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Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII

»Wozu rede ich denn?« rief Herr François Bloch. Er rief es erregt, schrill beinahe und in ausgezeichnetem Deutsch. »Was braucht man mich noch als Zeugen? Ihr Goethe selbst, der doch von der deutschen Sprache irgend etwas verstanden haben wird, hat sie den schlechtesten Stoff genannt, in dem ein unglückseliger Dichter Leben und Kunst verderben könne.«

»Er durfte das sagen,« antwortete Doktor Erlanger mit dunkleren Lauten, in raschem Französisch. »Er hat sie ja mitgeschaffen, die Sprache! Warum sollte ein Vater in übler Laune sein Kind nicht einmal schelten.«

»Er hat gewußt, was er meinte! Er hatte das griechische Ohr, Ihr Goethe, wie muß er schon an dieser Überfülle von Konsonanten gelitten haben. Es knarrt und krächzt und 93 hustet, Ihr Deutsch, daß Sie es wissen! Stellen Sie sich wirklich einmal vor, was Alkäos oder die Sappho zu diesen rauhen, dämmrigen, heisern Tönen gesagt haben würde.«

»Aber Ihr Gallisch, Herr Bloch, das hätten sie wunderschön gefunden! Ein Idiom, das sich durch die Nase spricht. Wenn wir heiser reden, Bester, so habt Ihr den Stockschnupfen. Und außerdem noch den Schluckauf mit Euerm Accent auf der letzten Silbe. Ein klinisches Bild geradezu. Ja, da wäre dem Pindar wohl geworden!«

»Bei Euern Hilfswörtern hätte er sich erholt.«

»Bei was?«

»Beim Anblick der Krücken, ohne die Ihr nicht gehen könnt. Bei Euerm Haben und Sein und Werden, Euerm Müssen Mögen Sollen Können! Und selbstverständlich Hilfswort und Partizip immer hübsch weit auseinander. Die Hände hätte er überm Kopf zusammengeschlagen und verzweifelt gerufen: das Verbum, das Verbum!«

»Ich höre ihn, mein Herr Bloch, ich höre ihn. 94 J'attends le verbe! Denn zweifellos hätte er es auf Französisch gerufen. Bei Euch freilich, da gibt es nichts zu warten, da weiß man, was folgt. Was ist nur im siebzehnten Jahrhundert Euern Grammatikern eingefallen? Eine Sprache mit Bewußtsein so zu verhunzen! Ihr diesen Trott vorzuschreiben! Sie kommt ja daher wie der Gaul im Karussell!«

Ja, unten im Garten, in jener Nische zwischen Orange und Lorbeer, war man nicht lange einig geblieben. Zwar von Politik war mit keiner Silbe die Rede zwischen den jungen Sekretären. Über einigen Meinungsaustausch persönlich-literarischer Art war man, bald schon, auf das Sprachliche gekommen, und hier zeigte sich plötzlich, beiden unvermutet, diese glühende Parteinahme, dieser fanatische und feindselige Enthusiasmus. Die Würde und Schönheit der Sprache, in der jeder von ihnen empfand, dachte und schrieb, wurde mit scharfen Waffen verfochten, wie die Würde und Schönheit der Damen in einem mittelalterlichen Turnier: solcher Chauvinismus in das Nationale und Staatliche 95 übersetzt, hätte ungefähr bei jeder Wendung Gefahr und Kriegsfall bedeutet.

Seltsam zu denken, daß dies nun »Gäste« waren in ihren Völkern, Fremde anstößigerweise unter denen, deren Wort und Dichtung sie so verzehrend liebten, Unechte, Störer, Geduldete. Hätte sie einer gehört, die Erwägung hätte ihm kommen können, ob nicht der innige Anteil am Worte, am Laut werdenden Erinnerungsschatz eines Volkes Zugehörigkeit tiefer begründe, als manche fragwürdige Blutsverwandtschaft. Vielleicht aber, wer will da schwören, hätten sich einem strengen Hörer die Streitenden nur vollends verdächtig gemacht. Der hätte vielleicht gefunden, daß jeder von ihnen allzu vollkommen die Sprache des andern rede. Denn im Bestreben, nur ja verstanden zu werden, tauschten sie unaufhörlich Schwert und Schild im Turnier und brachten ihre Feindseligkeiten in eben dem Idiom vor, dem sie galten.

»Gesetzlosigkeit,« sagte etwa François Bloch wieder auf Deutsch, »Sie lieben die Gesetzlosigkeit in der Sprache? Oh ja, Ihr Deutsch 96 macht einen ausschweifenden Gebrauch von ihr. Da wird ein Gedanke zu einer sechsmal verschränkten Periode zusammengedreht, einfach weil man sechs Sachen auf einmal sagen will. Man martert den Hörer, den Leser, man hält ihn hin – endlich bringt dann ein Schlußwort die Auflösung, die Erlösung. Ist nicht im Deutschen jeder Satz auf kleinstem Raum ein Richard Wagnersches Musikdrama? Am Ende wird erlöst. Zuvor aber, quälend lang, gibt es nichts als Schwere, Langeweile und Dunkelheit.«

»Das ist echt. Das ist wahrhaftig echt! Was Sie da über Wagner sagen, Herr Bloch, darauf will ich gar nicht erst eingehen. Ihre Besten haben ihn geliebt. Und um ihn zu verwerfen – dazu muß man ihn erst einmal geliebt haben! Aber was unser Deutsch angeht, so sollten Sie sich um Gerechtigkeit wenigstens bemühen. Es ist wahr,« fuhr er fort, und zwar unvermerkt auf Französisch, »es gibt bei uns ein Ringen mit der Sprache, das dem Franzosen ganz fremd ist. Das Unermeßliche, das Metaphysische drängt ins 97 Wort und kann sich doch nie ganz in ihm erlösen.«

»Ah, da haben wir's!«

»Ja, da haben Sie's. Das ist ein recht ergreifendes Bemühen, eben weil es niemals glücken kann. Und hier ist Ehrfurcht am Platze.«

»Ah!«

»Jawohl. Ehrfurcht vor dem Überwältigten, der stammeln muß.«

»Stammeln wie ein Kind oder wie ein Verzückter!«

»Nun, das sind keine verächtlichen Menschensorten. Freilich, die ›Sprache der Vernunft‹ ist kaum für sie gemacht.«

»Das sollten Sie nicht in Anführungszeichen sagen, lieber Herr Erlanger. Vernunft und Helligkeit sind nichts Geringes, gerade heute dürfte man davon nicht abschätzig reden. Wenn Sie ›vernünftig‹ sagen, so meinen Sie dürftig, ich weiß schon. Nun, ich bin nicht blind. Unser Französisch ist gewiß ärmer als Euer überfülltes Spätgermanisch, ärmer an Stoff, das ist wahr. Aber was hat es aus seiner Armut gemacht! In keinem Idiom kann man 98 genauer sein, geschickter, schlagender, geistvoller. Keins reiht die Gedanken in so logischer Ordnung aneinander, so rein, so natürlich. Keins legt sie dem Hörer so handlich zur Erwägung vor. Keins ist so dienlich, so höflich. Keins ist so human!«

»Ach, das große Wort! Gleich das größte.«

»Gut denn, vermeiden wir es. Keins ist so völlig weltgerecht, will ich einmal sagen. Das ist sein Rang.«

»Einen höhern gibt unserm Deutsch sein unendlicher, sein beinahe mystischer Reichtum. Mag es in Dingen des faßbaren Daseins spröde und schwerfällig sein, mag es sich oft ins dämmrige Gleichnis flüchten müssen – bei uns wird jedes Wort von den Sternen beglänzt und nicht vom Krystallüster.«

»Von den Sternen? Von der Studierlampe! Nach der riecht Eure Sprache und Eure Literatur. Ihr seid Stubenrevolutionäre, Ihr Deutschen. Womit ich nicht sagen will, daß Ihr kein Unheil anrichtet. Dazu langt's! Wenn ich an Euern Lessing denke . . .«

»Auf den Namen hab ich gewartet.«

99 »Der mußte auch kommen. Der Typus der Ahnungslosigkeit! Ordnung und Gesetz im Geistigen so zu verhöhnen – wie billig, wie dankbar!«

»Und Lessing war ja bekanntlich ein Erfolgsanbeter. Er war ein Prasser und starb als Millionär.«

»Ich weiß, daß er arm war. Aber geistig gesprochen war er ein Wüstling. Wie, nicht zu sehen, von welcher Bedeutung der Zwang war, den die Meister des französischen Dramas sich auferlegten! Nicht zu ahnen, was es auf sich hatte mit jener dreifachen Einheit, das heroische Bedürfnis nach Gesetz und Beschränkung so zu verkennen!«

»Es ist Ihnen doch sicher bekannt, Herr Bloch, wessen Entdeckung Sie da wiederholen? Denn natürlich mußte erst ein Deutscher kommen, um die Langeweile jener Schulfüchse so vornehm auszudeuten.«

»Schulfüchse? Langeweile? Was für ein Deutscher?«

»Einer, der aus pädagogischer Liebe zum eigenen Volk so hymnisch übertrieb. Oder 100 glauben Sie denn ernsthaft, daß der Wanderer jenseits von Gut und Böse Ihren Corneille geliebt haben kann, der ledern ist wie ein alter Reitersattel?«

»Oh! Oh!«

»Wir Deutschen werfen uns Ausländerei vor, mit wieviel Unrecht! Unsere Ausländerei ist Selbstkritik. Und an der soll es jenseits gewisser Grenzen gründlich fehlen.«

»Jenseits gewisser Grenzen fühlt man sich eben wohl in seiner Haut – und man hat Recht. Während bei Euch! Drei Viertel Eurer Literatur und Eure ganze Philosophie sind Ausdruck des Mißbehagens.«

»Von Philosophie, mein Herr Bloch, wollen wir vielleicht lieber nicht sprechen. Oder doch? Bestehen Sie darauf? Ihr habt ja, wie es heißt, auch Versuche gemacht, an der Welt herumzudeuten. Man hört von Descartes . . .«

»So, hört man von ihm? Descartes, der das Tor aufriß!«

»Nur leider ein Tor nach der verkehrten Seite. Und der gegen Leibniz so epochal unterlag.«

101 »Monade! Prästabilierte Harmonie! Identitas indiscernibilium! Der metaphysische Zirkus!«

»Schlagworte! Witze!«

»Oh nein. Wo war seine Sendung, seine Tat?«

»Nun, vielleicht finden Sie die ›Tat‹ bei Kant, in seiner ungeheuern Bezweiflung der Kausalität? Oder wer genügt Ihnen? Schopenhauer vielleicht, der als Erster die Frage getan hat nach dem Werte des Daseins?«

»Eine echt deutsche Frage wahrhaftig. Eine vollkommen überflüssige Frage, da es nun einmal ist, wie es ist, unser Dasein, und es sich um garnichts Anderes handeln kann als darum, es ein bißchen wohnlicher, ein bißchen menschlicher einzurichten.«

»Womit denn unweigerlich eine Aufzählung der Pariser Moralisten beginnt, der Leute mit den Lebensrezepten, angefangen bei Montaigne bis herunter zu Chamfort?«

»Allerdings, bis Chamfort, den Ihr ›Wanderer‹ einen wahrhaft europäischen Autor genannt hat, einen, den, hätte er Griechisch 102 geschrieben, auch Griechen verstanden haben würden, während Ihr Goethe . . .«

»Halt, halt!«

»Ich zitiere ja nur. Ihr Goethe, meint der Wanderer, habe doch mehr, als recht sei, die Wolke umarmt, und ein Plato etwa hätte nur mit Widerwillen das Dunkle bei ihm gespürt, das Übertriebene und dann wieder Klapperdürre . . .«

»Halt, halt, halt!« rief da Doktor Erlanger noch einmal. Er rief es so entschieden, daß François Bloch schwieg und ihn erwartungsvoll ansah. Offenbar schickte er sich an, etwas ganz Besonderes zu äußern, etwas Starkes und Zwingendes. Der Zauberschein jenes Höchsten, dessen Name gefallen war, mußte aufleuchten, der Zweifler sollte geblendet die Augen schließen und als ein Besiegter verstummen. Goethe . . . Er suchte nach einer Formel. Aber zu viel war zu sagen. Herr Erlanger fand keinen Beginn. So saß er recht lange und äußerte garnichts.

»Nun, Goethe?« sagte endlich Herr François Bloch, leise, nicht ohne Ironie.

103 »Ich werde Ihnen etwas erzählen, Herr Bloch. Etwas erzählen ist immer das Beste. Eine kleine Geschichte, sie stammt aus einem französischen Buch, einer Biographie. Hören Sie zu . . . Sie müssen sich in den Norden Ihres Vaterlandes versetzen, in die Normandie, nach Rouen. Dort gibt es oder gab es am linken Ufer der Seine eine Allee, eine schöne Allee mit hohen Bäumen. Jenseits sieht man die Stadt mit ihren Türmen. Man schreibt 1837 oder 38. Es ist ein schöner Frühlingsnachmittag und zwar Ostersamstag. Über den Fluß herüber kommt ein junger Mensch. Er kommt aus seinem Gymnasium, eben war Schulschluß. Es ist der junge Flaubert. Er hat keinen Hut auf seinem halblangen prächtigen Haar, bekleidet ist er mit einem gelben Rock, der viel zu leicht ist für die Jahreszeit, und mit einer weiten, hellblauen Hose. In der Hand trägt er ein Buch. Er setzt sich auf eine Bank dort am Ufer und beginnt zu lesen. Sein Gesicht verändert sich, er wird blaß, mit dem Handrücken muß er sich Tränen fortwischen. Er liest. Die Sonne ist 104 beinahe hinunter. Da fangen vom jenseitigen Ufer her die Glocken zu läuten an, die das Fest verkündigen. Aber das ist zu viel für den jungen Menschen, der Zusammenklang übermannt ihn, ihm schwindelt vor Glück der übermächtigen Schönheit, das Buch entfällt seiner Hand, die Augen werden ihm dunkel, ohnmächtig sinkt er hernieder an seiner Bank. Hinzukommende bringen ihn heim.«

»Der Faust?« fragte Herr Marcel Bloch leise, »welche Stelle? Der Osterspaziergang?«

»Der zweite Monolog. Flaubert hat es erzählt. Aber denken Sie doch, daß er ihn auf Französisch las! Das ist kaum dasselbe, nicht wahr. ›Annoncez-vous déjà, cloches profondes, la première heure du jour de Pâques . . . cantiques célestes, puissants et doux, pourquoi me cherchez-vous dans la poussière?‹ Es heißt aber so . . .«

»Es heißt,« fiel Herr Bloch mit zuckenden Lippen ein, und er war bleich wie jener Gymnasiast, und sein Deutsch hatte fremdere Laute als sonst vor Erregung: 105

Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde,
Verkündiget ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne mich am Staube . . .«

Die Himmelstöne! Besiegt und beglückt wäre er ihrer Stimme vielleicht lange gefolgt. Aber ein schriller Jubel zerschnitt sie. Es war der dämonenhafte Aufschrei jener Urwaldmusik, es war derselbe Triumph-Ruf der afrikanischen Perser, den man auch oben, in jenem Zimmer des zweiten Stockwerks, so deutlich vernahm.

Herr François Bloch brach ab. Sie blickten sich an. 106

 

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