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Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII

In der Vorhalle des Hotels erhob sich aus seinem Sessel Herr François Bloch, Dorvals Begleiter. Er war nicht älter als Doktor Erlanger. Im Gegensatz zu ihm war er zierlichen Leibes und beinahe blond, nur ihre engstehenden Augen glichen sich überraschend und blickten gleich klug, gleich freundlich, gleich traurig. Sie schauten einander an, als man sie vorstellte; ein mehrtausendjähriges gleiches Schicksal grüßte sich selber in diesem Blick.

Achille Dorval sagte: »Ich denke, Herr Carmer, wir werden unsere jungen Freunde heute Abend nicht mehr brauchen. Bitte ruhen Sie sich aus!«

Beide verneigten sich. »Gute Nacht, Meister,« sagte Doktor Erlanger, und Carmer reichte ihm die Hand.

74 »Gute Nacht, Meister,« sagte François Bloch zu Dorval. Er gebrauchte das gleiche Wort, es klang auf Französisch ein wenig anders, aber eben nur so, wie in dem einen Gebirgstal die Leute anders reden als im nächsten. Davon lag auf beider Gesicht noch ein unbestimmtes Lächeln, während sie sich dem rückwärtigen Ausgang zuwandten und, eigentlich ohne Verabredung, zusammen in den Garten hinaustraten.

Auch hier war um diese Stunde kein Mensch. Milder Pflanzenatem lag in der Luft. Die weichbestreuten Wege schimmerten rötlich vom Licht, das benachbarte Transparente herüberwarfen. Musik war hörbar, aber gedämpft. Korbsessel und Bänke luden Ruhesuchende ein, die nicht kamen. Die jungen Herren wandelten ein wenig auf und ab.

»Kenne ich nicht Ihren Namen?« fragte Doktor Erlanger, und es war vorher noch kein Wort geredet worden, »habe ich ihn nicht in der ›Nouvelle Revue Française‹ gelesen?«

»Das wäre möglich,« sagte François Bloch 75 und war vor Vergnügen errötet, »ich dilettiere ein wenig.«

»Eine Studie über Stefan George und Mallarmé – oder irre ich mich?«

Sie nahmen Platz in einer Nische, zwischen Orange und Lorbeer, und es begann ihr langes, bald höchst bewegtes Gespräch . . .

Oben in Dorvals Wohnzimmer, mit seiner schalen Hoteleleganz, verriet noch nichts die Anwesenheit eines Mieters. Wahrscheinlich hatte er wenig mitgebracht. Nur ein großes Lederbehältnis mit dunklem Tabak stand auf dem Tisch. Er begann auch sofort damit, sich Cigaretten zu rollen, eine nach der andern, vorratweise: hunderttausendfache Übung verriet sich in der genauen und zierlichen Bewegung seiner kleinen Hand, die doch zuvor den Spazierstock so ungeschickt umklammert hatte.

Ein Kellner trat ein auf das Glockenzeichen. »Ich trinke nichts«, sagte Carmer.

»Garnichts? Mir, mein Freund, bringen Sie einen weißen Wein hier vom Süden, offen, nicht in der Flasche!«

76 »Ich zweifle, mein Herr,« sagte der Kellner mit einer Verbeugung, die sein verachtungsvolles Lächeln kaum verbarg, »daß so etwas im Hause ist.«

»So wird man über die Straße laufen und es holen. Bringen Sie es rasch.«

Und sie begannen ihr langes, friedestiftendes Gespräch.

Dorval sagte, und es war vorher eigentlich nichts gesprochen worden:

»Ich bin glücklich, zu denken, daß Sie nun bald mein Partner sein werden.«

»Es ist nicht gewiß, Herr Dorval. Ich bin nicht entschlossen.«

»Sie werden sich entschließen. Oh ja, auch ich träume nicht selten davon, die paar Jahre, die mir noch bleiben, zu feiern, spazieren zu gehen, im Schatten zu liegen. Man tut es nicht. Man darf es auch nicht. Belehren Sie mich, Herr Carmer . . . Ich höre.«

»Ein Wort von sonderbarer Ironie. Den Mann belehren, vor dem die bewohnte Erde daliegt wie ein Brettspiel!«

»Gut, den Vergleich laß ich gelten. Mir ist 77 bekannt, was die Figuren sollen. Aber Ihr Andern kennt jede Faser vom Holz, aus dem sie geschnitzt sind. Man hat Ihnen doch wohl erzählt, daß ich sehr wenig weiß?«

»Ganz Europa kennt diese anmutige Fiktion und genießt sie.«

Der Wein war gekommen. »Nun denn,« sagte Dorval, »ich trinke auf das, was allein uns am Herzen liegt!« Und er umspannte mit seiner kleinen Hand das fußlose Glas, so wie ein Bauer trinkt. »Oh, er riecht gut.« Er hielt sein Gesicht über den Trank geneigt. »Es tut mir leid, daß wir garnicht in Ihrer Sprache miteinander reden können. Ich habe zu viel versäumt. Einst hätten zwei Männer wie wir Latein miteinander gesprochen, – das ist dahin.«

Er schwieg einen Augenblick. »Belehren Sie mich,« wiederholte er dann, »lassen Sie mich Ihre Gedanken wissen. Wir wollen einen Untergrund mauern, auf dem wir uns beide sicher und frei bewegen können.«

»Es wird nötig sein, Herr Dorval, daß auch Sie Steine dazu herbeitragen. Warum legen 78 Sie Wert darauf, daß ich zuerst und allein rede?«

Dorval saß da, in schlaffer Haltung, den schweren Kopf zwischen den hohen Schultern steckend, über denen der schwarze Stoff seines billigen Anzugs Falten warf. Sein massiges Untergesicht lastete auf einem hohen Stehkragen von verschollener Form. Matt hängend die Lippen. Ungepflegt, fransig gebauscht der graue Schnurrbart. Die Nase vorspringend und derb. Unter den hoch geschwungenen Brauen hielt er seine Augen gesenkt. Die Stille dauerte lang. Dann schaute er auf, mit einem Blick, der frei war, herzlich und klug, und ein plötzlich sehr fester, gespannter Mund sagte:

»Sie können reden. Ich bin aufrichtig.«

»Wenn ich daran zweifelte, wäre ich nicht gekommen.«

»Das ist höflich, Herr Carmer, aber ich verlange nicht, daß es die Wahrheit sei. Nicht weil Sie mir glauben, sind Sie hierhergekommen, sondern damit Sie mir glauben lernen. Gut denn,« fuhr er langsam und beinahe 79 feierlich fort, »mein Fall ist einfach. Ich bin kein sehr komplizierter Mann, Carmer. Ich habe den Rest meines Lebens der Idee des europäischen Friedens gewidmet, das ist meine ganze Politik. Verlangt man, daß ich sie verleugne, so demissioniere ich am gleichen Tag. Das können Sie wörtlich wiederholen, wenn Sie nach Ihrem Amtsantritt zum ersten Mal im Reichstag sprechen.«

Der Greis schloß die Augen. Ungefüg, schlaff, saß er im Sessel, die ewige Cigarette zwischen den Fingern.

Carmer antwortete nicht. Er quittierte nicht über dies hohe Geschenk. Er versuchte, sich die Stunde vorzustellen, da er die Worte Dorvals wirklich vom Rednerpult aus wiederholen würde, und er vermochte es nicht. Es gelang ihm nicht, das wohlvertraute Bild des Reichstagsaales sich zu vergegenwärtigen, die konzentrische Ordnung der Sitze, das Glasdach . . . Mit einem Schauer stellte er fest, daß er an jenen Augenblick nicht glaubte. Er schüttelte dies ab.

»Haben Sie Dank,« sagte er endlich. »Da Sie 80 es denn wünschen, werde ich Ihnen über den augenblicklichen Zustand Europas alle die Dinge vortragen, die Sie besser wissen als ich.«

»Sie irren, Herr Carmer! Ich wiederhole das. Sie ahnen nicht, was mir alles noch neu ist. Ich bin fast nirgends ein Fachmann. Als Fachleute haben wir Andere in Frankreich. Oh, sie sind schrecklich zum Teil!«

»Nun,« sagte Carmer langsam, »denkt man an unser Europa und für unser Europa, so wird man mit dem Eingeständnis beginnen müssen, daß dieser Erdteil von seiner alten Stellung nicht viel mehr übrig hat. Er hatte sich selber zum Erdteil ernannt, er hatte sich als Erdteil benommen. Als er das nicht mehr tat, war es aus. Alle seine Werte stehen in hoher Gefahr. Er muß sich, mit ein wenig Vernunft, mit ein wenig Gesittung, wieder auf seine Funktion besinnen. Der Anprall, nicht wahr, ist gewaltig. Es ist immer wieder und immer noch einmal die Schlacht von Salamis, die geschlagen werden muß!«

81 Dorval, ohne das Haupt zu bewegen, hob seine Lider. Er sagte:

»Dies ist die Art, wie ich Politik zu treiben liebe. Die Meisten reden immer nur von Mindestzöllen und Transfer.«

»Das werde ich sogleich auch tun. Von griechischen Inseln wird kaum mehr die Rede sein.«

»Recht schade!«

»Oh, wir werden Griechenland meinen, auch wenn wir von Zöllen reden . . . Die Sache fängt damit an, daß heute sechs Millionen Europäer nichts zu essen haben. Aber diese sechs Millionen sind nur die Unglücklichsten. Der Rest, überwiegend, lebt elend. Bei Ihnen in Frankreich lebt er heute karg, bei uns fristet er ein Dasein ohne alle Freude. Zwei Drittel der Deutschen sind Arbeiter und Angestellte mit nichts anderem vor sich als Arbeit bis ans Letzte. Aber auch von denen, die übrig bleiben, hat fast niemand Geld. Dennoch regiert das Geld.«

»Man könnte sagen: deswegen. Das Geld ist selten geworden. Darum ist es der 82 Wunschtraum aller. Ich hatte einen Chauffeur, der meinen Dienst verließ, weil ich nicht Millionär bin. Es fehlte ihm an nichts, aber er brauchte den Geruch des Geldes, er betete ihn an.«

»Dieser Ihr Chauffeur, Herr Dorval, ist heute unser armes Europa. Seine Servilität gegenüber der Neuen Welt hat etwas Rührendes und Primitives. Es ist im Begriff, vor dem Reichtum und dem Unternehmungsgeist der Staaten endgültig die Waffen zu strecken. Aber so wie heute die Welt aussieht, ist der materielle Tod zugleich ein Tod der Seele und des Geistes. Die Perser kommen diesmal von Westen und bedrohen das Mittelmeer. Und unser Salamis führt einen nüchternen Namen: wirtschaftlicher Zusammenschluß. Jeder Student kennt das Rezept. Statt dessen haben wir es glücklich auf 27 Zollgebiete gebracht! Siebenundzwanzigfach ist dies Europa zerschnitten. Wir sind vom ersten Anfang der Vernunft noch weit entfernt.«

»Weit! Als ich jüngst einmal die Hoffnung aussprach, die kranken Franzosen in ihren 83 Spitälern würden nun bald Eure guten Medikamente haben, ohne daß man gezwungen wäre, damit zu knausern, da heulten die Fachmänner auf: Utopist, Utopist! Carmer – ich habe die Ohren voll von dem Ruf.«

»Utopie ist ihnen alles Notwendige. Jeder Unfug ist ja noch möglich. Sie verzollen einander den Bissen vorm Munde.«

»Ich will es meinen. Rumänischer Weizen muß sein, italienischer Mais, französischer Wein – warum nicht europäischer Wein, europäischer Weizen? Nur damit es der Mensch auf Erden noch ein wenig schwerer hat, als die Natur es befiehlt. Ein paar Profitmacher wollen es so, und das Volk glaubt an ewige Gesetze.«

»Unverbrüchlich. Bei uns in Deutschland haben sie jetzt den Brotzoll erhöht. Es wehrte sich niemand. Manchmal ist es wahrhaftig schwer, nicht zum Mystiker zu werden.«

»Jeder Kampf um eine Besserung, Carmer, ist ein Kampf gegen hohle ausgestopfte Begriffe, die von den Menschen verehrt werden. 84 Man muß hineinstechen, dann raschelt das Seegras.«

»Da hat man zu tun! Vor Mythologie, vor atavistischem Haßbedürfnis sieht keiner, was er braucht.«

»Zwölftausend Millionen Goldfrancs im Jahr!«

»Wie?«

»Ich sage: zwölf tausend Millionen Goldfrancs bezahlen die europäischen Staaten jedes Jahr für ihre Rüstung. Die Menge ruft Beifall. Lieber nicht essen, nicht wahr, nur keinen Abstrich vom Haß! Die ganze Unterwelt des Menschen sträubt sich dagegen.«

Er sprach dieses Wort »Unterwelt« mit einer Grimasse aus, die ganze Abneigung des Voltairianers zuckte in dieser Verzerrung seiner Muskeln.

»Es wäre ja vielleicht nicht unwichtig, ein wenig darüber nachzudenken, wie die Erde vor Unheil und Grauen zu bewahren sei. Ah, weit gefehlt! Unsere Großmächtigen, für die wir alberne Träumer sind, starren wie behext auf ihre Fetische: Erz, Petroleum, 85 Baumwolle, Kautschuk. Viel lieber als den Verzicht auf ein halbes Prozent wollen sie lautlose Städte sehen, in denen die Gerippe der vergasten Menschen aufrecht um den Familientisch sitzen.«

Zum ersten Mal hatte er seine Stimme erhoben, sie hatte plötzlich Klang, Leben und Reiz. Und, wunderlich, zum ersten Mal an diesem Abend fiel C armer der Redner Achille Dorval ein, wie er ihn einst, an einem entscheidungsvollen Nachmittag in Paris, die widerstrebende Kammer hatte zähmen hören. Im Sessel dem leise, fast ungelenk sprechenden alten Mann gegenüber hatte er den gewaltigsten, den mitreißendsten Parlamentsrhetor der Erde vergessen. Nun vernahm er sie wieder, die Stimme von damals, die tiefe und feste, die rauschende, unwiderstehliche. Er sah den Minister sich über die Versammlung herabbeugen, die Unwilligen überschattend mit seiner eckigen, großen Gestalt, sah ihn ausgreifen mit seinen langen Armen, als wolle er alle körperlich herziehen zu sich, dann plötzlich sich riesig aufrichten zum 86 Schlußwort, das hämmernd begann, mit erzenem Klang – und da fuhr auch die kleine, die ungeschickte, die frauenhafte Hand hämmernd nieder auf das Pultbrett, zum Eisenstück geballt, einmal, ein zweites Mal. Schweigen dann. Es war alles gesagt. Die bezwungene Kammer fuhr auf und raste.

Es war ein einziger Augenblick . . . Carmer fand sich zurecht. Er sah, daß Achille Dorval sich vorgebeugt hatte zu ihm. »Sie haben gekämpft, Carmer?« fragte er leise, behutsam, »Sie waren Offizier?«

»Begeisterter Offizier. Nicht lange Offizier. Nicht lange begeistert. Gleich zu Anfang ist meine Frau als Pflegerin im Felde gestorben.«

»Mein Gott! Sie war jung?«

»Ganz jung.«

»Grausig,« sagte Dorval. »Das hat Ihnen die Augen geöffnet?«

»Keineswegs. Opfer war ja der sogenannte Sinn des Krieges. Nein, ich sah etwas Einfaches. Ich sah in einem verbrannten Dorf die Leiche eines Mannes, an der ein hungriges Schwein fraß. Wissen Sie, Dorval, die 87 Vernunft eines Menschen ist nicht stark, nicht vielvermögend, sie muß immer erst einen Leichnam sehen, an dem ein Schwein frißt.«

Achille Dorval stand auf. Mit einem Ruck hob er seinen schweren Körper aus dem Sessel heraus. Er streckte Carmer seine Hände hin.

»Man soll nicht mehr schlau sein,« sagte er mit Nachdruck. Er kehrte auf seinen Sitz zurück.

»Es wird nie mehr kommen,« sagte er nach einer Weile. »Wir Träumer werden es verhüten. Träumen wir, Carmer, träumen wir mit großer Kraft! Aber hüten wir uns vor den Alpträumen der Andern.«

»Sie sprechen von England?«

Dorval antwortete nicht. Ungeschickt tastete er an den Innentaschen seines schwarzen Anzugs umher und brachte ein zerknittertes Papier zum Vorschein. Er faltete es auseinander und hielt es zwischen Carmer und sich. Es war eine kleine Karte der Welt, ein grober Erdplan, der aussah, als wäre er einem Schullehrbuch entnommen.

88 »Das betrachte ich gerne,« sagte er. »Damit habe ich mich heute unterhalten, als ich an der merkwürdigen Stelle, eine Stunde vor Grenoble, auf dem Kilometerstein saß und verzweifelt war, weil ich Ihnen nicht telegraphieren konnte. Da –« und er zog mit dem Zeigefinger eine Gerade über das halbe Blatt, die von Memel bis ans Ochotskische Meer hinreichte. »Unsere britischen Kollegen müssen ja wirklich bedeutende Empfindungen haben, wenn sie das so ansehen! Ein Alptraum, wahrhaftig. Alle die zahllosen Millionen, die auf diesem ungeheuern Kontinente siedeln, zwischen der Ostsee und dem Stillen Ozean, fest vereinigt, kein unterworfenes Indien mehr, keine Erdsklaven mehr in China, die dem Landeigentümer achtzig Prozent ihrer Ernte abgeben müssen, ein Asien, das sich fühlt! Man rechnet in London mit Kontinenten und in Jahrhunderten, und unsere idyllischen Ländchen sind nur bescheidene Posten im Kalkül. Ihr seid ein Soldat gegen Moskau, und wir sind einer, man muß gerecht sein: kleinlich sind sie nicht da drüben.«

89 Carmer ließ einige Augenblicke vergehen. Dann sagte er:

»Sie weigern diesem Kreuzzug die Gefolgschaft, Herr Dorval. Aber Sie selber, ich weiß es, Sie lieben Moskau nicht.«

»Ich bin zu alt, es zu lieben. Alter ist sonst das schlechteste Argument. Aber in diesem Falle bin ich alt, wie Frankreich alt ist und Deutschland. Ich will nichts wissen von der Begeisterung unserer Snobs, die ihre Augen verdrehen, wenn Rußland genannt wird, und die unglücklich wären, wollte man ihnen in ihrer Villa ein Zimmer beschlagnahmen. Nein, ich wünsche nicht, daß Moskau käme. Ich kann es nicht wünschen. Ich singe Ihnen nicht das Lied von der wirtschaftlichen Kluft zwischen Westeuropa und dem östlichen Tiefland, obgleich es ein wahres Lied ist. Aber aus dem Blute der Völker werden Jahrtausende nicht so rasch fortgewaschen. Noch in unserm letzten Bauern, in Euerm ärmsten Arbeiter ist ein Bedürfnis lebendig nach Absonderung, nach einem Leben als Person. Was der Franzose, der Deutsche will, ist ein 90 menschenwürdiges Nebeneinanderstehen. Aufgehen in einer Gemeinschaft will keiner bei uns. Oh, ich bin nicht der Narr, den Zauber zu leugnen, der vom Kreml herstrahlt zu den Beladenen und Elenden. Die Schuld liegt an uns, den Führern! Unsere Herzen sind matt geworden. Das Wort Menschlichkeit ist zur Attrappe geworden, zu einem Tafelaufsatz beim Bankett. Das Wort Demokratie auch. Es liegt an uns, ihm wieder Leben und Feuer zu geben. Haben wir Mut! Glauben wir! An der Demokratie ist Persien gescheitert.«

Er hielt noch immer die kleine Karte der Welt in seiner linken Hand, die herabhing. »Es liegt alles auf Euch und auf uns,« sagte er, »wir können es uns nicht einfach, nicht eindringlich genug vorstellen. Überall in Europa blasen die eingebildeten Narren die Backen auf und machen ihr eigenes Stürmchen. Wahrhaftig, dies ist der Moment! Seien wir wenigstens einig, wir hundert Millionen. Griechenland war kleiner und schwächer, als damals der Xerxes kam. Freilich – heute kommen sie von Westen mit ihrer Unbekümmertheit 91 und ihrem Gold, sie kommen von Osten als ungeheure Woge kollektivischer Uniformität . . .«

In diesem Augenblick stieß der Wind das angelehnte Fenster völlig auf, der quäkend schrille Aufschrei einer Musik schlug herein, gefolgt von einem negerhaft wilden Stimmenjubel.

»Und von dorther,« sagte Dorval und deutete mit dem alten Haupt nach dem Fenster, »von dorther kommen sie auch!« 92

 

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