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Polnische Geschichten

Leopold Sacher-Masoch: Polnische Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLeopold von Sacher-Masoch
titlePolnische Geschichten
created20011108
senderh.guhl@bluewin.ch
firstpub1886
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Sapiehas Busse

Es war am 3. Mai 1685, zur Zeit König Sobieskis, als eine trefflich berittene und gerüstete Schaar in das den Kamaldulenserinnen von Wilna gehörige reiche Gut Brostowo eindrang und mit bewaffneter Hand Besitz ergriff.

Der Kastellan Zaba, der dasselbe Namens der Äbtissin verwaltete, begnügte sich, feierlich zu protestiren, und ergab sich dann ohne weiteren Widerstand in sein Schicksal. Eine halbe Stunde nach dem Überfall sass er bereits in einem Gemach des Erdgeschosses mit dem feindlichen Anführer beim Weinkrug.

»Sagt mir nur, edler Herr,« begann er, »was das für eine Welt heute ist, giebt es denn keinen König, kein Gesetz, keinen Kirchenbann mehr, dass Euer Herr, der Palatin, ohne Weiteres ein der Kirche gehöriges Besitztum so zu sagen rauben kann?«

»Wer soll ihn hindern?« antwortete der Offizier Sapiehas, Herr Zurawski, und strich seinen langen Schnurrbart, »der König am Wenigsten. Wer hat diese Wirren in Lithauen verschuldet? Niemand als die Pac, die sich zu den wahren Herrschern dieses Landes gemacht und den Adel unterdrückt hatten, diese stolzen Herren, die in ihrem Hochmuth so weit gingen, dem heldenmüthigen Johann Sobieski, als er 1675 zum König von Polen erwählt wurde, zu opponiren. Weiss Gott, ihr Hass hat ihnen schlechte Früchte getragen. Als der Hetman Michael Pac sich nun gar weigerte, mit dem Könige in die Ukraine in den Krieg zu ziehen, beschloss dieser, die Sapiehas gegen die Pac auszuspielen, die Sapiehas, welche ebenso grosse Güter und Reichthümer wie die Pac besassen, sich aber von allen Ehren und Würden ausgeschlossen sahen. Der König gab ihnen hohe Ämter und mit einem Male hatten sie auch eine Armee und Kanonen.

Kasimir Sapieha wurde Unterhetman und Kastellan von Wilna, Benedict Grossschatzmeister, Michael Grossstallmeister, und der jüngste, Leon, mein gnädiger Herr, wurde Schatzmeister des Königs und Palatin von Polock, und als im vorigen Jahre Herr Michael Pac starb, ernannte der König an seiner Stelle den hochgeborenen Herrn Kasimir Sapieha zum Hetman.«

»Verstehe,« sprach der Kastellan, im seinem Fette schnaubend, »aber was geht das uns an, die wir der Kirche dienen?«

»Sehr richtig,« erwiderte Herr Zurawski, »nur ist ein Umstand, den Ihr vergesst. Ist Eure hochwürdige Äbtissin Telimena nicht eine Pac? Grund genug für meinen Herrn, ihr Brostowo wegzunehmen; und wäre es nur, weil die Pac sich damit brüsten, von der Pazzi von Florenz abzustammen, und der selige Hetman, zu Ehren der heiligen Maria Magdalena von Pazzi, seiner angeblichen Verwandten, das Kloster zu Wilna erbaut hat.«

»Ja, ja, zwei Millionen hat es uns gekostet,« seufzte der Kastellan, »und dabei ist es noch nicht ganz ausgebaut.«

Nicht lange nach dem Zajazd (Besitzergreifung mit bewaffneter Hand nach polnischem Recht) erschien der Palatin Leon Sapieha mit einem kleinen, aber glänzenden Gefolge in Wilna, stieg vor dem Thore des Kamaldulenserinnen-Klosters vom Pferde und begehrte Einlass sowie eine Unterredung mit der Äbtissin, welche ihm diese auf der Stelle gewährte. Der Palatin wurde am Thore von zwei älteren würdigen Nonnen empfangen und in das mit reichem Luxus eingerichtete Empfangszimmer geführt, das ausserhalb der Klausur lag. Hier liess man ihn allein. Es währte nicht lange, so trat die Äbtissin herein.

Sapieha starrte dieselbe einige Augenblicke fast unartig an, er war auf Alles gefasst, nur nicht auf diese Erscheinung. Vor ihm stand eine junge Dame von höchstens fünfundzwanzig Jahren, eine mittelgrosse schlanke Gestalt mit jungfräulich stolzen Formen, welche über dem weissen Habit einen langen sich weich anschmiedenden Talar von violetter Seide mit fürstlichem Hermelin gefüttert und besetzt trug. Das runde frische Gesicht mit der feinen eigensinnigen Nase blickte aus schlauen grauen Augen fast muthwillig auf ihn. Unter dem weissen Velum, das ihr Haupt einhüllte, quollen einzelne goldige Härchen hervor und umspielten die schöngebildeten Ohren und den blendenden Nacken gleich Sonnenlichtern.

Sapieha kam erst zur Besinnung, als die Äbtissin Telimena sich würdevoll niederliess und ihm einen Platz ihr gegenüber anwies.

»Schön, Herr Palatin,« begann sie kampflustig. »Ihr Gewissen schreckt also nicht einmal von der Sünde zurück, sich mit dem Gute der Kirche zu bereichern. Denken Sie denn nicht an die göttlichen und ewigen Strafen, die Sie erwarten?«

»Nein,« erwiderte Sapieha laut und lustig, »ich denke an etwas ganz Anderes.«

»An was, wenn ich bitten darf?«

»Ich denke,« fuhr der junge männlich schöne Palatin, seinen schwarzen Schnurrbart streichend, fort, »wie herrlich das gewesen wäre, wenn Sie, statt eine Braut des Himmels, – meine Frau geworden wären.«

»Weshalb schmeicheln Sie mir? Sie bleiben doch mein Feind,« entgegnete Telimena spöttisch, aber sie war trotzdem ein wenig rot geworden.

»Ich spreche aufrichtig,« fuhr Sapieha fort, »Sie wären eine Frau für mich gewesen, wie keine Andere, und diese Verbindung hätte die Pac und die Sapiehas geeinigt und Lithauen den Frieden zurückgegeben.«

»Das ist nun vorbei.«

»Leider.«

»Wer weiss, vielleicht könnte auch ich es bedauern,« sprach Telimena und blickte zur Erde, während ihre kleine Hand tändelnd in dem üppigen Pelzwerk, das um sie knisterte, versank, »aber wäre auch unter den jetzigen Verhältnissen der Friede nicht dem Kampfe vorzuziehen?«

»Das hängt nun von Ihnen ab.«

»Ich bin zu einem Vergleich bereit.«

»Also, ich will Brostowo herausgeben, sobald Sie mir gestatten, einige meiner Soldaten für unbestimmte Zeit auf den Klostergütern einzuquartieren.«

»Soldaten! auf unbestimmte Zeit!« rief Telimena aufbrausend, »davon kann keine Rede sein.«

»Dann behalte ich Brostowo.«

»Trotz Ihrer Verehrung für mich?«

»Gehen Sie nach Rom, Telimena,« rief Sapieha mit blitzenden Augen, »suchen Sie Dispens zu erlangen, für Geld kann man in Rom Alles haben, und sobald Sie von diesen geistlichen Ketten frei sind, liege ich zu Ihren Füssen.«

»Sie werden auch so zu meinen Füssen liegen,« sprach die Äbtissin gelassen, ihren Pelz streichelnd, »Sie kennen die Macht der Kirche nicht.«

»Ich kenne dafür Ihre Macht, Telimena, diese macht mir viel mehr bange.«

»Dann geben Sie unser Klostergut heraus.«

»Sie kennen die Bedingungen.«

»Die ich nicht annehmen kann.«

Sapieha zuckte die Achseln, während die Äbtissin überlegte.

»Sie geben mir Brostowo nicht?« sagte sie endlich.

»Nein.«

»Sie sollen also durchaus den Krieg?«

»Sie zwingen mich dazu, schöne Frau!«

»Gut, also Krieg,« schloss Telimena, sich erhebend, »und kein Friede, ehe Sie nicht besiegt zu meinen Füssen liegen.«

Der Palatin entfernte sich mit einem Seufzer, er hatte zum ersten Male ein Weib gefunden, das ihm imponirte. Als er sie verlassen hatte, ging die Äbtissin noch einige Zeit mit verschränkten Armen auf und ab, ihre zarte Brust athmete ruhig unter dem schwellenden Hermelin, um ihre schlauen Augen und ihren trotzigen Mund spielte erst ein schelmisches Sinnen, dann ein anmuthig boshaftes Lächeln. Ein feiner Plan war in ihrem Köpfchen gereift. Sie blieb stehen, erhob die sammtne Hand und drohte mit dem Zeigefinger, an dem ein Rubin gleich einem Feuerfunken hing, gegen die Thüre, durch welche der Palatin hinausgeschritten war. Für’s erste kam ihr jedoch dieser zuvor. Schon nach wenigen Tagen erschien ein Trupp seiner Reiter, erzwang sich den Einlass in das Kloster und quartierte sich in diesem ohne Weiteres ein.

Die Äbtissin zuckte mit keiner Wimper, sie sass in ihrem Hermelinpelz wie ein lauerndes Kätzchen, das mit geschlossenen Lidern zu schlummern scheint, während die Mäuse um dasselbe spielen. Sie zog den Anführer der Reiter, Herrn Krakowski, Mittags zur Tafel, und dieser war beim Nachtessen bereits so begeistert von den Reizen und der Liebenswürdigkeit der Äbtissin, dass er stürmisch aus deren Schuh zu trinken verlangte (Polnische Sitte der Frauenhuldigung). Telimena gewährte ihm diese Gunst mit lächelndem Munde, nachdem sie der Schwester Lodoiska, welche den Keller verwaltete, einen spitzbübischen Wink gegeben. »Die beste Flasche Tokayer!« befahl sie. Als derselbe zur Stelle war und Herr Krakowski sich vor Telimena auf ein Knie niedergelassen hatte, kam auch schon unter dem schimmernden Hermelinsaum das kleine Füsschen hervor. Mit leuchtenden Augen zog der galante Offizier den niedlichen Sammetpantoffel herab, und kaum hatte ihn Schwester Lodoiska mit Wein gefüllt, leerte er ihn auch schon auf einen Zug, indem er Telimena ein lautes Vivat zurief. Als Krakowski seinen Platz an der Seite Telimenas wieder eingenommen hatte, liess diese ihre schlauen Augen mit heiterer Neugier auf ihm ruhen. Es währte nicht lange, so wurde seine Zunge schwer und er begann sich schlaftrunken die Stirne zu reiben, dann fielen ihn die Augen zu und endlich sank sein Kopf auf die Brust und er schlummerte süss wie ein Kind in der Wiege. Telimena neigte das Haupt und blickte ihm mit fast kindlicher Freude von unten in das Gesicht, dann gab sie den Nonnen ein Zeichen, und alle zugleich begannen in die Hände zu klatschen und laut zu lachen. Die Äbtissin aber nahm den nächsten besten Kork, hielt ihn über die Lampe, und malte dann mit demselben ihrem schlafenden Verehrer eine riesige schwarze Brille in das Gesicht. Schwester Lodoiska fügte ein paar drastische Augenbrauen, eine zweite Nonne einen dicken Strich über die Nase hinzu, und so trieben die frommen Klosterfrauen ihr übermüthiges Spiel mit dem armen Krakowski eine Weile kichernd fort, während zu gleicher Zeit seine Reiter, welche der Kastellan unten im Keller bewirthet hatte, einer nach dem andern vom Stuhle fielen und dann auf Befehl der Äbtissin in einem als Kerker dienenden unterirdischen Gewölbe gleich Holzscheiten aufgeschichtet wurden. Nachdem auch Krakowski in sicheres Gewahrsam gebracht worden war und Telimena selbst alle Schlösser gesperrt und alle Riegel vorgeschoben hatte, begann auf ihr Geheiss die lustigste Maskerade.

Die jungen Nonnen verwandelten sich mit der grössten Geschwindigkeit in Soldaten, während Telimena die Stelle des Anführers übernahm. Die Säbel klirrten, die Lanzen blitzten und helles Lachen tönte dazwischen, als sie im Schlosshof die Pferde der Sapieha’schen Reiter bestiegen. Dann ging es im Galopp hinaus in die sternenhelle Nacht und nach dem nahen Städtchen Grodno.

Dort, im Judenviertel, hielt die fröhliche Schar vor dem Hause des reichen Kaufmanns Mordochai, dessen schöne Tochter Esther die Geliebte Leon Sapiehas war, wie Telimena in Erfahrung gebracht.

Zwei der Amazonen stiegen ab, klopften mit dem Säbelknauf an das Thor und verlangten Einlass. Da Mordochai gerade abwesend war, erschien Esther am Fenster und fragte erschrocken, um was es sich handle. Sie hätten Befehl vom Palatin, die schöne Esther zu entführen, lautete die Antwort. Die schöne Jüdin, rasch entschlossen, raffte ihren Schmuck und noch einige andere Kostbarkeiten zusammen und kam dicht verschleiert heraus. Man hob sie auf ein Pferd und im Sturme ging es wieder zurück nach Wilna.

Es währte einige Zeit, ehe der Palatin von dem Raube erfuhr; als er eines Tages nach Grodno kam und das Nest leer fand, wusste er sofort, wo er die kleine schöne Hand zu suchen habe, die hier im Spiel gewesen. Zuerst kam er allein nach Wilna zur Äbtissin und verlangte die Auslieferung Esthers sowie seines Offiziers und seiner Soldaten. Telimena zuckte die Achseln. »Wir sind im Kriege,« sagte sie, »und da sucht ein Jeder Gefangene zu machen.«

Sapieha zog unverrichteter Sache ab. Als er aber mit Fussvolk und Reitern zurückkehrte, fand er das Kloster im Vertheidigungszustand, von Kriegsvolk der Pac besetzt. Auf der Mauer standen Geschütze, die Brücke war aufgezogen, der Graben mit Wasser gefüllt und dazwischen flatterte der Hermelinpelz der Äbtissin, vom Winde bewegt, wie eine Fahne.

Einen Angriff wagte der Palatin nicht, aber er schloss das Kloster von allen Seiten ein, in der Hoffnung, die Nonnen bald aushungern zu können. Nach acht Tagen war er schon der ganzen Sache müde. Verdriesslich umritt er die kleine geistliche Festung, und da sich die Äbtissin auf dem Walle zeigte, grüsste er sie und fragte, ob ihre Speisekammer noch nicht leer sei.

»O, wir essen und trinken vorzüglich,« erwiderte Telimena, »aber ich langweile mich furchtbar; wenn Sie galant wären, kämen Sie zu mir herein, mir die Zeit zu vertreiben.«

»Sehr gerne.«

»Also gleich heute zum Diner.«

Sapieha erschien in der That und das Mahl war ebenso delicat als heiter.

»Wo ist nun meine Jüdin?« fragte er endlich leise.

»Esther? Ein schönes Mädchen,« erwiderte die Äbtissin, »sie wird in Rom ihr Glück machen.«

»Sie scherzen.«

»Ich bin stolz, diese Seele gerettet zu haben,« fuhr Telimena fort, »sie hat sich taufen lassen und ist mit Briefen von mir an mehrere Cardinäle auf dem Wege nach der ewigen Stadt.«

Sapieha blieb einige Zeit sprachlos. »Und meine Soldaten?« fragte er endlich, »sind die auch nach Rom?«

»Ihre Soldaten können Sie haben, sobald Sie mir Ihr Ehrenwort geben, nichts Gewaltsames mehr gegen mich zu unternehmen. Es ist eines Mannes von Geist nicht würdig, eine Dame mit solchen rohen Waffen zu bekämpfen, uns stehen ja feinere und anmuthigere zu Gebote:«

»Hier meine Hand.«

»Sie ziehen ab und unternehmen nichts Ähnliches mehr gegen mich.«

»Mein Ehrenwort!«

»Und Brostowo?«

»Behalte ich.«

»Also wir kämpfen weiter.«

Die Äbtissin gab die Gefangenen heraus und Sapieha zog ab. Er hielt Wort, und auch sie verhielt sich während des Sommers ruhig, aber sie setzte den Krieg in ihrer Weise fort, als der Palatin zu Beginn des Herbstes um die Hand der Tochter des Kastellans von Wilna, Jadwiga Oginska, warb. Man sah die Bewerbung gerne, und auch das Fräulein schien ihm hold. Schon wurde an der Aussteuer genäht, als plötzlich Jadwiga aus dem Elternhause verschwunden war. Sapieha zerbrach sich nicht lange den Kopf. Er kam auf prächtig geschirrtem Pferde vor das Kloster und hielt um eine Unterredung mit der Äbtissin an, die ihm sofort gewährt wurde.

»Wo ist Jadwiga?« war seine erste Frage.

Telimena antwortete mit einem silberhellen Lachen.

»Auch in Rom?«

»Nein, in Krakau.«

»Zu welchem Zweck?«

»Sie hat sich entschlossen, den Schleier zu nehmen.«

»Welche Sünde! sich lebendig zu begraben!«

»O! Ich befinde mich ganz wohl dabei, wie Sie sehen.«

»Aber wollen Sie mir denn jede Geliebte entreissen?«

»Jede.«

»Es ist Ihr Ernst?«

»Mein voller Ernst. Ich gebe nicht nach, ehe Sie nicht zu meinen Füssen liegen.«

»Und wenn ich, zur Verzweiflung getrieben, Sie selbst entführe?«

»Thun Sie es,« spottete Telimena, »das wäre doch einmal ein aufregendes Abenteuer, ich bin noch nie entführt worden.«

»Mit Ihnen ist es schwierig zu kämpfen.«

»Ergeben Sie sich also.«

»Noch nicht.«

Der Palatin begann hierauf der schönen jungen Wittwe des Starosten von Siradin, Frau Bonna Bialopiotrowicz, den Hof zu machen, obwohl dieselbe in dem Rufe stand, ihre Anbeter wie die Handschuhe zu wechseln. Es war indess eine der reichsten Partien, und als Bonna sich Leon Sapieha geneigt zeigte, und man von gewissen geheimnissvollen Besuchen im Dunkel der Nacht zu flüstern begann, beneidete mancher verschuldete Magnat den schönen Palatin um das Glück, das er bei den Frauen hatte. Die Hochzeit war bereits anberaumt, als eines Tages, kurz vor Lichtmess, die Äbtissin Telimena, eine Jugendfreundin Bonnas, in Siradin erschien. Sie verstand es, der leicht erregbaren Lebefrau einerseits ihren strafbaren Lebenswandel, anderseits die Qualen des Höllenpfuhles mit so grellen Farben zu malen, dass Bonna mit einem Male ihren ganzen Sinn änderte, an Sapieha einen Absagebrief schrieb und sich in das Kloster der Kamaldulenserinnen zu Wilna zurückzog, um dort in reuiger Demut Vergebung ihrer Sünden von Gott zu erflehen.

Als Sapieha diesmal vor der Klosterpforte erschien, wurde ihn diese zwar aufgethan, aber die Äbtissin weigerte sich, ihn zu empfangen.

»Ich lasse mich nicht abweisen,« rief er, »ich dringe mit Gewalt zu ihr!«

»Die hochwürdige Mutter befindet sich in der Kapelle, wo sie wohl vor Ihnen sicher ist, gnädiger Herr,« erwiderte die Pförtnerin.

»Begehe ich denn ein Sacrilegium, wenn ich dort eintrete?«

»Gewiss, denn kein Mann darf die Schwelle der Klausur überschreiten.«

Sapieha dachte einen Augenblick nach, dann spielte ein Lächeln um seine Lippen.

»Ich werde sie nicht überschreiten,« sprach er, »mein Wort als Edelmann, aber die Äbtissin wird mich deshalb doch empfangen müssen.«

Rasch entschlossen gab er seinem prächtigen Pferde die Sporen, sprengte durch die Pforte und ritt dann tollkühn die Treppe empor. Erst oben im Vorsaal, jenseits der Klausur, stieg er von dem vertrauten Thiere herab und sprich sich stolz den Schnurrbart.

»Das war ein Meisterstück,« sprach Telimena, die ihm mit leuchtenden Augen entgegen eilte. Sie nahm hierauf seinen Arm und führte ihn in ein prächtig eingerichtetes Gemach. »Für dieses Mal bin ich besiegt,« fügte sie, sich auf den weichen Polstern niederlassend, hinzu:

»Sie geben Bonna heraus?«

»Die arme Bonna, sie wird sehr von Gewissensbissen gepeinigt und ist eben im Begriffe, Busse zu thun, ich fürchte, sie ist für Sie verloren.«

»Telimena, Sie sind mit dem Teufel im Bunde.«

»Im Gegentheil, ich treibe Teufel aus.«

»Wie?« fragte Sapieha, indem er neben ihr Platz nahm.

»Mit der Geissel.«

»Sie werden Bonna geisseln?«

»Gewiss, heute noch.«

»Sie könnten so grausam sein, diesen schönen Leib zu zerfleischen?«

»Bonna hat dieses Mittel erwählt, um ihre Seele zu retten, sie hat es der heiligen Maria Magdalena von Pazzi gelobt.«

»Nie, niemals darf dies geschehen,« rief der Palatin, »verlangen Sie, was Se wollen, triumphiren Sie über mich, aber geben Sie Bonna frei.«

»Sie ergeben sich?« Telimena sah ihn ruhig von der Seite an.

»Ja!«

»Dann lässt sich darüber sprechen.«

»Dictiren Sie mir den Frieden.«

»Sie bekommen also Bonna sammt ihren Gütern und ihrer reichen Aussteuer und geben dafür Brostowo heraus.«

»Angenommen.« Sapieha athmete auf und küsste feurig die Hand, welche ihm Telimena zur Bestätigung des Vertrages geboten hatte, da zog aber plötzlich ein schlaues Lächeln von ihren vollen rothen Lippen zu den schönen grauen Augen empor.

»Aber Bonnas Gelöbniss,« sprach sie lauernd, »wenn das Heil ihrer Seele nicht Gefahr laufen soll, muss dasselbe erfüllt werden.«

»Unmöglich!«

»Es gäbe nur ein Mittel, Bonna zu retten.«

»Welches?«

»Dass Sie, mein lieber Palatin, die Busse für Bonna auf sich nehmen.«

»Ich – ich soll mich geisseln lassen?«

»Warum nicht, es würde dem heile ihrer Seele ohne Zweifel sehr dienlich sein.«

»Ich bin zu Allem bereit,« sagte Sapieha rasch entschlossen, »welche Busse Sie mir auch auferlegen wollen.«

»So spricht ein polnischer Edelmann, ich bin mit Ihnen zufrieden,« gab die Äbtissin zur Antwort und warf, sich erhebend, einen Blick auf Sapieha, den dieser nicht verstand, der ihn jedoch im tiefsten Herzen traf.

»Ich werde sofort die nöthigen Befehle ertheilen, erwarten Sie mich.«

Eine Viertelstunde später stand Telimena in der von hundert Kerzen strahlenden Kapelle auf den Stufen des Altars, und während die Nonnen im Chor ein Busslied sangen, lag der Palatin vor ihr auf einem Teppich, das Antlitz zur Erde, in Kreuzesform ausgestreckt und erweckte Reue und Leid. Leise kam Telimena die Stufen herab und beugte sich über ihn.

»Nun, da sind Sie ja zu meinen Füssen,« flüsterte sie, »auch ohne Dispens aus Rom. Aber stehen Sie jetzt auf, es ist genug.«

Sapieha richtete sich halb auf und auf den Knien vor ihr fragte er ebenso leise: »Und die Busse, die Sie mir auferlegen, Telimena?«

»Mein Gott,« erwiderte diese mit liebenswürdiger Bosheit, »ich verheirate Sie mit Bonna, ist das nicht genug?«

»Sie glauben mich damit zu strafen?«

»Allerdings, und noch dazu mit raffinierter Grausamkeit.«

»Nein, ich heirate Bonna nicht.«

»Ich habe Ihr Wort.«

»Sie haben recht.«

»Kommen Sie Also.« Telimena nahm seinen Arm.

»Wohin?«

»Zu Bonna.« Sie führte ihn in das Gemach zurück, in welchem er vor ihr die Waffen gestreckt hatte.

»Eigentlich ist es ja ganz gleichgültig, ob ich Bonna heirate oder eine Andere,« sprach Sapieha, sich tröstend, »die einzige, welche eine Frau für mich gewesen wäre, kann ich ja doch niemals mein nennen. Es ist schrecklich, Telimena, dass Sie sich dem Himmel geweiht haben.«

»Wer sagt Ihnen das?« erwiderte die Äbtissin schalkhaft, während sie sich in einer reizenden Attitüde in den schwellenden Kissen des türkischen Divans niederliess und das eine Knie heraufzog, so dass unter dem üppigen Pelz ihr kleiner Fuss im sammtnen Pantoffel sichtbar wurde.

»Wie soll ich Sie verstehen?«

»Sehr einfach. Sie wissen, dass nicht allzu selten Personen aus vornehmen Familien mit geistlicher Würde bekleidet werden, ohne die Weihen empfangen oder ein Gelübde geleistet zu haben. Und ich habe bis heute weder den Schleier genommen, noch mich dem Himmel angetraut.«

»Telimena!« Der Palatin rief es jubelnd aus voller Seele und umschlang leidenschaftlich seine junge schöne Feindin, indem er vor ihr in die Knie sank.

»Ich glaube, es wird mir nichts übrig bleiben, als wirklich Ihre Frau zu werden,« entgegnete Telimena mit holdem Spott, »aber da sind Sie ja wieder zu meinen Füssen.«

»Und diesmal für immer,« rief der Palatin, begeistert von Liebe und Glück.

 

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