiten den kurzen Schafspelz auf, den sie an hatte, sie selbst trug aber nicht die geringste Verletzung davon.

Auf den Schuss, den das Echo der Felsenberge dreifach zurückgab, kamen ihre Schwestern herbei. Sie starrten zuerst sprachlos das erlegte riesige Thier an, dann priesen sie Damaskas Muth und halfen ihr, aus Tannenästen einen kleinen Schlitten herzustellen, auf dem sie Alle zusammen die herrliche Beute im Triumph in das Blockhaus führten.

Hier zerlegten sie den Bären auf der Stelle. Seine Tatzen gaben ein leckeres Gericht, die Schinken wurden in den Rauchfang gehängt, das prächtige Fell wurde aufgespannt, damit es langsam trockne, und das übrige Fleisch des Bären gab die beste Lockspeise für die Wolfsgruben, welche Damaska, um sich vor den zahlreichen Raubthieren zu sichern, rings um die Einfassung des Blockhauses gegraben und mit Reisig gedeckt hatte.

Sie fingen in kurzer Zeit zwei Wölfe, fünf Füchse und einen Luchs in denselben und tödteten sie, um das Pulver zu sparen, mit Beilhieben.

Da die Kleider und Schafspelze, die sie aus dem Dorfe mitgenommen hatten, bereits sehr schadhaft waren, beeilten sich die drei Mädchen, sich aus den Fellen der erlegten Thiere neue Anzüge für den Winter herzustellen. Sie sahen in denselben wild, aber schön und prächtig, wie skythische Amazonen aus, es fehlte nur Bogen und Köcher, um das Bild derselben vollständig zu machen.

Damaska trug Bundschuhe aus Rehleder, die geschnürt waren und bis zu den Knieen reichten, einen kurzen Rock, eine Jacke und Mütze aus Bärenpelz, mit den Haaren nach auswärts. Nikola war auf gleiche Weise in Wolfsfelle und Maruschka in Fuchspelz gekleidet. Damaska ging jetzt auf die Jagd, aber nie schoss sie ihre Flinte auf geringes Wild ab, und wenn sie mit vom Pulver geschwärztem Rohr heimkehrte, so lag gewiss irgendwo ein Hirsch, oder doch mindestens ein starker Rehbock auf dem Schnee, und sie kam nur, ihre Schwestern zu holen, die dann die Jagdbeute auf dem kleinen Schlitten heimführten.

Nikola und Maruschka beschäftigten sich mehr im Hause oder doch in der Nähe desselben, sie fegten und scheuerten, kochten und nähten, sie fällten junge Bäume und zerhackten sie in Scheite, sie fütterten die Thiere und melkten die Kuh.

So flossen ihre Tage einförmig, aber in keiner Weise unangenehm dahin.

Es begann ihnen aber endlich an diesem und jenem zu fehlen, das, so geringfügig es auch war, unentbehrlich schien, und sie begannen, vorsichtig zwar, aber mit nicht geringer Kühnheit, Ausflüge in die benachbarten Dörfer zu unternehmen.

Sie gingen dann in mondhellen Nächten, alle drei zusammen, Damaska mit Flinte und Messer, Nikola mit dem Beil und Maruschka mit der Knute bewaffnet. Gelangten sie in ein Dorf, so schlichen sie von Haus zu Haus, um zu entdecken, wo etwa die Bewohner, wie es an den langen Winterabenden üblich, zu den sogenannten Wetschernizi versammelt waren, die Frauen und Mädchen, um zu spinnen und Erbsen und Bohnen zu lesen, die Männer, um Kienspäne zu machen und Löffel und Pfeifen aus Holz zu schnitzen.

Hatten sie eine Hütte entdeckt, in der die Nachbarn beisammen sassen, so waren sie gewiss, dass in der Nähe Niemand zu Hause war. Die Thüren waren offen. Ehe das Gebell der Hunde sie verrieth und die Bewohner herbeirief, hatten sie sich jedesmal rasch dessen, was sie gerade benöthigten, eines Stückes Leinwand, einiger Strähne groben Zwirnes, mehrerer Laibe Brodes oder auch eines Schafes, dem sie schnell die Füsse banden, bemächtigt und, da sie das Angedenken ihres Vaters nicht einmal durch den geringsten Fehltritt verunehren wollten, ein Stück Geldes für das Mitgenommene auf dem Tische hinterlassen.

Dies erweckte bei den abergläubischen Bergbewohnern den Glauben, dass es die wilden Frauen (Wahrscheinlich ein Rest der bekanntlich unter den Slaven, namentlich den Tschechen, verbreiteten Amazonensage) seien, die ihnen von Zeit zu Zeit Besuche abstatteten. Diese, welche von dem Volke auch Göttinnen genannt werden, hausen der Sage nach in den Felsenhöhlen der Karpathen und streifen, in Thierfelle gekleidet, Wölfen gleich, in Rudeln in den Bergen umher. Wehe dem Manne, der in ihre Hände fällt, sie erwürgen ihn mit ihrem langen Haar. Sie kommen auch in die Dörfer, holen sich allerhand Dinge und lassen dafür Geschenke zurück, manchmal nehmen sie aber auch ein Kind mit und lassen dafür einen ihrer Wechselbälge in der Wiege zurück.

Dieser Aberglaube wurde den Leuten zur Gewissheit, als eines Abends ein Bauernweib, das in seine Hütte zurückkehren wollte, fremde Menschenstimmen in derselben hörte und als sie, zu Tode erschrocken, durch das Fenster in die erleuchtete Stube blickte, drei schöne, in Thierfelle gekleidete junge Weiber um die Wiege ihres Kindes stehen sah. Sie wagte nicht einzutreten, aber sie machte das Kreuz und begann zu beten, und nur ihrem Gebete schrieb sie es zu, dass die wilden Frauen ihr Kind nicht raubten, sondern nur mit Küssen bedeckten und, als sie sich leise und vorsichtig entfernten, sogar noch Geschenke in der Wiege desselben zurückliessen.

Als der Frühling kam, der geschmolzene Schnee in wilden Sturzbächen von den Bergen strömte und ringsum Alles zu grünen und zu knospen begann, geschah es, dass ein Jäger eines Tages den drei Mädchen begegnete. Auch er hielt sie für wilde Frauen. Er machte das Zeichen des Kreuzes und ergriff die Flucht.

Sie erriethen, weshalb sie dem Manne einen so furchtbaren Schrecken einflössten, und begannen eine wilde, lustige Jagd hinter ihm her. Der arme Mensch lief wie ein gehetztes Wild über Stock und Stein, und die schönen muthwilligen Mädchen verfolgten ihn mit einem Eifer, als gälte es in der That, ihn zu fangen und zu morden. Todesangst befeuerte die Schritte des Unglücklichen, der jetzt Flinte und Jagdtasche, Pulverhorn und Schotbeutel wegwarf, um besser laufen zu können. Schon hatte er einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, aber noch immer verfolgte ihn das helle Lachen der schönen, wildfremden Weiber, die ihn gleich Erynien oder Bacchantinnen jagten.

Er fühlte sich erst sicher, als er die ersten Häuser des nächsten Dorfes erreicht hatte.

Die Mädchen waren längst unter übermüthigen Scherzen auf dem Rückwege begriffen und mehr als Alle lachte Nikola und jauchzte um die Wette mit den Adlern, die über den Tannenwipfeln kreisten, denn sie hatte die Flinte und Jagdtasche des Jägers als erwünschte Beute behalten, während sich Damaska mit dem Pulverhorn und Schrotbeutel begnügte.

Es nahte die Zeit, wo die Hirten wieder auf die Karpathenweiden zogen. Die drei Mädchen beschlossen daher, das Blockhaus, in dem sie den Winter zugebracht, zu verlassen und wieder in derselben Felsenschlucht, in der sie Anfangs gewohnt, ihre Hütte aufzuschlagen.

Auf dem Wege dahin trafen sie in einem Walde mit einer Schaar Männer zusammen, die das Costüm der Bergbewohner trugen und sämmtlich bis an die Zähne bewaffnet waren. Trotzdem ergriff dieselben beim Anblick der drei in Thierfelle gekleideten Weiber ein an das Lächerliche streifender Schrecken. Ein Theil der Männer kehrte den Rücken und floh. Einzelne kletterten rasch auf die nächsten Bäume, Andere, die hierzu keine Zeit mehr hatten, warfen sich zur Erde, auf das Gesicht, und baten um Gnade.

Die Mädchen begannen laut zu lachen.

»Für was haltet ihr uns?« rief Damaska, »ohne Zweifel für wilde Frauen. Fürchtet nichts, wir sind nur arme, ausgestossene, verfolgte Menschenkinder wie Ihr selbst, denn wie es mir scheint, seid Ihr Hajdamaken.«

»Das sind wir auch,« erwiderte der Anführer der Schaar, ein schlanker, kräftiger Mann mit grauem Haar und Schnurrbart, der Einzige von Allen, der aufrecht stehen geblieben war und der Gefahr muthig entgegengesehen hatte, »und Ihr? Wie kommt Ihr hierher?«

»Wir sind die Töchter eines Bauern aus Rokaw, der vor der Ungerechtigkeit des Mandatars hierher in die freien Berge floh,« gab Damaska zur Antwort.

Der Wataschko (Hauptmann) setzte das Trembit (eine Art Jagdhorn), das er an einer rothen Schnur um die Schultern trug, an den Mund und rief durch den weithin dringenden Ton desselben die zerstreuten Gefährten zurück. Es währte nicht lange, si waren sie Alle wieder um ihn versammelt, ein Jeder betrachtete erstaunt und wohlgefällig zugleich die schönen wildaussehenden, muthigen Mädchen, dann lagerten sich Alle zusammen auf dem sammetgrünen Moose des Waldes um den alten Wataschko und Damaska, die auf zwei abgehauenen grossen Tannen wie auf erhabenen Thronsesseln einander gegenübersassen und sich gegenseitig ihre Schicksale und ihr unstätes abenteuerliches Leben in den Bergen erzählten.

»Und Ihr wollt nicht mehr in euer Dorf zurückkehren?« fragte der alte Wataschko, als Damaska zu Ende war.

»Wir können nicht,« gab sie zur Antwort, »bin ich doch nach den Begriffen der Richter eine grosse Verbrecherin. Man würde mich aufgreifen und in das Gefängnis werfen.«

»Was wollt Ihr denn allein in den unwirthlichen Bergen, in der Wildniss, Euch den Gefahren, die Ihr kaum kennt, preisgeben?« fuhr der Alte fort. »Ihr müsstet hier trotz Eures Muthes in kurzer Zeit zu Grunde gehen. Hört also meinen Vorschlag: Ihr zieht mit uns. Mein Wort bürgt Euch dafür, dass Ihr unter uns so sicher seid wie in dem Hause Eures Vaters.«

»Ich danke Euch,« sprach Damaska, »aber unser seliger Vater würde es uns niemals vergeben, wenn wir mit Euch gemeinsame Sache machen würden.«

»Weil Ihr uns für Räuber haltet,« versetzte der Wataschko würdevoll. »Wir sind Hajdamaken, weder Mörder noch Räuber oder Diebe, sondern Rebellen. Wir führen Krieg gegen die Bedrücker des Volkes, vor Allem gegen die Edelleute, wir rächen an ihnen ihre bösen Thaten und strafen, so Gott will, ihre Sünden. Dagegen haben wir noch nie einem Gerechten oder einem Armen ein Haar gekrümmt. Zu und in die Berge kommen die Unglücklichen, die Verfolgten, die Misshandelten und tragen uns unter Gottes freiem Himmel das Unrecht, das sie erlitten, und bei uns finden sie Hilfe und Schutz. Noch einmal, kommt mit uns, ein drittes Mal werde ich Euch nicht auffordern.«

»Ich nehme euer Anerbieten an,« sagte Damaska, »Wir wollen Mühen und Gefahren mit Euch theilen, doch unter einer Bedingung!«

»Sprecht sie aus,« antwortete der Wataschko.

»Sobald Ihr mir versprecht, meinen Vater an seinem Feinde, der ihn in den Tod getrieben hat, zu rächen, so zu rächen, wie ich es will.«

»Hier meine Hand,« erwiderte der Alte, »ehe der Mond wieder abnimmt, soll Dein Vater gerächt sein.«

»Und Ihr versprecht, den Elenden in meine Hände zu überliefern,« rief Damaska, »damit ich ihn bestrafen kann, wie es mir gut dünkt?«

»Sobald wir ihn lebendig bekommen,« sagte der Wataschko.

Damit war das Bündniss geschlossen. Die Hajdamaken schossen jubelnd Alle zugleich ihre Flinten in die Luft ab, dann bildeten sie einen grossen Kreis um die drei Mädchen und tanzten den Argan (eine Art Waffentanz der Huzulen).

Als das Trembit des Wataschko das Zeichen zum Aufbruch gab, ordneten sich Alle rasch, so wie er es befahl, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voran gingen zwei Männer, die im Falle eines Überfalles oder beim Nahen irgend einer Gefahr durch Pfiffe oder Schüsse die übrigen zu warnen hatten, ebenso wurden je zwei Mann links und rechts zur Seite entsendet.

In einer Entfernung von fünfhundert Schritten folgte die eigentliche Schaar. Zuerst dreissig Bewaffnete, dann der Wataschko mit den Mädchen, deren Vieh und Gepäck, dann wieder mehr als zwanzig Hajdamaken. Führ Männer blieben zurück, sie schlossen den Zug und deckten den Anderen den Rücken.

So ging es durch mehrere Stunden vorwärts, durch Schluchten und Engpässe, auf schwindelnder Höhe nur fussbreiter Gebirgspfade, über vom Sturme niedergeworfene Riesentannen hinüber, welche Abgründe und wildschäumende Sturzbäche überbrückten, durch Urwald und blumenbedeckte Matten. nachdem sie eine Stunde bei einer Quelle gerastet, zogen sie wieder weiter und kamen gerade bei Sonnenuntergang auf einem kleinen Plateau an, das, zwischen den Felsenzinnen gelegen und nur von einer Seite auf einem engen Pfade zugänglich, den Hajdamaken zugleich als Schlupfwinkel, Wohnung und unbezwingbare Veste diente.

Sie hatten sich hier aus riesigen Baumstämmen ein geräumiges Blockhaus errichtet, dessen hölzernes Dach mit grossen Steinen beschwert war, um es vor Sturm und Schnee zu schützen, und hatten sich auch mehrere Wohnungen, Schatzkammern und unterirdische Gänge tief in die Felsen hineingegraben.

Nicht mehr als vier Hajdamaken waren zur Bewachung hier zurückgeblieben, sie begrüssten den Wataschko mit Flintenschüssen und Trembitblasen wie einen heimkehrenden Feldherrn.

Dieser überliess den Mädchen für den Anfang das Blockhaus, ordnete aber auf der Stelle an, dass für dieselben ein eigenes Haus erbaut werden solle, und ehe eine Woche verging, stand dem ersteren gegenüber ein hübsches kleines Häuschen, an den Felsen gelehnt. In dem letzteren war ein geräumiger Keller ausgehöhlt worden, in den man unmittelbar aus der Küche gelangte. Neben dem Häuschen war ein Stall und vor demselben ein Gärtchen.

Hübscher und bequemer konnte man sechstausend Fuss über dem Meeresspiegel, zwischen unwirthlichen, kahlen Felsen und unter Räubern nicht wohnen.

Die drei Mädchen hatten sich rasch in die neuen Verhältnisse gefunden und jede von ihnen ihrem Wesen und Geschmack entsprechend eine andere Beschäftigung ergriffen. Maruschka kochte für die ganze Bande und nähte und hielt Haus und Keller und Stall in Ordnung, Nikola ging auf die Jagd und Damaska nahm an den Kriegszügen der Hajdamaken Theil.

Schon zwei Mal hatte sie Gelegenheit gehabt, List und Muth zu beweisen.

Einmal ging sie allein, ohne Waffen, einen jungen Tannenbaum in der Hand, einem Streifcorps entgegen. Die Soldaten riefen: »Eine wilde Frau!« machten Kehrt und geriethen, als sie durch einen Hohlweg liefen, in ein mörderisches Kreuzfeuer der Hajdamaken, welche zu beiden Seiten hinter Bäumen und Felsen versteckt waren.

Ein anderes Mal drang sie, Allen voran, in einen Edelhof ein. Während die Hajdamaken die Diener, die Frau und die Kinder überfielen und knebelten, trat Damaska in das Zimmer, in welchem der Gutsherr bei einer langen Pfeife die Zeitung las.

Er sprang zu Tode erschrocken auf und griff nach der Pistole, die an der Wand hing.

»Wollen Sie auf ein Weib schiessen?« rief Damaska.

Der Pole hielt inne und im nächsten Augenblicke war er ihr Gefangener.

Früher, als es Damaska zu hoffen gewagt hatte, kam der Tag, an dem der alte Wataschko sein Wort einlöste.

Einer der Zahlreichen Kundschafter, welche die Hajdamaken unter den misshandelten, unzufriedenen Bauern der Ebene hatten, meldete denselben, dass der Mandatar Liewald, um die Chintzes zu beaufsichtigen, jeden Nachmittag auf das Feld reite und hier die beste Gelegenheit sei, sich seiner zu bemächtigen, da nicht einer der Dorfleute die Hand zur Vertheidigung des Verhassten erheben werde.

Die Hajdamaken pflegten ähnliche kühne und gefährliche Züge in die dichter bevölkerte Ebene hinab zu Pferde zu unternehmen. Sie hatten einige jener kleinen, aber feurigen, kräftigen und verlässlichen Gebirgspferde, welche ohne Hufeisen bei Tag und Nacht mit der gleichen wunderbaren Sicherheit, ohne dass man die Zügel zu führen braucht, auf den gefährlichsten Pfaden dahinreiten.

Der Wataschko fiel sie alle satteln. Er selbst, Damaska, die vor Begierde brannte, ihren Vater zu rächen, und noch fünfzehn Hajdamaken schwangen sich auf den Rücken der kleinen kohlschwarzen Thiere, und dann ging es hinab, auf einsamen, gefährlichen Pfaden.

Die Sonne stand bereits ganz nieder über den einem weiten Zeltlager gleichenden aufgerichteten Garben, an dem Rande der Ebene, als sie in Rokaw anlangten.

Sie ritten durch das Dorf, um dem Mandatar den Weg zu verlegen, und während der Wataschko mit zehn seiner Leute die Eingänge zu demselben und dem Dominikalhofe besetzt hielt, jagte Damaska mit den anderen durch die Felder dahin.

Der Mandatar Liewald liess eben einem Bauer, der ihm darüber Vorstellungen machte, dass er in dieser Woche statt an zwei Tagen, an denen er verpflichtet war, bereits an fünf Tagen hatte Robot leisten müssen, Stockprügel geben, als die Rächerin heransprengte und, ehe Liewald sich dessen versah, ihm die Schlinge, deren Ende an ihrem Sattelknopf befestigt war, mit der Geschicklichkeit eines Kosaken um den Hals warf.

»Jesus! Maria!« rief der Dorftyrann. »Barmherzigkeit!«

Es waren die letzten Worte, die er sprach. Niemand erbarmte sich seiner, am wenigsten Damaska.

»Seht, die Hajdamaken, sie haben ihn gefangen, Gott hat gerichtet!« riefen die Bauern durcheinander, ohne dass nur einer daran dachte, dem Elenden zu Hilfe zu kommen.

Dieser griff vergeblich mit beiden Händen nach dem Halse. Damaska sprengte davon, riss den Mandatar hierdurch von seinem Pferde herab und schleifte den Mann über Stock und Stein mit sich fort.

Als sie bei der Stelle vor dem Walde ankam, wo ihr Vater von dem heimatlichen Dorfe Abschied genommen hatte, war der Mandatar nur nich ein aus hundert Wunden blutender, lebloser Körper.

Zufällig waren im Edelhofe zu Rokaw zwei Landsdragoner anwesend, welche eben von einem Streifzuge zurückgekehrt waren. Als man den Überfall meldete, forderten sie die Diener auf, sich zu bewaffnen, ausser diesen gesellten sich noch die Haiduken und der Förster zu ihnen. Alle zusammen zogen durch das Dorf den Hajdamaken entgegen.

Beim Ausgange des Ortes kam es zu einem Gefechte, in welchem ein Haiduk und der Förster verwundet wurden, dafür aber der alte Wataschko durch die Kugel eines Landsdragoners fiel.

Die Hajdamaken, durch den Tod ihres Führers erschreckt, ergriffen die Flucht, von den Gegnern hitzig verfolgt.

Da sprengte Damaska mit den übrigen Hajdamaken heran. Ihr Zuruf brachte die Fliehenden zum Stehen und feuerte sie zu neuen Kampfe an. Ohne dass Jemand sie dazu aufforderte, übernahm sie den Befehl und Alle gehorchten ihr, ohne nur einen Augenblick zu überlegen, auf den Wink.

Damaska schoss den einen Landsdragoner vom Pferde herab, verwundete den zweiten mit ihrem Topor (Beilstock) und trieb die Übrigen vor sich her in das Dorf zurück, wo sie Alle die Waffen wegwarfen und um Gnade baten.

Damaska machte indess kurzen Prozess mit ihnen.

»Würden die grausamen Herren keine willfährigen Diener finden,« rief sie, »würde es bald kein Elend und keine Verzweiflung unter dem armen Volke geben.«

Wenige Minuten später waren alle Gefangenen auf den Ästen der grossen Linden, die den Edelhof umstanden, aufgeknüpft.

Nachdem aus dem letzteren das Werthvollste durch die Hajdamaken geraubt und auf die eingefangenen Pferde der gefallenen Feinde gepackt worden war und hierauf die Bauern das Wohnhaus und die Scheunen geplündert hatten, liess Damaska den Edelhof anzünden, die Leiche des Wataschko auf dem Sattel seines Pferdes festbinden und trat mit ihren Leuten den Rückzug in die Berge an.

Hoch oben auf dem erhabenen Felsenkatafalk lag der todte Hajdamakenführer zwei Tage unter freiem Himmel aufgebahrt, zwei seiner Leute hielten Wache bei ihm, über ihm kreisten die Adler und unten in den Klüften ertönte wie eine Todtenklage das heisere Geheul der Wölfe.

Am dritten Tage begruben sie ihn in einem Felsengrab, auf das eine Pyramide von Steinen geschichtet und ein roh gezimmertes Kreuz gepflanzt wurde. Dann versammelten sie sich zu einem stillen Todtenmahl und nach diesem schritten sie zur Wahl eines neuen Wataschko.

Die Stimmen schwankten lange hin und her, da stand ein alter Hajdamak mit schneeweissem Haar auf. »Ich denke, wir haben unsern Anführer bereits gefunden,« sprach er, »Gott selbst hat ihn uns gesendet in der Stunde, wo unser Wataschko fiel und wir von den Feinden bedrängt waren. Damaska kann befehlen wie Niemand sonst unter uns, sie soll uns fortan führen.«

Viele stimmten ihm bei, doch waren wieder mehrere da, die sich keinem Weibe unterordnen wollten.

»Es ist doch besser, einem Weibe zu gehorchen als einem Manne,« sprach wieder der Alte, »mir wenigstens wird es nicht leicht, einen Herrn über mir anzuerkennen, der nichts Besseres ist als ich selbst. Dagegen ist das Weib aus feinerem Stoff erschaffen als ich, und ich sehe keine Schande darin, ihrer Stimme zu folgen.«

Von verschiedenen Seiten wurde lebhafter Widerspruch laut.

»Hört mich doch zu Ende,« fuhr der Alte fort, »hat Gott etwa das Bessere zuerst erschaffen und dann das Schlechtere oder umgekehrt? Gott hat zuerst Himmel und Erde erschaffen, Sonne, Mond und Sterne, die Steine und die anderen leblosen Dinge, dann die Pflanzen, die Thiere, den Mann und zuletzt erst das Weib, und er hat den Mann aus Erde erschaffen, das Weib aber aus der Rippe des Mannes, somit ist das Weib aus edlerem Stoffe wie der Mann.«

Ringsum ertönte Zustimmung und Gelächter.

»Somit stimme ich noch einmal dafür, dass Damaska unsere Führerin sei,« schloss der Alte.

Diesmal widersprach Keiner und so wurde Damaska zur Anführerin erwählt und ihr auf der Stelle als Zeichen ihrer Macht der mit Gold eingelegte Topor des gefallenen Wataschko übergeben. Sie versprach, gerecht und zum Besten Aller ihres Amtes zu walten, und hierauf schworen ihr Alle Treue und Gehorsam.

Damaska führte jetzt die Hajdamaken bei allen ihren Kriegszügen an, und da die Jugend kühner und unternehmungslustiger macht als das Alter und dem Kühnen das Glück lacht, so gelangen ihr Anschläge, deren Erfolg Niemand für möglich gehalten hätte, und Streiche, die der alte Wataschko niemals gewagt hätte, und ihre Schaar war bald in den Karpathengegenden gefürchtet wie keine zweite.

Wenn Damaska nach der Art der Huzulenweiber gekleidet, in gelben Stiefeln, rothen, türkischen Pantalons, einem kurzen Rock von blauer Farbe und einer Jacke aus weissem Tuch, die mit Marderpelz belegt war und auf der Brust offen das reichgestickte Hemd und zehn Reihen rother, mit Goldmünzen gemischter Korallen sehen liess, ein blutrothes Tuch turbanartig um das dunkle Haar gebunden, an der Spitze ihrer Leute ritt, glich sie viel mehr einer Semiramis, die einen Heereszug in das Land am Indus führt, als der Führerin galizischer Bauernrebellen, und alle Blicke hingen dann mit Stolz und Bewunderung an ihr.

Ein schönes Weib, geschaffen, Liebe zu empfinden und zu erwecken, schien sie nur von einem Gefühl beseelt, dem, an den Peinigern des armen Volkes, dem sie selbst angehörte, Rache zu nehmen. Keiner von allen Männern, die ihr nahten, wagte sein Auge zu ihr zu erheben, ein Jeder beugte sich ehrerbietig vor ihr und der Macht ihres starken Geistes und Willens. Sie selbst eilte, ihr Geschlecht vollkommen vergessend, von einer Unternehmung zu der anderen. Wo eine Klage laut wurde, der Wehruf eines Unglücklichen an ihr Ohr drang, da flog sie hin wie ein Adler, der sich mit einem kühnen Stoss seine Beute holt.

Am übelsten erging es einem Getreidehändler in der nächsten Kreisstadt, dessen Wucher zahlreiche Familien zu Grunde gerichtet hatte und der, indem er den leichtfertigen Gutsbesitzern die Ernte zu Spottpreisen noch

im Halm abkaufte und das Getreide aufspeicherte, in der Karpathengegend eine Hungersnoth veranlasste. Die Hajdamaken fingen ihn auf offener Heerstrasse, während rechts und links die Husaren streiften, nahmen ihm zweitausend Gulden ab und gossen ihm zur Strafe für seine Geldgier geschmolzenes Silber in den Hals, bis er unter entsetzlichen Qualen seinen Geist aufgab.

Das immer mehr zunehmende Hajdamakenunwesen zwang die Dominien, sich zu verständigen und gemeinschaftlich gegen die Banden, welche die Karpathengegenden beunruhigten und plünderten, zu operiren. Man wählte den Sommer, die Zeit, wo die Huzulen sich mit ihrem Vieh und ihren Schafheerden auf den Karpathenweiden befanden, zu dem Zwecke, um eine grosse allgemeine Streifung zu veranstalten, da man an den Hirten allerorten verlässliche Kundschafter zu haben hoffte, und traf allenthalben Anstalten wie zu einem Feldzuge. Ausser den herrschaftlichen Haiduken, Förstern und Hegern wurde noch ein grosser Theil der Dienstleute mit Feuerwaffen und Patronen versehen, die Unterthanen mussten jeden zehnten Mann stellen und zwar mit aufwärts genagelter Sense oder einem Dreschflegel bewaffnet.

Es kam aber ganz anders, als man erwartet hatte. Das Landvolk machte gemeinsame Sache mit den Rebellen.

Die Kunde von der beabsichtigten Landesstreifung ging wie ein Lauffeuer hin und her und drang, von den in den Bergen ihre Thiere weidenden Hirten weitergetragen, bis in die einzelnen Lager und Schlupfwinkel der Hajdamaken.

Anfangs waren die Hajdamaken rathlos, die Meisten stimmten dafür, der Gefahr aus dem Wege zu gehen und über die Grenze nach Ungarn zu flüchten, wohin ihnen ihre Verfolger nicht nachsetzen durften, bald wurde jedoch bekannt, dass auch die benachbarten ungarischen Comitate im Einverständnis mit den galizischen Kreisämtern ihre Panduren und Bauern aufgeboten hatten, um einen Cordon zu ziehen und den Hajdamaken den Übertritt auf ungarisches Gebiet unmöglich zu machen.

Da, in der allgemeinen Noth und Verzweiflung, stand Damaska auf und durcheilte das Gebiet, um alle in demselben zerstreuten Banden unter gemeinsamen Oberbefehl zu bringen, zu gemeinsamem, kräftigem Handeln, zur muthigen, energischen Vertheidigung gegen den Feind, der sie Alle in gleichem Masse bedrohte, zu vereinigen.

Schon hatte sie die Meisten gewonnen, aber es galt vor Allem, einen Befehlshaber zu finden, dem sich Alle gern unterordneten und der fähig war, die natürliche Felsenfestung der Karpathen mit Umsicht und Erfolg zu vertheidigen. Immer wieder wurde bei den Berathungen, denen Damaska beiwohnte, von den klügsten und erfahrensten Männern der Name eines Wataschko genannt, der im Stanislauer Kreise mit einer kleinen, aber trefflich bewaffneten und verwegenen Schaar zahlreiche kühne Streiche ausgeführt und weithin von sich reden gemacht hatte.

Zu ihm ritt also Damaska, von einigen ihrer Leute und mehreren Anführern anderer Schaaren begleitet.

Solomon Bojdak, so hiess der Wataschko, empfing sie in seinem Lager, das von einem Erdwall umgeben mitten im Urwalde lag, wie etwa vor Zeiten ein asiatischer Fürst die kriegerische Despotin eines Nachbarreiches empfangen haben mag.

Er kam ihr mit einem berittenen Gefolge entgegen, das gleich ihm festlich gekleidet war. Alle trugen die malerische Huzulentracht, ein mit Blumen bunt ausgenähtes Hemd, das nur bis zu dem mit Messingknöpfen besetzten Gürtel reichte, weite blaue, grüne oder gelbe Tuchhosen, die unten über den rothen Strümpfen zusammengeschnürt waren, Bundschuhe von rohem Leder, über der braunen Jacke den rothen oder weissen, mit blauen Schnüren besetzten Sardak (Dolman) um die Schultern fliegend. Im Gürtel hatten sie Pistolen und Messer stecken, während an demselben die Pfeife, der Feuerstein und die mit ungarischem Tabak gefüllte Schweinsblase hingen und das Pulverhorn von der Schulter herabfiel. Auf dem Kopfe sass der breite, mit Schnüren, Messingknöpfen und Federn verzierte Hut. Alle hatten Finten umgehängt und den Topor in der Hand.

Der Wataschko trug einen rothen mit Marderpelz besetzten Sardak, der reich mit Gold verschnürt war, und einen Kalpak auf dem schönen, von langen, schwarzen, fettglänzenden Locken umwallten Kopf, während Damaska in einer hellgrünen, mit Luchspelz ausgeschlagenen Jacke, den Kantschuk in der Hand, heransprengte und ihr breiter, mit Dukaten benähter Zopf gleich einer funkelnden Krone auf ihrem Haupte lag.

Als sie sich trafen und nach treuherziger Huzulensitte die Hände schüttelten, wechselten sie zugleich einen langen Blick voll naiver Verwunderung und aufrichtigen Wohlgefallens. Dann ritten sie neben einander dem Lager zu. An dem Eingange desselben begrüssten Flintenschüsse, Trembittöne und wild jubelnder Zuruf das schöne, tapfere Weib.

In einer grossen, luftigen Laubhütte wurde ein reiches und gutes Mahl aufgetragen. Es fehlte weder an Forellen noch an Wild und der feurige Ungarwein wurde in keiner Weise gespart.

Nach dem festlichen Gelage kam der bevorstehende Kampf zur Sprache. Damaska führte das Wort und Solomon hörte aufmerksam zu und jedes ihrer klugen, muthigen Worte stahl sich in sein Herz und machte es mehr und mehr dem schönen Weibe mit den grossen verständigen Augen und dem rothen, vollen Mund, der in gleicher Weise dazu erschaffen schien, Küsse zu spenden und Befehle zu ertheilen, unterthan.

Der Wataschko stimmte Damaska in Allem bei, nur weigerte er sich Anfangs aus Bescheidenheit, den Oberbefehl zu übernehmen, viel lieber hätte er sich unter ihr Commando gestellt. Er gab aber zuletzt doch nach und versprach, mit ihr zugleich aufzubrechen, um sich mit den anderen Banden auf der Tschorna Hora (der schwarze Berg) zu vereinigen, gegen welche zu die Streifung beginnen sollte.

Ein Ritter der Troubadourzeit, ein polnischer Magnat vom Hofe des Königs Stanislaus August konnte seiner Dame keine treueren und galanteren Dienste leisten, als sie der Wataschko der schönen Damaska auf dem Wege von seinem Lager zu dem gemeinsamen Sammelplatz weihte. Niemand durfte ihr nahe kommen, Niemand für sie sorgen, Niemand ihren Wünschen, die wie Befehle klangen, gehorchen als er. Er hob sie auf das Pferd und von demselben herab; wenn sie rasteten, eilte er, einen grünen Baldachin von Zweigen über ihrem Scheitel zu bilden, um sie vor der Sonne zu schützen, er lief zur Quelle, ihr einen frischen Trunk zu holen, er tischte ihr den Inhalt seiner Torba (Tasche, welche die Bergbewohner um die Schulter tragen) auf dem nächsten abgehauenen Baumstamm auf, dessen zahlreiche Jahresringe weisende Platte als bequemer Tisch diente, und wenn Damaska schlief, lag er zu ihren Füssen und bewachte jeden ihrer Athemzüge.

Unterwegs stiessen mehrere Hajdamakenbanden zu ihnen. So war die Schaar des Wataschko bereits über 500 Mann stark, als sie sich nach einer Reihe beschwerlicher Tagmärsche der Tschorna Hora näherten. Hier fanden sie in einem weiten Gebirgsthal, in dem mehrere Quellen und ein mit Fischen gefüllter kleiner See dazu einluden, bereits an tausend Hajdamaken gelagert, von denen sie mit lautem Jubel empfangen wurden.

Solomon Bojdak übernahm in der ersten Stunde den Oberbefehl und es war die höchste Zeit, denn von allen Seiten meldeten Bauern, Hirten, wandernde Zigeuner das Heranrücken der Feinde. Solomon wählte den östlichen Abhang der Tschorna Hora zum Kampfplatz.

Er stellte ringsum reitende Vorposten auf, und als dieselben am zweiten Abende mit den Landsdragonern und Haiduken Schüsse wechselnd sich zurückzogen und mit Anbruch der Dunkelheit in einem weiten Halbkreise die Wachtfeuer des gegen die Hajdamaken aufgebotenen kleinen Heeres sichtbar wurden, besetzte er noch in derselben Nacht mit seinen Banden die Felsen, die Plateaus und die bewaldeten Ränder der Schluchten, die von Sonnenaufgang her zu Tschorna Hora führten.

Die Gegner hatten keine Ahnung von der Macht, die ihnen gegenüber stand, sie glaubten, es mit einer starken, aber vereinzelten Bande zu thun zu haben, die sich hier aus Verzweiflung mit dem Rücken gegen die nahe Grenze zur Wehre setzen wollte, und rückten deshalb im Morgengrauen ziemlich sorglos heran.

Als sie aber aus Wald und Dickicht von allen Höhen und Felsen herab mit einem heftigen, wohlgenährten Feuer empfangen wurden, erkannten sie zu spät den Ernst der Sachlage. Statt vorzudringen, mussten sie sich in bessere Stellungen zurückziehen und in denselben gegen die von allen Seiten anstürmenden Hajdamaken sich vertheidigen.

Das Gefecht war bald auf der ganzen Linie entbrannt. Es war eine förmliche Schlacht, die hier gekämpft wurde.

Von Stunde zu Stunde wurde die Lage der Angreifer trotz ihrer Übermacht eine ungünstigere und bedenklichere. Rückwärts standen zweitausend Bauern vollkommen unthätig. Sie weigerten sich, mit Sensen und Dreschflegeln gegen die mit Feuerwaffen versehenen Hajdamaken auf diesem Terrain vorzugehen, wo von Schritt zu Schritt natürliche Brustwehren und Pallisaden zu finden waren. Sie waren nur gezwungen mitgezogen, und als später die übrigen mit Flinten Bewaffneten vollständig in das Gefecht eingetreten waren, benutzten sie die erste beste Gelegenheit, um auszureissen.

Es war Mittag, als die Führer der Landesstreifung, Beamte, Grundherren und Mandatare, eine Art Kriegsrath hielten. Ehe sie jedoch zu einem Entschlusse kamen, wurden sie von Damaska an der Spitze von zweihundert berittenen Hajdamaken, die aus einem Seitenthal hervorsprengten, im Rücken gefasst. Ein panischer Schrecken ergriff die Überfallenen, ein Jeder suchte sich auf eigene Faust zu retten. Auf der Flucht wurden noch viele von ihnen getödtet und gefangen.

Während die Hajdamaken nur siebzehn Todte und etwas über sechzig an Verwundeten verloren, blieben von den Feinden mehr als zweihundert am Platz, da den Verwundeten und Gefangenen kein Pardon gegeben wurde.

Ein Grundherr, zwei Mandatare und bei dreissig Andere, die in Damaskas Hände fielen, wurden von den Hajdamaken noch an demselben Abend unter grausamen Qualen getödtet.

Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Banden noch unter den Befehlen des Wataschko Solomon Bojdak beisammen. Am dritten trennten sie sich mit dem feierlichen Versprechen, einander in Noth und Gefahr beizustehen und den Krieg gegen ihre Tyrannen bis auf den letzten Mann fortzuführen.

Es war kaum eine Woche seit der Schlacht auf der Tschorna Hora verflossen, als zwei festlich gekleidete Hajdamaken in dem Lager Damaskas erschienen, um für den Wataschko Solomon Bojdak um ihre Hand zu werben.

Damaska empfing sie mit grossen Ehren und bewirthete sie auf das Beste, aber sie lehnte den Antrag Solomons ab.

»Wenn ich überhaupt heirathen wollte,« erklärte sie stolz, »würde ich Keinen wählen als Euern Wataschko, aber ich denke nicht daran, einem Mann meine Freiheit zu opfern. Wozu soll ich mich zur Sklavin machen, solange ich Herrin sein kann?«

Solomon lächelte, als er die Botschaft empfing. »Wenn es bei uns Kleinrussen üblich ist, vor der Hochzeit die Braut ihren Eltern zu rauben,« sprach er, »so ist dies nicht etwa ein Scherz, den man ausführt, sondern ein alter Brauch, der sich erhalten hat. Vor Zeiten war es ohne Zweifel gang und gäbe, die Braut mit Gewalt zu entführen. So wollen wir denn das Gleiche thun.«

Als eines Tages Damaska mit ihren Schwestern hinausging, um in den nahen See zu fischen, sprang Solomon in den Augenblick, wo die erstere sich auf einem bemoosten Felsstück an den Ufer niedergelassen hatte, mit Zweien seiner kühnen Burschen aus den Gebüsch hervor, schlang seinen kräftigen Arm um das schöne, stolze Mädchen, hob dasselbe zu sich auf das Pferd und sprengte mit ihr davon. Im Nu waren Damaskas Schwestern und ihre Leute im Sattel und verfolgten den kühnen Räuber in der Absicht, ihm die schöne Beute zu entreissen, aber Solomon hatte einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und er ritt, wie kein Anderer zu reiten wagte. Unter den wilden Halloh der Nachsetzenden gelangte er aber plötzlich an einen Abgrund, in den ein wilder Bach schäumte und tobte.

Er hielt einen Augenblick inne, aber nicht länger, schon nahte Nikola auf schwarzem Pferde, bereit, ihm die verderbliche Schlinge um den Hals zu werfen.

Ein ermunternder Zuruf Solomons, ein Satz seines Pferdes, ein Aufschrei der Verfolger und der glückliche Räuber war mit seiner Beute in Sicherheit, denn Keiner wagte ihn über den Abgrund hinaus zu verfolgen.

Bewundernd und zärtlich zugleich hing Damaskas Blick an ihm und mit einem Male schlang sie die Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Solomon brachte sie glücklich in sein Lager, wo ein Priester, den die Hajdamaken aus einem benachbarten Dorfe zu diesem Zwecke entführt hatten, ihrer bereits harrte und auf der Stelle nach griechisch-katholischem Ritus die kirchliche Trauung vollzog. Dieser folgte ein festliches Mahl und dem Mahle ein Tanz.

Es waren jüdische Musikanten und schöne Huzulenweiber und Mädchen aus den nächsten Orten zur Hochzeit gekommen, sie tanzten mit den Hajdamaken die Kolomijka, die Mädchen in rothen Miedern mit fliegenden Zöpfen, die Frauen in kurzen Pelzjacken ohne Ärmel, Keptars genannt, die Brust mit Goldmünzen bedeckt, rothe Tücher um den Kopf.

Am Tage nach ihrer Hochzeit kehrte Damaska zu ihren Schwestern und ihren Leuten zurück, und es bedurfte keiner besonderen Beredtsamkeit von ihrer Seite, um die letzteren zu bewegen, sich gleichfalls unter den Befehl ihres Gatten zu stellen. So vereinigten sich wenige Tage später die beiden Banden und schlugen gemeinschaftlich ihr Lager in der Felsenfestung auf, in der Damaska bisher mit ihrer Schaar gehaust hatte.

Es verging kein Jahr, so beschenkte Damaska Solomon mit einem Kinde, einem Knaben. Die Sorge für denselben nahm sie jetzt in Anspruch, sie begleitete ihren Mann nicht mehr bei seinen Unternehmungen, ihre Flinte rostete in irgend einem Winkel des Blockhauses.

Wenn Solomon heimkehrte, schmückte sich Damaska für ihn wie eine Braut mit funkelndem Gold und üppigem Pelzwerk, und wenn sie dann dasass, das Kind auf den Knieen, und er zu ihren Füssen lag, da kehrte das Glück bei ihnen ein, so still und so freundlich wie nur irgendwo in einem freundlichen behaglichen Bürgerhause, auf dessen rostigen Wahrzeichen bei Tag die Schwalben zwitschern und vor dem Nachts auf der vom Regen ausgehöhlten Steinbank der Nachtwächter mit seinem grossen Spiesse schläft.

Aber diesem Glück war nur kurze Dauer beschieden.

Wer Richter in seiner eigenen Sache ist, der ladet, mag er auch noch so sehr im Rechte sein, stets Schuld auf sich, und diese fordert früher oder später ihre Sühne.

Um sich der Hajdamaken zu erwehren, denen die Kreisämter mit ihren halbinvaliden Landsdragonern ebensowenig gewachsen waren wie die Grundherrschaften, errichtete die Regierung eines Tages das Corps der sogenannten Gebirgsschützen, dessen Aufgabe einzig und allein der Kampf gegen die Hajdamaken war.

Es begann nun ein erbitterter Krieg, in dem weder Pardon gegeben, noch genommen wurde, von Schlucht zu Schlucht, von Fels zu Fels. In den Karpathengegenden war das Standrecht permanent und mehr als ein Hajdamakenführer endete nach kurzem Prozess sein bewegtes, heroisches Legen an dem Galgen.

Immer mehr und mehr wurden die Hajdamaken in dem Riesengebirge gleich Wölfen, die man jagt, zusammengetrieben, und so kam auch der Tag, wo die Bande Solomons sich nach einer Reihe blutiger Gefechte in ihr festes Lager zurückziehen musste und hier von den Gebirgsschützen förmlich belagert wurde.

Es gelang indess den letzteren ebensowenig, in das Felsennest einzudringen, wie den Hajdamaken, dasselbe zu verlassen und sich durchzuschlagen.

Die Gebirgsschützen begnügten sich daher, alle Zugänge besetzt zu halten und jede Zufuhr von Lebensmitteln abzuschneiden. Der Hunger sollte die Helden der Berge bezwingen, und er that wirtlich das Beste, sie zur Ergebung zu bringen, aber sie ergaben sich dennoch nicht.

Als die Vorräthe fast aufgezehrt waren, beschlossen sie, lieber mit den Waffen in der Hand, als an dem Galgen zu sterben. Nach zwei Seiten hin versuchten sie sich zu retten. Ein Theil mit Damaska, ihrem Kinde und ihren Schwestern stieg durch den unterirdischen Gang, den sie sich gegraben hatten, hinab, während die Übrigen zu Pferde mit ihrem Wataschko Solomon Bojdak an der Spitze den Feind angriffen.

Auf beiden Punkten gelang es ihnen, die Gebirgsschützen zu überraschen und zurückzuwerfen. Ein Theil der Reiter kam glücklich durch und wendete sich nach Ungarn, die übrigen geriethen in ein Kreuzfeuer, und nachdem Solomon schwer verwundet aus dem Sattel gesunken war und Mehrere gefallen waren, zog sich der Rest, der den verwundeten Führer nicht verlassen wollte, wieder in das Felsennest zurück.

Die Anderen, die durch den unterirdischen Gang an einer Stelle, wo man es gar nicht erwartete, in das Freie gelangt waren, entkamen bis auf Wenige, die den Kugeln der Gebirgsschützen zum Opfer fielen, über Felsen, die nur den Ziegen und Gemsen zugänglich schienen, mit ihnen die beiden Schwestern Damaskas, Nikola und Maruschka.

Damaska selbst hatte, als sie ihren Mann vom Pferde sinken sah, die Flucht aufgegeben und war zu ihm zurückgekehrt. Sie verband jetzt seine Wunden und brachte ihn durch in die Felsen gehauene Gänge und über verborgene Stufen in eine Höhle, welche hoch oben auf der Spitze eines Felsens lag, und verrammelte den Eingang zu derselben.

Die Hajdamaken, deren Zahl bis auf Wenige geschmolzen war, vertheidigten ihr Felsennest bis auf das Äusserste. Erst als das letzte Pferd geschlachtet und der letzte Mann gefallen war, konnten die Gebirgsschützen eindringen, aber auch jetzt noch forderten sie Solomon und sein Weib vergebens auf, sich zu ergeben. Schuss auf Schuss fiel von der Spitze des uneinnehmbaren Felsens herab auf sie und fast jeder forderte ein Opfer.

Da erinnerte sich ein alter Gebirgsschütze der grauenhaften Geschichten aus den Tatarenkämpfen, und wie einst die Tataren die in den Felsenhöhlen versteckten Flüchtlinge durch Feuer getödtet hatten, si umgaben jetzt die Gebirgsschützen den Felsen, der dem Hajdamaken und seinem Weibe die letzte Zuflucht bot, mit Holz und Reisig und zündeten dasselbe an.

Als die Flammen höher und höher emporstiegen, der Rauch in die Felsengänge und in die Höhle eindrang, der letzte Tropfen Wasser getrunken und alle Patronen bis auf eine verschossen waren, da erst gab Solomon jede Hoffnung auf Rettung auf.

»Tödte mich,« sprach er zu seinem Weibe, »und dann ergieb Dich. Sie werden Dich und das Kind verschonen.«

»Nein, wir werden mit Dir sterben,« erwiderte sie ruhig.

Er küsste das Kind, dann sie und reichte ihr die geladene Pistole. Sie setzte sie auf seine Brust.

Die Gebirgsschützen unten hörten einen Schuss fallen, dann sahen sie plötzlich auf der Spitze des Felsens ein schönes, wildaussehendes Weib erscheinen, ein Kind auf dem Arme, und jetzt, nachdem sie sich bekreuzt, in die Flammen hinabspringen, die über ihr und dem Kinde zusammenschlugen.

Noch manches Jahr währte der erbitterte Kampf in den Karpathen und er nahm erst dann sein Ende, als im Jahre 1848 die Unterthänigkeit und die Robot aufgehoben wurden. Der freie Bauer warf die Flinte bei Seite und kehrte zum Pfluge zurück. Seitdem giebt es keine Hajdamaken mehr.

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.