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Polnische Geschichten

Leopold Sacher-Masoch: Polnische Geschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLeopold von Sacher-Masoch
titlePolnische Geschichten
created20011108
senderh.guhl@bluewin.ch
firstpub1886
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Auf der Heimfahrt

Trotz der drei kräftigen Pferde, die vorgespannt waren, kam der Wagen nur langsam vorwärts. Es war Nacht, aber es fehlte nicht an Licht, einzelne Sterne standen am Himmel, die Wagenlaternen brannten und überdies ritt ein Diener mit einer Pechpfanne, die an einer langen Stange schaukelte, voran; aber die Räder versanken in dem durchweichten Erdreich und sangen ein gar klägliches Lied.

Der wettergebräunte Mann mit dem schönen blonden Barte, der in der Tiefe des Wagens sass, blickte verdriesslich, nicht einmal die Cigarre wollte ihm schmecken, er warf sie weg und unterhielt sich damit, mit seinem Kutscher zu zanken, der ihm jedesmal bei allen Heiligen der römischen und griechischen Kirche schwor, dass es unmöglich sei, besser zu fahren.

Doch war es nicht die langweilige Fahrt allein, die dem Herrn des Gefährts, Marin Bilinski, die gute Laune raubte. Er hatte bei guten Nachbarn im Edelhofe zu Kiernica ein reizendes junges Mädchen, Fräulein Afra Drohojewska, kennen gelernt, das ihm ausnehmend gut gefiel, ja, das ihn geradezu bezaubert hatte, das aber unerwartet eine fatale Eigenschaft, in seinen Augen wenigstens, geoffenbart hatte. Afra war nämlich emancipirt, nicht in dem Sinne jener amerikanischen Prophetin der Frauenbefreiung, welche für sich das Commando eines Cavallerieregimentes beansprucht hat, sondern mehr in der Weise jener russischen Mädchen, welche Medizin studiren, um dann unter den Kalmücken oder Kirgisen das aufopfernde, freudenlose Leben einer barmherzigen Schwester zu führen, aber immerhin war sie keines jener süssen Geschöpfe, welche die Augen stets zur Erde niederschlagen oder zum Himmel emporheben – sie blickte Jedem gerade ins Gesicht, frei und ruhig, und sie sprach auch muthig und sogar ziemlich energisch, wenn es galt, ihren Standpunkt zu vertheidigen.

So waren denn auch Marin Bilinski und Afra hart aneinander gerathen und der Erstere hatte eine Niederlage erlitten, welche ihm doppelt schmerzlich war, da er keine Möglichkeit sah, sich der jungen Dame, die ihn wie noch kein anderes Mädchen entzückt hatte, wieder zu nähern.

So mussten denn Strasse und Kutscher den Unwillen Marins über sich ergehen lassen, und die erstere verdiente die Flüche, die er ihr reichlich spendete, in der That. An einem prächtigen Herbstnachmittag waren die Nachbarn nach Kiernica zu Besuch gekommen, während man aber Whist spielte, tanzte und plauderte, war unerwartet der erste Schnee gefallen und hatte die ohnehin elenden Landwege fast vollends unfahrbar gemacht. Als Marin die Heimfahrt antrat, hatte das Gestöber aufgehört; dafür blies jetzt ein scharfer, eisiger Nordwind über die weite Ebene, so dass sogar der Vorreiter die Kapuze seiner Bunda über den Kopf gezogen hatte und sein Herr sich fröstelnd in den grossen Mantel hüllte. Immer wieder liess er seinen Blick durch die Landschaft streifen, deren Umrisse beim Lichte des emporsteigenden Vollmondes immer deutlicher hervortraten und deren tiefe Melancholie so gut mit seiner Stimmung harmonirte. Zu beiden Seiten war nichts zu sehen als flaches Land, Schnee, einzelne kahle Bäume oder Sträucher, die im Winde bebten, hie und da ein Wald, der gleich einer schwarzen Mauer dastand, und am Horizonte der düstere Zug der dunklen Wolken.

Wieder begann Marin seinem Kutscher ins Gewissen zu reden, diesmal blieb aber dieser die Antwort schuldig; er hatte sich zwar auf dem Kutschbock umgewendet, blickte aber in demselben Augenblick nach rückwärts und begann den Kopf erstaunt hin und her zu wiegen.

»Was giebt es?« fragte Marin, »Wölfe?«

»Keine Wölfe, Herr,« erwiderte der Kutscher, »obwohl sie der Teufel auch noch herführen wird, sondern einen Wagen, Herr, der hinter uns fährt, dem geht es noch ärger, er schwankt wie ein Kahn auf dem wilden Dniester hin und her, wenn der nicht umwirft, will ich meinetwegen Abraham und nicht Barnabasch heissen.«

»Wer kann das sein, der hinter uns fährt?«

»Niemand sonst als Fräulein Drohojewska,« antwortete der Kutscher und begann im nächsten Augenblick laut zu lachen, »was habe ich gesagt, Herr Wohlthäter, da liegt er schon auf der Seite wie eine angeschossene Wildente.«

»Halte an, Barnabasch, wir müssen ihnen zu Hilfe kommen,« rief Marin, und kaum stand der Wagen, sprang er auch schon aus demselben hinaus, liess den Vorreiter absteigen, schwang sich auf sein Pferd und sprengte zurück. Wirklich war an dem Wagen Afras ein Rad gebrochen, und als Marin sein Pferd parirte, fand er sie damit beschäftigt, dasselbe mit Hilfe ihres Kutschers mit Stricken zusammenzubinden. Er stieg ab und bot dem Fräulein seinen Wagen an. Ein anderes Mädchen hätte tausend Umstände gemacht, aber Afra, die in hohen Saffianstiefeln, einem kurzen Rock und einer mit Pelz besetzten Herrenjacke, eine kleine runde Pelzmütze auf dem Kopf, schlank und schön vor ihm stand, bot ihm herzlich die Hand und nahm ohne Weiteres an. Sie schwang sich auf das Pferd, das er am Zügel hielt, und nachdem sie ihrem Kutscher befohlen hatte, langsam nachzufahren, ritt sie im Schritte auf der Strasse dahin, während Marin neben ihr ging und das Pferd lenkte.

Als Afra in den Wagen ihres ritterlichen Gegners gestiegen war, setzte dieser den Fuss in den Bügel, den sie eben verlassen hatte.

»Was thun Sie denn?« fragte sie rasch.

»Ich werde neben dem Wagen reiten, wenn Sie erlauben.«

»Ah, welche romantische Galanterie!« rief Afra lachend, »steigen Sie nur ganz ruhig zu mir in den Wagen, ich weiss, dass Sie mir nichts Böses zufügen werden, und die Altweiberbegriffe von Schicklichkeit, hinter denen sich nur zu häufig eine sehr defecte Moral verbirgt, sind nicht die meinen.«

Nachdem Bilinski an ihrer Seite Platz genommen und die Wolfsfelle, die im Wagen lagen, über ihre Füsse gebreitet hatte, zog Afra ein kleines Etui hervor, zündete sich eine Cigarrette an und bot eine zweite Marin an.

»Nun sehen Sie, Herr Bilinski,« begann Afra, während der Wagen sich langsam in Bewegung setzte, »wie gut es ist, wenn die Frauen ein wenig emancipirt sind, jede unserer prüden polnischen Damen hätte Sie, um ja keinen Verstoss gegen die strenge polnische Etikette zu begehen, neben sich her reiten und frieren lassen. Und wie gemüthlich sitzen wir da beisammen und rauchen und plaudern, wie es uns gefällt.«

»Verzeihen Sie, verehrtes Fräulein, aber ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden.«

»O, ich habe Sie nur zu gut verstanden,« fuhr Afra fort, »Sie finden, dass sich die Emancipation nicht mit der Weiblichkeit in Einklang bringen lässt, Bon, ich bin wieder anderer Ansicht, deshalb brauchen wir aber durchaus nicht böse auf einander zu sein.«

»Sie haben mir also verziehen?«

»Ja denn, wenn Sie meine Verzeihung so nöthig haben.«

»Ich bin sehr glücklich –.«

»Genug davon. Ich möchte Sie nur noch fragen, wie sich bei uns in Galizien, wo die polnischen Mädchen echt weiblich nach Ihrer Ansicht erzogen werden, das schönste Verhältniss zwischen Mann und Weib, die Ehe, gestaltet hat. Wie kommt es, dass es in keinem Lande der Welt so viel Ehescheidungen giebt als in Polen? Und können Sie leugnen, dass bei uns die Frau nur die Wahl hat, den Mann zu ihrem Sclaven zu machen oder in ihm ihren rücksichtslosen Tyrannen zu finden? Nach meiner Ansicht soll aber das Weib weder die Sclavin noch die Despotin des Mannes sein, sondern seine treue, muthige Gefährtin, und um dies sein zu können, muss sie ihren Geist befreien und bilden, ihr Herz einfach und ehrlich erhalten und vor Allem ihren Charakter stählen.«

Als wollte eine höhere Macht ihr auf der Stelle Gelegenheit geben, ihre Worte zu erweisen, ertönten in diesem Augenblick verdächtige Pfiffe, und rechts und links zeigten sich in den Gebüschen dunkle Gestalten.

»Was ist das?« fragte Afra.

»Räuber,« rief der Kutscher, sich bekreuzend.

»Bah! Es giebt keine ehrlichen Räuber mehr,« rief Marin aus, indem er seinen Revolver bereit machte, »das sind gemeine Strolche, die auf schwache Nerven rechnen, höchstens ein paar desperate Deserteure. Ich bitte um Gotteswillen, nur ruhig zu bleiben.«

»Ich fürchte mich nicht,« sprach Afra.

Sie warf ihre Cigarrette weg und zog gleichfalls einen kleinen Revolver aus der Tasche ihrer Pelzjacke hervor.

»Halt! Halt!« schrie es jetzt rechts und links, und während ein paar zerlumpte Gesellen den Pferden in die Zügel fielen, stürzten die Anderen auf den Wagen los.

»Hinweg, ihr Hundesöhne,« schrie Marin, »oder ich schiesse!«

Die Wegelagerer wichen zurück, aber ihr Anführer, der auf einem elenden Klepper sass, erhob seine Pistole in der Absicht, Marin in den Rücken zu schiessen. Zum Glück versagte die Kapsel und zu gleicher Zeit feuerte Afra ihren Revolver auf ihn ab. Er rief: »Jesus Maria!« und wankte im Sattel. Die Anderen brachten ihn fort, schossen aber, während sie sich zurückzogen, noch wiederholt auf den Wagen. Marin und Afra erwiderten tapfer aus ihren Revolvern, bis die Bande in dem nahen Gehölze verschwunden war. Dann hieb der Kutscher in die Pferde und der Wagen rollte wieder vorwärts.

»Gottlob, dass Niemand getroffen wurde,« sagte Afra.

»Das ist nur Ihr Verdienst, mein Fräulein,« erwiderte Marin, »ohne Sie hätte mir dieser Schurke sein Blei ohne Zweifel in den Leib gejagt.«

»Sie geben also zu, dass ich ein guter Kamerad bin,« versetzte Afra.

»Sie sind ein Engel.«

»Nein, das gewiss nicht.«

Afra begann zu lachen.

»Und wenn Sie auch ein Teufel sind,« fuhr Marin fort, »wie schön müsste es sein, so wie jetzt vereint mit Ihnen durch das Leben zu ziehen!«

»Wollen Sie mir eine Liebeserklärung machen?«

»Nein, einen Heirathsantrag.«

»Das lässt sich hören,« sagte Afra, »darüber kann man reden.«

»Sie nehmen mir also nicht jede Hoffnung ?«

»Bitte, hören Sie mich an.«

»Wie Sie befehlen.«

»Ich gestehe Ihnen offen, dass mir das gefällt,« begann Afra, »dass Sie, in Ihren Alter, schon daran denken, eine Frau zu nehmen. Unsere Herren leben, was sie so nennen, so lange es nur geht, sie kümmern sich um Nichts Vernünftiges, sie spielen, reiten, kutschiren, jagen, liebeln, machen Schulden, bis sie blasirt sind und sich – dies ist die Hauptsache – kein Jude mehr findet, der ihnen borgt. Dann heirathen sie, um sich zu rangiren. Ist es so?«

»Allerdings.«

»Was Sie betrifft, Herr Bilinski, so sind Sie noch fähig zu lieben –«

»Mit aller Gluth.«

»Das ist schon etwas. Dann sind Sie ohne Zweifel zwar ein schlechter Wirth, aber Sie sind noch zu jung, um grosse Schulden zu haben. Dass Sie Schulden haben, steht indess fest.«

»Ja, das steht fest.«

»Auch das genirt mich nicht,« fuhr Afra fort, »dafür bin ich eine gute Wirthin; seit drei Jahren selbstständige Herrin meines Vermögens, habe ich meine Güter in jeder Beziehung gehoben und zahlreiche Verbesserungen durchgeführt, dabei noch eine Schule, ein Spital, ein Armenhaus erbaut und bedeutende Ersparnisse gemacht. Ich würde also auch bei Ihnen in Kurzem Ordnung machen. Es handelt sich also nur darum, ob Sie es ertragen würden, eine Frau an der Seite zu haben, welche sich nicht damit begnügt, sich um ihre Toilette zu kümmern, sondern an Allem theilnehmen will, was ihren Mann erfüllt und beschäftigt oder bedrängt, an seinen Arbeiten, seinen Kämpfen, seinen Sorgen und Leiden.«

»Eine solche Frau wäre ja ein Ideal und ich würde sie auf den Händen tragen!« rief Marin.

»Hier haben Sie dieses Ideal,« gab Afra lächelnd zur Antwort, »aber ich bitte, mich nicht auf den Händen zu tragen, ich bin zufrieden, wenn Sie mich nur ruhig an Ihrer Seite durch das Leben gehen lassen als Ihren guten Kameraden.«

»Sie nehmen mich also?« fragte Marin entzückt.

»Gewiss, hier ist meine Hand.«

Marin Bilinski hat es nicht bereut, die Emancipirte als Herrin in das Haus geführt zu haben, in dem einst seine geliebte Mutter waltete.

Sie ist im vollsten Sinne des Wortes seine Gefährtin geworden, die Freude und Schmerz, Kämpfe und Mühen, Glück und Unglück redlich mit ihm theilt und seine Kinder zu edlen, freien, arbeitsamen Menschen erzieht, und er selbst gilt heute im ganzen Kreise als der beste Wirth und Ehemann.

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