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Polnische Geschichten

Leopold Sacher-Masoch: Polnische Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLeopold von Sacher-Masoch
titlePolnische Geschichten
created20011108
senderh.guhl@bluewin.ch
firstpub1886
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Der Krieg der zwei Marien

Am frühen Morgen des fünften December 1771 war die im östlichen Galizien gelegene Stadt Sambor in freudiger Erregung. Die Conföderirten, welche seit mehreren Wochen die Umgegend unsicher gemacht hatten, waren mit einem Male verschwunden und der königliche Oberst Trentowski erschien mit einem kleinen Corps und zwei Kanonen vor der Stadt und lagerte in der Nähe derselben. Der grösste aufrichtigste Jubel herrschte in dem Kloster der Carmeliterinnen, das wiederholt von den Conföderirten gebrandschatzt und mit Plünderung bedroht worden war. Die Äbtissin desselben, Maria Stanislawa, entsendete sofort ihren Castellan, den wohlgenährten Pan Zajontschek, in das Lager. Während eine Deputation des Magistrats in wohlgesetzter lateinischer Rede den Obersten einlud, seine Soldaten in der Stadt einzuquartieren, bat Zajontschek denselben, die Äbtissin mit seinem Besuch zu beehren.

Trentowski rückte hierauf mit seinem Corps in die Stadt, liess seine Kanonen auf dem Ring auffahren, an den Thoren und auf den Wällen Wachen und rings um die Stadt die nöthigen Vorposten aufstellen. Während seine Offiziere dann die Leute in den Häusern der Bürger und Juden einquartierten, ritt er selbst in das Kloster, das, einem Schlosse gleich, wohlbefestigt auf einer kleinen Anhöhe lag. Die Soldaten der Äbtissin empfingen ihn im Thore desselben mit kriegerischen Ehren, sie selbst in einem mit seltener Pracht und künstlerischem Geschmack eingerichteten kleinen Saale des Klosters.

Maria Stanislawa war so sehr entzückt über die Ankunft befreundeter Truppen, dass sie sich nicht nur von ihrem mit gelbem Damast überzogenen, thronähnlichen Stuhl erhob, um den Oberst zu begrüssen, sondern demselben sogar einige Schritte entgegenging und ihm die Hand reichte. Trentowski war nicht nur ein guter Soldat, sondern auch ein feiner Hofmann und, wie es im Geiste der Zeit lag, sogar ein Schöngeist, aber er war an dieser Stelle so wenig auf eine Erscheinung wie die, die lächelnd auf ihn zuschwebte, gefasst, dass er für einige Augenblicke alle Haltung verlor und dieselbe fast unartig anstarrte. Die Äbtissin war eine junge Dame von nicht mehr als 26 Jahren, mittelgross, schlank gewachsen, aber mit vollen, anmuthigen Körperformen, ihr feines reizendes Gesicht mit den frischen Wangen und Lippen und den geistvollen und lebhaften blauen Augen blickte fast verführerisch aus dem Velum hervor, und der lange Talar von violetter Seide mit blendendem Hermelin gefüttert und ausgeschlagen, den sie über dem weissen Habit trug, verlieh ihr eine sanfte Majestät, welche den Liebreiz der ganzen Erscheinung noch erhöhte.

Geblendet stand Trentowski da und fasste sich erst, als die kleine Elfenbeinhand aus dem weiten, hermelingefütterten Ärmel, wie aus duftigem Schnee, hervorkam, ihn zu begrüssen. Er beugte sich über dieselbe und küsste sie zweimal mit galantem Feuer.

»Willkommen, Pulkownik,« begann die Äbtissin, ihm einen Sitz neben sich anweisend. »Der Himmel segne Sie, unseren edlen Befreier.«

»Mein Verdienst ist gering, hochwürdige Mutter,« entgegnete Trentowski. Er musste unwillkürlich bei dem Titel, den er dem schönen Weibe an seiner Seite gab, lächeln, und die Äbtissin lächelte mit und zeigte ihre prachtvollen Zähne. »In dieser Gegend ist die Conföderation, durch die Nähe der ungarischen Grenze begünstigt, bisher immer besonders stark und im Vortheil gewesen. Wenn es mir trotzdem gelungen ist, verschiedene Banden der Rebellen zu zerstreuen und bis Sambor vorzudringen, so schreibe ich dies vor Allem der Entmuthigung zu, welche in den Reihen der Gegner eingerissen ist, seitdem die Entführung des Königs misslang und alle Mächte gegen die bisher von mancher Seite unterstützte Conföderation aufgebracht hat.«

»Wir haben von diesem schändlichen Anschlag auf unseren geliebten Monarchen vernommen,« sprach Maria Stanislawa, »sowie auch davon, dass die Kaiserin die Häupter der Conföderation aus Eperies ausgewiesen hat, aber glauben Sie deshalb nicht, mein Freund, dass damit Alles vorbei ist, am wenigsten hier, wo dieses entartete Weib, die Marschallin von Sambor, an der Spitze eines gut gerüsteten Corps steht, das sie seit dem Tode ihres Mannes befehligt.«

»Ich habe von dieser merkwürdigen Frau gehört.«

»O, es ist nichts Merkwürdiges an ihr als ihre Frechheit,« rief Maria Stanislawa, »übrigens ist es begreiflich, dass solche Weiber bei einer Partei, die sich mit den Türken verbindet, eine Rolle spielen.«

»Der König hat dagegen den Fehler begangen, die Russen zu Hilfe zu rufen.«

»Sie haben Recht, Pulkownik. Wann wird unser armes Polen zur Ruhe kommen?«

Die Äbtissin seufzte und blickte zum Himmel empor, wie es schien, nur um ihre schönen Augen von einer besonders vorteilhaften Seite zu zeigen.

»Aber sprechen wir von etwas Angenehmerem. Ich hoffe, Sie verlassen uns nicht so bald. Es versteht sich, dass sie mein Gast sind. Alles, was das Kloster bietet, steht zu Ihren Diensten und Sie erlauben auch, dass ich heute Ihre Leute bewirthe?«

Sie gab ihm wieder beide Hände und schien es gern zu sehen, dass er sie immer wieder küsste, denn es währte geraume Zeit, ehe diese schönen Hände sich wieder in das weiche Pelzwerk der Ärmel zurückzogen.

»Und nun sagen Sie mir offen, was Sie zunächst vorhaben.«

»Ich habe die Absicht, mich in Sambor festzusetzen –«

»Sehr gut.«

»Und von hier aus das Land zu durchstreifen und von den Conföderirten zu säubern.«

Die Äbtissin schüttelte den Kopf.

»Wir haben es hier nicht mit kleinen Banden, sondern mit einer wohlorganisirten Macht zu thun, lieber Pulkownik. Dennoch denke ich, dass wir mit derselben fertig werden, ich sage wir, denn ich sehe mich ohne Weiteres als Ihre Verbündete an.«

»Ich stelle mich mit Begeisterung unter ihre Befehle,« rief Trentowski.

»Nun, wir werden sehen,« sprach Maria Stanislawa geschmeichelt, »ich werde Sie bald auf die Probe stellen. Ich habe einen Anschlag, von dem ich mir viel verspreche. Verlassen Sie sich ganz auf mich und meine Spione. Die Marschallin kann keinen Schritt thun, ohne dass ich davon erfahre. Sie sollen den Ruhm ernten, einen entscheidenden Sieg davonzutragen und ich –« sie lächelte und strich mit der weissen Hand den schwellenden Hermelin an ihrem Talar nieder – »ich begnüge mich mit Maria Kasimira.«

»Wie?«

»So nennt sich die Marschallin.«

Maria Stanislawa neigte sich zu Trentowski hinüber, so nahe, dass die feinen Härchen ihres Pelzes seine Wangen streiften.

»Versprechen Sie mir, mein theurer Freund, mir dieses Weib lebendig zu liefern. Es wird dann meine Sache sein, sie angemessen zu strafen.«

»Ihr Wunsch ist mir Befehl.«

Maria Stanislawa entliess den Obersten mit einer huldvollen Handbewegung, er kniete vor ihr nieder, um ihren Segen zu empfangen, und verliess sporenklirrend das Gemach. Draussen erwartete ihn schon der Castellan Pan Zajontschek und führte ihn, im Auftrage seiner Herrin, in den Klosterkeller, wo ein Tisch für ihn gedeckt war und auf einen gellenden Pfiff des Castellans zwei Diener erschienen und ein herrliches Mahl aufzutragen begannen. Der Pulkownik und Zajontschek nahmen Platz und der Letztere entkorkte eigenhändig eine Flasche Tokayer.

»Ich habe absichtlich hier für uns decken lassen,« begann er behaglich schmunzelnd, »weil man da Alles, was das Herz begehrt, in angenehmer Weise so ganz in der Nähe hat.«

Er schänkte ein.

»Sehen Sie, amice, ich fühle mich so zu sagen hier wie im Schoosse meiner Familie,« er wies auf die umherstehenden Fässer, »und noch viel besser, denn da ist eine Schwiegermutter, die nie keift, eine Frau, die uns nie widerspricht, da sind liebe Kinder, die uns stets nur Freude machen.«

Der Pulkownik erhob sein Glas.

»Vivat Maria Stanislawa! Eine schöne Dame. Wie kommt es, dass sie den Schleier nahm?«

»Das ist so eine Historie.«

»Und wie soll ich es verstehen, dass ein solcher Engel eines so glühenden Hasses fähig ist, wie sie ihn gegen die Marschallin zu fühlen scheint?«

»Auch so eine Historie.«

Das war Alles, was vor der Hand aus dem wohlgenährten Schlachzitz herauszubringen war; erst nachdem er furchtbar unter den Ragouts, dem Wildpret und dem gebratenen Geflügel gewüthet hatte, der Wein ihm in den Kopf gestiegen war, seine rothe Nase glühte und der letzte Knopf an seinem Kontusch aufgemacht war, wurde er gesprächig.

»Man hat mir die Marschallin als eine schöne, edle und kluge Frau geschildert,« begann jetzt von Neuem Trentowski, »indess Maria Stanislawa sie wie eine giftige Schlange verabscheut. Wie soll ich das in Einklang bringen?«

»In Einklang?« rief Zajontschek, »wer verlangt denn das?«

»Ich meine nur –«

»Ich habe Ihnen ja so die ganze Historie erzählt,« sprach der Castellan mit lallender Zunge, »oder habe ich sie Ihnen noch nicht erzählt, amice?«

»Keineswegs.«

»Stoss an Bruderherz!« Die Gläser klirrten. »Ja – also – gewissermassen, was haben Sie gesagt?«

»Sie wollten die Geschichte erzählen.«

»Ich? wirklich?« staunte Pan Zajontschek, begann zu lachen und drehte seinen Schnurrbart. »Wenn ich mein Wort als Edelmann gegeben habe, muss ich es auch halten. Du zweifelst doch nicht daran, Bruderherz?«

»Nicht im mindesten.«

»Also die beiden Marien,« begann der Castellan, »waren ursprünglich die besten Freundinnen, wie zwei Täubchen liebten sie sich, nämlich unsere Maria Stanislawa und die andere, Sie wissen – Maria Kasimira, meine ich. Nie bemerkte man eine Eifersucht zwischen ihnen. Sie hatten auch keine Ursache dazu. Beide reich, vornehm und beide schön, und noch dazu wie von der Natur erschaffen – nämlich – eine die andere in ein vorteilhaftes Licht zu setzen, Maria Stanislawa schlank, zart, mit blonden Haaren und blauen Augen, und Maria Kasimira gross und voll, mit dunklen Flechten – Alles dunkel – da – denk’ Dir, Bruderherz – kommt der Marschall von Sambor auf einen Ball, sagt man, erblickt Maria Kasimira und brennt auch schon. Verliebt sich, dass es nur so eine Schande war und Maria Kasimira in ihn. Das ist die Historie.«

»Aber das kann doch nicht Alles sein.«

»Was soll denn noch folgen?« rief Zajontschek erbost. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, Herr Pulkownik, dass auch Maria Stanislawa eine heisse Liebe zu dem Marschall fasste, aber das haben Sie schon wieder vergessen, was? Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass sie diese Leidenschaft im innersten Herzen verbarg, und dass Alles erst dann offenbar wurde, als sie den Schleier genommen hatte? Was soll denn da noch etwa folgen? Maria Kasimira wurde nämlich seine Frau und gleich darauf ging Maria Stanislawa in das Kloster und von dieser Stunde an hasste sie die Freundin. Ja, sie hasst sie heute noch wie die Sünde, obwohl der Marschall, es war ein tapferer, ritterlicher Pole, Gott sei ihm gnädig, bereits sozusagen vor zwei Jahren gefallen ist. Bei Starosol ist er gefallen. So ein verdammter Russe hat ihm seine Kugel in den Bauch gejagt und die Marschallin hat damals geschworen, seinen Tod zu rächen, und sie hat ihren Schwur gehalten. Gnade Gott dem Moskowiter oder dem Königlichen, der in ihre Hände fällt.«

»Also ist sie doch so, wie die Äbtissin sie schildert,« fiel der Oberst ein.

»Wie schildert sie sie denn? Bin sehr neugierig!« rief Pan Zajontschek, eine neue Flasche, die neunte, entkorkend.

»Als ein entartetes Weib –«

»Bah, das ist die Marschallin nicht.«

»Was denn?«

»Was denn? ein schönes Weib, jung, geschaffen zur Liebe, aber erfüllt von Hass gegen die Feinde der Republik, der Freiheit, gegen die Mörder ihres Gatten, dabei muthig, kühn, ja unter Umständen auch grausam, aber das bringt der Krieg mit sich. Indess zweifelt doch Niemand an ihrem grossmüthigen Herzen und ihrer strengen Tugend.«

»Und die Marschallin führt also jetzt das Commando hier in der Gegend?«

»So ist es,« erwiderte Pan Zajontschek, indem er den Kopf auf die mächtige Brust sinken liess und einzunicken begann, »nimm Dich in Acht, Bruderherz – sie – sie wird nur so spielen mit Dir – und plötzlich wird sie Dich in ihren Krallen haben – und dann –« Pan Zajontschek begann zu schnarchen. Ein Kanonenschuss weckte ihn und den Obersten, der in Träume versunken da sass.

»Was ist das? ein Gewitter?« staunte Pan Zajontschek.

»Der Feind ist da,« rief Trentowski, »ich eile zu sehen, was es giebt.« Er setzte seine Mütze auf und stieg rasch die Stufen empor, die aus dem Keller in den Hof des Klosters hinaufführten. Sein Pferd stand gesattelt da, er schwang sich auf dasselbe und sprengte zum Thore hinaus. Auf dem Ring sammelten sich eben seine Soldaten. Die Vorposten hatten gemeldet, dass starke feindliche Schaaren sich der Stadt näherten. Auf das war der Alarmschuss abgefeuert worden. Jetzt hörte man vereinzelte Flintenschüsse in der Ferne und immer näher. Die Vorposten der Königlichen zogen sich nach Sambor zurück. Die Thore der Stadt wurden geschlossen, die Wälle besetzt und die Geschütze auf denselben aufgepflanzt.

Trentowski bestieg jetzt den Thurm der Marienkirche, um zu recognosciren. Von zwei Seiten näherten sich Staubwolken, einzelne Reiter sprengten bis an die Thore heran und feuerten ihre Pistolen ab, ein Trupp mit einer Kanone hielt an dem Rande des nahen Eichenwaldes und jetzt rauchte aus dem Dunkel der hundertjährigen Stämme ein weisses Pferd auf, das auf seinem Rücken eine schwarzgekleidete Dame trug.

»Das ist die Marschallin,« sprach Pan Zajontschek, der plötzlich vollkommen nüchtern neben dem Obersten auf dem Thurme stand. Auf dem Walle blitzte es, dann rollte es dumpf durch die Luft dahin. Die Kanone der Conföderirten gab Antwort, dann zogen sich dieselben wieder in den Wald zurück.

»Was habe ich Ihnen gesagt?« murmelte der Castellan, »sie spielt nur so mit Ihnen. Danken Sie Gott, dass Sie in Sambor sind. Wenn die Marschallin Sie im freien Felde überrascht hätte, gäbe ich nicht zwei Haselnüsse für Ihren Kopf.«

Spät am Abend erschien Pan Zajontschek mit einer wichtigen Miene, die sein feistes rothes Gesicht noch komischer erscheinen liess, bei dem Pulkownik Trentowski und bat ihn, so rasch als nur möglich bei der Äbtissin zu erscheinen. Als Trentowski bei der schönen mächtigen Frau eintrat, sass sie behaglich bei dem flammenden Feuer des grossen Kamins und wärmte ihre kleinen Füsse an demselben.

»Nehmen Sie Platz, lieber Pulkownik,« begann Maria Stanislawa, »nahe, recht nahe, ich habe gute Nachrichten für Sie.«

Trentowski setzte sich ihr gegenüber und sie neigte, sich auf die Hände stützend, das reizende Gesicht zu ihm. »Ich habe Ihnen von einem Anschlag gesprochen, den ich im Kopfe habe; rascher als ich dachte, ist derselbe geglückt. In meinen Diensten steht ein Jude, Simon genannt, ich bezahle ihn gut und da seine Familie hier in der Stadt, so zu sagen in meiner Gewalt ist, kann ich mich um so mehr auf ihn verlassen. Er hat sich bei den Conföderirten eingeschlichen, schon vor einigen Monaten, und spielt im feindlichen Lager mit Glück den Spion. Ich liess durch ihn wiederholt der Marschallin wichtige Nachrichten zukommen, um sie im entscheidenden Moment um so sicherer verderben zu können. Heute, gleich nach Ihrer Ankunft, entsendete ich ihn zur Marschallin und er hat seine Rolle gut genug gespielt. Simon hat ihr gemeldet, dass Sie mit Ihrem kleinen Corps Sambor besetzt haben, um die Conföderirten hierher zu locken, und dass ein grösseres Corps heranrücke, um denselben in den Rücken zu fallen und im Vereine mit Ihnen einen entscheidenden Schlag auszuführen.«

»Sehr gut ausgedacht, mein schöner General,« rief Trentowski. Die Äbtissin gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange. »Sie dürfen ja nicht bemerken, dass ich schön bin.«

»Es ist sehr schwer, dies nicht zu bemerken,« erwiderte der Pulkownik. Maria Stanislawa drohte ihm mit dem Finger. »Bleiben wir bei unserem Kriegsplan.«

»Ich bin ganz Ohr.«

»In Folge der falschen Meldung ihres Spions, meines braven Simon,« fuhr Maria Stanislawa fort, »haben sich die Conföderirten von Sambor zurückgezogen. Die Marschallin hat ihre Truppen getheilt.«

»Wie stark mag die feindliche Macht hier sein?«

»Bei 1000 Mann und 3 Kanonen,« gab die Äbtissin zur Antwort. »Die Marschallin hat die Hälfte hiervon mit 2 Kanonen bei Starosol dem Corps entgegen geschickt, dessen Anrücken von Norden her sie in Folge der Meldung Simons erwartet. Sie selbst steht mit höchstens 300 Mann und einer Kanone bei Staremiasto, um uns zu beobachten, während sie den Rest zurückgeschickt hat, um ihr Schloss Bialigrod an der ungarischen Grenze vor einem Überfall zu sichern.«

»Vortrefflich.«

»Hören Sie nun weiter, mein Freund. Wir bewaffnen die Bürger und besetzen mit denselben die Thore und Wälle. Meine Reiter verstärken Ihr Corps und Sie verlassen sofort Sambor, folgen der Marschallin und suchen sie, ehe sie Verstärkung an sich ziehen kann, zu überfallen und zu einem Gefecht zu zwingen, das für unsere Waffen siegreich sein muss, da Sie den Conföderirten fast doppelt überlegen sind.«

»Ich staune,« rief Trentowski, die Hände der Äbtissin küssend, »schade, dass Sie an der Spitze eines Klosters stehen, hochwürdige Mutter, Sie sollten eine Armee commandiren und Russen und Türken wären bald gezwungen, unser armes Land zu räumen. Ich eile, Ihre Befehle zu vollziehen.«

»Ich werde Sie begleiten,« sprach Maria Stanislawa. Sie klingelte, eine Nonne brachte ihr einen Pelz, in den sie sich hüllte, und einen Schleier, in dem sie ihr schönes, stolzes Haupt barg, so bestieg sie eine Sänfte und liess sich durch die Strassen der Stadt tragen, um überall, wo es nöthig war, den Anordnungen Trentowskis zu Hilfe zu kommen. In aller Stille wurden die Soldaten an den Thoren und auf den Wällen von den Bürgern abgelöst, zwei alte, der Stadt gehörige Geschütze geladen und aufgepflanzt. Trentowski befahl seinen Leuten, ihre Füsse sowie jene der Pferde und die Räder der Kanonen mit Stroh zu umwickeln und nachdem noch vierzig Reiter der Äbtissin, von Pan Zajontschek geführt, zu ihm gestossen waren, zog er unter dem Schutze der Nacht aus Sambor und rückte auf der Strasse gen Staremiasto vor.

Die Absicht der Äbtissin, die Conföderirten bei Nacht und Nebel zu überraschen, wurde vereitelt. Sie hatte nicht mit Elementen, mit Winter und Schnee gerechnet. Die Geschütze blieben von Zeit zu Zeit stecken und konnten nur mit Mühe vorwärts gebracht werden, die Infanteristen wateten langsam vorwärts. In der Dunkelheit kamen ganze Abtheilungen von der Strasse ab und geriethen in Untiefen, aus welchen sie sich erst wieder herausarbeiten mussten. Ein heftiger Wind trieb den Marschirenden den Schnee ins Gesicht und zum Überflusse herrschte eine grimmige Kälte. Jeder, der zurückblieb oder nur einige Augenblicke rasten wollte, erfror oder fiel den Wölfen zum Opfer, die in grossen Rudeln mit leuchtenden Augen und widrigem Geheul die Colonne begleiteten.

Es war Tag geworden, als Trentowski den Thurm von Staremiasto erblickte, ein kalter, aber schöner, heller Wintertag. Die Sonne schien kräftig durch den leichten Nebel, der langsam über die Ebene dahinfloss. Jenseits eines Birkenwäldchens, das von der Strasse durchschnitten wurde, sah man die ersten Posten der Conföderirten.

Sofort sammelte der Pulkownik seine Leute und traf rasch alle Anordnungen zum Gefecht. Während Pan Zajontschek an der Spitze seiner Reiter voraussprengte, um den Feind zu recognosciren, rückte die Infanterie in drei Abtheilungen zu etwa hundert Mann auf der Strasse sowie rechts und links derselben vor. Dem Centrum folgten die Geschütze, diesen Trentowski selbst mit hundert Reitern, den Rest seiner Cavallerie entsendete er, unter dem Schutze der sich weit ausdehnenden Fichtenwälder und des Nebels in die rechte Flanke des Feindes, um demselben den Rückzug nach Süden abzuschneiden.

Die Vorposten der Conföderirten eröffneten ein lebhaftes Feuer auf Zajontschek und seine Schaar, welche sich sofort wieder zurückzogen.

Staremiasto war bereits alarmirt. Man sah die Conföderirten in kleinen Trupps aus dem Orte hervorkommen und die Gärten vor demselben besetzen. Auf einem Hügel seitwärts von Staremiasto stand eine Kanone, welche jetzt auf die anrückende Infanterie der Königlichen zu spielen begann. Zajontschek kehrte mit der Meldung zurück, dass der Feind an Zahl schwach sei, aber doch Stand halten zu wollen scheine.

Trentowski befahl ihm, mit den Reitern der Äbtissin abzuschwenken und die linke Flanke der Marschallin anzugreifen.

Dass sie selbst befehligte, war kein Zweifel. Man sah eine Amazone auf einem prächtigen Schimmel hin- und hergaloppiren und die Conföderirten haranguiren. Das konnte nur sie sein. Ihr Fussvolk hatte sich in den Gehölzen und Gärten von Staremiasto sowie in den Häusern des Ortes eingenistet und unterhielt von hier aus ein kräftiges Feuer auf die Anrückenden. Trentowskis Geschütze beschossen Staremiasto, seine Infanterie formirte sich in Colonnen und ging dann unter lautem Geschrei zum Sturm vor.

Die Conföderirten hielten tapfer Stand, wurden aber nach und nach aus ihrer Position vertrieben und nach Staremiasto zurückgeworfen; hier setzten sie sich in den Häusern neuerdings fest und unterhielten ein wohlgenährtes Feuer. Die Hauptstrasse bestrich ihr Geschütz, das sie mitten auf dem Markte postirt hatten. Hinter demselben hielt die Marschallin Maria Kasimira hoch zu Ross, in schwarzen Männerstiefeln, einem kurzen Kleide von gleicher Farbe und einem anschliessenden dunklen Pelzrock, die viereckige Mütze mit Reiherbusch, das Abzeichen der Conföderirten, auf dem schönen Haupte. Mitten im feindlichen Feuer ertheilte sie kaltblütig ihre Befehle.

Da meldete ein Reiter, dass sich im Rücken feindliche Cavallerie zeige.

Die Marschallin ritt im scharfen Trab bis an den südlichen Ausgang des Ortes, übersah mit einem Blick ihre gefährliche Lage, befahl dem Fussvolk, Staremiasto bis auf das Äusserste zu vertheidigen, und trat mit ihrer Reiterei und dem Geschütz den Rückzug an.

Gleich hinter dem Ort stiess sie auf die Reiterabtheilung Trentowskis, griff sie ungestüm an, warf sie und gewann die Strasse; doch rasch sammelten sich die Königlichen und schon ritt Pan Zajontschek zu ihrer Unterstützung herbei. In diesem entscheidenden Augenblick pflanzte die Marschallin ihr Geschütz auf der Strasse auf, liess es mit gehacktem Blei laden und ihre Reiter vor demselben gegen den überlegenen Feind Halt machen. Als die königliche Cavallerie tapfer zum Angriff vorging, schwenkten plötzlich die Conföderirten zu beiden Seiten ab. Das Geschütz empfing die Angreifer mit seiner mörderischen Ladung, ein wirrer Knäuel von Pferden und Menschen wälzte sich auf der Erde, sperrte den Weg und zwang die Feinde, Halt zu machen, während sie die Marschallin mit ihren Reitern von beiden Seiten in die Flanken fasste. Ein wüthendes Handgemenge entspann sich. Die Königlichen wichen und wurden von den Conföderirten bis in die Strassen von Staremiasto verfolgt, wo dieselben zugleich mit ihnen eindrangen. Kurz vorher hatte die Infanterie Trentowskis die Hauptstrasse erstürmt und jetzt sprengte er selbst mit dem Reste seiner Reiterei um den Ort herum und fiel den Feinden in den Rücken. Beide Parteien waren in Unordnung gerathen. Alles kämpfte in und um Staremiasto ohne Führung, ohne Zusammenhang in einem wilden Durcheinander, Niemand wusste, wer im Vortheil war. Hier gewannen die Königlichen an Terrain, dort die Conföderirten und jeder Augenblick veränderte von Neuem die Sachlage.

Trentowski hatte, den Säbel in der Faust, die feindliche Kanone genommen, um sie gleich wieder einem Trupp Conföderirter zu Fuss überlassen zu müssen, der sich in einem niederen Tannengehölz festsetzte und die Reihen seiner Reiter durch ein mörderisches Feuer lichtete.

Die Marschallin hatte Zajontschek zu ihrem Gefangenen gemacht. Im Nu eilte ein königlicher Offizier mit seinen Ulanen herbei, befreite ihn und verfolgte die Marschallin bis in eine Seitenstrasse, wo ihn wieder die Kugeln der in den Häusern postirten Conföderirten zur Umkehr zwangen.

Endlich liess Trentowski zum Rückzug blasen, jedoch nur in der Absicht, seine Leute ausserhalb des Ortes zu sammeln. Die Reiterei folgte dem Signal und war rasch vor dem Eingange von Staremiasto raillirt.

Die Infanterie, in kleine Trupps aufgelöst, mit den Feinden vermischt, konnte nur theilweise Folge leisten. Nicht fünfzig Mann waren es, die sich um die Fahne zusammenfanden und ihre Gewehre auf’s Neue luden, aber diese kleine, geschlossene Truppe genügte, um eine Sturmcolonne zu bilden, und als jetzt neuerdings das Zeichen zum Angriff gegeben wurde, durch die Hauptstrasse von Staremiasto bis auf den Marktplatz vorzudringen, während Trentowski sich mit der ganzen Reiterei auf die Rückzugslinie des Feindes warf.

In der Mitte durchbrochen, von allen Seiten umgangen und bedroht, begannen die Conföderirten zu weichen. Ausserhalb Staremiasto artete der Rückzug in Flucht aus. Da Trentowski die Strasse nach dem Süden, nach Turka genommen hatte, wandten sich die Fliehenden, von den Siegern verfolgt, nach Norden.

Der Strassenkampf in Staremiasto war beendet. Es fielen nur noch einzelne Schüsse. Viele Conföderirte ergaben sich, die meisten allerdings mehr oder minder schwer verwundet.

»Wo ist die Marschallin?« rief Oberst Trentowski dem Pan Zajontschek zu, der ihm die Meldung brachte, dass Staremiasto genommen sei.

»Ich dachte, sie ist Ihnen in die Hände gefallen,« erwiderte Zajontschek erstaunt. »Ich sah sie zuletzt durch die Strassen von Staremiasto galoppiren, mit gezücktem Säbel, von wenigen Reitern begleitet, und die Richtung gegen Süden nehmen.«

»Ich habe doch die Strasse vor ihr genommen,« erwiderte der Pulkownik, »sie kann mir nicht entkommen sein; das ist einfach unmöglich.«

»Die Marschallin ist durch die Felder fortgeritten,« meldete einer von den Reitern der Äbtissin, der eben aus dem Orte herangesprengt war. »Sie sucht offenbar ihr Schloss Warda zu erreichen.«

Trentowski wendete sein Pferd und folgte ihr, von Zajontschek und einigen Reitern begleitet. Sie spornten ihre Pferde und jagten in einer Wolke von Schnee, welche die Hufe derselben aufwirbelten, über die ebene dahin. Es währte nicht lange und ein kleiner Reitertrupp kam in Sicht, der sich seitwärts gewendet hatte, offenbar in der Absicht, die Strasse zu gewinnen.

»Vorwärts!« schrie Trentowski. »Wir müssen sie einholen um jeden Preis.«

Sie trieben die Pferde mit Sporen und Peitsche vorwärts. Ein breiter Graben hemmte ihren Lauf. Trentowski übersetzte denselben, die Ulanen folgten seinem Beispiel, nur Zajontscheks Pferd stürzte und er selbst rollte in den Schnee. Die Anderen sprengten weiter, Trentowski allein weit voraus. Immer näher kamen sie den Feinden, welche Alles aufboten, um zu entkommen, endlich aber Kehrt machten und mit eingelegten Lanzen ihren Verfolgern entgegenkamen.

Beim ersten Anprall wurden die Conföderirten geworfen, im Pêle-mêle geriethen Trentowski und die Marschallin einen Augenblick so nahe an einander, dass sie sich hätten küssen können. Sie wechselten einen verwunderten Blick und Beide senkten zugleich, wie von einer fremden Macht getrieben, ihre Säbel. Trentowski fasste sich schnell und fiel dem Schimmel Maria Kasimiras in die Zügel, sie aber zog nicht minder rasch ihre Pistole aus dem Halfter und schoss sein Pferd nieder. Der Oberst stürzte mit demselben. Seine Leute eilten ihm zu Hilfe. Während sie ihn unter dem todten Thiere hervorzogen, entkam die Marschallin mit ihren Reitern in den nahen Wald.

Zwei Stunden von Staremiasto lag ein kleines Dorf, Batschisko genannt, hier theilte sich die Strasse, der Hauptweg derselben führte weiter nach Turka, ein Seitenweg nach dem kleinen, der Marschallin gehörigen festen Schloss Warda. Bei der Schänke des Dorfes machten die Flüchtlinge Halt. Schon unterwegs hatte sich ihre Zahl vermehrt und stieg durch jene, die jetzt noch nachkamen, auf 37 Reiter. Das war Alles, was Maria Kasimira von ihrem kleinen Corps übriggeblieben war. Während ihre Begleiter dem Branntwein des Juden zusprachen, überlegte sie. Wenn sie sich nach Turka wandte, konnte sie leicht die ungarische Grenze erreichen, es war dies der sichere Weg. Sie zögerte indess keinen Augenblick, den gefährlicheren nach Warda zu wählen, nachdem sie sich gesagt hatte, dass es ihr von dort aus eher gelingen werde, ihre Truppen zu sammeln und die erlittene Niederlage zu rächen, während nach Ungarn entfliehen Alles preisgeben hiess.

»Wohin wenden wir uns, gnädige Frau?« fragte artig Pan Stanioski, ein junger hübscher Schlachzitz aus der Gegend von Tarnow.

»Nach Warda,« erwiderte die schöne Frau.

»Gott sei gepriesen, dass Sie nicht den Muth verloren haben,« rief Waschko, ein alter Kosak, »wir werden das Nest schon halten, bis die Anderen uns entsetzt haben.«

»Wer war jener Offizier, dem ich das Pferd unter dem Leibe erschoss?« fragte plötzlich die Marschallin, wie aus einem Traum erwachend.

»Pan Trentowski, der Pulkownik, Niemand Anderer,« versetzte der alte Kosak, »hab ich doch schon zweimal unter ihm gegen die Ungläubigen gekämpft und fünfmal gegen ihn mit den Conföderirten gefochten.« Da Niemand mehr eintraf, gab Maria Kasimira das Zeichen zum Aufbruch.

Es war Abend, als sie mit ihrer kleinen Schaar in Warda anlangte. Während sich ihre Leute in Küche und Keller labten, traf sie, kaum vom Pferde gestiegen, noch halb erstarrt von Kälte und todtmüde von dem Tag, den sie ganz im Sattel zugebracht, alle Anstalten, um das Schloss auf das Äusserste zu vertheidigen. Das Thor wurde geschlossen und verrammelt, nur die durch ein Tannengebüsch verdeckte Ausfallthüre blieb noch frei für den Verkehr. Die wenigen Diener, acht an der Zahl, die sich in Warda befanden, wurden bewaffnet und den Vertheidigern beigesellt, die Frauen und Kinder derselben in einem sicheren Gewölbe untergebracht. Vier Geschütze und fünf kleine Kanonen, die man sonst nur bei Freudenfesten gelöst hatte, wurden auf die Wälle gestellt. In dem Keller des Thurmes liess die heroische Frau ein grosses Pulverfass aufpflanzen, um sich nöthigenfalls sammt ihrem Schlosse in die Luft zu sprengen. In derselben Nacht noch wurde der jüdische Pächter der im nahen, der Marschallin gehörigen Dorfe gelegenen Schänke nach Starosol gesendet, um die dort postirten Streitkräfte herbeizurufen, während sein jüdischer Knecht zu demselben Zwecke nach Bialigrod ritt. Drei Abtheilungen von je fünf Reitern verliessen Warda in verschiedenen Richtungen, um Lebensmittel aufzutreiben und herbeizuschaffen, mit denen es, am schlechtesten bestellt war.

Der erste dieser Trupps kehrte nach wenigen Stunden mit vier reich befrachteten Bauernwagen zurück, der zweite, weniger glücklich, musste sich begnügen, ein Fuhrwerk mit Branntwein heimzubringen, der dritte, gegen Norden reitend, fand auf seinem Weg keine Ortschaft und sich immer weiter wagend stiess er mit königlichen Ulanen zusammen, jagte sie in die Flucht und kehrte mit einem Gefangenen, aber ohne jeden Proviant bei Tagesanbruch zurück.

Maria Kasimira liess den gefangenen Ulanen vorführen und befragte ihn selbst. Sie stand, mit dem Rücken an den grossen Ofen gelehnt, in dem mit alten Rüstungen, türkischen Waffen und Gemälden geschmückten Saal des Schlosses und der arme Teufel, der bereits den Strick um den Hals spürte, fiel vor ihr auf die Knie und flehte um Erbarmen.

»Man wird Dir kein Haar krümmen,« sprach die Marschallin, »aber antworte redlich auf meine Fragen.«

»Gott soll mich verlassen, wenn ich es nicht thue.«

»Was ist aus meinen Soldaten bei Staremiasto geworden?«

»So viel ich sah und hörte, ist etwa ein Hundert geblieben oder gefangen worden.«

»Wohin haben sich die Andern gewendet?«

»Gegen Starosol.«

»Wo steht jetzt Dein Oberst?«

»Ein Theil von uns ist nach Sambor zurück, ein anderer in Staremiasto geblieben. Der Pulkownik zieht gegen dieses Schloss.«

»Mit welchen Kräften?«

»Mit höchstens dreihundert Mann und zwei Kanonen.«

»Wann kann er hier eintreffen?«

»Heute noch, denke ich.«

Die Marschallin liess hierauf den Gefangenen einfach laufen. Derselbe hatte so ziemlich die Wahrheit berichtet. Die Conföderirten hatten in dem Treffen von Staremiasto fast die Hälfte ihrer Mannschaft eingebüsst, 62 Todte, 47 Verwundete, 34 Gefangene, 40 Pferde, ein Geschütz und eine Fahne. Trentowski hatte 46 Todte, 32 Verwundete und 20 Pferde eingebüsst, von den Reitern der Äbtissin waren zwei gefallen, neun verwundet. Trentowski hatte durch Pan Zajontschek und seine Leute die Gefangenen und Verwundeten nach Sambor geleiten lassen, dort sollten sie die Wagen mit Proviant laden und wieder zu ihm stossen. Rittmeister Bogarski blieb mit 100 Reitern und der eroberten Kanone bei Staremiasto zurück, während Trentowski selbst mit etwas über 240 Fusssoldaten, 80 Reitern und 2 Geschützen auf Warda losrückte.

Seine ringsum streifenden Ulanen fingen den Juden auf, den die Marschallin nach Starosol entsendet hatte. Die dort stehenden Conföderirten blieben also auf die schlimmen Nachrichten beschränke, welche die Flüchtlinge aus dem Treffen von Staremiasto mitbrachten. Mehr als 130 der Conföderirten retteten sich dahin und schilderten übereinstimmend den Feind als an Zahl und Geschützen sehr überlegen, so dass beschlossen wurde, einem Gefechte auszuweichen und sich gegen die ungarische Grenze zu ziehen.

An demselben Nachmittage noch erschienen die ersten feindlichen Reiter vor Warda. Die Marschallin erstieg den Thurm wiederholt, um zu recognosciren und sah bei Sonnenuntergang das Corps Trentowskis langsam anrücken. Sie ertheilte sofort die letzten Befehle und Jeder machte sich zum Kampfe bereit.

Die Feinde begnügten sich vorläufig, das Schloss von allen Seiten zu umstellen, ihre Hauptmacht lagerte in dem nahen Dorfe Warda. Hie und da, wenn einer der königlichen Ulanen sich zu nahe wagte, fiel ein Schuss vom Walle. Mit Anbruch der Dunkelheit meldete sich ein Parlamentär. Die Marschallin empfing ihn in ihrem Boudoir, nicht als Rebellin und Amazone, sondern als die grosse Dame der Rococozeit.

Sie sass mitten in dem niedlichen, angenehm durchwärmten Raum in einem Fauteuil, der mit mattblauem Damast überzogen war. Ihre schlanke Gestalt war in eine Polonaise aus gelber Seide gehüllt, die mit Streifen von dunklem Zobelpelz reich besetzt war, die kleinen Füsse, von zierlichen Pantoffeln warm gehalten, ruhten auf einem Schemel, der auf einem Bärenfelle stand. Die dunklen Augen Maria Kasimiras gewannen durch das weiss gepuderte Haar noch an Glanz und Leben, während ihre Hand nachlässig mit einem Elfenbeinfächer spielte.

Der feindliche Offizier wurde mit verbundenen Augen eingeführt; als die Binde fiel, blickte er die schöne Frau, die ihn mit einer vornehmen Bewegung zum Sitzen einlud, mit einer fast kindlichen Verwunderung an und vergass darüber seine Mission.

»Was wünscht Ihr Kommandant von mir?« fragte endlich die Marschallin, ihm zu Hilfe kommend.

»Er – der Oberst –«

»Pulkownik Trentowski?«

»Ja, gnädige Frau, derselbe, der so glücklich war, durch einen Pistolenschuss von Ihrer Hand sein Pferd zu verlieren,« sprach der Parlamentär. Die Marschallin musste wider Willen laut lachen. »Wenn dies ein Glück ist,« rief sie, »werde ich mir alle Mühe geben, ihm alle seine Pferde zu erschiessen. Aber was will er von mir?«

»Pan Trentowski bietet Ihnen und Allen, die unter Ihrer Fahne fechten, vollkommene Amnestie, sobald Sie die Waffen niederlegen, die festen Schlösser und Geschütze übergeben und dem König Gehorsam und Treue schwören.«

»Ich bedaure, Ihnen keine günstige Antwort geben zu können,« erwiderte Maria Kasimira, »ich bin entschlossen, das Schloss zu halten, bis Entsatz kommt, und er wird kommen.«

»Sie werden sich doch nicht den Gefahren und Mühseligkeiten einer Belagerung aussetzen, gnädige Frau Marschallin.«

»O! Die Mühseligkeiten sind ganz auf Ihrer Seite,« gab Maria Kasimira zur Antwort. »Sie sehen, wie bequem ich es mir eingerichtet habe, wie wenig ernst ich ihren Angriff nehme. Mit Lebensmitteln sind wir auch reichlich versorgt. Wenn ich Ihrem Pulkownik hie und da mit ein paar Flaschen Wein dienen kann, soll es mit Vergnügen geschehen.«

»Ist dies Ihr letztes Wort, gnädige Frau?«

Die Marschallin nickte.

»Pan Trentowski hat mich noch beauftragt, Ihnen zu sagen, gnädige Frau, dass es ihn aufrichtig schmerzen würde, wenn Ihnen ein Unfall zustossen würde.«

Maria Kasimira erröthete ein wenig, aber als feine Weltdame hinter dem Fächer, so dass der Parlamentär es nicht bemerkte. »Auch mir täte es leid, wenn Ihrem Obersten ein Unglück widerfahren sollte.«

Damit war die Unterredung zu Ende.

Trentowskis erste Frage an den heimkehrenden Parlamentär war nicht etwa: »Ergiebt sie sich?« sondern: »Ist sie nicht die schönste Frau des ganzen Königreiches?«

»Sie ist es, ohne Zweifel,« sprach der Gefragte, »und doppelt schön so, wie ich sie gesehen habe, nicht als kriegerische Amazone, sondern als anmuthiges, liebenswürdiges Weib.«

Trentowski liess sich nun jedes Wort berichten, das Maria Kasimira gesprochen hatte, jede noch so unbedeutende Kleinigkeit, die sich auf sie und ihre Erscheinung bezog, umständlich schildern. »Eine seltene Frau,« sagte er endlich mit einem Seufzer, »ich muss Krieg gegen sie führen, während – während ich gezwungen bin, sie zu lieben,« fügte er in Gedanken hinzu.

Noch in derselben Nacht erbauten die Königlichen eine Batterie gegenüber dem Hauptthor des Schlosses und stellten in derselben ihr Geschütze auf. Mit Tagesanbruch begannen sie Warda zu beschiessen. Maria Kasimira erschien unter ihren Leuten und feuerte sie an, sie selbst richtete und brannte das erste Geschütz ab und blieb auf dem Walle, während die feindlichen Kugeln bald zu ihren Füssen einschlugen, bald über ihrem Kopfe wegflogen. Die Belagerten erwiderten das Feuer aus sämmtlichen Geschützen so kräftig, dass den Königlichen gleich in der ersten Stunde eine Kanone demontirt wurde und sie bei zwanzig Mann an Todten und Verwundeten verloren. Trentowski überzeugte sich, dass ihnen die Conföderirten an Artillerie bei Weitem überlegen waren, er stellte daher die Beschiessung ein, zog seine Kanonen und Leute aus dem Bereich der feindlichen Kugeln zurück und begnügte sich, das Schloss zu cerniren, bis Mangel an Lebensmitteln die Marschallin zur Übergabe zwingen würde.

Einige Tage verstrichen in gegenseitiger Unthätigkeit. Dann traf Pan Zajontschek ein, er verstärkte Trentowskis Corps durch die Reiter Maria Stanislawas, brachte ihm reiche Zufuhr an Lebensmitteln und zum Überflusse noch eine Reihe guter Nachrichten.

Der Sieg von Staremiasto hatte die Äbtissin zu den grössten Opfern für die gemeinsame Sache begeistert, die auf’s Neue ermuthigten Bürger von Sambor hatten ihre Stadt auf das Beste befestigt und in Vertheidigungszustand gesetzt, so dass dieselbe auch ohne Besatzung vor einem Handstreich sicher war. Die Äbtissin rüstete in aller Eile 100 Fusssoldaten aus, die nebst einer Kanone bestimmt waren, das Corps in Staremiasto zu verstärken und auf diese Weise Trentowski im Rücken zu sichern.

Wieder vergingen zwei Tage, dann zeigten sich von Süden her die Conföderirten, welche von Bialigrod aufgebrochen waren, um Warda zu entsetzen. Trentowski zog ihnen mit dem grössten Theil seiner Soldaten entgegen. Nach kurzem Gefecht wichen die Conföderirten zurück, da sie sich einer grossen Übermacht gegenüber sahen. Die Marschallin machte an der Spitze von dreissig Reitern mit bestem Erfolge einen Ausfall, trieb die Posten der Belagerer zurück, nahm ihnen fünf Gefangene ab und brachte ihnen einen Verlust von drei Todten und vier Verwundeten bei, während von ihren Leuten nur zwei verwundet wurden, musste aber zuletzt auch den Rückzug antreten. Es herrschte hierauf durch fast zwei Wochen vollkommene Waffenruhe. Täglich stieg die Marschallin zu wiederholten Malen auf den Thurm und spähte vergeblich gegen Norden nach dem Entsatz aus. Die vorhandenen Lebensmittel waren verzehrt, die Besatzung begann die Pferde zu schlachten. Da klopfte es in einer stillen, mondhellen Nacht kräftig an die Ausfallspforte. Die Wache machte sich schussfertig.

»Um Gotteswillen,« liess sich eine klägliche Stimme vernehmen. »Ich bin es, Rachel, die Schänkwirthin aus Warda.«

Nun wurde mit äusserster Vorsicht die Pforte geöffnet und die Jüdin eingelassen, die mit einem Korbe am Arm geradewegs zur Marschallin eilte.

»Wie ist es Dir gelungen, durch die feindlichen Posten hierher zu kommen?« fragte diese zugleich erstaunt und erfreut.

»Ohne alle Hexerei,« erwiderte die Jüdin lächelnd, »hat doch der Herr Pulkownik mich selbst hierher gesandt.«

»Zu welchem Zweck?«

»Weil er hat vernommen, dass Sie Mangel leiden, gnädige Frau,« fuhr die Jüdin fort, indem sie ihren Korb auszupacken begann, »und so hat der gute Herr mir Alles dies übergeben und mir befohlen, es zu bringen der Frau Marschallin.«

Maria Kasimira erröthete. Die Jüdin legte geschäftig eine Gans, zwei Enten, doppelt so viel Hühner und ein Fässchen mit Butter zu den Füssen der schönen Frau nieder, die über diese Gaben in ihrer Lage nicht weniger entzückt und gerührt war als unter anderen Verhältnissen über ein wundervolles Bouquet oder ein begeistertes Poem. Maria Kasimira lies hierauf zwölf Flaschen alten kostbaren Tokayer aus dem Keller heraufholen, packte dieselben eigenhändig in den Korb und sprach: »Bringe diesen Wein dem Pulkownik und sage ihm, dass ich ihn herzlich danken lasse.«

Jeder Tag steigerte die Noth der Belagerten. Noch war der Keller im Stande, sie für die Mängel der Küche zu entschädigen, aber endlich waren alle Pferde bis auf zwei geschlachtet und noch immer keine Aussicht auf Entsatz. Da erschien die Äbtissin Maria Stanislawa selbst im Lager Trentowskis, um die Belagerer anzufeuern. Als sie in die Schänke trat, in der der Oberst mit den Offizieren bei einem Stümpfchen Talglicht Karten spielte, und die Kapuze des grossen dunklen Pelzes, in den sie gehüllt war, zurückschlug und ihr reizendes, frisches Gesicht plötzlich aus demselben wie aus einem Rembrandt’schen Hintergrunde hervorleuchtete, da war es, als sei ein Engel aus dem Himmel auf die Erde herabgestiegen.

»Sie sind es?« rief Trentowski, indem er sich freudig überrascht erhob. Er hätte sie am liebsten gleich in seine Arme geschlossen , nicht in einer Aufwallung seiner Sinne, sondern nur von dem Entzücken hingerissen, welches eine anmuthige, weibliche Erscheinung hervorrufen muss, wenn sie plötzlich an einem Orte und in einer Umgebung auftaucht, wo man eher auf alles Andere gefasst ist als auf ein holdes Frauenantlitz.

»Fürchten Sie mich nicht ein wenig?« fragte Maria Stanislawa.

»Im Gegentheil, ich bin so glücklich, ich kann mich kaum fassen,« erwiderte Trentowski und küsste ihre Hände.

»O! ich komme, um Sie auszuschelten,« versetzte sie mit einem reizenden Lächeln.

»Weil ich Warda noch nicht genommen habe?«

»So ist es.«

»Wozu unsere Leute unnütz opfern?« entgegnete der Oberst. »Die Besatzung muss sich in wenigen Tagen ergeben, weil sie nichts mehr zu essen hat.«

»Sie kennen Maria Kasimira nicht, sie wird sich eher sammt dem Schloss in die Luft sprengen.«

»Das verhüte Gott!« rief Trentowski erbleichend.

»Sie haben Recht,« erwiderte Maria Stanislawa, die seine Aufwallung missverstand, »denn Sie wissen ja, dass ich die Marschallin in meine Hände bekommen muss«.

»Ich weiss es,« sprach Trentowski, der seine Fassung wiedergewonnen hatte.

»Und so habe ich denn eine List ersonnen,« fuhr Maria Stanislawa fort, »die uns mit geringen Opfern, vielleicht sogar ohne Blutvergiessen, das Schloss und die Marschallin in die Hände liefert.«

»Ich bin neugierig, aber nehmen Sie doch Platz, ehrwürdige Mutter.«

Die Äbtissin liess sich mitten unter den Offizieren auf einen halbzerbrochenen Holzstuhl nieder. »Ich habe nicht ganz ohne Nutzen meinen Virgil gelesen,« begann sie. »Die Geschichte vom trojanischen Pferde ist es, die ich hier anwenden möchte.«

»Bedenken Sie nur, dass wir es nicht mit Männern zu thun haben, sondern mit einer Frau,« erwiderte Trentowski, »die fähig ist, jede List zu durchschauen.«

»Ohne zu wagen, kann man nichts erringen,« gab Maria Stanislawa kühn zur Antwort. Sie neigte sich zum Pulkownik und begann ihren Plan auseinanderzusetzen, während er verlegen an seinem Schnurrbart kaute.

Es war Nacht geworden, als der Jude Simon bei der Ausfallpforte erschien und heftig Einlass begehrte. Man führte ihn zur Marschallin. »Ich bin gekommen, mir zu verdienen ein gutes Stück Geld,« rief er erregt. »Was für Botschaft! Es kommt Entsatz, die Königlichen ziehen ab.«

»Ist dies gewiss?«

»Sie sind schon auf dem Marsch,« schwor Simon. »Die Erde soll mich verschlingen, wenn es nicht wahr ist. Nur Einige sind noch im Dorf mit den Wagen, worauf ist geladen der Proviant, weil sie schwer fortbringen die Wagen in dem tiefen Schnee.«

»Wie viele sind es?« fragte Maria Kasimira, die aufgeregt auf und ab ging.

»Wenn es zehn sind, können Sie mich auf der Stelle hängen lassen, Frau Marschallin.«

»Ich lasse Dich auch hängen, wenn Du lügst,« sprach Maria Kasimira.

»Senden Sie fünfzehn Leute in das Dorf,« fuhr der Jude fort, »und wenn sie nicht bringen die Wagen, will ich hängen.«

Die Marschallin sendete Stanioski und den alten Kosaken mit zehn Mann in das Dorf. Sie selbst bewachte mit den Übrigen die Thore und den Wall. Es währte nicht lange, so fielen rasch hintereinander fünf Schüsse; dann wurde es stille und bald sah man Stanioski und seine Leute, von denen einige brennende Kienfackeln in den Händen hielten, die Wagen herbei führen. Die halbverhungerten Conföderirten auf dem Walle jubelten laut, die von unten Kommenden erwiderten mit gleich freudigem Zuruf. Das Thor wurde geöffnet, die Wagen fuhren in den Hof.

Stanioski berichtete stolz, wie er die Königlichen im Dorf überrascht hatte. Zwei derselben waren gefallen, einige entflohen, sieben brachte er als Gefangene mit. Comic rollte rasch ein Fass mit Branntwein von dem einen Wagen herab und öffnete einen Sack, aus dem er Brot und Würste zog. Alle assen und tranken, nur Maria Kasimira nicht.

Um Mitternacht schliefen die Belagerten, ein Jeder, wo ihn der kräftige Branntwein niedergestreckt hatte, einen tiefen, lethargischen Schlaf. Nicht einmal die Wachen auf dem Walle konnten sich auf den Füssen halten. Da schlich der Jude Simon leise durch den Hof zu den Wagen und öffnete Fässer und Säcke und jedem derselben entstiegen Soldaten Trentowskis. Sie stiessen die Wache bei der Ausfallpforte nieder und öffneten die letztere. Trentowski drang an der Spitze seiner Leute ein. Der Feind war bereits im Besitz des Thores, als einzelne Conföderirte, durch den Waffenlärm aufgestört, sich aufrafften und auf die Königlichen zu feuern begannen. Es folgte ein kurzes Handgemenge und Trentowski war Herr des Schlosses. Unter den Gefangenen befand sich auch Stanioski. Maria Stanislawa erschien in einer Sänfte, die einige ihrer Soldaten trugen, während andere sie mit Fackeln begleiteten, ihr schönes Gesicht glühte vor Stolz und Freude.

»Wo ist Maria Kasimira?« rief sie.

»Ich habe sie selbst im ganzen Schlosse gesucht,« sprach Trentowski, der ihr mit gezogenem Säbel entgegenkam. »Es scheint, dieses Weib ist mit dem Teufel im Bunde.«

Die Marschallin war mit dem alten Kosaken glücklich entkommen.

Nach dem Fall von Warda hielten die Königlichen Kriegsrath. Die Äbtissin stimmte dafür, sofort gegen Bialigrod zu ziehen, wohin die Marschallin sich muthmasslich geflüchtet habe, die Offiziere theilten ihre Ansicht, nur Trentowski erklärte sich entschieden dagegen. Solange die Conföderirten in starker Zahl bei Starosol sowohl Sambor als sein Corps im Rücken bedrohten, sei an ein weiteres Vorgehen nicht zu denken. Man kam zu keinem Entschlusse und blieb einen Tag in Warda stehen. Am zweiten Tage erschien ein Parlamentär der Marschallin aus Bialigrod und begehrte Waffenstillstand. Sie hatte denselben nur in Ansicht gesendet, um ihre Gegner glauben zu machen, dass sie in Bialigrod sei, und sie erreichte in der That ihre Absicht vollständig. Der Waffenstillstand wurde verweigert und nach langer Debatte in einem neuen Kriegsrath beschlossen, dass Maria Stanislawa sofort nach Sambor reiten sollte, um dasselbe vor den Conföderirten zu sichern, während sich Pan Zajontschek mit seinen Reitern nach Staremiasto begeben sollte, um den dortigen Posten zu verstärken und dem Rittmeister Bogarski den Befehl zu überbringen, sich, im Falle der Feind in grosser Zahl anrücke, zurückzuziehen, das Fussvolk nach Sambor zu senden und mit dem Reitern zu Trentowski zu stossen. Der Pulkownik selbst brach mit seinen Corps zur Belagerung von Bialigrod auf.

Indess hatte die Marschallin in diesem Schlosse nur die Geschütze und wenige erprobte Leute zurückgelassen und war mit den Übrigen nach Boryna an die ungarische Grenze gezogen. Von hier aus entsandte sie ihre Boten nach allen Richtungen und es gelang ihr, in wenigen Tagen mehrere Banden der Conföderirten, die sich vereinzelt nicht behaupten konnten und deshalb an die Grenze Ungarns zurückgezogen hatten, mit ihrem Corps zu vereinigen, das jetzt über 200 Mann zu Fuss und 300 Reiter mit zwei Geschützen zählte. Während Trentowski vor Bialigrod erschien und, nachdem er das Schloss vergeblich zur Übergabe aufgefordert hatte, dasselbe zu belagern begann, eilte Maria Kasimira von Boryna nach Turka und von hier nach Staremiasto. Zu gleicher Zeit rückten auch die Conföderirten von Starosol auf ihren Befehl gegen Staremiasto an.

Rittmeister Bogarski, von den Letzteren mit Ungestüm angegriffen, suchte dennoch dem empfangenen Befehl nachzukommen und liess Zajontschek den Rückzug auf Sambor antreten, während er denselben deckte und sich dann nach Süden wenden wollte. Da fiel ihm aber die Marschallin in die Flanke und zwang ihn, nach kurzem Gefecht gleichfalls die Strasse nach Sambor einzuschlagen.

Die Bewohner von Sambor sahen bereits den Feind vor den Thoren; um sie zu ermuthigen, sendete die Äbtissin sofort den Juden Simon an Trentowski ab mit der Bitte, die fast einem Befehl gleich sah, die Belagerung von Bialigrod aufzuheben und der bedrängten Stadt zu Hilfe zu eilen.

Die Marschallin dachte indess nicht einmal daran, Bogarskis geschlagene Truppen zu verfolgen, um so weniger an einen Handstreich auf Sambor, sie war nur mit Trentowski beschäftigt. Durch die Vereinigung aller ihrer Truppen zählte sie jetzt wieder über 500 Fusssoldaten, 600 Reiter und vier Geschütze unter ihrer Fahne. Mit dieser Übermacht konnte sie, wenn sie geschickt operirte, das Corps des Pulkownik nicht nur schlagen, sondern vollständig vernichten.

Ein Edelmann aus der Gegend von Bialigrod kam in ihr Lager mit der Meldung, dass der Jude Simon dem Pulkownik eine Nachricht überbracht habe, auf die hin er sich anschicke, den Rückzug nach Sambor anzutreten. Die Marschallin sagte sich, dass er seinen Weg nur in gerader Richtung über Warda nehmen könne. Sie warf hierauf ihr ganzes Fussvolk mit sämmtlichen Geschützen nach Mienowize, auf dem halben Wege zwischen Sambor und Warda, wo dasselbe auf einer Reihe von Hügeln eine ziemlich feste Stellung einnahm, und eilte über Batschisko nach Warda.

Als sie sich dem Schlosse näherte, hatte Trentowski die Gegend bereits verlassen und war auf dem Marsche nach Mienowize. Sie überfiel Warda bei Nacht, nahm es mit Sturm und liess die Besatzung über die Klinge springen.

Vor Mienowize mit Schüssen empfangen, liess sich Trentowski in kein ernstes Gefecht ein, sondern beschloss, den Anbruch des Tages abzuwarten. Inmitten einer im Viereck aufgestellten Wagenburg schlug er sein Lager auf. Ringsum standen seine Posten. Gegen Mienowize war eine starke Reiterabtheilung vorgeschoben und zugleich der Jude Simon entsendet worden, um die Stärke und Stellung des Feindes auszuspioniren.

Die Nacht war hell durch den Schnee und das Licht der Sterne, mit denen der winterliche Himmel besäet war.

Etwa eine Stunde nach Mitternacht ertönten plötzlich von allen Seiten zugleich Schüsse. Trentowski, der beim Wachtfeuer auf seinem Mantel schlief, sprang auf und schwang sich in den Sattel. Seine Leute folgten seinem Beispiel. Während sie sich formirten, kamen schon die gegen Mienowize aufgestellten Reiter in wilder Flucht mit blutigen Köpfen herbei und durchbrachen die Wagenburg. Mit ihnen zugleich drangen die Conföderirten in dieselbe ein. Wohin Trentowski auch blickte, überall sah er seine Schaar von einem übermächtigen Feind umzingelt.

»Jetzt gilt es zu beweisen, dass wir brave Soldaten sind,« rief er seinen Reitern zu, »die Fahnen in die Mitte und so Gott mit uns ist, hauen wir uns durch.«

»Vorwärts!« ertönte es aus einem halben Hundert Kehlen. Trentowski sprengte mit gezücktem Pallasch voraus, mitten in den Feind, seine Ulanen folgten mit eingelegten Lanzen. Beim ersten Angriff wichen die Conföderirten, Trentowski kam glücklich aus der Wagenburg und brach sich immer weiter Bahn. Da kam ein neuer Schwarm zu Pferde heran, an der Spitze desselben ein schönes Weib, in rothen zobelbesetzten Sammet gekleidet, den blitzenden Reiher auf der viereckigen Mütze. Trentowski erkannte Maria Kasimira und ihr Auge entdeckte jetzt auch ihn.

Mitten im wüthenden Handgemenge, in das Aneinanderklirren der Säbel, Lanzen, das Schnauben und den dröhnenden Hufschlag der Pferde hinein rief sie ihn an, sich zu ergeben.

»Ich suche den Tod,« erwiderte Trentowski, »geben Sie mir ihn, ich werde Ihnen dankbar sein.«

Schon riss die der auf- und abwogende Strom der Fechtenden wieder auseinander.

Noch einmal kam die Marschallin in seine Nähe, nicht um ihn zu tödten, sondern in der Absicht, ihn zu retten. Da sie wusste, dass er sich nicht gutwillig ergeben werde, löste sie rasch das Seil von ihrem Sattelknopf und warf ihm die Schlinge um den Hals. Schon war sie im Begriffe, dieselbe zuzuziehen, ihn zu ihrem Gefangenen zu machen, da hieb einer der königlichen Reiter das Seil durch und befreite seinen Obersten, während dieser zugleich von einem Kosaken der Marschallin einen Säbelhieb über den Kopf bekam.

Trentowski wankte im Sattel, Maria Kasimira stiess einen Schrei aus und warf sich zwischen ihn und ihre Leute, ihn mit ihrem eigenen Leib deckend. Im nächsten Augenblick war er im Gedränge der Pferde und Menschen verschwunden.

Die Königlichen, von allen Seiten zusammengedrängt, wehrten sich verzweifelt. Endlich gebot Maria Kasimira dem Gemetzel Einhalt. Was vom Corps Trentowskis nicht nach allen Richtungen der Windrose auseinandergesprengt oder gefallen war, ergab sich der stolzen Siegerin.

Die Königlichen hatten in diesem Nachtgefecht über hundert Todte und Verwundete und 132 Gefangene sowie ihr Geschütz und ihre Fahnen verloren. Trentowski befand sich nicht unter den Gefallenen, das tröstete Maria Kasimira dafür, dass es ihr nicht gelungen war, ihn zu ihrem Gefangenen zu machen.

Während ein Theil der Reiterei die Fliehenden verfolgte, lagerte das kleine Heer der Conföderirten auf dem Schlachtfelde zwischen Leichen und Trümmern. Die wenigen Verwundeten wurden von den Bauern auf Wagen geladen und nach Mienowize geführt, wo man sie in den Häusern unterbrachte und die Ärzte sie verbanden. Ringsum auf dem weiten Felde waren riesige Feuer angezündet, an denen die vom Marsch und Kampf Ermüdeten auf ihren Mänteln schliefen. Nur in der Nähe der Marschallin herrschte noch reges Leben. Ihre Offiziere lagen um sie auf der Erde ausgestreckt, indess sie selbst sich auf einem aus zwei Trommeln und einem Sattel gebildeten Sitze niedergelassen und auf einem kleinen Fass ihre Karte vor sich ausgebreitet hatte, in der sie sich beim rothen Licht des Wachtfeuers zurecht zu finden suchte. Plötzlich ertönten Hufschläge und Flüche und dazwischen liess sich die jämmerliche Stimme eines Mannes vernehmen, der jetzt in zerrissenen Kleidern und mit verwirrtem Haar und Bart von zwei Reitern, die ihn in die Mitte genommen hatten und mit Lanzenstichen tractirten, mehr todt als lebendig vor die Marschallin geführt wurde.

»Wer ist der Mensch?« fragte Maria Kasimira, die grossen schönen Augen streng auf ihn geheftet.

»Ein Spion,« gab der eine Reiter zur Antwort, »den wir in einem Gebüsch verborgen fanden.«

»Ich bin kein Verräther, ich bin ein treuer Diener der gnädigen Frau Marschallin,« klagte eine bekannte Stimme.

»Du bist es, Simon?«

»Ich bin ex, Ihr treuer Simon.«

»Jude, Du lügst,« fuhr ihn Maria Kasimira an und als sie sich jetzt mit einer marmornen Ruhe in dem schönen Gesicht, die Brauen finster zusammengezogen, erhob und in dem ihre hohe schlanke Gestalt weich umschmiegenden rothsammtnen Zobelpelz majestätisch vor dem Elenden stand, war sie nicht mehr das reizende anmuthige Weib, sondern ganz nur die unerbittliche Richterin. Der Jude erschrak vor ihrem Blick und dem Ton ihrer Stimme und warf sich, am ganzen Leibe bebend, vor ihr auf die Knie nieder.

»Ich bin unschuldig,« betheuerte er, »wie soll ich ein Spion sein, ich bin es nicht.«

»Ein Verräther bist Du,« fiel ihm Maria Kasimira in das Wort, »der sich von der Äbtissin seine Seele eben so theuer abkaufen liess, wie von mir. Du hast uns das erste Mal bei Staremiasto verrathen, ein zweites Mal in Warda und warst jetzt ohne Zweifel im Begriffe, uns zum dritten Male zu verrathen. Hängt diesen Schuft an den nächsten Baum.«

»Gnade, Herrin, Gnade,« flehte Simon, wie ein Hund winselnd, indem er Maria Kasimira nachrutschte und ihre Knie umfasste.

»Bete!« rief sie und stiess ihn mit dem Fusse von sich, »bei Gott ist Gnade, nicht bei mir.«

»Ich bin unschuldig,« schrie der Jude, während ihn die Soldaten ergriffen, »mein Blut kommt über Euch.«

»Bindet ihn,« befahl die Marschallin.

Simon wehrte sich wie ein Verzweifelter, aber sie warfen ihn bald nieder und banden ihm die Hände auf den Rücken.

»Ich will nicht sterben,« rief er, »ich will nicht.«

»Dort an den Baum mit ihm,« befahl Maria Kasimira.

»Erbarmen, Erbarmen!«

Die Soldaten schleppten ihn zu dem Baum hin, der Eine hob ihn auf sein Pferd, ein Anderer stieg auf den Ast und befestigte den Strick.

»So erschiesst mich wenigstens,« flehte der Jude, »oder stecht mich todt, – ich will nicht den Strick um den Hals haben.«

»Schnell,« rief Maria Kasimira, »ich will ihn hängen sehen.«

Schon hatte er den Strick um den Hals.

»Gnade, ich werde Alles bekennen, ich werde Sie nach Sambor führen,« rief der Jude, von Todesangst geschüttelt, »nur schenken Sie mir das Leben, gnädige Frau, Erbarmen!«

Die Soldaten blickten auf die Marschallin, diese, welche die Hände in den Ärmeln ihres Pelzes verborgen hatte, nahm sich nicht einmal die Mühe, ihnen zu winken. Sie begnügte sich, ein Zeichen mit dem Kopfe zu geben, und im nächsten Augenblick baumelte der Verräther in der Luft.

Fünf Reiter von den Conföderirten, welche, in der Umgegend fouragirend, am nächsten Tage nach Stoka, einem seitwärts der Strasse gelegenen und zwei Stunden von Mienowize entfernten Dorfe, kamen, wurden aus dem Edelhofe mit Schüssen empfangen. Sie kehrten um und meldeten den Vorfall in ihrem Lager. Sofort liess die Marschallin fünfzig Reiter aufsitzen und sprengte mit denselben selbst nach Stoka. Ihr finsteres Gesicht und ihre vor Zorn glühenden Augen verriethen nichts Gutes.

Der Besitzer von Stoka lebte am Hofe zu Warschau. Er war einer der eifrigsten Parteigänger Russlands. Sein Gutsverwalter Mandezki unterstützte in seinem Auftrage die königlichen Truppen mit Allem, was sie nöthig hatten, galt als wüthender Feind der Conföderirten und war zugleich einer der grausamsten Dorftyrannen und Bauernschinder.

Als die Marschallin mit ihren Leuten, durch einen dichten Nebel begünstigt, unerwartet vor dem Edelhofe in Stoka erschien, fielen keine Schüsse, sondern trat, zu allgemeiner Überraschung, Pan Mandezki barhaupt, den Familienpokal in der Hand, aus der Thüre, um sie willkommen zu heissen.

Die Marschallin stiess unwillig den Becher von sich, dass der rothe Wein wie Blut über den Schnee spritzte. »Wer hat hier auf meine Leute gefeuert?« fragte sie streng. Der unglückliche Mandezki senkte vor ihrem strafenden Blick die Augen verwirrt zu Boden.

»Versprengte Soldaten des Königs waren es,« erwiderte er furchtsam.

»Mensch, Du lügst,« fiel ihm Maria Kasimira in das Wort, »man kennt die Gesinnungen Deines Herrn und die Deinen.«

»Er selbst hat geschossen,« rief jetzt eine Stimme aus der Mitte der Bauern, welche neugierig die Conföderirten umstanden.

»Gestehe,« herrschte die Marschallin Mandezki an, »nur so kannst Du Dein Leben retten.«

»Vergeben Sie, gnädige Frau,« flehte der Verwalter, indem er sich vor Maria Kasimira auf das Antlitz niederwarf, »ich war verblendet, ein Wahnsinniger –«

»Ich schenke Dir das Leben,« entgegnete die Marschallin mit einem bösen Lächeln, »aber Du sollst zum Beispiel für Andere exemplarisch bestraft werden.«

»Gnade, Herrin, Gnade.«

Die Marschallin wendete sich verächtlich von dem Elenden ab. Ihre Leute ergriffen ihn und vollzogen in wenigen Minuten die Befehle ihrer Führerin. Mandezki wurde in ein Bärenfell, das man aus dem Edelhof holte, eingenäht und dann in dieser lächerlichen Maske der Rache seiner Bauern preisgegeben. Männer, Frauen und Kinder ergriffen Steine, ballten Schnee zusammen, rissen Stöcke aus den Zäunen und trieben ihren ehemaligen Tyrannen jauchzend durch das Dorf und wieder zu dem Edelhofe zurück. Diesen hatten die Conföderirten indess geplündert und angezündet. Die rothen Flammen schlugen aller Orten aus Fenstern, Dächern und Thüren und beleuchteten Maria Kasimira, die zu Pferde vor dem Thore hielt, grell und unheimlich. Als Mandezki, von Steinwürfen verfolgt, athemlos zu ihren Füssen Niederstürzte und nochmals um Gnade bat, befahl die Marschallin, Einhalt zu thun. Mandezki wurde hierauf auf ihr Geheiss von dem Bärenfell befreit. Sie liess ihm aber den Kopf scheeren und ihn als gemeinen Soldaten in ihr Corps einreihen. Schon wollte die kühne Frau Stoka verlassen, als ein Bauernmädchen sich ihr näherte und ihr leise mittheilte, dass in einer Hütte des Dorfes ein verwundeter königlicher Offizier verborgen sei.

»Sage es Niemandem von meinen Leuten,« sprach Maria Kasimira zu ihr, »und jetzt komm und zeige mir den Weg.«

Das Mädchen lief barfuss im Schnee voraus, die Marschallin folgte im Schritt mit ihren Reitern. Am Ausgang des Dorfes blieb die Verrätherin vor einer verfallenen, mit Stroh gedeckten Bauernhütte stehen, legte den Finger auf den Mund und deutete mit den Augen auf die Thüre. Maria Kasimira stieg vom Pferde und gab dem Mädchen ein Goldstück. Dieses warf sich vor ihr nieder, küsste ihr die Füsse, sprang dann über den nächsten Zaun und verschwand.

»Ich will hier ein wenig ruhen und mich wärmen,« sagte Maria Kasimira zu ihren Leuten. Sie öffnete die Thür und erblickte Trentowski, der mit verbundenem Kopfe auf Stroh, das auf dem Boden aufgeschüttet war, gebettet dalag. Er erschrak, als er seine schöne Feindin auf der Schwelle erscheinen sah, und hinter ihr die Conföderirten, die zum Theil abgesessen waren, und richtete sich auf in der Absicht, seinen Säbel zu ergreifen, der neben ihm lag. Ein altes Weib, das beim Ofen auf einer Bank sass und spann, stiess einen Schrei aus. Zwei Kinder flüchteten sich über eine Leiter auf den Dachboden hinauf.

»Hier ist ein Schwerkranker,« sprach Maria Kasimira, zu ihren Leuten gewendet. »Es ist besser, wenn ihr draussen bleibt und ihn nicht erschreckt.«

Auf einen Wink von ihr zogen sich Alle zurück, während sie eintrat und die Thüre hinter sich schloss.

»Gnädige Herrin!« rief die Alte, vor Angst am ganzen Leibe zitternd, und warf sich vor der Marschallin auf die Knie. »Verschone uns; aus reiner christlicher Barmherzigkeit und Menschenliebe haben wir Armen ihn aufgenommen, in keiner anderen Absicht.«

»Ihr habt recht gethan,« schnitt ihr Maria Kasimira das Wort ab, »fürchte Dich nicht, Alte, steh auf. Weder ihm noch euch wird ein Haar gekrümmt. Ich achte das Unglück und nicht minder das Mitleid.«

»Der Himmel segne Dich, Herrin!« rief die Alte und küsste den Saum ihres Gewandes. »Du bist ein Engel in Menschengestalt. Hab ich es doch gleich gedacht, als Du so schön hereintratest: von dieser Dame haben wir nichts zu fürchten.«

»Steh auf.«

Die Alte gehorchte.

»Ist kein Mann im Hause?«

»Gleich wird mein Sohn hier sein.«

»Wo ist in der Nähe ein Arzt?« fuhr Maria Kasimira fort.

»Für wen willst Du einen Arzt, Herrin?«

»Für diesen Kranken hier,« erwiderte die Marschallin. Sie vermied es, Trentowski anzusehen; sie wendete sich immer wieder an die Alte.

»Nun, es geht besser. Als sie ihn brachten, da schüttelte ihn das Fieber, jetzt ist er ruhiger. Wir haben Alles gethan, was in unseren Kräften stand. Ein Mensch ist wie der andere, Alle hat derselbe Gott erschaffen.«

»Ich will unter allen Umständen einen Arzt.«

»Fetko, komm herunter,« rief die Alte, »man frisst dich ja nicht, Fetko.«

Ein Knabe mit weissblondem Kopf kam langsam die Leiter herab.

»Schnell, Fetko, lauf’, was Du kannst,« befahl ihm die Alte, »und hole den Vater.«

Der Knabe eilte fort. Maria Kasimira liess sich auf die Bank beim Ofen nieder.

»Man hat also uns Conföderirte hier als Räuber und Mörder oder gar noch als etwas Ärgeres geschildert, nicht?« fragte sie lächelnd die Alte; »und Ihr seht jetzt, dass wir besser sind als Euere Herren, die ihre Unterthanen wie das Vieh behandeln und ihr Vaterland an die Moskowiter verkaufen. Wir kämpfen für die Freiheit, für die Rechte unserer Republik, gegen die Anmassung des Königs und seiner Kreaturen und gegen die Russen, welche unter dem Vorwande, die Rechte der Krone zu beschützen und der Unordnung zu steuern, nach Polen gekommen sind, um es in Besitz zu nehmen oder im Vereine mit anderen Mächten zu zerstückeln. Wir kennen keine Rücksichten Jenen gegenüber, welche wir als Verräther kennen, wir strafen die Judasse, an denen unser Land jetzt leider so reich ist; aber dem ritterlichen Feinde gegenüber schweigen alle anderen Gefühle, und wir lassen uns von ihm an Grossmuth nicht beschämen.«

»So soll es auch sein,« stimmte die Alte bei, »und Gott wird es Ihnen lohnen.«

Trentowski war bleich und erschöpft auf sein elendes Lager zurückgesunken; die Marschallin streifte ihn nur mit einem flüchtigen Blick und ein leiser Seufzer hob ihre Brust, dann zog sie die Börse hervor und gab der Alten mehrere Dukaten.

»Jesus Maria!« schrie diese auf. »Das Alles soll uns gehören? Das ist ja gar nicht möglich!«

»Es ist euer Lohn,« gab die Marschallin zur Antwort, »den Ihr aber erst verdienen müsst, indem Ihr den Kranken treu und sorgsam pflegt.«

»O, wir werden es an Nichts fehlen lassen,« betheuerte die Alte, »gewiss nicht. Wir hätten es auch so gethan, aus Nächstenliebe, man darf ja doch einen Christenmenschen in seiner Noth nicht verlassen.«

»Ihr seid brave Leute.«

Jetzt trat der Bauer, dem die Hütte gehörte, der Sohn der Alten, demüthig und ängstlich herein, blickte zuerst auf den Verwundeten, dann auf Maria Kasimira und kniete endlich, ohne ein Wort zu sprechen, nieder und begann zu beten.

»Fürchte Dich nicht, Iwasch,« flüsterte ihm die Alte zu, »sie hat uns ja noch Geld dafür gegeben, unsere goldene süsse Herrin, damit wir ihn ordentlich pflegen.«

Der Bauer starrte die Marschallin mit blödem Erstaunen an.

»Steh auf,« befahl diese, »und eile, einen Arzt zu holen.«

»Hier ist keiner.«

»Wo denn?«

»In Staremiasto. Ich habe kein Pferd.«

Maria Kasimira erhob sich und trat auf die Schwelle hinaus.

»Gebt dem Bauern da eines von den Pferden, die wir im Edelhof erbeutet haben, es soll ihm gehören.«

»Mir schenkst Du das Pferd, gnädige Herrin,« fragte der Bauer immer mehr verblüfft.

»Ja Dir,« gab Maria Kasimira lächelnd zur Antwort. »Frage nicht lange, nimm es, reite nach Staremiasto und bringe einen Arzt hierher. Hier ist das Geld, ihn zu bezahlen.«

Sie gab dem Bauern ein Goldstück, dieser barg es in seiner Brust und ging, den Kopf schüttelnd, hinaus. Wenige Augenblicke später sah man ihn davonreiten.

»Ich muss jetzt fort,« sprach die Marschallin, zu der Alten gewendet. »Gott beschütze Euch Alle.«

»Seine Engel mögen Sie beschirmen, gnädige Frau,« erwiderte die Alte, warf sich vor ihr nieder und küsste ihre Füsse.

Maria Kasimira ging langsam bis zur Thür, die Hand an der Klinke, blieb sie stehen und wendete den Kopf.

»Baldige Genesung,« sprach sie mit einem Ton, den man an ihr nicht gewöhnt war, der so sanft, so verschämt klang und wie ein heller Sonnenstrahl in Trentowskis Seele fiel. Einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke, dann ging sie hinaus und er neigte den Kopf zur Seite und lauschte dem Hufschlag ihrer Pferde, der sich rasch entfernte und endlich ganz verhallte.

Die Alte ging zurück zum Ofen. Plötzlich hob sie ein feines mit Spitzen besetztes Tuch mit zwei Fingern auf und rief: »Das hat sie verloren, die schöne, edle Dame.«

»Was? Zeig her!« rief Trentowski.

»Dieses Tuch.«

»Gieb es mir.«

»Warum nicht!«

Die Alte reichte es ihm und er führte es rasch an seine im Fieber erglühenden Lippen und verbarg es dann rasch an seiner Brust.

In den nächsten Tagen unternahm die Marschallin wiederholt Recognoscirungen gegen Sambor. Es zeigte sich, dass die Königlichen die Umgegend verlassen, sich aber in der Stadt selbst auf das Beste befestigt hatten und in jeder Beziehung zu einer hartnäckigen Vertheidigung vorbereitet waren. Da die Conföderirten sich nicht für stark genug hielten, um eine längere Belagerung wagen zu können, so beschlossen sie in einem Kriegsrath, sich gegen Norden zu wenden und den Versuch zu machen, in die Gegen von Krakau vorzudringen, wo ihre Partei in der letzten Zeit grosse Fortschritte gemacht und in einer Reihe von Gefechten den Sieg davongetragen hatte. Schon wurden alle Anstalten zum Aufbruche getroffen, als ein Abgesandter der Generalität in Eperies, Pan Pulawski, in dem Lager der Marschallin eintraf und ihr den Befehl überbrachte, ihre Kräfte nicht weiter im kleinen Kriege zu verzetteln, sondern sich mit dem im Osten von Sambor stehenden Corps der Conföderirten zu einer gemeinsamen grossen Operation zu vereinigen.

Maria Kasimira verschanzte sich in Folge dessen in der sehr vortheilhaften Position bei Mienowize, von der aus sie sowohl Sambor bewachen, als sich im Falle eines feindlichen Angriffes mit überlegenen Kräften auf ihre festen Schlösser Warda und Bialigrod zurückziehen konnte.

Sobald Trentowski erfuhr, dass die Conföderirten sich aus der Umgegend von Sambor wieder zurückgezogen hatten, legte er Bauernkleider an und liess sich durch seinen Beschützer auf einem Schlitten dahin bringen.

Was von seinem Corps aus den letzten Kämpfen bei Staremiasto und Mienowize glücklich entkommen war, hatte sich in Sambor gesammelt und geordnet. Die Stadt selbst war durch Maria Stanislawa auf das Beste in Vertheidigungszustand gesetzt und verproviantirt, die muthige energische Frau hatte aber noch mehr gethan, sie hatte Briefe an die nächsten königlichen Commandanten gesendet und dringend um Hilfe gebeten. Wirklich war auch bereits Verstärkung in Aussicht.

Dies Alles erfuhr der Pulkownik, als er glücklich in der Stadt anlangte, gleich in der ersten Minute. Seine Leute und die Bürger begrüssten ihn mit lauter Freude. Die Äbtissin kam selbst in ihrer Sänfte, um ihn zu begrüssen, und gab es durchaus nicht zu, dass jemand Anderer seine Pflege übernehme als sie selbst. Sie machte Trentowski förmlich zu ihrem Gefangenen, liess ihn sofort in das Kloster bringen und in einem Seitenflügel desselben, der ausserhalb der Klausur lag, in wahrhaft fürstlich eingerichteten Gemächern unterbringen. Hier widmete sie sich jetzt fast ausschliesslich seiner Pflege und Trentowski beobachtete mit wachsendem Erstaunen, wie ihr Auge, das so viel Klugheit und Energie zeigte und in dem das Feuer eines unauslöschlichen Hasses oft geradezu unheimlich glühte, gütig und mitleidig blicken konnte, wie diese kleine Hand, die nur geschaffen schien, zu befehlen, es auch vortrefflich verstand, Schmerzen zu lindern, Wunden zu heilen.

Wenn Maria Stanislawa stunden-, tagelang an seinem Lager sass und nicht müde wurde, ihn für die erlittene Niederlage zu trösten, die Trauer, welche auf seiner offenen Stirn lag, durch ihr Geplauder zu verscheuchen, ihn seine Wunde durch feinen Scherz vergessen zu machen, da schien der fürstliche Hermelin, der sich weich an ihre jugendliche Gestalt schmiegte, nur noch dazu bestimmt, ihrem schönen, frischen Gesicht einen Reiz mehr zu verleihen, nicht aber die Macht, die ihr zustand und die ihr im Bereich ihres Krummstabes sogar die Gewalt über Tod und Leben einräumte, zu verkündigen. Die Genesung Trentowskis machte um so raschere Fortschritte, als Maria Stanislawa ihm jetzt fast täglich irgend eine gute Nachricht bringen konnte, die von ihren Lippen doppelt süss klang. Lieutenant Mir führte aus der Gegend von Lemberg 50 Reiter herbei. Hauptmann Soltik traf von Krakau aus mit 120 Infanteristen und zwei Geschützen ein. Aus dem Süden zogen sich bei 70 Mann, von den Conföderirten gedrängt, nach Sambor zurück und stellten sich gleichfalls unter die Befehle Trentowskis. Ein Jude wurde aufgefangen, der einen Brief der Marschallin an Rzewuski, den General der Conföderirten in Podolien, überbringen sollte, in welchem sie ihm die Befehle der Generalität zu Eperies mittheilte und ihn zu einer gemeinsamen Operation gegen Sambor einlud. Ein anderer Bote Maria Kasimiras, der gleichfalls den Versuch wagte, sich durch die Posten der Königlichen durchzuschleichen, wurde von denselben verfolgt und als er bereits einen namhaften Vorsprung gewonnen hatte, durch einen Flintenschuss getödtet.

Trentowski brannte vor Begierde, sich wieder an die Spitze seines Corps zu stellen und die Scharte von Mienowize auszuwetzen. Es war ein grosser Tag für ihn, als er das erste Mal sein Lager verlassen konnte und, auf den Arm Maria Stanislawas gestützt, die ersten Schritte durch das Zimmer wagte. Kaum war er so weit, dass er die Treppe hinuntersteigen und einen Spaziergang durch die Stadt machen konnte, wollte er auch schon zu Pferde steigen und seine Truppen zum neuen Kampfe führen. Nur mit vieler Mühe hielt ihn die Äbtissin ab.

Noch wenige Tage und er fühlte sich vollkommen hergestellt. Es war Abends und sie sassen allein bei einem grossen funkensprühenden Kamin, als Trentowski der schönen Äbtissin die Absicht aussprach, die Marschallin in ihrem Lager anzugreifen.

»Sie sind ungestüm, lieber Pulkownik,« sprach Maria Stanislawa und dabei legte sich ihr voller Arm in dem weichen Pelz fast verführerisch auf den seinen, »wir sind nicht stark genug, um etwas zu unternehmen, wir müssen vor der Hand zufrieden sein, dass wir Sambor behaupten können. Maria Kasimira ist nicht im Stande, uns hier ernstlich zu bedrohen, verzetteln wir aber unsere Kräfte in kleinen Scharmützeln oder erleiden wir gar eine neue Niederlage im freien Felde, dann können wir uns auf das Schlimmste gefasst machen.«

»Sollen wir aber ruhig warten, bis Rzewuski anrückt, uns hier einschliesst und zur Übergabe zwingt, oder die Stadt erstürmt,« erwiderte Trentowski.

»Auch nicht, gewiss nicht,« antwortete Maria Stanislawa gelassen, »aber Sie haben sich einmal unter mein Commando gestellt, haben Sie das vergessen?«

»O nein,« rief der Oberst, indem er ihre Hand feurig küsste, »und ich bin bereit, Ihnen zu gehorchen.«

»Also,« fuhr Maria Stanislawa fort, »überlassen Sie es mir, durch List zu erreichen, wozu es uns an Gewalt gebricht. Ich kenne Maria Kasimira, sie ist Leidenschaftlich, sie lässt sich vom Augenblick hinreissen, früher oder später habe ich sie doch in meinem Netz und dann –«

Die Äbtissin vollendete nicht, aber die schönen Augen funkelten so grausam und die holden Lippen wölbten sich so böse über den weissen Zähnen, dass Trentowski sie vollkommen verstand und es ihn wider Willen durchschauerte.

Niemals durfte er die Marschallin in diese schönen kleinen Hände liefern, die jetzt so behaglich in dem schwellenden Pelzwerk ruhten, das fühlte er in diesem Augenblick und gerade zur rechten Zeit, denn eben erschien Pan Zajontschek und meldete, dass ein verlässlicher Mann die Nachricht gebracht habe, die Marschallin befinde sich in Verkleidung in dem Edelhofe Wenglinka in der Nähe der Stadt.

»Wo ist der Mann, ich will ihn selbst sprechen,« rief die Äbtissin, indem sie aufsprang.

»Ich kann es nicht glauben,« sagte Trentowski, sich gleichfalls erhebend, »dass die Marschallin ohne Noth sich in dieser Weise preisgiebt.«

»Sie ist unvorsichtig, ich habe es ihnen gesagt,« entgegnete die Äbtissin, »offenbar will sie selbst zu Rzewuski, um ihm die Befehle der Generalität zu überbringen.«

Zajontschek führte einen Landmann herein, der sich schon in der Nähe der Thüre auf das Gesicht warf und in dieser Stellung vor Maria Stanislawa liegen blieb.

»Bist Du gewiss, dass die Marschallin in Wenglinka ist?« fragte die Äbtissin.

»Sie selbst, so wahr ich Gott liebe,« sprach der Bauer mehr in die Erde hinein als zu der Herrin über Tod und Leben, vor der er zitternd lag, »mir hat es meine Tochter gesagt, die im Edelhofe arbeitet, und da ich arm bin und elend und auf Belohnung hoffte, so eilte ich hierher –«

»Hier,« rief Maria Stanislawa und warf ihm einen Ducaten zu, wie man einem Hunde einen Knochen zuwirft. »Wenn wir die Marschallin fangen, sollst Du mehr haben.«

»Der Himmel segne Dich, Mütterchen.«

»Ich selbst reite auf der Stelle nach Wenglinka,« sprach Trentowski.

»Sie sind noch nicht ganz hergestellt,« fiel ihm die Äbtissin in das Wort, »lassen Sie mich –«

»Nein, nein, niemals werde ich zugeben, dass Sie diesen zarten Leib den Winterfroste und der Nacht, wenn nicht gar den feindlichen Kugeln preisgeben,« antwortete er lebhaft, »ich würde vor Angst um Sie vergehen.«

»Wirklich?« Die Äbtissin lächelte stolz.

»Zweifeln Sie daran?«

»Keineswegs,« erwiderte sie, »also eilen Sie mit Gott. Eilen Sie.« Sie nahm rasch das goldene Kreuz von ihrer Brust herab und während er sich ritterlich vor ihr auf die Knie niederliess, hängte sie es ihm um und küsste ihn mütterlich auf die Stirne.

Trentowski verliess eine halbe Stunde später die Stadt, an der Spitze von dreissig Reitern, während er Lieutenant Mir mit zwanzig Soldaten nach Stoka entsendete, um die dort aufgestellten Vorposten zu verstärken. Von der Dunkelheit und dem Schneegestöber begünstigt, gelangte der Pulkownik unbemerkt bis nach Wenglinka, umzingelte den Edelhof, drang mit einem halben Dutzend seiner Leute in denselben ein, ohne dass Jemand Widerstand leistete und trat fast zugleich mit dem erschreckten, alten Diener, der den Überfall meldete, in den kleinen Saal, in welchem eine glänzende Gesellschaft adeliger Damen und Herren aus der Umgebung an einer reich gedeckten Tafel versammelt war.

Er hatte auf den ersten Blick die Marschallin herausgefunden. Sie war als Mann gekleidet und ihre hohe schlanke Gestalt kam dieser Vermummung sehr zu statten. Für Jeden, der sie nicht genau kannte, konnte sie ganz gut als ein eleganter Cavalier vom Hofe Stanislaus Augusts gelten. Das halb französische, halb polnische Costüm jener Tage liess ihr ungemein gut. Die hohen Reiterstiefel waren nicht im Stande, den kleinen Fuss zu verbergen. Der lange Männerrock von dunkelgrünem Sammt mit Marderpelz gefüttert und verbrämt, mit Goldschnüren aufgeputzt, den sie offen über dem Beinkleid von schwarzer Seide und der langen weissen Weste mit farbigen Bouquets trug, verlieh ihr eine anmuthige Majestät. Die schönen dunklen Augen gewannen durch das schneeweiss gepuderte Haar noch an Feuer und Energie. Im ersten Augenblick waren alle Anwesenden aufgesprungen und die Herrn hatten nach den Säbeln gegriffen, aber auf einen Wink Maria Kasimiras gewannen Alle sofort wieder ihre Fassung und der Hausherr füllte rasch den Familienpokal und trank dem Obersten zu.

Dieser leerte den Pokal und nahm dann, vom Hausherrn hierzu eingeladen, an der Tafel Platz. »Meine Damen, meine Herren,« begann er, »ich muss sehr um Vergebung bitten, dass ich Sie in Ihrer Unterhaltung gestört habe, aber mich ruft eine heilige Pflicht hierher.«

Die Anwesenden wechselten besorgte Blicke, der Hausherr erbleichte sogar ein wenig, nur Maria Kasimira blieb ruhig und heiter.

»Welche Pflicht?« fragte eine der Damen.

»Ich habe eine Schuld zu bezahlen.«

»An wen?«

»An diesen Cavalier hier,« erwiderte Trentowski, auf Maria Kasimira deutend.

»Sie kennen Herrn Bogumilski?« fragte die Hausfrau rasch.

»Gewiss, und ich bin ihm sehr verpflichtet,« sagte der Pulkownik, »eben deshalb bin ich selbst gekommen, um ihn durch meine Posten zu geleiten.«

»Das ist brav!« riefen mehrere Stimmen zugleich.

Man unterhielt sich hierauf in der ungezwungensten Weise. Endlich erhob sich Trentowski und mahnte zum Aufbruch. Die Marschallin setzte ihre Pelzmütze auf, hing den krummen Säbel um die Schulter, steckte die Pistolen in den Gürtel und hüllte sich in einen weissen Reitermantel. Man nahm herzlichen Abschied und der Hausherr geleitete den Pulkownik noch bis zu dem Thore seines Herrensitzes. Das Pferd Maria Kasimiras wurde vorgeführt; sie schwang sich leicht in den Sattel, grüsste noch einmal den Hausherrn und ritt mit dem Pulkownik im Schritt davon. Da, wo sich die Wege theilten, hielt die Marschallin ihr Pferd an. »Wohin jetzt?« fragte sie. Es waren die ersten Worte, die sie an den Obersten richtete.

»Ich muss die Pflicht der Dankbarkeit mit meiner Soldatenpflicht in Einklang bringen,« erwiderte Trentowski. »Ich kann Sie nur bis zu den Vorposten der Conföderirten vor Mienowize führen. Sie nach Osten zu geleiten, wo Rzewuski steht, würde gleichbedeutend sein mit Hochverrath.«

»Sie handeln wie ein Mann von Ehre,« entgegnete Maria Kasimira. »Ich danke Ihnen.«

Sie wendeten sich hierauf gegen Westen, passirten das Dorf Stoka und vor demselben die Vorposten der königlichen Truppen und trafen bald darauf das erste Piquet der Conföderirten.

»Ich habe mich meiner Aufgabe glücklich entledigt,« sprach Trentowski, seine Mütze lüftend. »Sie sind in Sicherheit. Gott schütze Sie auch ferner.«

»Ich werde Ihren Edelmut nie vergessen,« rief die Marschallin und reichte ihm die Hand. »Leben Sie wohl!«

»Nicht so,« erwiderte Trentowski mit einem feinen Lächeln, »sondern wie gute Freunde und gute Polen, Pan Bogumilski,« und ehe Maria Kasimira noch verstand, um was es sich handelte, hatte Trentowski den Arm um ihren Hals geschlungen und sie nach polnischer Sitte brüderlich geküsst.

Die Marschallin musste Angesichts der in der Nähe haltenden Ulanen, um nicht aus ihrer Rolle zu fallen, gute Miene zum bösen Spiel machen, aber ihre Wangen waren mit Gluth übergossen und zugleich hatte sie Mühe, das Lachen zu verbergen. »Leben Sie wohl!« rief sie noch einmal und sprengte rasch davon in den Nebel hinein, der wie eine graue Wand dastand.

Als Trentowski sich Sambor näherte, kam ihm Maria Stanislawa auf der Landstrasse entgegen, so sehr brannte sie vor Ungeduld, ihre Feindin, ihre Nebenbuhlerin in ihrer Gewalt zu sehen. Sie sass in einem langen dunklen Pelz zu Pferde, umgeben von ihren Lanzenreitern, und rief von Weitem schon: »Bringen Sie mir sie?«

»Nein, hochwürdige Mutter,« entgegnete Trentowski, seinen Schnurrbart streichend.

»Sie sind also zu spät gekommen?«

»Durchaus nicht.«

»Man hat uns falsch berichtet?«

»Auch nicht. Die Marschallin war in Wenglinka, aber sie ist jetzt wieder in Mienowize.«

»Sie ist nicht zu Rzewuski?«

»Ich habe es verhindert.«

Die Äbtissin seufzte. »Immerhin ein Erfolg,« murmelte sie dann, »aber ich gebe mich nicht zufrieden, ehe diese Rebellin nicht in meiner Hand ist.«

Am nächsten Tage liess Maria Stanislawa den Obersten zu sich bitten.

Als er eintrat, ging sie mit kurzen, aber heftigen Schritten im Gemach auf und ab, die Arme auf der Brust gekreuzt. Jedesmal, wenn sie sich umwandte, flog ihr violetter Hermelinpelz um sie, ihre Nasenflügel bewegten sich rasch, ihre blauen Augen schienen dunkler geworden. Anfangs beachtete sie Trentowski gar nicht. »Schöne Geschichten,« rief sie dann plötzlich, jedoch ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Sie stellen sich unter meine Befehle, mein lieber Pulkownik, und bei der ersten Gelegenheit, wo Sie mir einen Dienst erweisen können, ja mich für das Leben verpflichten,« sie blieb flehen und sah ihn an, »ich wiederhole es, für das Leben verpflichten, handeln Sie wie ein irrender Ritter oder ein verliebter Page. Sehr galant und romantisch, aber nicht klug und noch weniger patriotisch.«

»Ich weiss nicht –«

»Aber ich weiss,« unterbrach ihn Maria Stanislawa und legte zugleich ihre kleine bebende Hand auf seine Schulter. »Sie selbst haben die Marschallin bis zu den Posten der Conföderirten begleitet.«

Trentowski war ein echter Pole, ritterlich, grossmüthig, tapfer, aber er hielt es nicht für Unrecht, unter Umständen seine Gedanken und Absichten zu verbergen. »Bah!« rief er, »einen jungen Menschen!«

»Dieser junge Mensch war die Marschallin.«

Trentowski zuckte die Achseln und lächelte. Dieses Lächeln machte die Äbtissin irre, ja es entwaffnete sie. »Sie glauben es nicht?« fragte sie ruhiger.

Trentowski lächelte wieder. »Ich glaube, dass Sie die schönste Frau sind, welche noch je den Hermelin getragen hat,« sprach er, sich verneigend, »und dass Sie geschaffen sind, über Menschen, ja über ihre Herzen und Geister sogar zu herrschen. Ich staune über mich selbst, wie ruhig ich Ihre Vorwürfe ertrage. Mein König hätte nicht so mit mir reden dürfen, wie Sie es eben gethan haben. Sie schelten mich aus wie einen Knaben und ich habe nur einen Gedanken, den – Sie zu versöhnen.« Er liess sich vor der Äbtissin auf ein Knie nieder und führte mit der Demuth eines leibeigenen Bauers den Zipfel ihres Hermelinpelzes an seine Lippen.

»Ich kann Ihnen nicht böse sein,« sagte Maria Stanislawa. »Stehen Sie auf.« Sie wollte ihn aufheben, er aber blieb vor ihr auf den Knien liegen und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Wenn Jemand käme,« fuhr sie mit einem reizenden Erröthen fort, »man könnte glauben, – stehen Sie doch auf.«

Trentowski erhob sich und zwar zur rechten Zeit, denn es klopfte kräftig und schnaubend zwängte sich Pan Zajontschek zur Thür herein.

»Ein Sacrilegium,« murmelte er Athem schöpfend, »soeben entdecken wir, dass in dieser Nacht in die Silberkammer eingebrochen ist, und eine grosse Suppenvase und zwölf Bestecke geraubt wurden, sowie auch fünf Löffel und ein Tortenmesser. Sacrilegium! Sodom und Gomorra!«

»Und der Thäter?« fragte die Äbtissin.

»Unbekannt.«

»Sollte es einer meiner Soldaten sein?« fragte der Pulkownik. »Ich werde selbst sofort die strengste Visitation vornehmen.«

»Nein, nein,« antwortete Maria Stanislawa, »lassen Sie mich nur nachdenken.« Sie liess sich auf einen der gepolsterten Stühle in der Fensternische nieder und kehrte den Beiden, die sich leise besprachen, den Rücken. »Wer war doch dieser Tage bei mir und bettelte um Geld und ich wies ihn ab?« sagte sie auf einmal.

»Pajonk, dieser Lump,« sagte Pan Zajontschek.

»Wer ist das?« fragte der Oberst.

»Ein herabgekommener Schänkwirth.«

»Er ist der Räuber,« sprach die Äbtissin , »ich bin meiner Sache vollkommen sicher, es gilt nur, ihn in einer Weise zu überraschen, dass er die geraubten Gegenstände nicht bei Seite schaffen ober gar einschmelzen kann.«

»Ja, das ist wahr,« versetzte Zajontschek, die Augenbrauen emporziehend, »aber das ist nicht so leicht.«

»Ich hab es,« rief die Äbtissin, »Du gehst auf der Stelle zu ihm und sagst ihm, dass ich ihm Gelegenheit geben will, sich ein gutes Stück Geld zu verdienen. Ich brauche einen verlässlichen Spion. Seitdem sie den armen Simon gehängt haben, ist nicht einmal der ärmste Jude für die grösste Summe zu diesem Zweck zu gewinnen. Ja, wenn ich es recht überlege, so ist es am besten. Ich bekomme mein Silber wieder und einen Menschen dazu, der nöthigenfalls für mich in die Hölle geht.«

»Wie wollen Sie das machen, hochwürdige Mutter?« fragte Trentowski erstaunt.

»Gedulden Sie sich nur ein wenig,« erwiderte Maria Stanislawa lächelnd. Trentowski und Zajontschek entfernten sich. Nach kurzer Zeit meldete der Letztere, Pajonk warte im Vorzimmer auf die Befehle Maria Stanislawas. Diese lächelte zufrieden, das Wild war in ihrem Netz. Sie traf rasch ihre Anstalten und liess dann Pajonk eintreten. Dieser, ein verschmitzter Städter, nicht gross, aber kräftig gebaut, mit kleinen stechenden Augen, die sich unter den buschigen Brauen zu verstecken schienen, näherte sich in einer Demuth, die mit Frechheit gepaart war, der Äbtissin, die auf einem erhöhten Stuhle sass und küsste den Saum ihres Pelzes.

»Ich habe mich besonnen,« begann Maria Stanislawa, »und bin geneigt, etwas für Dich und die Deinen zu thun.«

»Das wird Ihnen Gott vergelten, hochwürdige Mutter,« erwiderte Pajonk, »haben wir doch Alle zusammen nichts mehr, unseren Hunger zu stillen.«

»Ich will Dich gut bezahlen, Pajonk, wenn Du mir als Spion dienen willst!«

»Ein böses Gewerbe,« sprach Pajonk, »hat doch der arme Simon an einem elenden Aste sein Leben beendet. Es wäre mir schon lieber, wenn ich einen Dienst im Kloster bekäme.«

»Damit Du bequemer stehlen kannst,« fiel ihm die Äbtissin in das Wort, »nein, nein, den Wolf macht man nicht zum Hirten. Du bist eben gut für einen Spion. Du kennst das Land, bist listig und verwegen, hast nichts zu verlieren.«

»Doch – mein Leben.«

»Dein Leben? Das hast Du schon verloren,« entgegnete Maria Stanislawa ruhig, »sobald ich nur will.«

»Wie soll ich das verstehen, hochwürdige Mutter?«

»Hast Du nicht heute Nacht mein Silberzeug geraubt?«

»Ich, ich will gleich in der Hölle braten, wenn ich nur eine Nadel genommen habe –«

»Glaubst Du, dass ich Zeit habe, mich so lange mit Dir zu beschäftigen?« rief Maria Stanislawa. »Noch einmal, hast Du das Silber geraubt, ja oder nein?«

»Nein.«

Die Äbtissin klingelte. Pan Zajontschek trat mit vier Klosterknechten ein, welche Pajonk in wenigen Augenblicken zu Boden geworfen und gebunden hatten. Es half ihm nichts, dass er seine Unschuld beteuerte, die Äbtissin liess ihn in den Gerichtssaal bringen und erschien nicht viel später, von zwei Nonnen, deren eine den Krummstab, die andere das entblösste Schwert, die Insignien ihrer Macht, trugen, begleitet in demselben, um ihn selbst zu verhören.

Nachdem Maria Stanislawa und Pan Zajontschek an dem Gerichtstisch Platz genommen hatten und der Letztere unter vielem Seufzen glücklich die Feder geschnitten und das Papier entfaltet hatte, wurde der Verbrecher vorgeführt.

»Ich ermahne Dich, Pajonk, ohne Weiteres Deine Schuld zu gestehen,« begann die Äbtissin in einem ruhigen, gütigen Ton. »Du weisst, dass wir sonst die Mittel besitzen, Dich zum Reden zu bringen.«

»Ich bin unschuldig,« beteuerte Pajonk, »mein Blut kommt über Euch.«

»Du hast das Silber nicht geraubt?«

»Ich rufe Gott zum Zeugen an –«

»Er lästert Gott,« unterbrach ihn Maria Stanislawa, »spannt ihn auf die Folter.«

»Nein, nein,« schrie Pajonk und stürzte vor ihr auf die Knie nieder, »erbarmten Sie sich, hochwürdige Mutter. Ich gestehe Alles.«

»Hast Du das Silber geraubt?« fragte Maria Stanislawa mit einem bösen Lächeln.

»Ja.«

»Allein oder mit Hilfe Anderer?«

»Allein.«

»Wo hast Du das Geraubte verborgen?«

»Ich habe es im Garten unter dem Apfelbaum vergraben.«

Die Äbtissin befahl Zajontschek, auf der Stelle nachzusuchen, und den Knechten, den Gefangenen zu bewachen. Sie entfernte sich mit ihren Begleiterinnen, um das Mittagsmahl einzunehmen. Während desselben meldete bereits Pan Zajontschek freudestrahlend, dass er Alles bis auf einen Löffel gefunden habe.

Als die Äbtissin wieder in dem Gerichtssaal erschien, war Pajonk bereits mehr todt als lebendig, er krümmte sich wie ein Wurm zu ihren Füssen und bat jämmerlich um sein Leben.

»Ein Löffel fehlt,« sprach Maria Stanislawa, »wo ist dieser?«

»Ich habe ihn dem Juden Moses verkauft.«

Es währte nicht lange und auch dieser stand vor seiner Richterin.

»Ich habe nichts gekauft, ich weiss nichts,« betheuerte er, noch ehe man ihn ins Verhör nahm.

»Auf die Folter mit ihm,« gebot die Äbtissin.

Moses gestand erst beim Anblick der entsetzlichen Instrumente, deren sich die damalige Justiz bediente. Maria Stanislawa sprach auf der Stelle das Urtheil. Es lautete: Pajonk soll auf dem Ringplatze gestäubt, dann soll ihm die rechte Hand und hierauf erst der Kopf abgehauen werden. Moses soll mit einer glühenden Zange die Zunge ausgerissen werden und sein Hab und Gut dem Kloster verfallen.

Beide warfen sich auf die Knie nieder und baten, vor Todesangst zitternd, um Gnade. Maria Stanislawa liess sie eine Weile verzweifeln, dann begann sie sanft und gelassen:

»Ich will euch Beide begnadigen, unter der Bedingung, dass Ihr mir treu und eifrig als Spione in dem Kriege gegen die Conföderirten dient.«

»Ich will es,« schrie der Jude.

»Auch ich,« betheuerte Pajonk.

»Versteht mich wohl,« fuhr die Äbtissin fort, »das Urtheil wider Euch bleibt aufrecht und Euere Frauen, Eure Kinder sowie Dein Vermögen, Moses, bleiben hier in der Stadt in meiner Gewalt. Sobald einer von Euch sich eines Verraths an mir schuldig macht, wird das Urtheil vollstreckt, denn dessen seid gewiss, dass ich den Verräther schliesslich doch in meine Hand bekomme, und ausserdem werden dann noch, zur Verschärfung der Strafe, sein Weib und seine Kinder hingerichtet. Ich werde Euch gut bezahlen, denn ich will eifrige Diener haben, wenn Ihr aber nachlässig seid, unbarmherzig strafen; und jetzt fort mit Euch, Ihr Spitzbuben.«

Maria Stanislawa war guter Laune. Pajonk, der als Spion grossen Eifer zeigte und treffliche Dienste leistete, hatte ihr eine Nachricht gebracht, welche ihr Herz höher schlagen machte und sie mit froher Ungeduld erfüllte. Diesmal beeilte sie sich aber nicht, Trentowski einzuweihen, im Gegentheil, während sie ein französisches Liedchen summend in ihrem Zimmer auf und ab ging, brütete sie einen Plan aus, um ihn für einige Zeit von Sambor zu entfernen und freies Spiel zu haben. Als sie mit sich im Reinen war und ihre Massregeln getroffen hatte, liess sie Trentowski einladen, mit ihr zur Nacht zu speisen. Er kam, wurde auf das Herzlichste empfangen und auf das Glänzendste bewirthet. Sie speisten zu zweien. Die Äbtissin war von einer ausgesuchten Liebenswürdigkeit, welche Trentowski geradezu verwirrte. Ohne es zu wissen, führten die zwei Marien, die sich auf dem Schlachtfelde so wüthend bekämpften, auch einen zwar unblutigen, aber nicht minder ernsten Krieg um ihn. Maria Stanislawa hatte ihn im ersten Augenblick vollständig bezaubert, nur ihre Würde und sein religiöses Gefühl hielten ihn ab, um ihre Gunst zu werben. Seit der ersten Begegnung mit Maria Kasimira im Getümmel des Kampfes war indess die Äbtissin mehr und mehr in den Hintergrund getreten, die kühne Amazone beherrschte bei Tag sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen und mischte sich Nachts in seine Träume. Er bewunderte, er liebte sie, aber so oft ihm die schlanke Gestalt Maria Stanislawas, von dem üppigen Hermelinpelz umspielt, nahe kam und ihre schönen klugen Augen ihn anlächelten, fühlte er sich wieder sein Blut in Wallung kommen und hatte einen Kampf mit sich zu bestehen, um nicht der Lockung zu folgen und, sich und die Welt vergessend, die schöne Heilige an seine Brust zu schliessen und den rothen Lippen, die bis jetzt nur Gebete gemurmelt, das erste süsse Stammeln der Leidenschaft zu entlocken.

So war es jetzt wieder, als die kleine warme Hand der Äbtissin aus dem schwellenden Pelzwerk emportauchte und sich auf die seine legte, als sich ihr schönes Antlitz zu ihm hinüber neigte, ihre frischen Lippen wie rothe Beeren ganz nahe vor ihm standen und die hellen Augen ihn mit verstohlenem Wohlgefallen betrachteten.

»Schicken Sie mich fort,« begann er, »Sonst – ich weiss nicht, was ich sonst begehe.«

»Sprechen Sie deutlicher,« erwiderte sie lächelnd, »ich verstehe Sie nicht.«

»Ich könnte vergessen, dass das schöne Weib, das mich entzückt, eine Braut des Himmels ist.«

»Ah! Sie scherzen.«

»Ich scherze nicht.«

»Sie rechnen auf die Leichtgläubigkeit einer Frau, die ihr Leben in den engen Mauern eines glänzenden Gefängnisses zubringt.«

»Nein, Maria Stanislawa. Wenn ich Ihnen mit jener Ehrerbietung begegne, die Sie verdienen, wenn ich stets vor Augen habe, dass Sie Gott allein angehören, so hindert mich dies doch nicht, die Macht ihrer Reize zu fühlen. Ich beherrsche mich, aber ein Blick von Ihnen würde genügen, die Gluth zur heissen Flamme anzufachen. Ein Wink von Ihnen und ich liege zu Ihren Füssen und flehe um Gnade für meine Liebe. Noch liebe ich Sie nicht, aber es fehlt nicht viel, und eben deshalb –«

»Nun, so lieben Sie mich,« erwiderte die Äbtissin.

»Sie sagen mir dies, Sie?«

»Warum nicht,« fuhr Maria Stanislawa fort, sie spielte mit einer der schwarzen Hermelinspitzen am ihrem Ärmel, »wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Eine Äbtissin, die Voltaire gelesen hat, kann keine Heilige sein.«

»Maria Stanislawa!« rief Trentowski, indem er aufsprang, »Sie machen mich wahnsinnig.«

»Ich werde Sie wieder vernünftig machen, verlassen Sie sich darauf,« versetzte die Äbtissin spöttisch, ein sanfter Druck ihrer Hand bannte ihn wieder auf seinen Stuhl, »ich wiederhole es, ich bin keine Heilige, aber ich bin auch keine Heuchlerin. Niemals würde ich mein Gelübde, niemals nur die kleinste meiner Pflichten verletzen. Ich darf nicht lieben, aber ich weiss nichts davon, dass es mir verboten wäre, geliebt zu werden. Wie liesse sich das auch verbieten? Deshalb sage ich Ihnen, lieben Sie mich. Ich bin nie geliebt worden. Ich möchte dieses Glück einmal kennen lernen.«

»Und Sie wären der Grausamkeit fähig, den Mann, der Sie liebt, vergöttert, zu Ihren Füssen sterben zu sehen, nur um Ihr Gelübde nicht zu verletzen?«

»Ein Mann vor Liebe sterben!« sie lehnte sich zurück und begann laut zu lachen.

»Sie spielen mit mir, Maria Stanislawa,« rief Trentowski »ohne zu ahnen, wie gefährlich dies Spiel ist, deshalb bitte ich Sie noch einmal, schicken Sie mich fort.«

»Aber ich fürchte mich nicht im Mindesten vor Ihnen,« antwortete sie noch immer lachend.

Trentowski, von ihrer Schönheit hingerissen, von ihrem Spotte gereizt, sprang auf und stiess dabei an den Tisch, dass die Gläser klirrten, zugleich klopfte es aber an die Thür, und Pan Zajontschek berichtete, dass der Jude Moses mit wichtiger Botschaft draussen harre.

Es war dies die zweite Scene der Komödie, die Maria Stanislawa mit Trentowski spielte.

»Was bringst Du?« fragte sie den demüthig eintretenden Juden.

»In Smolniga ist angekommen eine Companie,« meldete der Spion, »zu verstärken das Corps vom Herrn Obersten in Sambor, und ist aufgehalten dort von den Feinden. Die Herren Offiziere haben mich gesendet nach Sambor um Hilfe.«

»Wie stark sind die Conföderirten dort?« fragte der Pulkownik rasch.

»Ich habe sie nicht gezählt,« erwiderte der Jude, »wenn es aber mehr als 200 sind, können Sie mich auf der Stelle hängen lassen.«

Ein Wink der Äbtissin entfernte Zajontschek und den Spion.

»Ich werde sofort Bogarski nach Smolniga senden,« begann der Pulkownik.

Maria Stanislawa neigte den Kopf zur Seite, sah Trentowski an und lächelte. »Sie wollen, dass ich Sie fortschicke. Gut, ich schicke Sie also fort. Sie selbst werden nach Smolniga reiten und die Companie befreien, das wird Ihr heisses Blut etwas abkühlen.«

»Maria Stanislawa.«

»Wer hat zu befehlen, Sie oder ich?«

»Sie und sobald Sie es thun –«

»Ich befehle Ihnen, augenblicklich nach Smolniga aufzubrechen,« rief die Äbtissin. Ihre blauen Augen leuchteten im Vorgenuss ihres Triumphes.

»Dann muss ich gehorchen,« gab Trentowski zur Antwort.

»Natürlich müssen Sie gehorchen.« Sie stand auf und reichte ihm die Hand zum Kusse. »Eilen Sie. Ich will es.«

Der Pulkownik seufzte, verneigte sich und verliess spornklirrend die schöne Äbtissin.

Als er fort war, begann sie laut zu lachen. »Jetzt habe ich sie Beide in meinem Netz,« dachte sie, »sie und ihn.« Maria Stanislawa leerte rasch ein Glas Wein und begann dann in freudiger Aufregung im Zimmer auf- und abzugehen, so dass die Gläser auf dem Tisch klirrten, ihr Pelz hin und her flog und die Kerzen ängstlich flackerten. Endlich meldete Zajontschek, dass der Oberst mit seinem ganzen Corps abmarschirt sei. Für Maria Stanislawa war der Augenblick gekommen zu handeln und jetzt zeigte sie ihre ganze Energie und die volle Wuth ihres Hasses. Während sie Männerstiefel anzog, sich in einen langen Pelz hüllte und ihr Velum mit einer Pelzmütze vertauschte, von der ein grosser Schleier herabfiel, ertheilte sie Zajontschek ihre Befehle und befragte noch einmal Pajonk:

»Sind unsere Reiter aufgesessen?«

»Zu Befehl.«

»Bist Du Deiner Sache gewiss?«

»Wenn ich gelogen habe, lassen Sie mir den Kopf rasiren und die Ohren abschneiden wie einem Hund.«

»Sind die Ketten in Bereitschaft.«

»Zu Befehl.«

»Wer sagt Dir aber, Pajonk, dass das Nest nicht leer sein wird, wenn wir ankommen?«

»Bis Mitternacht ist sie dort. Darauf nehme ich Gift. Sie war zu sehr erschöpft, um ihren Weg bei diesem tiefen Schnee zu Fuss fortsetzen zu können.«

»Man wird ihr ein Pferd gegeben haben.«

»Sie war erstarrt wie ein Eiszapfen. Wie hätte sie sich im Bügel erhalten sollen?«

»Ich will hoffen, dass Du Recht behältst,« schloss die Äbtissin, »und jetzt in Gottes Namen vorwärts.« Sie ging rasch voran, Zajontschek und Pajonk folgten. Im Hofe, wo zwanzig Reiter ihrer Gebieterin harrten, setzten sich Alle zu Pferde und wenige Minuten später gallopirten sie auf der Strasse nach Przemisl dahin.

In Okna, einem Dörfchen auf halbem Wege zwischen Sambor und Chirew, umringten sie die einsame Judenschänke. Die Äbtissin hielt sich in einiger Entfernung, sie wollte jetzt noch nicht gesehen werden. Pajonk trat mit fünf Reitern, die abgesessen waren, in die grosse Stube, in der sich ausser dem Juden, dessen Frau und Kindern eine Bauernfrau und zwei Landleute befanden. Alle begriffen sofort, um was es sich handle. Teer eine der Bauern flüchtete über die Leiter auf den Dachboden und entkam auf unerklärliche Weise. Der andere versuchte durch das Fenster zu entkommen, wurde aber von den draussen postirten Ulanen erstochen. Die Bäuerin zog eine Pistole hervor und schoss sie auf die Eindringenden ab. Einer der Feinde stürzte todt zu Boden, die Anderen ergriffen sie und entrissen ihr die Waffe.

»Ihr Elenden,« sprach sie mit vor Wuth erstickter Stimme, »schämt Ihr Euch nicht, an ein Weib Hand zu legen.« Einer schämte sich wirklich, es war Zajontschek, der nicht fähig war, einer Fliege etwas zu Leid zu thun, und bisher auf bei Schwelle gestanden hatte. Er zog sich zurück und liess die Anderen handeln.

»Die Ketten her,« schrie Pajonk.

Die Soldaten fesselten die Bäuerin an Händen und Füssen mit schweren Ketten.

»So,« sprach Pajonk, »jetzt lass und Dein Gesicht sehen.« Er riss ihr den rothen Kopfschmuck herab. »Die Marschallin,« rief er erfreut, »ich wusste es ja, welch ein Fang!« Maria Kasimira stand in den hohen Stiefeln und dem Schafspelz einer polnischen Bäuerin mitten unter den Soldaten, ihr dunkles Haar war losgegangen und hing ihr bis auf die Schultern herab, ihre Lippen bebten, ihre schönen, stolzen Augen blickten voll Verachtung um such.

»Haben wir sie?« fragte zur selben Zeit die Äbtissin.

»Zu dienen ,« erwiderte Zajontschek kleinlaut.

»Und hat man sie in Ketten gelegt?«

»Gewiss, so wie Sie es befohlen haben.«

Die Reiter hoben die Gefangene auf das Pferd ihres erschossenen Kameraden, dann ging es im Galopp zurück nach Sambor.

Die Äbtissin folgte mit Zajontschek in einiger Entfernung.

Als Maria Kasimira im Hofe des Klosters vom Pferde gehoben wurde, blickte sie erstaunt um sich. »Wo bin ich?« fragte sie, »und in wessen Gewalt?« Man gab ihr keine Antwort, sondern führte sie dreissig Stufen hinab in einen finsteren, feuchten, unterirdischen Kerker, kettete sie an einen Steinblock, vor dem ein Strohlager aufgeschüttet war, und überliess sie ihrem Schicksal.

Es währte indess nicht lange, so liessen sich Schritte vernehmen, die Thür wurde geöffnet und eine Frau, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt und dicht verschleiert, trat ein. Ein Diener folgte ihr, er befestigte die Fackel, die er in der Hand hielt, an einem eisernen Ring an der Mauer und entfernte sich. Wie die Thür hinter ihm in das Schloss fiel, warf die eingetretene Mantel und Schleier ab und die Äbtissin stand in ihrem weissen Habit und ihrem violetten Hermelinpelz, das grosse, goldene Kreuz auf der Brust, vor der Marschallin.

»Kennst Du mich?« fragte sie mit einem höhnischen Lächeln um die vollen, rothen Lippen.

»Du bist es, Maria Stanislawa?«

»Weisst Du, was Dir bevorsteht,« fuhr die Äbtissin fort, »Du bist in meiner Gewalt, Niemand vermag Dich mir zu entreissen. Ich kann mit Dir machen, was mir beliebt, und Du kannst überzeugt sein, dass ich die Wohllust befriedigter Rache mit vollen Zügen schlürfen werde.«

»Ich verstehe Dich nicht,« erwiderte Maria Kasimira ruhig, »was habe ich Dir gethan? Was hättest Du an mir zu rächen?«

»Meine Liebe, mein mit Füssen getretenes Herz.«

»Kann ich dafür, dass mein Gemahl, der Marschall, nich und nicht Dich geliebt und zum Weibe erwählt hat?«

»Wer sonst?«

»Ich habe nichts gethan, ihn Dir streitig zu machen.«

»Ich weiss es besser.«

»Du suchst einen Vorwand –«

»Genug, ich hasse Dich,« rief Maria Stanislawa, »und ich denke nicht daran, zu untersuchen, wie weit Du schuldig bist, sondern nur Dich zu richten, zu strafen.«

»Du kannst mich morden, Maria Stanislawa, nicht richten,« erwiderte die Marschallin mit edlem Stolz.

Die Äbtissin stiess ein kurzes, hässliches Lachen aus. »Du irrst Dich, hier gebiete ich unumschränkt, im Namen Gottes, des Königs und der Republik; mir, mir allein steht auf diesem Grund und Boden das Recht über Tod und Leben zu, und sei gewiss, dass ich dieses kostbare, dieses unbezahlbare Recht zu nützen wissen werde.«

»Thue, was Du verantworten kannst.«

»Statt mir zu trotzen,« fuhr Maria Stanislawa fort, »würde es Dir besser anstehen, Dich vor mir im Staube niederzuwerfen und mich um Gnade zu bitten.«

»Das werde ich nie.«

»O! Du wirst zu meinen Füssen liegen,« sprach die Äbtissin, »jetzt auf der Stelle. Ich habe Mittel, Deinen Stolz zu beugen.«

»Du hast keines.«

»Ich werde Dich auf die Folter spannen lassen.«

Maria Kasimira zuckte zusammen.

»Ah, zitterst Du jetzt vor mir?« rief die Äbtissin triumphirend.

»Ich zittere nicht.«

»Du wirst aber,« fuhr Maria Stanislawa fort. »Du kennst mich, ich werde Wort halten. Morgen um diese Zeit wirst Du bebend zu meinen Füssen liegen und um Gnade betteln, ich aber werde kein Erbarmen mit Dir haben, ich werde Qualen für Dich ersinnen und erst wenn alle Martern erschöpft sind, werde ich Dich dem Henker überliefern.« Mit diesen Worten ergriff Maria Stanislawa die Fackel und verliess ihre Gefangene, die in ihr Schicksal ergeben auf das feuchte Stroh hinsank und laut zu beten begann. Nach Mitternacht wurde die Thüre ihres Kerkers leise geöffnet und ein greller Lichtstrahl fiel durch dieselbe.

Pan Zajontschek trat leise herein, einen Mantel um die Schulter und eine Blendlaterne in der Hand.

»Will man mich noch heute Nacht ermorden?« schrie Maria Kasimira auf.

»Nein, nein,« erwiderte Pan Zajontschek leise, »verhalten Sie sich nur ruhig, ich thue keinem Menschen was zu Leide.«

Als die Marschallin in sein dickes, rothes Gesicht blickte, musste sie unwillkürlich lächeln.

»Wer seid Ihr denn?« fragte sie, »und was wollt Ihr von mir?«

»Ich bin Zajontschek, der Castellan des Klosters.«

»Was, ein Edelmann? Und ein polnischer Edelmann schämt sich nicht, seine Hand dazu zu bieten, dass man eine Frau, eine adelige Dame, die nichts verbrochen hat, als dass sie ihr Vaterland liebt und die Freiheit vertheidigt, in dieser unmenschlichen Weise behandelt?«

»Ich schäme mich ja so,« sprach Pan Zajontschek, »deshalb habe ich Ihnen einen Becher mit Wein und etwas Speise gebracht.«

»Ich danke Euch,« sprach die Marschallin, »aber damit ist mir wenig gedient. Wisst Ihr, dass Maria Stanislawa mich schon morgen foltern lassen will?«

Pan Zajontschek erschrak. »Sie ist es im Stande, sie schon.«

»Wenn Ihr ein Herz habt, so rettet mich,« flüsterte Maria Kasimira.

»Ich würde es gerne thun, aber wer rettet denn mich?«

»Sie müssen es eben mit aller Vorsicht ins Werk setzen.«

»Gnädige Frau,« sagte Zajontschek stöhnend, »es kostet mir den Kopf.«

»Wisst Ihr nicht, was ein nobile verbum ist?«

»Ich weiss es.«

»Ich gebe Euch dasselbe. Sobald die Äbtissin Euch zur Strafe zieht, sobald Ihr in Gefahr seid, stelle ich mich ihr selbst.«

»In Gottes Namen also.« Er begann ihr die Ketten abzunehmen.

»Wie nur entfernen wir die Wache?« fragte Maria Kasimira.

»Der habe ich etwas in den Wein gemischt,« erwiderte Zajontschek mit einem spitzbübischen Lächeln. »Die schläft ohnehin bis zum Morgen.«

Die Ketten fielen klirrend zur Erde. Die Marschallin leerte den Becher feurigen Ungarweins auf einen Zug und theilte dann Zajontschek rasch ihren Plan mit. Er hörte nur zu und nickte, manchmal seufzte er auch, aber er ergab sich in sein Schicksal.

Als die Äbtissin am nächsten Morgen in den Kerker trat, um sich an der Verzweiflung ihres Opfers zu weiden, war der erste Eindruck, den sie empfing, der, dass dieses Opfer über Nacht bedeutend an Umfang zugenommen hatte. Dieses Räthsel löste im nächsten Augenblick das jämmerliche Geschrei des armen Castellans. »Gottlob, dass Sie endlich kommen,« rief er, »um das zu retten, was die Ratten von dem unglücklichen Zajontschek übrig gelassen haben.«

»Du hier,« murmelte die Äbtissin erbleichend, »wo ist Maria Kasimira?«

»Die hat der Teufel geholt. Ich werde Alles erzählen. Nehmt mir nur die Ketten ab und gebt mir enen Schluck Wein.«

Es geschah und Zajontschek kam in dem Schafspelz und dem Kopftuch der Marschallin unter allgemeinem Gelächter an das Tageslicht. Nur Maria Stanislawa lachte nicht.

»Was ist hier vorgegangen?« fragte sie.

»Ich weiss es selbst nicht.«

»Ohne Zweifel warst Du betrunken.«

»Ich möchte es fast mit Bestimmtheit behaupten,« antwortete Zajontschek.

»Wie aber kamst Du in den Kerker und in diese Kleider?« forschte Maria Stanislawa.

»Das weiss Gott,« sagte Zajontschek, »ich entsinne mich nur, dass ich im Keller vor dem grossen Fass Burgunder einschlief und als ich erwachte, die Ratten gerade auf meinem Gesichte einen Ball abhielten.«

»Wie aber kam die Marschallin zum Thor hinaus?«

»Das wird so gewesen sein,« erzählte der Pförtner, sich am Kopfe kratzend, »nach Mitternacht pochte es an mein Fenster. Ich stand auf, kam heraus und sah den Pan Zajontschek hoch zu Ross. Ohne lange zu fragen, machte ich auf. Gewiss war es die Marschallin, die davonritt.«

»Sie allein, das ist doch nicht gut möglich.«

»Es können ihrer auch mehr gewesen sein, ich war so verschlafen –«

»Und betrunken,« schrie die Äbtissin, »Alles betrunken, der Castellan, die Wache, der Pförtner. Das sind meine treuen Diener. Aber wartet nur. dem Castellan wird die Nacht im Kerker als ein Theil seiner Strafe angerechnet, trotzdem wird er in einer dunklen Zelle für drei Tage bei Wasser und Brot eingesperrt.«

Zajontschek athmete auf.

»Der Pförtner wird für 24 Stunden in den Bock gespannt,« fuhr Maria Stanislawa fort, »und der Soldat, der Wache hielt, wird in Ketten gelegt und für acht Tage in den Kerker geworfen, den er so schlecht behütete.«

Niemand wagte es, um Gnade zu bitten, sie waren Alle froh, dass die strenge Äbtissin ihnen nicht den Strick um den Hals legen liess.

Das Schmerzlichste für Zajontschek war, dass die Äbtissin jetzt selbst die Schlüssel des Kellers in Verwahrung nahm.

Maria Kasimira war in der Maske des Castellans glücklich durch das Thor der Stadt in das Freie gelangt. Sie trieb ihr Pferd mit der Peitsche vorwärts und jagte wie im Sturm auf der Strasse nach Wenglinka dahin. Hier weckte sie die Bewohner des Edelhofes und stieg vom Pferde, um kurze Zeit zu ruhen. Dann zog sie ein Kleid der Gutsfrau an, hüllte sich in den Pelz derselben, hing einen Säbel um, steckte zwei Pistolen zu sich und setzte, von dem jungen Edelmann Wisozki und einem Kosaken begleitet, ihren Weg fort. Sie kam vollkommen unbehelligt bis Komeno, wo sie auf einen Trupp Conföderirter vom Corps des General Rzewuski stiess. Diese gaben ihr das Geleit bis in das Hauptquartier. Rzewuski empfing sie mit kriegerischen Ehren.

Maria Kasimira überbrachte ihm dem Befehl der Generalität in Eperies und verabredete mit ihm einen gemeinsamen Operationsplan. Sofort entsendete Rzewuski seine Adjutanten nach allen Richtungen, um den ringsum zerstreuten Schaaren der Conföderirten die nöthigen Befehle zu überbringen. Die Marschallin gönnte sich einen Tag Ruhe, nicht mehr, dann trat sie an der Spitze von hundert Reitern, welche Rzewuski galant unter ihre Befehle gestellt hatte, den Rückweg an. In Stoka überfiel sie die Vorposten Trentowskis und führte den Lieutenant Mir und ein Dutzend seiner Ulanen als Gefangene mit sich fort.

In Mienowize von ihren Truppen mit lautem Jubel empfangen, traf sie alle Anstalten zum Marsche nach Sambor und sandte dann den gefangenen Lieutenant Mir mit einem Brief an Trentowski.

Dieser hatte in jener ereignissreichen Nacht sowohl die Conföderirten als die eingeschlossene königliche Companie vergeblich in Smolniga gesucht und war am nächsten Tage ärgerlich nach Sambor zurückgekehrt.

Hier erfuhr er die List der Äbtissin, die Gefangennahme Maria Kasimiras und ihre Flucht und kam bereits sehr gereizt zu Maria Stanislawa.

Als ihm diese noch zum Überflusse mit der grössten Kaltblütigkeit erklärte, dass sie die Absicht gehabt habe, die Marschallin zuerst foltern und dann enthaupten zu lassen, konnte er nur mit Mühe seiner Empörung so weit Herr werden, dass er Maria Stanislawas Geschlecht und Würde in ihr schonte, aber er eröffnete ihr ganz trocken, dass fortan er allein in Sambor befehlen werde, und dass er Niemand rathe, sich Eingriffe in seine Rechte zu erlauben, vor Allem aber niemals dulden werde, dass die edle und reine Sache des Königs durch die Rachsucht Einzelner befleckt werde.

Maria Stanislawa biss sich auf die Lippen und schwieg. Trentowski verliess sie mit einer kalten Verbeugung und liess sich seither im Kloster nicht mehr blicken.

Als Lieutenant Mit ihm den Brief der Marschallin übergab, öffnete er denselben mit fieberhafter Hast. »Sie beklagt sich ohne Zweifel über die Äbtissin,« rief er, die wenigen Zeilen überfliegend. »Nein, die edle Frau erwähnt ihrer mit keinem Worte. Sie wünscht nur eine Unterredung mit mir in Wenglinka.« Trentowski setzte sich an den Tisch, um zu schreiben, warf aber gleich wieder die Feder fort. »Ich kann nicht, ich bin zu aufgeregt,« sprach er, »kehren Sie sofort zurück, Lieutenant Mir, und melden Sie der Marschallin, dass mir ihr Wunsch Befehl ist. Ich werde sie morgen Mittags in Wenglinka erwarten.«

Lieutenant Mit kehrte mit der Antwort seines Pulkownik in das Lager der Conföderirten bei Mienowize zurück. Die Marschallin dankte ihm und schenkte ihm die Freiheit, indem sie ihm zugleich sein Pferd und seinen Säbel zurückgab. Trentowski liess sich nicht beschämen. Er schickte ihr alle gefangenen Conföderirten, mit denselben auch den jungen Stanioski zurück, und sie wieder befahl, die königlichen Soldaten, die ihr bei Starowize und Stoka in die Hände gefallen waren, sofort freizulassen.

Als Trentowski am nächsten Tage vor dem Edelhofe in Wenglinka vom Pferde sprang, sah er bereits Maria Kasimira auf der Strasse von Stoka heransprengen.

Er eilte ihr entgegen, hob sie vom Pferde und geleitete sie in das Herrenhaus.

»Ich hoffe, gnädige Frau,« begann er, »dass die letzten mir peinlichen Vorfälle keine schlimmen Folgen für Sie gehabt haben.«

»Wie Sie sehen, bin ich Gottlob wohl und guter Dinge.« Maria Kasimira liess sich in dem Saal des Herrenhauses in einen kleinen Lehnstuhl nieder und lächelte Trentowski freundlich an. Er stand vor ihr und verglich sie unwillkürlich mit Maria Stanislawa. Sie erschien in ihrem langen Reitkleide von dunkelrothem Sammt und der mit Marderpelz gefütterten und reich ausgeschlagenen Jacke von demselben Stoff, die prächtig mit Gold verschnürt war, noch um vieles imposanter als die Äbtissin in ihrem violetten Hermelintalar; wenn aber die Letztere vor Allem einen üppigen und reizenden Eindruck machte, der mit ihrer Würde gar seltsam contrastirte, war bei Maria Kasimira die Schönheit mit einem edlen Ausdruck hoher geistiger Eigenschaften gepaart.

Die reine Stirn, die dunklen Augen verkündeten einen durchdringenden Verstand und ein warmes, begeistertes Herz, der kleine Mund mit den kräftig gezeichneten Lippen, die feine scharfgeschnittene Nase, das runde Kinn einen unbeugsamen Willen.

»Sie haben ohne Zweifel die Absicht, sich zu beklagen« begann der Pulkownik.

»Über wen.«

»Über Maria Stanislawa.«

»Ich denke nicht daran,« erwiderte Maria Kasimira mit Würde. »Maria Stanislawa hat genau so gehandelt, wie es ihrer Natur entsprach. Ich weiss, dass Sie in jener Nacht nicht in Sambor waren, dass Alles ohne Ihr Wissen geschah, und das genügt mir.«

»Sie machen mich sehr glücklich.«

»Ich bin nur Ihretwegen hierhergekommen,« fuhr die Marschallin fort, »in der Absicht, Sie zu warnen.«

»Mich? in wiefern.«

»Aber setzen Sie sich doch zu mir.« Maria Kasimira zog ihn auf den Stuhl neben sich nieder und liess seine Hand nicht mehr los. »Sie wissen, dass die Conföderation in der letzten Zeit grosse Fortschritte gemacht hat. Es bereiten sich ernste, entscheidende Ereignisse vor und ich bin gewiss, dass unsere Sache siegen wird. Zunächst stehen uns aber blutige, mörderische Kämpfe bevor und ich zögere keinen Augenblick, es zu gestehen, ich bin besorgt, von ganzem Herzen besorgt um Sie, mein Freund.«

»Fechten und einmal auf dem Schlachtfelde sterben, ist das Loos des Soldaten,« erwiderte Trentowski.

»Aber in Ihrer Lage ist der Tod fast gewiss,« fiel sie erregt ein. »Sie sind hier der Commandant eines verlorenen Postens, Sie werden geschlagen werden, die Übermacht wird Ihr Corps erdrücken. Ihre Tapferkeit wird Alles aufbieten, die in vorhinein verlorene Sache zu retten und Sie werden das Opfer eines edlen Irrthums sein.«

»Ich bin gerührt von Ihrer Güte,« sprach Iren Trentowski, »aber meine Ehre verbietet mir nur um so mehr, einen Posten, wenn derselbe gefährlich ist, zu verlassen.«

»Lassen Sie sich gewinnen,« fuhr Maria Kasimira fort, »es ist nicht meine Sache, Ihnen zu beweisen, wie der Krieg wie sein Anfang nicht allein die Freiheiten der Republik, sondern geradezu den Bestand unseres Vaterlandes gefährdet haben. Die Thatsache, dass der Thron Stanislaus Augusts nur noch durch russische Bajonette aufrecht erhalten werden kann, sagt mehr als die glänzendste Rhetorik. Was ist aber das Ziel des grossen Bundes von Patrioten, der sich die polnische Conföderation nennt? Wir wollen die Russen aus unserem Lande vertreiben, Ordnung und Freiheit in demselben auf das Neue begründen. Ist dieses Streben ein verbrecherisches? tadelnswerthes?«

»Gewiss nicht,« erwiderte der Pulkownik, »aber es giebt gesetzliche Mittel –«

»Die giebt es nicht,« unterbrach ihn die Marschallin lebhaft, »man hat die Freiheit der Landtage und ihrer Berathungen unmöglich gemacht, russische Bajonette bedrohen jeden, der kein Werkzeug des Czaren ist; uns ist nichts geblieben als der Säbel.«

Trentowski schwieg.

»O! Lassen Sie sich überzeugen,« fuhr Maria Kasimira nach einer kleinen Pause fort, »weihen Sie Ihren Arm der edlen Sache Ihres Vaterlandes, weihen Sie ihn der Freiheit; weihen Sie ihn – mir.«

»Maria Kasimira,« rief Trentowski aus, »was haben Sie gesagt, doch nein – ich darf diese holden Lockungen nicht hören. Sie selbst würden mich verachten, wenn ich meiner Pflicht, meinem Eide untreu würde.«

»Dann versprechen Sie mir, wenigstens nicht mehr als Ihre Pflicht zu thun,« sprach die Marschallin, »opfern Sie sich nicht für ein Phantom.«

»Was verlangen Sie also von mir?«

»Dass Sie keine Schlacht wagen.«

»Und warum.«

»Weil wir Ihr Corps, trotz Verstärkungen, welche Sie, wie ich weiss, erwarten, im freien Felde vernichten würden und ich im Getümmel der Schlacht, im Gewirre der Flucht, für Ihr Leben zittere, während ich – wenn Sie sich in Sambor von uns belagern lassen – Sie retten kann.«

»Fürchten Sie nichts,« erwiderte Trentowski, »ich besitze einen Talisman, der mich beschützt.«

»Scherzen Sie nicht.« Sie zog unwillig ihre Hand zurück.

»Es ist mein voller Ernst.« Er zog das Tuch hervor, das sie in der Bauernhütte zu Stoka verloren hatte, als er dort verwundet lag. Maria Kasimira erröthete. »Ich verspreche Ihnen trotzdem, mich nicht ohne Noth der Gefahr auszusetzen. Sind Sie damit zufrieden?«

»Ich muss wohl,« erwiderte Maria Kasimira mit einem Seufzer. Sie erhob sich und reichte ihm die Hand zum Abschied. »Leben Sie wohl.«

»Gott beschütze Sie.« Er küsste ihr die Hand, dann führte er sie zu ihrem Pferde und bot ihr seine Hand statt des Steigbügels das. Sie schwang sich leicht in den Sattel, dankte mit einem reizenden Lächeln und sprengte mit ihrem Gefolge davon. Trentowski kehrte, in ernste Gedanken versunken, langsam nach Sambor zurück.

In den nächsten Tagen trafen von verschiedenen Seiten namhafte Verstärkungen für ihn ein, zugleich meldeten aber die Spione der Äbtissin, dass sich die Conföderirten bei Mienowize concentrirt hatten und Rzewuskis Vortrab bereits in Wenglinka eingetroffen sei.

Da Trentowski sich nicht mehr im Kloster blicken liess, kam Maria Stanislawa eines Tages zu ihm, von einer ihrer Nonnen und dem Castellan Zajontschek begleitet, umgeben von dem ganzen Pomp ihrer Würde und Macht. Gerade waren seine Offiziere um einen grossen Tisch bei ihm zum Kriegsrath versammelt und der Oberst entwickelte ihnen auf einer grossen, mit rothem Wein bespritzten Karte seinen Plan. Beim Anblick der Äbtissin erhoben sich Alle ehrerbietig und Trentowski eilte, selbst einen Stuhl für sie zu bringen; sie nahm indess auf seinem Sitz vor der Karte Platz und liess ihre schönen, klugen Augen fragend im Kreise der Offiziere herumschweifen. »Sie denken doch nicht daran,« fragte sie endlich, »die vereinigten Conföderirten im freien Felde anzugreifen?«

»Gewiss nicht,« entgegnete Trentowski, »sondern noch ehe sie sich vereinigen.«

»Dazu ist es zu spät,« fiel Maria Stanislawa ein.

»Wir können Sambor gegen die überlegene Macht der Marschallin und Rzewuskis nicht halten,« sprach der Pulkownik, »um so weniger als wir nicht genügenden Proviant haben. Es giebt also nur zwei Möglichkeiten, die uns bleiben. Entweder Sambor zu räumen –«

»Um Gotteswillen.«

»Oder Rzewuski auf dem Marsche anzugreifen und unter für ihn ungünstigen Verhältnissen zu einer Schlacht zu zwingen.«

»Dann liefern Sie in Gottes Namen die Schlacht,« sagte Maria Stanislawa seufzend, »obwohl ich gewiss bin, dass wir sie verlieren.«

Trentowski entwickelte seinen Plan und ertheilte auf der Stelle die nöthigen Befehle.

Während Rittmeister Bogarski die Vorposten der Marschallin bei Stoka zurückwarf und auf Mienowize vordrang, rückte Trentowski mit seiner Hauptmacht und den Soldaten der Äbtissin in aller Stille aus Sambor heraus, überfiel den Vortrag Rzewuskis, durch einen dichten Nebel begünstigt, bei Wenglinka, drängte ihn zurück und verwickelte bei Broda die nach und nach eintreffenden Truppen Rzewuskis in einen mörderischen Kampf, der mehr und mehr eine für die Conföderirten ungünstige Wendung nahm.

Indess hatte aber die Marschallin den Plan Trentowskis durchschaut und handelte rasch und mit unwiderstehlicher Energie. Sie setzte sich selbst an die Spitze ihrer ganzen Reiterei, trieb Bogarski nach Stoka zurück, schloss ihn hier durch eine kecke Umgehung ein und zwang ihn, mit dem Reste seiner Leute die Waffen zu strecken. Dann stürmte sie vorwärts und erschien plötzlich im Rücken Trentowskis. In wenigen Augenblicken war die Schlacht zu Gunsten der Conföderirten entschieden und Trentowski schien nur die Wahl zu bleiben, entweder sich der Marschallin zu ergeben, oder wie ein Held zu fallen.

Zweimal versuchte er vergeblich, sich durch die Truppen der Marschallin durchzuschlagen. Bei der zweiten Attaque erhielt er im Pêle-mêle einen Lanzenstich in den Arm, blieb aber dennoch im Sattel. Er änderte jetzt blitzschnell seine Taktik, stellte seine ganze Infanterie in einem grossen Viereck auf, die Geschütze an den Ecken und warf sich mit der Reiterei auf Rzewuski. Zum Glück für ihn hielt sein Fussvolk Stand, während er mit seinen Ulanen Rzewuskis Linie durchbrach und, obwohl ein zweites Mal durch einen Schuss in das Bein verwundet und von der Cavallerie hitzig verfolgt, nach Sambor entkam.

Die Schlacht hatte sich in eine Reihe Einzelgefechte aufgelöst und Nebel und Nacht kamen den Königlichen zu Hilfe; so gelang es auch noch einem Theil der Infanterie, sich in die Stadt zu retten.

Der Sieg, das Schlachtfeld und die Trophäen blieben den Conföderirten, welche vier Geschütze und zwei Fahnen erobert und über 300 Gefangene gemacht hatten.

Vor dem Edelhofe von Wenglinka trafen sich Rzewuski und die Marschallin an dem Abende der Schlacht. Der General küsste ihr die Hand und nannte die vor allen seinen Offizieren die polnische Zenobia und die nahm das Compliment mit einem liebenswürdigen Lächeln an.

Während Rzewuski sich nach dem Siege von Broda gegen Krakau wandte, übernahm es die Marschallin, das schwach besetzte und schlecht verproviantirte Sambor zu belagern. Sie begann damit, dass sie die Stadt einschloss und derselben alle Zufuhr abschnitt. Dann liess sie alles Geschütz aus Warda und Bialigrod kommen und nachdem die Laufgräben eröffnet waren, vier Batterien errichten.

Ehe dieselben demaskirt wurden, liess sie den Pulkownik zur Übergabe auffordern und nachdem er dieselbe artig aber entschieden verweigert hatte, das Feuer auf die alten, an vielen Stellen verfallenen Mauern der Stadt eröffnen. Die Königlichen erwiderten dasselbe mit den wenigen Kanonen, die sie hatten, kräftig genug und sogar mit vielem Glück. Gleich Anfangs flog ein Pulvermagazin der Conföderirten in die Luft und tödtete ihnen viele Leute. Am zweiten Tage wurden ihnen zwei Geschütze demontirt und am dritten die eine Batterie ganz zum Schweigen gebracht.

Es war nicht der verwundete und auf seinem Feldbett ausgestreckte Trentowski, sondern Maria Stanislawa, welche jetzt mit Maria Kasimira um den Lorbeer des Sieges rang. Sie schien keine Furcht und keine Ermüdung zu kennen. Tag und Nacht sah man sie auf den Wällen, im feindlichen Feuer, Befehle ertheilen, die Geschütze richten und abschliessen, die Soldaten ermuthigen, Verwundete verbinden, Sterbende trösten. Aber nicht weiblicher Opfermuth und Ausdauer allein, auch Frauenlist und Verstellung kämpften auf beiden Seiten. Eines Tages brachten die in der Gegend herumstreifenden Reiter der Marschallin triumphirend eine Anzahl Schlitten in das Lager, welche sie als gute Beute aufgegriffen hatten und deren Besitzer, ein reich gekleideter Jude, vergebens um Schonung seines Eigenthums bat, indem er bald die Hände zum Himmel erhob, bald vor dem Offizier, der die Schaar befehligte, in die Kniee fiel. Die Schlitten waren mit kräftigen Pferden bespannt und mit verschiedenen Lebensmitteln und grossen Branntweinfässern beladen. Kaum waren sie im Lager angelangt, stürzten die Conföderirten, die auch nicht allzu reich mit Nahrung versehen waren, von allen Seiten auf dieselben los und schickten sich an, sie zu plündern. Da erschien Maria Kasimira zu Pferde unter den Plünderern und gebot Einhalt.

»Zu was den jüdischen Schurken schonen?« riefen mehrere Stimmen.

»Nicht den Juden, Euch will ich vor Unglück bewahren,« entgegnete die Marschallin, »ich befehle Euch noch einmal, nichts von diesen Dingen zu berühren. Der Erste, der meinem Befehle nicht gehorcht, fällt durch meine Kugel.«

Sie zog eine Pistole hervor. Die Conföderirten liessen murrend von den Wagen ab.

»Es ist verdächtig,« fuhr Maria Kasimira fort, »dass dieser Jude hier in der Gegend, wo der Krieg tobt, mit solcher Waare herumfährt. Wohin wollte er damit? Nach Sambor, in unser Lager? Hier ist ein Anschlag der Belagerten im Spiel, ich wette, dass dieser Branntwein Gift oder sonst etwas Gefährliches enthält. Wo ist der Jude?«

Es war Moses; der Spion Maria Stanislawas war verschwunden. Vergebens sendete die Marschallin Reiter aus, ihn zu fangen, sie fanden ihn weder im Lager noch in der Umgebung. Maria Kasimira liess eines der Fässer anzapfen und von den Branntwein, des es enthielt, einem der Hunde, die sich im Lager herumtrieben, etwas Weniges einflössen. Nun verendete das Thier zwar nicht, aber nach einer Weile streckte es alle Viere von sich und schlief ein und schlief so fest, dass selbst Hiebe nicht im Stande waren, es zu erwecken.

»Seht Ihr, dass ich Recht hatte,« sprach Maria Kasimira, liess den Branntwein auslaufen, die Lebensmittel verbrennen und befahl den ausgestellten Posten doppelte Wachsamkeit.

Wirklich unternahmen die Königlichen in derselben Nacht, durch Nebel begünstigt, einen kräftigen Ausfall, wurden aber von den Conföderirten übel empfangen und nach kurzem Gefechte mit blutigen Köpfen nach Sambor zurückgejagt.

Ein anderes Mal geschah es, dass die auf dem Thurm der Stadt aufgestellten Wachen bei Anbruch des Tages das Lager von den Conföderirten verlassen und dieselben in dunklen Colonnen gegen Norden ziehen sahen. Nur ein kleiner Theil war zurückgeblieben, um Sambor zu bewachen. Sie meldeten es der Äbtissin, welche selbst den Thurm bestieg, um sich von der Sachlage zu unterrichten. Man hörte jetzt in der Ferne Kanonenschüsse und sah von Zeit zu Zeit hinter dem Walde Pulverrauch emporsteigen.

Plötzlich sprengte ein Reiter in der Uniform eines königlichen Offiziers heran, schwenkte von Weitem schon ein weisses Tuch und erreichte, obwohl die Conföderirten mehrere Flintenschüsse auf ihn abfeuerten, glücklich das Thor. Man liess ihn ein und führte ihn zu Trentowski. Er meldete hastig, ein russisches Corps, von königlichen Offizieren begleitet, sei im Anmarsch und eben im Kampfe mit den Truppen der Marschallin, und beschwor den Pulkownik, sofort einen Ausfall anzuordnen und die Belagerer im Rücken zu fassen und zu vernichten. Schon ertheilte Trentowski die nöthigen Befehle, da sandte die Äbtissin den Pan Zajontschek und liess den königlichen Offizier, der die Freudenbotschaft gebracht, zu sich bitten.

Er kam in das Kloster, wurde von ihr mit lauter Freude begrüsst und theilte ihr mit, was er bereits dem Obersten gemeldet hatte.

»Wer befehligt die Russen?« fragte Maria Stanislawa lauernd.

»General Apraxin.«

»Du lügst,« rief die Äbtissin, sich erhebend, mit einem Blick, der nichts Gutes verhiess. »Apraxin wurde vor zwei Wochen abberufen und ist auf dem Wege nach Moskau.«

Der Fremde entfärbte sich.

»Es ist doch so,« stammelte er.

»Nein,« herrschte ihm die Äbtissin zu, »es ist nicht so und Du bist auch kein königlicher Offizier.«

»Welcher Verdacht,« murmelte der Fremde.

Maria Stanislawa rief ihre Leute, die hinter der Thür bereit standen, liess den Offizier festnehmen und fesseln und auf der Stelle in die Folterkammer bringen. Hier begann sie ihn in ihrer energischen Weise zu verhören.

»Wer bist Du?«

»Ein Offizier des Königs.«

»Sprich die Wahrheit.«

Der Fremde schwieg. Auf einen Wink Maria Stanislawas spannte man ihn in den Bock und legte ihm die Beinschienen an. Sie sass vor ihm, ihr Fuss stand auf dem Bock wie auf einem Schemel und sie blickte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit in das von Schmerz verzerrte Gesicht.

»Gestehe!«

»Ich habe nichts zu gestehen.«

»Du bleibst dabei, dass General Apraxin Dich gesendet?«

»Ja.«

»Wir haben keine Zeit zu verlieren, verstehst Du?« sprach Maria Stanislawa, »legt ihm also noch die Daumenschrauben an.«

Es geschah. Der Arme stöhnte und ein Beben ging durch seinen ganzen Leib.

»Gestehe!«

Keine Antwort.

»Macht die Zangen glühend,« gebot die Äbtissin.

»Nein, nein,« flehte der Arme.

»Sprich also die Wahrheit.«

»Erbarmen Sie sich, ich werde Alles gestehen.«

»Gestehe,« erwiderte sie kalt, »dann werde ich vielleicht gnädig sein.«

Der Unglückliche gestand, dass er ein Edelmann namens Wotnizki und von der Marschallin gesendet sei. Die Äbtissin liess ihm die Daumenschrauben und Beinschienen abnehmen und ihn mit Ketten beladen in den Kerker werfen, dann eilte sie zu Trentowski. Der Ausfall unterblieb. Mit Anbruch der Nacht kehrten die Conföderirten in ihr Lager zurück.

Als sie am Morgen erwachten, stand auf dem Walle von Sambor ein Galgen und an demselben hing Wotnizki, der Bote der Marschallin.

Einige Zeit nahm nun die Belagerung ihren regelmässigen Gang. Die Conföderirten beschlossen die Wälle und sendeten Nachts, um die Einwohner zu schrecken, glühende Kugeln in die Stadt. In einer stürmischen Nacht erschien plötzlich in der östlichen Batterie der Belagerer ein Gespenst, in weisse Grabtücher gehüllt. Es wuchs vor den Augen der erschreckten Soldaten aus der Erde und wuchs immer höher zur Gestalt eines Riesen empor. Die Conföderirten ergriffen die Flucht. Das ganze Lager wurde alarmirt. Maria Kasimira schwang sich rasch auf ihr Pferd und eilte, von mehreren Offizieren und Reitern begleitet, in die Batterie. Sie kam noch eben recht, um die Kriegslist Maria Stanislawas, die geschickt auf den Aberglauben ihrer Landsleute gerechnet hatte, zu vereiteln. Zu dem ersten Gespenst hatten sich mehrere andere gesellt, und alle zusammen waren eben daran, die Geschütze zu vernageln.

Beim Herannahen der Marschallin verschwanden sie rasch, wie wenn die Erde sie verschluckt hätte. Es zeigte sich, dass ein unterirdischer Gang aus der Stadt hierher führte. Maria Kasimira liess denselben auf der Stelle verschütten und fortan streng bewachen.

Pan Stanioski, jener junge Edelmann, welcher in Warda in feindliche Gefangenschaft gerathen und später mit den anderen Conföderirten von Trentowski freigelassen war, wurde von Maria Kasimira zu einem lustigen Wagestück ausersehen.

Er verrieth in einer heiteren Stunde, im Zelte der Marschallin, durch den Wein und die Scherze der Kameraden erhitzt, dass er mit einer schönen Jüdin in Sambor während seiner Gefangenschaft ein galantes Abenteuer gehabt hatte. Darauf baute nun Maria Kasimira einen Plan zur Überrumpelung der Stadt. Das Haus, in dem die schöne Jüdin wohnte, lag unmittelbar an dem Wall, der hier nur als einfache Mauer fortlief. Es gelang Stanioski mit vieler Mühe und Gefahr, sich mit der Geliebten in’s Einvernehmen zu setzen, und sie versprach ihm, beim nächsten Neumond in der Nacht eine Strickleiter von ihrem Fenster herabzulassen.

Ein Zufall führte Varia Stanislawa gerade in dem Augenblicke, wo Stanioski fortschlich, auf den nahe gelegenen Wall. Sie sah eine dunkle Gestalt über den Schnee schreiten und sah die Jüdin, die sich aus dem Fenster herunterneigte. Sofort drang sie mit mehreren Soldaten in das verdächtige Haus und nahm die Jüdin streng in’s Verhör. Diese stürzte vor Schrecken bleich der Äbtissin zu Füssen und gestand Alles.

»Dein Fehler ist nicht so arg, als ich dachte,« sagte Maria Stanislawa mit einem verschmitzten Lächeln, »und er kann unter Umständen noch zu einem grossen Verdienst für Dich werden. Vorläufig werde ich mich aber für alle Fälle Deiner versichern.«

Die zitternde Jüdin wurde hierauf in das Kloster gebracht, und ihr Haus von den Soldaten besetzt. Wenige Tage später wurde es Neumond.

Um Mitternacht ertönte ein leiser Pfiff an dem Fusse der Stadtmauer. Das Fenster oben erklang und ein schönes Weib in kostbarer Pelzjacke, die von Juwelen funkelnde Stirnbinde um das Haupt geschlungen, neigte sich herab.

»Sind Sie es?« fragte eine helle Stimme.

»Ja.«

Die Strickleiter fiel herab. Stanioski kletterte an derselben hinauf und sprang in das Zimmer. Zwei weiche Arme umfingen ihn, zugleich fassten ihn aber kräftige Fäuste von rückwärts und banden ihm Hände und Füsse, während auf ein Trompetensignal an den Fenstern und auf dem nahen Walle die Soldaten der Äbtissin erschienen und auf die Conföderirten, welche sich anschickten, Stanioski zu folgen, ein mörderisches Feuer eröffneten. Der Handstreich war missglückt. Die Feinde flohen, indem sie mehrere Todte und Verwundete zurückliessen. Als jetzt ein Soldat mit brennender Fackel in das Zimmer trat, sah sich Stanioski gebunden zu den Füssen und in der Gewalt Maria Stanislawas, die ihn mit einem spöttischen Lächeln betrachtete.

»Gnade!« war das erste Wort, das über seine Lippen kam. Maria Stanislawa lächelte noch immer.

»Ich bin guter Laune,« sprach sie, »und so schenke ich Ihnen das Leben.«

Sie befahl, seine Fesseln zu lösen und ihn in das Kloster zu führen. Er blieb ihr Gefangener.

In den nächsten Tagen richteten die Conföderirten ihr Feuer ausschliesslich gegen die Ostseite der Stadt und es gelang ihnen endlich, Bresche zu schiessen.

Am Morgen des 18. Februar 1772 rückten sie in dichten Colonnen zum Sturme vor. Das Feuer der Königlichen war nicht im Stande, sie aufzuhalten, sie begannen schon die Bresche zu ersteigen, da erfolgte ein furchtbarer Knall, ein zweiter, ein dritter. Mine auf Mine ging in die Luft und wie sich der dicke schwarze Rauch verzog, bedeckten Hunderte gefallener Conföderirter den Platz vor der Bresche, während die Anderen in wilder Flucht dem Lager zueilten und Maria Stanislawa in ihrem weissen Habit und schimmernden Hermelinpelz, den goldenen Stab in der Hand, wie der Engel mit dem feurigen Schwert triumphirend auf dem Walle stand.

Der Siegesjubel der Belagerten währte indess nur kurze Zeit. Pajonk, der Spion, dem es gelungen war, durch die Posten der Conföderirten hindurchzuschleichen, brachte schlimme Nachrichten.

Die Russen hatten auf allen Punkten den Rückzug angetreten und die Conföderirten am 3. Februar 1772 das Schloss von Krakau überrumpelt und genommen.

Alle Hoffnung auf Entsatz war geschwunden und es begann zugleich sich der Mangel an Lebensmitteln fühlbar zu machen. Die Besatzung fing an, die Pferde zu schlachten. Trotzdem dachte Niemand an Übergabe, um so weniger, als Trentowski endlich, von seinen Wunden vollkommen genesen, wieder das Commando übernahm und mit eiserner Hand führte. Seine Energie, sein echt patriotischer Muth kannten keine Rücksicht und kein Bedenken, wo es die Ehre galt. Da der Proviant schwand, griff er zu dem spartanischen Mittel, die Besatzung zu decimiren, indem er täglich durch kühne Ausfälle die Belagerer beunruhigte und mehr als einmal in die feindlichen Batterien eindrang. Da er dort, wo die Gefahr am grössten war, wo es Kugeln hagelte, stets der erste, durch seine Schärpe und seine rothe Mütze weithin erkenntlich, auf den Feind eindrang, gab es keine Einwendung gegen seine mörderische Kriegsführung und seine Soldaten folgten ihm willig und schlugen sich mit grosser Tapferkeit. Die Bürger vertheidigten die Wälle, sogar die Juden nahmen muthig an dem Kampfe theil.

Auf diese Weise hielt Trentowski Sambor bis Mitte März. Die Conföderirten unternahmen keinen neuen Sturm, sie hatten einen verlässlichen Bundesgenossen, den Hunger. Die Noth in der Stadt wurde täglich grösser, die Leute starben auf der Strasse, der Pöbel begann die Häuser der Reichen zu stürmen und zu berauben und zum Unglück für die Belagerten traf am 17. März zahlreiches Geschütz im Lager der Conföderirten ein, das General Rzewuski der Marschallin gesendet hatte, damit sie Sambor rascher überwältigen könne.

Vier neue Batterien wuchsen über Nacht aus der Erde heraus. Die Mauern der Stadt stürzten allerorten, von der furchtbaren Beschiessung erschüttert, in die Gräben herab. Die Stadt schien einem Sturme offen, trotzdem schritten die Conföderirten nicht zu einem Kampfe mit der blanken Waffe, sondern begannen noch in derselben Nacht die unglückliche Stadt mit Bomben zu bewerfen.

Die Wirkung war eine entsetzliche, in allen Strassen gab ex Todte und Verwundete, Häuser stürzten ein, an fünf Orten brach zu gleicher Zeit Feuer aus und drohte die ganze Stadt einzuäschern, da Niemand zu löschen wagte.

Die verzweifelten Bewohner rotteten sich zusammen und drangen zu gleicher Zeit in das Kloster und in das Haus, in dem Trentowski sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Hunderte verlangten zu gleicher Zeit mit wüthendem Geschrei die Übergabe der Stadt. Maria Stanislawa erklärte, sie werde sich eher mit dem ganzen Kloster in die Luft sprengen, als sich ergeben. Trentowski versammelte den Rest seiner Soldaten auf dem Ring und legte ihnen die Sachlage dar. »Wem sein Leben lieber ist als die Ehre,« schloss er, »der bleibe in der Stadt, welche sich ergeben kann, sobald ich sie verlassen habe. Wer lieber sterben will als die Waffen strecken, der folge seinem Obersten.«

Die Soldaten nahmen diese Worte lautlos, den Blick zu Boden gesenkt, auf.

Trentowski bestieg sein Pferd, das einzige, das noch am Leben war, liess das Thor öffnen und ritt langsam hinaus.

Hauptmann Soltik, Lieutenant Mir und fünf Soldaten folgten ihm, die anderen rührten sich nicht.

Trentowski hielt sein Pferd an und blickte mit einem schmerzlichen Lächeln auf die kleine Schaar der Treuen. »Nein,« murmelte er, »ich kann euch nicht opfern, euch am wenigsten. Es giebt noch ein anderes Mittel, meine Ehre zu retten.«

Er stieg ab, befahl Soltik auf dem Thurm die weisse Fahne aufzuhissen, gab Mir sein Pferd und sandte ihn zu der Marschallin, um ihr die Übergabe der Stadt anzubieten. »Verlangen Sie freien Abzug mit Waffen und Gepäck,« sprach er, »man wird ihn uns nicht bewilligen, versuchen Sie aber das Möglichste, und bleibt die Marschallin unbeugsam, dann übergeben Sie die Stadt ohne allen Vorbehalt.« Schon hatten die Belagerer bei dem grellrothen Lichte der brennenden Stadt die weiss Fahne auf dem Thurm von Sambor entdeckt und stellten das Feuern ein. Die Bewohner beruhigten sich und begannen die brennenden Häuser zu löschen. Maria Stanislawa hatte in aller Eile das Thor des Klosters, das für sich eine kleine Festung bildete, verrammeln, in die Mauern Schiessscharten bohren, alle Schätze des Klosters in den unterirdischen Gewölben verbergen lassen. Sie sendete ihre Nonnen in den Keller hinab und schickte sich an, sich mit einer Hand voll Leute gegen das ganze Heer der Conföderirten zu vertheidigen.

Die Marschallin empfing Mir in ihrem Zelte. Ihre erste Frage war: »Lebt Trentowski? Ist er verwundet?«

»Er ist unversehrt,« erwiderte Mir, »aber er wollte bei einem letzten Ausfall den Tod suchen und ich bin gewiss, dass er die Übergabe der Stadt nicht überlebt, sobald dieselbe nicht unter ehrenvollen Bedingungen erfolgt.«

»Was verlangen Sie also von mir?«

»Freien Abzug mit Waffen und Gepäck.«

Maria Kasimira schien einen Augenblick nachzusinnen, dann trat sie auf Mir zu und sprach: »Wenn Sie es mit Ihrem Obersten gut meinen, so bestimmen Sie ihn, selbst in unser Lager zu kommen, um mit mir zu unterhandeln. Eilen Sie.«

»Sie geben mir also Hoffnung, gnädige Frau?«

»Ja und nein. Alles hängt von Trentowski ab.«

Mir sprengte in die Stadt zurück. Es währte nicht lange und ein Offizier der Conföderirten meldete der Marschallin, dass der Pulkownik Trentowski bei den Vorposten erschienen sei und eine Unterredung mit ihr wünsche. »Führen Sie ihn zu mir,« sagte Maria Kasimira und kaum hatte sie der Offizier verlassen, regte sich auch schon das Weib in ihr, sie trat vor den Spiegel, der sie auch in das Kriegslager begleitet hatte, rief ihre Kammerfrau und das Kriegszelt verwandelte sich in das Boudoir einer vornehmen Rococodame. Flacons wurden geöffnet, Schachteln und Schächtelchen, Puderstaub flog umher, feiner Parfüm schwebte in der frostigen Luft, das Haar wurde geordnet und in frisch gefallenen Schnee verwandelt und zuletzt der abgetragene Lagerpelz abgeworfen und eine prächtige Kazabaika von hochrothem Sammt, mit Marder gefüttert und ausgeschlagen, angezogen. Noch ein Blick in den Spiegel und der Offizier meldete Trentowski.

Die Marschallin ging ihm strahlend von Schönheit und Freude entgegen und bot ihm die Hand, die er feurig küsste. »Willkommen,« rief sie, »von ganzem Herzen willkommen.« Dann trat sie einen Schritt zurück und ihr Gesicht verdüsterte sich. »Aber wie sehen Sie aus? Als wären Sie dem Grabe entstiegen! Was müssen Sie gelitten haben! Und Sie leiden noch. Aber sprechen wir vor Allem von unseren Angelegenheiten. Sie wollen mir Sambor übergeben, unter welchen Bedingungen?«

»Gegen freien Abzug mit Waffen und Gepäck.«

»Trentowski, was verlangen Sie von mir?« erwiderte die Marschallin, »es wäre ein Verrath von meiner Seite, Ihnen dies zu bewilligen.«

»Die Tapferkeit meiner Besatzung scheint mir Rücksicht zu verdienen.«

»Gewiss, aber es muss dem Sieger überlassen bleiben, Rücksicht zu üben,« entgegnete Maria Kasimira, indem sie den Pulkownik zu sich auf den türkischen Divan niederzog, der in Ihrem Zelte stand, »sprechen wir als gute Freunde, ohne Hinterlist, offen, wohlmeinend. Können Sie mir zumuthen, nach den Opfern, die unsere Partei gebracht, in dem Augenblicke des Erfolges die Früchte des Sieges preiszugeben? Ich kann Ihre Soldaten nicht frei davon ziehen lassen und am wenigsten Sie, den tapfersten, den kühnsten Führer, den unsere Feinde haben. Ja, Trentowski, Sie müssen mein Gefangener werden,« schloss sie mit einem reizenden Lächeln, indem ihre Hand sich schmeichelnd auf die seine legte.

»Die Ehre verbietet es mir, gnädige Frau, die Stadt in dieser Weise –«

»Der Ehre ist genug geschehen,« fiel ihm Maria Kasimira in das Wort, ihre Augen leuchteten begeistert, »Sie haben Sambor wie ein Löwe, wie ein zweiter Leonidas vertheidigt.«

»Leonidas ist auf seinem Schilde gestorben.«

»Dafür bin ich nicht der Perserkönig. Es sind Ihre Landsleute, es sind Polen, denen Sie Ihre Waffen überliefern.«

»Die Stadt –«

»Es handelt sich nicht um die Stadt, es handelt sich um Sie. Sie will ich zu meinem Gefangenen machen. Erscheint Ihnen denn dieses Loos gar so schrecklich?«

»Maria Kasimira, schonen Sie mich,« murmelte Trentowski.

»Ich bitte Sie,« fuhr die schöne Frau fort, »ergeben Sie sich.«

»Unter welchen Bedingungen?«

»Auf Gnade und Ungnade.«

»Auf Kriegsgefangenschaft,« sprach Trentowski.

»Auf Gnade und Ungnade,« wiederholte die Marschallin.

Trentowski blickte zur Erde.

»Ich bitte Sie, sagen Sie ja.«

»Es sei.« Er erhob sich. »Ich ergebe mich.«

»Auf Gnade und Ungnade?«

»Auf Gnade und Ungnade. Ich hoffe, Sie werden die Stadt, Sie werden meine braven Offiziere und Soldaten verschonen.«

»Und Sie selbst,« sprach Maria Kasimira betroffen, »Sie sprechen nicht von sich.«

»Ich danke Ihnen,« gab Trentowski mit einem traurigen Lächeln zur Antwort, »ich brauche nichts mehr.«

»Wie ungerecht, mein Freund, ich hoffe, das Leben soll für uns Beide erst beginnen.«

»Ein Leben ohne Ehre.«

»Sie sind nicht bei Sinnen!« Maria Kasimira kehrte ihm dem Rücken in der Absicht, ihre Offiziere zu rufen, die vor dem Zelte harrten, und die nöthigen Befehle in Bezug auf die Übergabe der Stadt zu ertheilen, da hörte sie einen unheimlichen, wohlbekannten Ton. Der Hahn einer Pistole knackte und jetzt richtete Trentowski die Mündung derselben gegen seine Stirne.

Mit einer energischen Bewegung schlug Maria Kasimira den Lauf bei Seite, der Schuss ging in die Luft.

»Trentowski – Sie wollten sich tödten –«

»Ich kann nicht leben.«

»Sie müssen leben,« rief sie mit leidenschaftlicher Majestät, »haben Sie mir nicht Ihr Wort gegeben, sich nicht unnöthig aufzuopfern? Ihr Leben gehört mir, denn – ich liebe Sie.«

Sie sank an seine Brust und im nächsten Augenblick lag er, überwältigt von Liebe und Glück, zu ihren Füssen.

Sambor hatte sich auf Gnade und Ungnade ergeben, nicht Maria Stanislawa.

Die Besatzung und die Einwohner der Stadt hatten die Waffen niedergelegt. Die Conföderirten eilten, nachdem sie die Thore und Wälle besetzt hatten, den Brand zu löschen, den ihre Kugeln entzündet, die Todten zu begraben, die Verwundeten zu verbinden, die Hungrigen brüderlich zu speisen. Die Marschallin hielt über Trümmern und glimmenden Balken ihren Einzug, die unglücklichen Bewohner von Sambor warfen sich vor ihr auf die Knie und riefen Vivat, oder drängten sich an ihr Pferd heran, um ihre rothen Stiefel zu küssen. Sie lächelte gnädig, warf Geld unter die Armen und vertheilte selbst die Lebensmittel, welche von allen Seiten auf ihr Geheiss der Stadt zugeführt wurden. Alles Athmete auf, die Strassen, die Häuser nahmen rasch wieder ihr früheres freundliches Ansehen an, nur das Kloster hielt seine Thore verschlossen.

Maria Stanislawa war bereit, heldenmüthig zu sterben, aber Niemand dachte daran, ihr das Leben zu nehmen, Maria Kasimira begnügte sich, das Kloster mit ihren Soldaten einzuschliessen und demselben jede Zufuhr abzuschneiden und sie rechnete ganz richtig. Den Kugeln hätte die Äbtissin getrotzt, aber sie, die gewohnt war, sich an die reichbesetzte Tafel zu setzen und ihre weichen Glieder in schwellendes Pelzwerk zu schmiegen, sie war nicht im Stande, dem Hunger zu widerstehen, nicht einen Monat, nicht eine Woche. Genau sechs Tage währte die lustige Belagerung des Klosters, während der sich Nacht für Nacht die Vertheidiger verminderten, da einer der Soldaten Stanislawas nach dem anderen zu den Feinden überging. Am Morgen des siebenten Tages war sie allein mit ihren Nonnen, ihrem Castellan und ihrem Gefangenen und das Frühstück bestand nur noch aus einer Wassersuppe.

Da wurde leise, ganz leise der Riegel zurückgeschoben und aus dem halbgeöffneten Thor traten Pan Zajontschek und der junge Stanioski. Sie begaben sich zu der Marschallin, um für das Kloster günstige Bedingungen zu erwirken.

»O, ich denke nicht daran, Maria Stanislawa zu schonen,« rief die Marschallin, »sie muss sich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und vor mir im Staube liegend erwarten, was ich über sie beschliesse. Was aber Sie betrifft, mein lieber Pan Zajontschek, so können Sie gewiss sein, dass ich Sie nicht vergessen werde. Undankbarkeit gehört nicht zu meinen Untugenden.«

»Dann bitte ich, meine Gebieterin zu schonen,« sprach der brave Mann, »ich kann schon eher etwas aushalten.«

»Nun, ich werde sie nicht auffressen,« rief Maria Kasimira lachend, »aber sie muss selbst kommen und – ich will sie zu meinen Füssen sehen.«

Pan Zajontschek kehrte in das Kloster zurück und meldete seufzend das Ergebniss seiner Mission. Maria Stanislawa raste wie eine Löwin, die sich plötzlich gefangen, in einen Käfig gesperrt sieht.

»Sie ist im Stande und lässt mich foltern, mich köpfen,« rief sie.

»Nein, dessen bin ich sicher,« erwiderte Pan Zajontschek, sie besänftigend, »dass sie Ihnen kein Haar krümmen wird, aber Sie müssen sich demüthigen, das müssen Sie.«

»Ich soll sie bitten?«

»Knieen müssen Sie vor ihr, ja, ja, sie verlangt es und so knien Sie denn in Gottesnamen, Sie sind es ja gewohnt.«

»Dummkopf.«

»Ich meine nur –«

»Nein, ich demüthige mich nicht vor ihr,« murmelte Maria Stanislawa mit vor Zorn und Thränen erstickter Stimme, »lieber will ich sterben.«

»Wie das, wenn Niemand Sie tödten will,« sagte der Castellan. »Sie können sich doch nicht selbst das Leben nehmen, das können Sie doch nicht als Braut des Himmels, als Äbtissin. Man wird Sie also endlich doch gefangen nehmen und in diesem Falle stehe ich für nichts.«

»Schrecklich, schrecklich.«

»Man wird Sie dann erst recht nicht tödten, aber vor der ganzen Stadt züchtigen, das Kloster anzünden, unsere Schätze alle rauben.«

»Zu hast Recht – aber nein – ich kann nicht –«

»Sie müssen sich demüthigen.«

»Ich thue es nicht,« rief Maria Stanislawa und setzte sich wie ein trotziges Kind in den Winkel. »Aber sage mir – hast Du nichts zu essen,« begann sie nach einer kleinen Pause.

»Nichts,« entgegnete Pan Zajontschek, »es müsste denn sein, dass Sie eine Ratte verspeisen wollten und diese müsste ich erst erjagen.«

Maria Stanislawa begann laut zu weinen.

Eine Stunde später versammelte sich das Volk auf dem Ring um eine Art Thron, der auf demselben aufgestellt war. Die Marschallin erschien, von mehreren Damen und ihren Offizieren begleitet, und nahm auf demselben Platz, stolz und schön wie eine junge Herrscherin, vom Kopf bis zum Fuss in veilchenblauen Sammet und goldigen Zobelpelz gekleidet.

Sie wartete nicht lange und schon öffnete sich das Thor des Klosters und Maria Stanislawa, tief gebeugt, die Augen vom Weinen geröthet, schritt an der Seite ihrer Nonnen heraus, trotz ihrem pomphaften Hermelinpelz demüthig und zaghaft wie eine Bettlerin, und sie neigte ihr Haupt immer tiefer, je mehr sie sich Maria Kasimira näherte, und jetzt lag sie mit einem Male laut aufschluchzend vor ihr auf den Knien.

Einen Augenblick weidete sich die Marschallin mit einem grausamen Lächeln an ihrem Anblick, dann wendete sie sich zu den Damen, die sie umgaben.

»Ich könnte sie enthaupten lassen,« sprach sie kalt, »denn sie hat mir nach dem Leben getrachtet.«

»Gnade,« murmelte Maria Stanislawa.

»Fürchte nichts,« erwiderte Maria Kasimira, »ich bin grossmüthiger als Du, ich räche mich nicht an Dir, obwohl ich Ursache dazu hätte, während Du mich grundlos gehasst und verfolgt hast. Ich schenke Dir das Leben und die Freiheit, verurtheile Dich jedoch, den Conföderirten 10’000 Dukaten als Subsidie zu bezahlen.«

»Ich werde sie bezahlen.« Maria Stanislawa wollte sich erheben.

»Bleibe knieen!« herrschte ihr Maria Kasimira zu, »ich bin noch nicht zu Ende. Um Deine Rachsucht abzubüssen und sich stets meiner Gnade zu erinnern, wirst Du mich für Deine Klosterkirche als Madonna malen lassen, verstehst Du, und wirst jetzt auf der Stelle ein feierliches Gelübde ablegen, dieses Bild nie und niemals, unter keinen Umständen, zu entfernen und so lange Du lebst, täglich dreimal vor diesem Bilde Deine Andacht zu verrichten.«

»Ich werde.«

»Schwöre.«

»Ich schwöre.«

»Ich bin zufrieden,« sprach Maria Kasimira, »steh auf, ich verzeihe Dir.«

Maria Stanislawa erhob sich und kehrte, ohne auch nur einen Augenblick die Augen aufzuschlagen, in das Kloster zurück.

»Machen Sie sich nichts daraus,« rief Pan Zajontschek, der ihr, mit einer grossen, weissen Schürze angethan, entgegenkam, »dafür werden wir heute ausgezeichnet speisen. Französische Suppe, Hirn in Muscheln, Wildpastete –«

Maria Stanislawa lächelte durch einen Schleier von Thränen.

Nicht lange nach der Einnahme von Sambor erhielt die Marschallin von Seite der Generalität in Eperies den Befehl, sich aller weiteren Feindseligkeiten zu enthalten. Düstere Gerüchte gingen von Mund zu Mund, ein Theil der Conföderirten legte die Waffen nieder, viele Patrioten gingen in das Ausland.

Maria Kasimira begab sich mit Trentowski nach ihrem Schlosse Bialigrod. Dort segnete der alte Schlosskaplan ihren Bund und die Liebe tröstete Beide für die herben Täuschungen, welche ihr Patriotismus erfahren sollte.

Am 22. April ging Krakau wieder verloren. Während die Russen immer weiter vorrückten, betraten jetzt auch preussische und österreichische Truppen das polnische Gebiet, um es nicht mehr zu verlassen. Die drei Mächte hatten sich verständigt und das Schicksal der unruhigen Republik besiegelt. Es folgte die erste Theilung Polens. Galizien kam an Österreich. Nach langjährigem Kampfe trat Friede ein und unter dem Einflusse Josef II. begannen sich in dem unglücklichen Lande die ersten Keime der Aufklärung und Humanität zu entwickeln.

 

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