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Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II

Carl Ferdinand Carmer war unter der Republik dreimal Minister gewesen, einmal Minister in Preußen und zweimal Minister des Reichs. Seiner Laufbahn nach war er ein Richter. Er entstammte der Familie jenes Freiherrn von Carmer, der als Großkanzler König Friedrichs das Preußische Landrecht schuf, das erste moderne Gesetzbuch Europas und also der Erde. Die Linie des Hauses, der Ferdinand Carmer angehörte, war bürgerlich geblieben, obgleich ihr unter mehreren Königen die Nobilitierung leicht erreichbar gewesen wäre. In diesem Widerstreben sprach sich Selbstgefühl aus, ein Bürger- und Geistesstolz, der in der untadelhaften Verwaltung verantwortungsvoller Ämter sein eigenes, besonderes Patriziat sah und vererbte.

Namentlich Ferdinand Carmers Vater, 18 Justizminister und dann Oberpräsident von Westfalen unter dem ersten Wilhelm, lebte in solcher Gesinnung. Seine Männer waren jene Patrioten, die dem siegreichen Preußenkönig rieten, sich nicht Kaiser, vielmehr Herzog der Deutschen zu nennen, da von äußerem Hoheitsprunk nur Überspannung und Gefahr zu gewärtigen sei. Er hatte auch die lauten Zeiten des Enkels noch erlebt, und Ferdinand Carmer erinnerte sich mit hellster Deutlichkeit eines Tages, da sie miteinander in Berlin einer Denkmalsenthüllung beigewohnt hatten, einer schmetternden und blitzenden Festivität, und wie auf dem Heimweg der Vater an Blüchers Standbild Halt gemacht und mit der weißbekleideten Rechten hinaufgedeutet hatte:

»Dieser Herr da, nicht wahr, hat seinerzeit Preußen gerettet. Außerdem hat er die Welt von Napoleon befreit. Manche mißbilligen das, aber Tatsache bleibt es. Nun, dafür hat er sein Denkmal. Aber weißt du auch, wie es bei so etwas zuging im alten Deutschland, im richtigen Deutschland? Da kamen in der 19 Frühe zwei Arbeiter hierher und nahmen die Hülle herunter. Publikum war auch da, gewiß, drei Männer standen auf diesem Platz morgens um sechs: der Bildhauer Rauch, Hegel und Gneisenau.«

Ferdinand, der Sohn, war mit Hingebung Jurist. Es dünkte ihn schön, mit leisem Scharfsinn das geschriebene Gesetz nach dem Bedürfnis der mächtig sich wandelnden Gegenwart auszulegen und sinnvoll zu erhalten. In der späten Stille seines Arbeitszimmers an den Grundlagen von Staat und Gesellschaft mauernd, war er oft glücklich. Da er Civilrichter war, blieben seiner Empfindlichkeit Verantwortungsnöte beinahe völlig erspart. Als der Krieg losbrach, war er, ein Fünfunddreißigjähriger, Rat am Kammergericht in Berlin.

Unvermittelt, mit eisernem Zugriff, nahm ihm der Krieg alles Glück. Er nahm ihm, als Erstes, die Frau. Seit einigen Jahren lebte er in einer wahrhaft seligen Ehe mit einer Tochter aus altem süddeutschem Kaufmannshause, einem geisteslebendigen, pikanten, heitern 20 Geschöpf. Gleichzeitig mit ihm ging sie in jenem August als Pflegerin zur Front. Sechs Wochen später starb sie an einer Infektion; Carmer sah nur noch ihren entstellten Leichnam. Er wankte, er meinte nicht länger zu leben. Aber er richtete sich auf. Noch hob und trug ihn die Welle von heroischer Unvernunft, die alles Land überrollte. Zwei Monate später hätte er dem Schlag nicht widerstanden.

Denn dies war der zweite, für einen Mann seiner Art schwer tragbare Verlust: ihn brachten die Ereignisse um allen Frieden mit sich selbst.

Die Vernunft hatte nicht standgehalten! Alle lebenslang geübte Klarheit, Nüchternheit und Kritik war zum Teufel gegangen vor dem Anprall einer tobenden Stunde. Wie der Letzte und Dumpfeste, blind und taub, hatte er geglaubt und gewütet, mit hochrotem Kopfe – oh ewige Scham! – hatte er auf einem öffentlichen Platze mit der fanatisierten Menge geschrieen und die Arme geschwenkt, er, der doch wußte, was Krieg bedeutete und wie er entstand: nicht aus einem Zusammenprall 21 von Edelmut und Gemeinheit wahrhaftig, sondern aus ganz unheroischen Tatsachen von trister Greifbarkeit, über die man bunte Tücher deckte, um das Volk zu verführen. Das Volk, ja – aber auch ihn? Wie nahmen sich eigentlich die Worte Erbfeind, Blutsbrüderschaft, Rache aus im Munde Eines, den seine Herkunft, seine Anlage, seine Erziehung zu Wahrheit und Klarheit verpflichteten! Oh ewige Scham! Nach Jahren noch kehrte die Vorstellung bei ihm wieder, daß der Tod seiner geliebten Frau Strafe gewesen sei für seinen Verrat am Geiste.

Die angestaute Erkenntnis brach hervor in ihm und wurde zum Entschluß an einem Nachmittag in Flandern, als er, für wenige Tage zurückgenommen von der Front, an einem Feldrain saß und ruhte. Ein Militärzug fuhr an ihm vorbei, der neues Kanonenfleisch heranrollte. An den offenen Schiebetüren der Viehwagen drängten sich die Gezeichneten und brüllten ihr Lied in die Herbstluft.

»Ganz so ist mein Gesicht«, sagte er auf 22 einmal vor sich hin und wurde dunkelrot, obwohl er allein war. Er stand auf, er ging zur Abteilung zurück. Er hatte ein verbranntes, zerschossenes Dorf zu durchqueren. Vor einem wenig versehrten Hause sah er die angesengte, halbnackte Leiche eines Mannes liegen, an der ein hungriges Schwein fraß.

Er tat, was ihm Recht schien. Er warf die Waffe hin. Er meldete sich krank, mit einer Dringlichkeit, die Kopfschütteln hervorrief. Er ließ sich anfordern von seinem Gericht, er betrieb diese Anstalten mit solchem Eifer, daß er sich alsbald von den Offizieren gemieden sah.

Er fand daheim, was er jetzt wünschte. Der Posten als Präsident einer Strafkammer wurde ihm zugeteilt, Menschenschicksal in unmittelbarer Nacktheit ging Tag um Tag unabsehbar durch seine Hände. Auch als Verwalter der Wissenschaft pflügte er nun dieses Feld. Reform war nötig, Besserung war nötig; dies Strafrecht, das den Eigentumsschädiger grausam büßte, aber den Rohen, den Herzensbösen wenig bedrohte, das in Gespinste 23 persönlichster Lebenshaltung dumm täppisch hineingriff und Leben verwirrte statt Leben zu schützen, – es sollte die Generation nicht mehr beleidigen, die aus dem Elend dieser Jahre hervortauchte.

Carmer arbeitete mit gewaltiger Energie, mit doppelter, weil so allein die Einsamkeit seines verödeten Hauses ertragbar wurde. Er fand Beachtung, er erweckte ein Echo weit über den Ring der Berufsgenossen hinaus. Denn mit währendem Kriege schärfte sich in mancher Schicht das soziale Gewissen – ein Ergebnis halb dumpfer Angst, halb einer durch ertragenes Leid gesteigerten Fähigkeit, mitzufühlen. Diese Aufsätze nun eines hohen Richters, eindringlich, klar, voller Kenntnis, Sagazität und einer Menschlichkeit, die sich zuchtvoll noch das geringste Pathos versagte, wurden begierig aufgenommen und von der Tagespresse diskutiert. Man nötigte ihren Urheber, als das Schreckensende schon näher drohte, zu persönlichem Hervortreten. Sein vom Geist und vom Leid gekerbtes Gesicht, die glänzende Trockenheit seiner Rede, prägten sich ein. 24 Die Partei des bürgerlichen Fortschritts versicherte sich seiner. Der Nationalversammlung, dem ersten Reichstag gehörte er als Mitglied an. Im dritten Jahr nach dem Umschwung legte er sein Richteramt nieder und tat seinen Schritt zur entschiedenen Linken. Man begann ihn zu hassen, zu beschimpfen, zu verdächtigen, zu bedrohen, – sodaß er schon nach kurzer Laufbahn zu staatsmännischer Tätigkeit auf deutsche Art völlig legitimiert erschien. 25

 

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