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Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V

»War nicht sein Weg umgekehrt wie der Ihre? Sie, Herr Carmer, standen nach Herkunft und Amt bei den Erhaltenden, und Sie haben sich denen zugesellt, die kämpfen müssen. Aber Achille Dorval war Sozialist – und was für einer! Diese Fahne hat er als Staatsmann verlassen.«

»Sie haben dem Anschein nach recht, Erlanger. Und was für einer, sagen Sie. Ja, ein flammender Sozialist. Als ganz junger Mensch hat er so begeisternd den Generalstreik verteidigt, daß ihn seine Genossen beim großen Verbrüderungsfest gleich zu ihrem Ehrenhaupte ernannten. Niemand hat eindringlicher gegen den Krieg gepredigt . . .«

»Das will ich meinen! Ich habe seine alten Reden gelesen. ›Wenn wir den Befehl bekommen, auf Fremde, die uns nichts getan 47 haben, zu schießen, so richten wir die Gewehre anderswohin!‹ Und dann ist er doch Minister gewesen während des Krieges.«

»Aber im zweiten Jahr schon hat er über den Frieden verhandelt, und der unbiegsame Alte mit dem Mongolengesicht hat ihn gestürzt. Nein, Erlanger, denken Sie nicht, daß ich Ihnen rechtgebe. Er ist ein Mann und ein Greis geworden, er hat die Macht über Volk und Zeit gewollt und erlangt, er ist Umwege gegangen, er hat paktiert und Kompromisse geschlossen und gewartet, wie Einer, der vor sich die Ewigkeit hat. Aber er ist einer Idee treu geblieben, der einfachen Idee der Gerechtigkeit und der Freiheit – die er nicht untersucht, die er nicht kritisiert, an die er ganz einfach glaubt und glauben will. Es kommt sehr oft für einen Mann darauf an, daß er sich schlichter erhält, als er seinem Verstand nach sein müßte.«

»Ich begreife,« sagte Doktor Erlanger.

»Sie werden es völlig begreifen, Sie werden es körperlich spüren, wenn er vor Ihnen steht. Jene einfache Idee hat seine Augen so klar 48 gehalten, ach, man muß vielleicht als Franzose geboren werden, um so glücklich zu sein.«

Die Nachtfahrt lag hinter ihnen. Schlafend waren sie die tyrrhenische Küste hinaufgetragen worden, nun umfuhren sie im hellen Mittagslicht den Nordrand dieses Meeres. In reinem Kontur zog sich die felsige Küste an den freudigen Fluten dahin. Da sie vielfach sich bog, sah man immer, woher man kam und wohin man eilte. Der Eisenstrang führte so nahe am Wasser, daß Brandungswellen mit ihrem Gischt den Waggon besprühten.

»Ja, er ist glücklich,« wiederholte Carmer, »ihn hat das Schicksal beschenkt. Wie leicht scheint ihm alles zu werden! Ich glaube, er liest niemals ein Buch, und Akten – oh nein. Seine Hand ist unwillig, anderes herzugeben als seine Unterschrift, und mit der ist er sparsam. Kein Mensch kann so wenig Beamter sein. Seine Feinde nennen ihn pathologisch faul. Wer ihn in seinem Ministerium aufsucht, der kommt da in einen großen eirunden Saal mit schönen Gobelins an den 49 Wänden. Ein paar Sessel stehen da, sonst nichts als der Schreibtisch, vollkommen leer, ich glaube, nicht einmal ein Tintenfaß ist aufgestellt. An diesem Schreibtisch, ironischerweise, sitzt er und raucht seine Cigaretten. Mitunter kommt ein Beamter und hält Vortrag. Das darf nicht länger dauern als zehn Minuten. Dann nickt er, sagt nichts und bleibt wieder allein. Nach einiger Zeit geht die Glocke, man findet ihn, wie man ihn verlassen hat, und er gibt den Entscheid. Wird er gestürzt und ein neuer Herr zieht ins Palais, dann nimmt er Hut und Stock und geht hinaus. Mehr ist nicht fortzuräumen.«

»Er kommt ja auch bald wieder.«

»Allerdings. Wie oft mag er Minister gewesen sein in diesem Vierteljahrhundert? Zehnmal? Zwölfmal? Jedesmal braucht er nur da fortzufahren, wo er aufgehört hat. In der Zwischenzeit ist ja doch nicht viel Vernünftiges geschehen. Und er hat nichts vergessen. ›Ich habe ein Gedächtnis wie der römische Redner Hortensius,‹ hat er zu mir gesagt, ›ich kann nichts von allem vergessen, was ich einmal 50 gehört habe. Das mit diesem Redner zum Beispiel, ich muß es noch aus der Knabenzeit haben. Hortensius, ein Name für einen Gärtner!‹ Das ist so seine Art zu sprechen.«

»Nur begreife ich eines nicht,« sagte Doktor Erlanger. »Gute Kenner des internationalen Geschäfts nennen ihn unwissend. Wie verträgt sich das mit diesem Wundergedächtnis?«

Carmer lächelte. »Ja,« sagte er, »das stammt von ihm selbst. ›Ich weiß gar nichts‹, ist sein drittes Wort, ›im vierzehnten Jahrhundert hätte man mich angestaunt, aber für unsere Tage bin ich zu unsystematisch, heute gilt der Fachmann!‹ Man muß ihn gesehen haben, wenn er den Ausdruck gebraucht. Er meint nichts Freundliches damit.«

Er schwieg und blickte über das Ligurische Meer hinaus, das im Mittagslicht flirrte und tanzte. Dann kehrte sein Blick zurück; er deutete auf die Zeitungen, die auf der Polsterbank lagen.

»Dorval hat recht,« sagte er. »Fachleute werden den Erdteil nicht heilen. Fachleute sind 51 dazu da, um alles Elende, was geschieht, zu rechtfertigen und dauernd zu machen. Sie foltern in Rumänien, die Fachleute, sie hacken in der Türkei von Rechtswegen Arme und Beine ab, in Italien verbannen und schlagen sie tot, sie hängen in Rußland. Noch im Kleinsten verhindern sie alles Notwendige und Gute. Da . . . welch ein Unsinn!«

Man hielt. Der französische Grenzbeamte stand in der Tür des Abteils und forderte ihre Pässe. 52

 

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