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Polnische Geschichten

Leopold Sacher-Masoch: Polnische Geschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLeopold von Sacher-Masoch
titlePolnische Geschichten
created20011108
senderh.guhl@bluewin.ch
firstpub1886
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Die gewaltsame Hochzeit

Im Schlosshofe zu Ostrog ging es lebhaft und lustig zu. Graf Zamojski, der reiche Magnat und Würdenträger, hatte den gesammten Landadel der Umgegend zur Bärenjagd geladen. Sie waren Alle gekommen, die Schlachzizen, die Einen in Sammet und Seide mit Silbersporen, die Anderen in geflicktem Kontusch und in Bauernstiefeln. Im Hofe wurde ein ganzer Ochse am riesigen Spiess für sie gebraten und ein Fass Ungarwein, so gross wie die Arche Noah, für sie verzapft. Unter den Gästen wurde vor Allem Herr Mikronowski mit seiner Tochter Constanze bemerkt. Man staunte das junge Mädchen, das sich zur Theilnahme an einer so gefährlichen Jagd entschlossen hatte, ebenso seines Muthes wie seiner Schönheit wegen an. Der junge Graf Stanislaus Zamojski hatte sich sofort zu ihrem Ritter aufgeworfen, und als das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde, die Treiber, Bauern aus des Grafen Dörfern, voran in den Forst zogen, die Jäger mit den fröhlich kläffenden Rüden und die Gäste in offenen Schlitten folgten, hob er das stolze, herrliche Geschöpf zu sich auf den mit Fellen bedeckten Sitz und lenkte selbst das feurige Dreigespann, mit dem sie durch Schnee und Nebel davonflogen.

Als man sich zur Jagd aufstellte, nahm der Graf seinen Platz neben Constanze ein, und da es verboten war, ein Wort zu wechseln, tauschte er Blicke mit ihr, welche mehr und mehr ein magisches Netz um sie Beide legten.

Das Glück lächelte der muthigen Jägerin. Gleich im ersten Triebe kam ein grosser Bär auf sie zu. Sie erwartete ihn stehenden Fusses, liess ihn kaltblütig auf zehn Schritte herankommen, rief ihn an, und als er aufstand, jagte sie ihm die Kugel mitten in das Herz. Fast zu gleicher Zeit lagen der Bär und der Graf vor ihr im Schnee. Während sie den Fuss stolz auf ihre Beute setzte, schwor ihr Zamojski, von ihren Reizen und ihrem Muthe hingerissen, ewige Liebe und Treue.

Der Zauber, den Constanze auf den jungen Magnaten übte, wurde noch mächtiger, als er sie im Hause ihrer Eltern zu Zablokow, von holder Weiblichkeit erfüllt, am Spinnrocken fand. Er kam nun oft und öfter, und während das Rädchen summte und die weissen Hände den Faden drehten, sprachen sich ihre Herzen gegen einander aus und vertrauten einander die süssesten Geheimnisse. Zamojski war überrascht, als er die Entdeckung machte, dass Constanze zu einer Zeit, da die Jesuiten den Frauen und Mädchen Polens ausser dem Gebetbuch kein anderes in die Hand gaben, in den französischen Dichtern und Denkern fast besser zu Hause war als er selbst, und seine Verehrung für dieses seltene Wesen stieg von Tag zu Tag. Volljährig, im Besitze eines eigenen Vermögens, durfte er sich eine Frau nach seinem Geschmacke wählen, und so hielt er, zum Schrecken seiner Eltern, plötzlich, aber nicht unerwartet, um die Hand des armen Edelfräuleins an.

Mikronowski gab ihm freudig Handschlag und Segen, während seine Eltern ihm nicht offen entgegenzutreten wagten, aber im Geheimen gegen Constanze zu intriguiren begannen. Sie bestürmten ihn vor Allem, sich noch vor seiner Vermählung um ein Amt zu bewerben und zu diesem Zwecke an den Hof Augusts III., der zugleich König von Polen und Kurfürst von Sachsen war, nach Dresden zu gehen.

Hier waren Czartoryski und Poniatowski bereits eingeweiht und boten Alles auf, den jungen, begabten Grafen im Bannkreise ihrer politischen Combinationen zu erhalten; zu diesem Zwecke hatten sie die junge und schöne Wittwe Antoinette Gräfin Oginska ausersehen, zu deren Füssen der mächtige Minister Brühl ebenso lag wie der galante König selbst. Sie sah Zamojski im Ballett und fand Gefallen an ihm. Meisterin der Intrigue und der Koketterie, zog sie ihn sofort in ihre Netze. Vergebens wehrte sich Zamojski, ihr Geist und ihre Reize triumphirten mehr und mehr über ihn, und als sie erst entschlossen war, ihm ihre Hand zu reichen, wurde er auch zur selben Stunde ihr Gefangener.

Sie empfing ihn das erste Mal allein in ihrem Boudoir in einem Negligé, das auch einen ungleich Erfahreneren verwirrt und besiegt hätte. Auf schwellenden Kissen hingegossen, in üppigen Wellen weisser Spitzen, geblümter Seide und dunkeln Pelzwerkes sich badend, lächelte sie ihn mit ihren grossen, dunkeln Augen an, die unter dem schneeweiss gepuderten Haar wie ein entzückendes Geheimniss unwiderstehlich lockten. Sie reichte ihm die kleine Hand und er folgte dem magischen Drucke derselben, bis er zu ihren Füssen lag als ihr Sklave und aufstand als ihr – Verlobter.

Der König, Brühl, die tonangebenden Magnaten, Alle protegirten diese Heirath und da die siegreiche Wittwe ihr Opfer nicht mehr freigab, erhielt Constanze eines Tages ein Schreiben Zamojskis, in welchem er aus Familienrücksichten und politischen Gründen ihre Verbindung für unmöglich erklärte, sie um Vergebung bat und die Beziehungen zu ihr löste.

Constanze weinte ein paar zornige Tränen, dann fasste sie sich und sendete einen vertrauten Juden, der zur Leipziger Messe reiste, nach Dresden, um die Wahrheit zu erfahren, und als sie dieselbe wusste, war das stolze, muthige Mädchen auch schon entschlossen, zu handeln.

Zamojski kehrte nach Ostrog zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Er vermied es sorgsam, Constanze zu begegnen, und da sie nichts von sich hören liess, wurde er bald sorglos und ahnte nicht, wie klug und böse sie ihn umgarnt hatte.

Eines Abends fuhr er zu dem Fürsten Sapieha, der ihn zu einem seiner glänzenden Feste gebeten hatte. Es war Nacht, als er den Heimweg antrat. Im Walde von Grodno fielen plötzlich Schüsse, seine Kosaken, welche betrunken und bestochen waren, ergriffen die Flucht, der Kutscher hieb die Stränge durch, schwang sich auf eines der Schlittenpferde und folgte ihrem Beispiele, während aus dem Dickicht Vermummte hervordrangen, Zamojski nach kurzer Gegenwehr überwältigten, ihn gebunden und geknebelt auf ein Pferd schnallten, und, nachdem sie ihm noch einen Sack über den Kopf gezogen, mit ihrer kostbaren Beute davonjagten. Zamojski glaubte in die Hände von Räubern gefallen zu sein und gab sich verloren. Nach kurzem Ritt fielen die Pferde in Schritt, dann widerhallten ihre Hufe auf einer Brücke und gleich danach wurde Halt gemacht und der Gefangene vom Sattel gehoben. Als ihm der Sack abgenommen wurde, fand er sich in einem runden, düsteren Gemach, in dem sich nur ein kleines, vergittertes Fenster hoch oben an der Decke und ein Strohlager auf der Diele befand. Ein kleines Lämpchen versendete ein trauriges zweifelhaftes Licht, vor ihm standen zwei Männer in Kosakentracht. »Wo bin ich?« fragte er, ohne Antwort zu erhalten, doch im nächsten Augenblicke ging die Thür auf und Constanze, in polnischer Tracht, die grünsammtene Kazabaika mit kostbarem Pelzwerk verbrämt, trat ein. Ihr herrischer Wink entfernte die Diener, dann näherte sie sich, die Arme auf der Brust verschränkt, dem Grafen und mass ihn mit einem bösen, spöttischen Blick.

»Sie sind in meiner Gewalt,« sprach sie, »erwarten Sie keine Schonung. Ich lasse Ihnen die Wahl, mir sofort am Altar Ihre Hand zu reichen oder zu sterben.«

»Ich kann Sie nicht zur Frau nehmen, Constanze,« erwiderte Zamojski unerschrocken, »nicht das Herz, sondern das Wohl des Vaterlandes hat hier zu entscheiden.«

»Sie lügen!«

Zamojski wurde purpurroth.

»Ja, Sie lügen,« fuhr Constanze fort, »ich kenne Ihren Roman mit der Gräfin Oginska. Also nochmals, wollen Sie mir Ihre Hand reichen?«

»Ich kann und darf nicht.«

»Dann bereiten Sie sich zum Tode vor,« antwortete die stolze Schöne kalt. »Ich werde Ihnen den Priester senden und erwarte Sie in einer Viertelstunde unter dem Galgen.«

Zamojski erbebte, aber kein Wort kam über seine Lippen. Constanze verliess ihn und nicht lange danach erschien der Priester.

»Ist es denn Ernst?« fragte der Graf.

»Im Hofe steht bereits der Galgen,« erwiderte der Priester.

Als Zamojski eine Viertelstunde später in den Hof geführt wurde, sah er beim rothen Glanz der Fackeln Constanze am Fusse des Galgens stehen. Noch war sein Trotz ungebrochen, als er aber auf die Leiter gehoben wurde und den Strick um den Hals fühlte, ergab er sich.

»Ich bin bereit,« murmelte er. »Wo ist der Priester? Er soll uns trauen.«

Constanze liess ihn von der Leiter heben und seine Fesseln lösen.

»Versuchen Sie es nicht, zu entkommen,« sprach sie, »bei der ersten verdächtigen Bewegung schiesse ich Sie nieder.« Sie zog eine Pistole hervor und spannte den Hahn, und so, die Pistole in der Hand, führte sie ihn zur hell erleuchteten Kapelle, wo sie die Ringe wechselten und der Priester sie segnete. Dann trat sie mit Zamojski in ein reich eingerichtetes Gemach, und nachdem sie auf einem türkischen Divan Platz genommen hatte, sprach sie, den Blick streng und verächtlich auf ihn gerichtet: »Weitere Ansprüche mache ich nicht an Sie, weder an Ihre Person noch an Ihr Vermögen. Sie sind jetzt frei und können thun, was Ihnen beliebt. Ich werde bei meinen Eltern bleiben und Ihnen in keiner Richtung zur Last fallen. Leben Sie wohl.«

Zamojski sah sie erstaunt an, verneigte sich stumm und ging. Während seine Eltern, die befreundeten Magnaten und die Jesuiten Himmel und Erde in Bewegung setzten, um vom Papst eine Trennung der Ehe zu erlangen, blieb Zamojski in Ostrog. Er schämte sich, nach Dresden zurückzukehren, und vermied es sogar, mit den Nachbarn zusammenzutreffen. Einem Einsiedler gleich vergrub er sich mitten in den Wäldern von Ostrog in einem kleinen Jagdschloss unter Büchern und Karten oder streifte allein in der Gegend umher.

So geschah es, dass er einmal seiner Frau begegnete. Er ritt langsam auf der Strasse, in Gedanken versunken, und sah sich plötzlich Constanze gegenüber, welche ihr Pferd gleichfalls im Schritt gehen liess und unerwartet aus dem Dickicht herauskam. Ihre hohe, schlanke Gestalt, in dunklen Sammt und reiches Pelzwerk gekleidet, schaukelte sich anmuthig auf dem Sattel, während ihre schönen Augen ihn überrascht, ja fast fröhlich anschauten. Er grüsste, und sie dankte mit einem freundlichen Nicken. Als sie vorüber war, hielt er sein Pferd an und blickte ihr nach. Ihr blondes Haar leuchtete wie Gold auf dem dunklen Sammt. Zamojski seufzte. »Welche Lächerlichkeit!« dachte er, »eine schöne junge Frau zu besitzen und wie ein Mönch unter alten Folianten zu leben.«

Nachdem er in den nächsten Tagen vergeblich gehofft und versucht hatte, Constanze wieder zu begegnen, ritt er eines Abends geradezu nach Zablokow, band sein Pferd in der Nähe des kleinen Edelhofes an einen Baum und schlich dann vorsichtig durch den Garten an das Haus heran. Er fand die Fenster mit hölzernen Laden geschlossen, doch ein Lichtschimmer, der aus dem einen drang, verrieth ihm eine Ritze, an die er sein Auge legen konnte. Er blickte in ein kleines Gemach, in dem ein türkischer Divan stand. Bärenfelle waren über denselben und vor ihm ausgebreitet. Seitwärts befand sich ein Stickrahmen. Auf einem kleinen Schrank war ein Leuchter mit einer brennenden Kerze. Lange Zeit blieb Alles still, dann trat Constanze herein, putzte das Licht mit der Scheere, rückte den Stickrahmen hervor, setzte sich auf den Divan und begann zu arbeiten. Zamojski konnte sich an der stolzen Gestalt, an dem feingeschnittenen, frischen, freundlichen Gesichte und der anmuthig auf und ab schwebenden Hand dieses herrlichen Geschöpfes, das ihm vor Gott und den Menschen gehörte und doch ewig ferne schien, nicht satt sehen. Und wie klopfte ihm nun gar das Herz, als sie einmal innehielt, sich auf den glänzenden Fellen ausstreckte und zugleich der wunderbarste Arm aus dem dunklen Ärmel der Pelzjacke hervortauchte und der niedlichste Fuss im türkischen Pantoffel unter dem Saum des seidenen Kleides sichtbar wurde.

Er kam nun Abend für Abend und stand draussen in Frost und Schnee, nicht selten im Wirbel fallenden Flocken oder bei wildem Windesgeheul, belauschte seine Frau am Spinnrocken, vor einem Buche oder während ihre Finger über die Tasten des Spinets glitten, und kehrte dann zufrieden heim. So ging es fort, bis eines Tages ein Schlitten in den Hof fuhr, dem ein hochgewachsener, schöner Mann in polnischer Tracht entstieg.

An diesem Abend blieben Spinnrad, Spinet und Stickrahmen verlassen. In Zamojskis Brust regten sich Zweifel und Befürchtungen, eine sonderbare Unruhe trieb ihn ruhelos hin und her, die Folianten im kleinen Jagdschloss bedeckte der Staub, die Tinte trocknete im Tintenfass ein, er lebte nur noch im Walde und in Zablokow. Da er hier nur unter dem Schutze der Dunkelheit erscheinen konnte, so hatte er Spione aufgestellt, welche ihm über Alles zu berichten hatten, was unter Tags im Edelhofe vorging. Ihre Berichte gaben seiner Eifersucht neue Nahrung. Der Eine meldete, dass es Graf Skarbek sei, welcher in Zablokow immer häufiger Besuche mache, der Andere, dass sich der reiche und schöne Magnat um die Gunst Constanzes bewerbe und sie sehr freundlich mit ihm sei, der Dritte, dass Skarbek die Absicht habe, falls Constanzes Ehe gelöst werde, ihr seine Hand zu reichen.

Zamojski war ausser sich; durch gekränkten Stolz und Leidenschaft blind gemacht, kehrte er eines Tages nach Ostrog zurück, bewaffnete seine Leute und erwartete seinen Nebenbuhler Nachts auf der Strasse.

Skarbek verliess Zablokow zu Pferde, nur von einem Kosaken begleitet, und fand sich am Waldrande unerwartet einer feindlichen Schaar gegenüber. Zamojski nannte ihn einen Verräther und Frauenräuber und forderte ihn zum Zweikampfe. Sofort wurden auf beiden Seiten die Säbel bezogen und die Klingen kreuzten sich beim Sternenlicht und dem Geflimmer des Schnees. Schon waren Beide leicht verwundet, als Constanze, der ein Landmann eilig den Überfall gemeldet hatte, mit ihren Dienern heransprengte und die Kämpfenden trennte. »Was ist der Anlass zu diesem Streite?« fragte sie Zamojski.

»Die Werbung Skarbeks um Ihre Hand, Madame,« erwiderte er.

Constanze begann laut zu lachen. »Dann reichen Sie sich sofort die Hände,« rief sie, »Graf Skarbek wirbt nicht um mich, sondern um meine Schwester.«

Die beiden Magnaten umarmten und küssten einander und folgten hierauf Constanze nach Zablokow, wo sie selbst die Wunden der Beiden verband. Dann führte sie Zamojski in jenes kleine Gemach, in dem er sie oft belauscht hatte, und liess sich auf dem Divan in den glänzenden Bärenfellen nieder. »Was soll ich mit Ihnen beginnen,« sagte sie lächelnd, »damit Sie mir nicht täglich neue Thorheiten begehen?«

»Mir vergeben,« antwortete Zamojski und warf sich zu ihren Füssen nieder.

»Aber Graf, die politischen Rücksichten,« antwortete sie spöttisch, »das Wohl des Vaterlandes –«

»Ich frage nicht danach,« rief Zamojski und schlang seinen Arm um die geliebte, schöne Frau. Drei Tage später zog Constanze Gräfin Zamojski im fürstlichen Hermelin, auf dunkle Bärenfelle im vergoldeten Schlitten gebettet, bei Glockenklang und Kanonendonner im Triumph im Schlosse von Ostrog ein.

 

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