Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bruno Frank >

Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

VI

Als sie ins Hotel kamen, war Achille Dorval noch nicht da. Er war auch nicht angemeldet. Hinter dem Empfangstisch flüsterte man und betrachtete die Nachfragenden mit großen Augen. Sie fuhren zu ihren Zimmern hinauf.

Die Stunde der Abendmahlzeit kam, sie ließen auftragen. Carmer, nach seiner Gewohnheit, aß karg, aber er sprach auch beinahe kein Wort. Doktor Erlanger beobachtete betrübt diese Verdüsterung.

»Mein Gott,« sagte er, »was wird es sein! Ein Mißverständnis. Eine unaufschiebbare Arbeit in der letzten Minute. Eine kleine Verspätung.«

»Er dürfte sich nicht verspäten.«

»Er weiß Sie in den Ferien, und er selbst ist so eingespannt. Noch gestern hat er in der Kammer gesprochen.«

53 Carmer nickte nur. »Ich weiß, daß es Unsinn ist,« sagte er endlich, »Sie haben vollkommen recht. Aber die öffentliche Meinung der Welt hat uns Deutschen zu übel mitgespielt. Jeder von uns ist überempfindlich, ist förmlich hautlos geworden.«

»Herrn Dorvals Meinung ist Ihnen doch genugsam bekannt. Wer von Ihnen beiden hat sich denn um diese Zusammenkunft so eifrig bemüht!«

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß Sie Recht haben. Einem Engländer, einem Bulgaren meinetwegen, würde es gar nicht einfallen, hier schlechter Laune zu werden. Er wäre über den pflichtenlosen Abend vergnügt und würde sich unterhalten.«

»Das sollten wir auch tun. Ich möchte Sie garnicht gern Ihrer Verstimmung überlassen.«

»Nochmals vernünftig. Kleiden wir uns um.«

Als sie die Hotelhalle betraten, war sie menschenleer. Die weitgeöffneten Türen des großen Speisesaals ließen ein Bild eleganter Verwüstung sehen. Essensdunst lastete 54 wolkengleich über den zerwühlten Tischen. Die Kronleuchter waren gelöscht. Die Blumen der Tafeldekoration starben als Kehricht. Kellner in Hemdsärmeln hantierten.

»Ja,« sagte der Empfangsherr, »man diniert zeitig bei uns, und man diniert schnell. Ich bin das fünfte Jahr hier, und jeden Winter begibt man sich eine Viertelstunde früher ins Casino. Dort stellt man sich so unfehlbar ein wie der Soldat beim Appell.« Und er lächelte wie der Theatermeister, der Bescheid weiß hinter der Mechanik der menschlichen Leidenschaften.

Auch draußen, in paradiesischer Sternennacht, kein einziger Mensch. Das Meer rauschte gegen den verödeten Damm.

»Wenn man zu dieser Stunde auf dem Großen Sankt Bernhard spazieren geht, kann man nicht gut einsamer sein,« sagte Carmer.

»Bis auf die dort.« Und Doktor Erlanger wies nach der spiegelnden Fahrbahn, auf der als Nachzügler noch Autos daherschossen, mit tiefem Summen, warnend aufschluchzend auch einmal, flachgestreckte, mächtige 55 Wagen allesamt, im Innern strahlend erleuchtet. Man sah einen weißen Pelz, einen Agraffenblitz.

Das Casino, am Ende des Spazierdammes, strahlte aus riesigen Fenstern. Während Carmer und sein Begleiter vor der Garderobe zu warten hatten, blickten sie zur Linken eine offene Treppe hinunter in das Nachtrestaurant. Urwaldmusik scholl herauf, eine Art tiefes Heulen im Charlestontakt, schwül und traurig, von Pfiffen und Aufschreien, wie die Nacht von Blitzen, durchzuckt und zerrissen. Zweimal aber, während sie standen, stieg eine süße, heimwehkranke Melodie aus dieser Dumpfheit hervor, dunkel beginnend, zu hellster Höhe sich öffnend: die unheimlich echte Nachahmung einer Frauenstimme durch ein Saxophon, ärgerlich beinahe, dennoch herzversehrend. Sie legitimierten sich und betraten, zur Rechten, den Spielsaal.

Es herrschte Kirchenstille. Unveränderliche, geheiligte Rufe nur der zelebrierenden Croupiers, trockenes nachhalloses Klappern des Dienstgeräts aus Holz und Galalith. Im 56 vordern Räume, darin es um Geringeres ging, vielleicht noch manchmal ein Flüstern, im Allerheiligsten aber vollkommene Starre der Versunkenheit. Im Abendanzug und großen Kleide saß man und erwartete, auf seiner Reise um den ovalen Tisch, das Behältnis mit den Karten.

In diesem Spiel erscheint ja die geistige Tätigkeit auf ihr endgültiges Minimum zurückgeführt. Es wird nur verlangt, daß man bis zehn zählen könne. Ein dressiertes Tier könnte mitspielen. Alle Tische waren dicht besetzt und von Schweigenden dicht umlagert.

Einer aber war da, der größte und feierlichste, abgesondert durch eine Schranke, von Dienern mit Amtsketten majestätisch betreut, da saß inmitten auf erhöhtem Stuhl der Bankhalter, anonymes Werkzeug seines Konsortiums, und teilte nach rechts und nach links hin unaufhörlich die Karten. Hier brauchte niemand zu warten, hier war immer das Glück gegenwärtig. Geschichtete Berge der farbigen Marken lagen vor dem Thronenden. Der Monatsertrag eines Bergwerks, der Anteil an 57 einem Schiff, eine Teeernte glitten über das Tuch. Niemand zeigte ein gerötetes Gesicht, niemand lächelte.

Sakraler Stumpfsinn herrschte. Der Hochstapler, der Spieler der sein Letztes wagt, belebende Darsteller sonst auf dergleichen Bühnen, sie fehlten. Sie wagten sich nicht hierher. Die großkapitalistische Gesellschaft war unter sich. Nordamerika und England überwogen; man sah den Herrn argentinischer Herden, den Kaffeemagnaten aus Rio und aus Amsterdam, Überbleibsel des reichen europäischen Adels. Männliche Jugend fehlte. Weibliche war da, aber sie bezauberte nicht, sie verlockte hier keinen, obwohl die Kleider von Molyneux und Patou durch idolhaften Schmuck herrlich aufgehöht waren. In einem mathematischen Seminar konnte die Luft nicht weniger sinnlich sein. Ein abstrakter, ein eisiger Wind wehte.

Dies Cannes, an dieser Südküste, war zu dieser Stunde der eleganteste Ort der Erde. Hier hatte man an festgelegtem Datum zu erscheinen, um seine Zugehörigkeit darzutun. Die 58 gesellschaftliche Kontrolluhr ließ sich nicht täuschen. Cannes aber war dieser Saal.

»Amüsiert es Sie, Erlanger?« fragte Carmer, »soll ich Ihnen aufzählen, wer da herumsitzt. Oder wollen Sie mittun?«

»Aber um Gotteswillen, Meister, ich bin arm. Und finden Sie denn, daß es einem Lust macht?«

»Lust? Das ist hier ein seltsames Wort. Nein, nach Lust sieht das alles nicht aus. Hier schleicht ja der Tod im Schlafrock um die Tische.«

In diesem Augenblick tauchte ihnen gegenüber, auf der andern Seite der Millionentafel, ein spitzbärtiger Herr in mittleren Jahren auf. Er grüßte Carmer. Er war im Abendanzug wie alle Welt. Er hatte eine große Glatze, sehr feine Züge und ein liebenswürdiges Lächeln. Er spielte nicht, er schien nur freundlich zu beobachten. Es war Ustrjalow, der Sowjetkommissar.

Sie verließen den Spielsaal und streiften durch den weitläufigen Amüsierpalast, durch Bars, Tanz- und Konzerträume, vorbei an den 59 Türen des eingebauten Theaters, die sich eben zum langen Zwischenakt auftaten, und standen dann von Neuem in der Eingangshalle, vor jener breiten offenen Treppe.

Sie waren ohne Ziel, zudem scheute sich Carmer vielleicht vor der enttäuschenden Einsamkeit seines Hotelzimmers, so stiegen sie hinab. Die Negerkapelle exekutierte soeben wieder jenes dumpf heulende Getön mit seinen Pfiffen und Aufschreien, welches das Stück der Mode zu sein schien. Wie eine Parodie aller Sehnsucht stieg aus wilder Wirrnis die süße, heimwehkranke Frauenstimme empor, einem Saxophon gehörig, das ein grinsender Teufel regierte.

Man hörte auch hier beinahe kein Französisch. Frankreich, in seinem Wohlstand hart getroffen, hatte nur noch geringen Anteil am Luxus dieser Winterküste. Auch die Russen von einst waren ja nicht mehr da. Ein Juwelen- und Kleiderluxus war ausgelegt, der etwas Bleiches, etwas Totes hatte. Es ging hier nicht um Freude und Reiz, hier wurden Millionen-Rivalitäten ausgetragen, 60 geisterhafte Duelle des Goldes, in einer unbetretbaren, unwirklichen Region. Die Frauen unter diesem Schmuck und die Männer, die ihn bezahlten, waren müde und still. Müde und still wurde auf der ausgesparten Glasfläche, die von unten farbig erleuchtet war, zu den Höllenrhythmen getanzt. Zwei große Tische mit Amerikanern nur lärmten ein wenig, schüchtern bewarfen sie sich mit den Samthündchen, die das Restaurant seinen Gästen verehrte. Aber man blickte nicht einmal hin. Der alte Reichtum der Erde saß weiß und sterbensmatt, frenetisch bebrüllt, begrunzt und bepfiffen von den jähen Synkopen des Urwalds. Es fehlten nicht Gäste seltenen Anblicks. Eine große indische Dame war da, in farbigen Schleiern, die linke Nasenwand mit einem Smaragd inkrustiert; ihr benachbart, an einem runden Tischchen, ausgelöscht und korrekt der konstitutionelle König eines nordischen Staates mit zwei alten Begleitern.

Da, mitten in einer Produktion, auf ihrem tobenden Höhepunkt, riß die Musik. Schweigen. 61 Es wirkte wie eine Art negativer Tusch und sollte so wirken. Unwillkürlich blickte man nach dem Eingang. Zwanzig Sekunden vergingen. Becky Floyd erschien auf der Treppe.

Sie war höchst dezent, sie war mädchenhaft gekleidet. Ein mattgrünes Leibchen, hoch ansteigend, verhüllte ihre Büste, ihr mäßig gebauschter Reifrock, rosa mit Gold, ließ kaum die braunen Fesseln sehen. Sie stand einen Augenblick still auf der zweitobersten Stufe und lächelte aus ihren Tieraugen auf dies Millionenparkett hinab. In ihrem ölglatten, funkelnd schwarzen Haar, dem Kunst auch den letzten Rest seiner afrikanischen Krausung genommen hatte, und das ihrem schmalen Haupte anlag wie eine Haut, spiegelten sich scharf die Lüsterflammen der Decke.

Mit einem hohen, an den Nerven zerrenden Gewimmer setzte die Musik wieder ein, ein jähes Tutti alles Schlag-, Klirr- und Blaszeugs und all dieser Negerkehlen scholl empor als gewaltig huldigender Gruß. Becky Floyd 62 stieg die Stufen herunter und begann, unverweilt, zu tanzen.

Sie war neunzehn Jahre alt, und ihr Ruhm war unermeßlich. In ihr unterlag die weiße Gesellschaft dem scharfen Reiz der Rasse von übermorgen. Ihre langen Tieraugen, ihre Hüften, ihre Knie lebten in abertausenden von Träumen. Sie hätte Herzöge heiraten können und auch einen der Geldkönige jener Neuen Welt, in der kein weißer Proletarier mit Menschen ihrer Farbe die Atemluft teilt. Sie zog es vor, allein zu sein, unbeschenkt, uneingereiht; ihr dunkler, begnadeter Körper ganz allein trug sie empor. Dieses braune Mädchen beutete sich selber aus wie ein Unternehmer sein Bergwerk. Es war bekannt, daß sie sechzehn Stunden am Tage arbeitete. Wenn sie in Paris ihren Morgen mit Übungen und in den Filmateliers hingebracht, begann sie bei einem Frühstück im Ritz oder im Claridge zu tanzen, und nun riß die goldene Schnur ihrer Produktionen nicht mehr ab. Ihr Wagen trug sie von Empfang zu Empfang, von Music-hall zu Music-hall; keine Revue, 63 kein Varietéprogramm war des Erfolges gewiß ohne das Gliederspiel dieser dunklen Bezwingerin, und die Welt der Genießenden, in Paris sich begegnend, dürstete danach, ihr auf den Teppichen der Salons nahe zu sein. Spät in der Nacht erschien sie in ihrem eigenen Tanzhause auf dem Montmartre, wo nie ein Stuhl zu haben war, die Eleganz der Adepten sich im Engsten drängte und jeder der winzigen Tische ihr das Jahreseinkommen eines Großkaufmanns abwarf. Wenn sie dort um die vierte Morgenstunde schied, so war ihr Körper so gespannt, das Lächeln ihrer Tieraugen so frisch wie sechzehn Stunden zuvor. Sie hatte einer unbestimmbaren Menge von Tausenden ihre Reize ins Blut geworfen, im Gespräch mit Hunderten war sie liebenswürdig, scherzhaft, aufstachelnd gewesen, aber sie hatte niemand bemerkt, keine Stimme gehört, es war alles von ihr abgelaufen wie Wasser ablaufen mußte von ihrem ölglatt spiegelnden Nachthaar. Sie eroberte ohne Ansehen der Person wie ein Element, und der Check, den sie an jedem Montag der Bank 64 von England übersandte, wurde von Woche zu Woche größer, Dokument ihrer wachsenden, alles überwachsenden Macht über die Weißen.

Jetzt war in Paris Regenwetter und schlechte Laune, und die Herde der Anbeter war an dies azurne Meer geflüchtet. Sie ließ sie hier nun frohnen. Als ein Sklavenvogt raste sie mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit diese Küste auf und nieder und schwang die Geißel ihrer dunklen Betörung. Sie hatte heute schon in Mentone getanzt, am Cap Martin, im Negresco in Nizza, vor einer Minute war sie hier aus dem Auto gesprungen, niemand wußte, zu welchen Festen sie diese Nacht noch erwartet wurde, in Villen oder Casinos, in einem erleuchteten Garten am Meer. Sie tanzte und unterjochte. Ihr Check in dieser Woche war der höchste gewesen, seitdem sie Kaiserin war.

Sie begann, in ihrem bescheidenen Stilkleidchen, einen Tanz, der beinahe altmodisch wirkte, eine Art schmachtenden Walzers. Sie tanzte ganz langsam, die schönen Arme ausgebreitet, so daß man ihre golden gefärbten 65 Fingernägel unterscheiden konnte. Den kleinen Kopf hielt sie weit nach rückwärts geneigt und die Augen scheinbar geschlossen, man sah ihre Lider, die mit einem Goldpuder bestäubt waren. Ganz selten einmal ging ein Zucken durch ihren Leib, und eine blitzschnelle, harte und bizarre Geste zerschnitt den züchtigen Tanz und schien ihn zu verhöhnen. Als er aber zu Ende war, sank sie mit holder Bescheidenheit tief ins Knie, wie die Elevin einer Ballettschule an einem thüringischen Hof.

Keine Pause. Mit einem Aufschrei fand die Negermusik zu sich selber zurück. Becky Floyds Mund, der eben noch so töchterlich gelächelt, wölbte sich plötzlich vor zu dem afrikanischen Fleischtrichter, der er eigentlich war, mit einem kleinen tückischen Grinsen blickte sie sich im Saale um und ersah sich einen beleibten, glatzköpfigen Herrn, der friedlich bei seiner Gattin saß. Sie forderte ihn auf. Er gehorchte. Jeder wußte, daß man sich hier zu fügen habe. Die Darbietung war bekannt. Man erwartete sie.

66 Das seltsame Paar stand sich inmitten des Raums gegenüber auf der farbig durchleuchteten Fläche. »Tanzen Sie,« rief Becky mit einer ganz hohen, glashell zwitschernden Stimme, die sinnlich beunruhigte, »tanzen Sie, machen Sie es wie ich!« Sie raffte ihr Kleid, die braunen Beine wurden sichtbar, dunkler als Gesicht und Arme, die weltberühmten Beine, köstlich geformt. Und nun begannen sie im Charleston zu grimmassieren, blitzschnell, mit fabelhafter Beherrschung. Das dicke Gegenüber deutete etwas jammervoll Ähnliches an, mit einem entschuldigenden Lächeln. Sein Bauch stieg auf und nieder, seine grauen Schläfenhaare flatterten. Becky Floyd berührte ihn nicht. Sie tanzte nahe vor ihm her, ihn anfeuernd durch zwitschernde Schreie, rascher und immer wirbelnder, dann zog sie den Eidechsenkopf zwischen die Schultern, machte sich klein, tapste rückwärts und vorwärts, blickte fromm von unten und bewegte grotesk sägend, eng am Leibe, die Arme dazu. Das Orchester plärrte und pfiff. Das Opfer wurde entlassen.

67 Sie wählte andere. Ihr funkenschnell streifender Blick ersah sich untrüglich die Ältesten, Unmöglichsten, alle die durch ein Luxusleben im Gold und im Fleische entstellten Greise. Keiner entzog sich; es war ein seltsames, klassisch gewordenes Opfer der Würde. Jeder kam und bewegte vor ihrer fremden, unheimlichen Jugend schwerfällig den alten Körper, der schon nach dem Grabe neigte.

Der Saal vibrierte und genoß. Alle die Blasierten, nicht zu Bewegenden, hier fanden sie die geheime Lust der Unterwerfung. Leises Jauchzen, unterdrücktes Gelächter, unersättliches Schauen. Plötzliche Stille aber und beinah erschrocknes Sichansehn, als Becky Floyd nun, mit deutlichem Entschluß, ihr Äußerstes wagte . . .

»Kleinlich ist sie nicht,« sagte Carmer, »ein Schauspiel, das sich lohnt!« Er sprach lauter als sonst. Er sprach, um sich einer Bezauberung zu entwinden, die er kommen fühlte und die er nicht wollte. Und er nannte Doktor Erlanger den Namen des neuen Partners.

68 »Undenkbar!« rief Doktor Erlanger mit knabenhaft weiten Augen, »das ist unmöglich!« Aber es war so.

Von der blumenbeschütteten Tafel, der er vorsaß, hatte sie sich den Londoner Goldfürsten geholt, den Uralten, Halbmythischen, Haupt einer zweihundertjährigen Finanzdynastie, schwer gebeugt, körperlos fast, Machtwort nur noch und Begriff, den Greis der über Staaten entschied, der Völker darben und essen ließ.

Ohne Zögern folgte er ihr. Man senkte die Köpfe. Mit vieler Haltung stellte er sich ihr gegenüber und rührte seine neunzigjährigen Füße in einer kindlichen Andeutung der wilden Pas. Sie aber raffte ihr sittiges Kleid nun höher und höher, jetzt sah man die Knie, jetzt die Schenkel, sie kreiste im Rausch ihrer Wälder und, unter einem durchdringend hohen glashellen Schrei, riß sie sich mit ihren beiden Fäusten zugleich Rock und Mieder vom Leibe, ihre fremden Brüste, spitz, die Knospen purpurn gefärbt, sprangen ins Licht, und völlig nackt, die Scham nur eben bedeckt, gab 69 sie sich drehend preis in gewaltig groteskem Rasen.

Der alte Engländer stand still und blickte sie an. Er schaute aus großer Nähe auf diese Nacktheit, auf diese dunklen Schenkel, die schönsten der Erde vielleicht, makellos schwellend, schlank und versehrend weiblich dabei, wie von der Hand eines fremden Gottes in atmender Bronze geformt.

Carmer sah sich um, seltsam angerührt. Der Saal war aufrecht, die Bedrückung war fort. Man jauchzte. Man schlug die Hände zusammen zum Widertakt der Urwaldmusik, man jubelte ihr zu in fünfzehn Sprachen der weißen Menschen, und in allen Männerblicken war Neid auf den Alten, den es heute getroffen hatte, – denn dies, daß ein Mann so stehen durfte und im strahlenden Licht vor aller Augen seine Lust und Fleischesanbetung zeigen, dies eigentlich war der neue, der ungeheure Trick, mit dem die Dunkle dort eine Welt erregte und hielt.

Der Engländer war langsam an seinen Platz zurückgekehrt. Dies aber würde nun 70 fortwähren und steigen bis zum Ende, das Spiel ihrer Schenkel wurde frecher und einladender, sie schickte sich an zum Letzten, zum ungeheuerlich schamlosen, hohnlachend gewaltigen Triumph des Schwarzen Geschlechts.

Aber in diesem Augenblick geschah das Unwahrscheinliche: die Aufmerksamkeit wurde abgelenkt. Es kam vom Eingang herunter ein Mann, alt schon, großgewachsen, eckig und ziemlich gebeugt. Er war unmöglich angezogen, und die Unmöglichkeit bestand vor allem darin, daß er seinen Überzieher anbehalten hatte, ein enges, dickes, schlechtsitzendes Kleidungsstück aus schwarzem glatten Stoff. Sogar den schwarzen Melonenhut behielt er auf dem Kopf; so eilig war er. Seinen Stock mit silberner Krücke hielt er in der Hand, vielmehr er trug ihn, unterhalb des Griffs gefaßt, in ungeschickter Weise vor sich her. So kam er die Stufen herunter, mitten in die Produktion der afrikanischen Kaiserin hinein. Der Gedanke schien ihm fern zu sein, daß sein Auftreten hier irgend eine Wirkung 71 hervorbringen könnte. Suchend und eilig blickte er umher, wo er hinkam, rückten die Leute zur Seite, wer noch saß, stand auf, viele verneigten sich. Aber Achille Dorval, als wäre er ganz allein in einem leeren Saal, ging auf den Gefundenen zu. Er streckte ihm die Hände entgegen, auch die, die so ungeschickt den Stock umklammert hielt, sah Carmer in die Augen, lachte dann und sagte:

»Ich bin untröstlich, mein Freund. Aber das kommt davon, wenn man im Automobil auf Napoleons Straßen reist!«

»Sie haben einen Unfall gehabt?«

»Einen langwierigen Defekt. Genau an der Stelle vor Grenoble, wo damals die Armee zu ihm abfiel. Aber das hat mich nicht getröstet. Was haben Sie denken müssen von mir!«

Er nickte Doktor Erlanger zu, der etwas bleich hinter seinem Stuhle stand, und dann gingen sie alle drei sogleich miteinander fort. Die Negermusik schwieg längst, von mehreren Seiten heftig bedeutet. Die Gesellschaft stand und schaute dem Manne nach, dessen unelegantes Greisenalter eine Idee bedeutete: die 72 Idee Europa und Frieden. Auch der nordische König, zwischen seinen alten Begleitern, blickte grübelnd hinter ihm drein.

Becky Floyd, mitten aus ihrer Urwaldraserei zur Gelassenheit sich ernüchternd, war mit einem klugen Seitenblick ihrer herrlichen Tieraugen gleich bei Achille Dorvals Auftreten lautlos entwichen. 73

 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.