Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 9
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Dritte Nachdämmerung

Über die Furcht künftiger Wissenschaftbarbarei

Wenn wir jetzo den antiken Bildsäulen ähnlichen, welche (nach da Vinci) den Kopf immer etwas gebückt tragen, so wollen wir ihnen wenigstens nicht in der andern von ihm bemerkten Eigentümlichkeit gleichen, daß wir nicht auf die rechte Seite hinblicken; ich meine, wir wollen uns wenigstens nur vor fremden Schatten, nicht vor dem eigenen fürchten, als wären wir unsere Orkus-Vorschatten. Was Herder anmerkt: »sobald die Freiheit in Griechenland dahin war (Sprache, Klima, Genius des Volks, Fähigkeit, Charakter blieben), so war der Geist der Wissenschaft wie verschwunden«, dies können wir nicht auf uns beziehen, ohne erstlich Freiheit mit Demokratie, und zweitens ohne Länder mit Ländern zu verwechseln. Allerdings ist der echte Despoten-Thron ein Magnetberg, welcher alles menschenverbindende Eisen dem Staate auszieht und so, nur selber mit Nägeln besetzt, Schiff nach Schiff auseinander fallen läßt. – Aber erstlich Freiheit an und für sich ist nicht die Gottmutter der Wissenschaft und Kunst. Sparta 1100 zeugte nur einen dichterischen Mann, Alkmenes. Attika war nicht unter dem persischen Kriege, sondern unter Perikles und unter den Tyrannen am kopfreichsten – Rom wars nicht in seiner schönsten Zeit, sondern kurz vor und unter den Kaisern – Nordamerika, Holland, die Schweiz lieferten aus ihrer republikanischen Freiheit heraus noch keine solche Denk-, Dicht- und Bild-Werke als Deutschland oder früher Frankreich.

Die sogenannte Revolution in England war keine für die Bücherwelt; und noch entdeckt dieses freiere Land nur auf dem Meere, nicht, wie das bestimmtere Deutschland, im Innern der Kunst.

Das Wiederaufleben der Wissenschaften in Europa war nicht vom Riechspiritus neuer Freiheit erweckt. Um den Ketten-Thron von Louis XIV. und XV. flogen mehre geflügelte Genius-Köpfe als im freieren Deutschland oder als später in der fessellosen Revolution, welche mehr beweiset, daß Wissenschaft Freiheit, als daß Freiheit Wissenschaft gebäre.

Kurz Wissenschaft und Kunst sind Blumen, welche an sich – die grimmige Frostnacht der Sklaverei ausgenommen – in allen anderen Jahrzeiten der Regierungformen unerwartet aufsprießen, wenn sich die uns sehr unbekannten Bedingungen dazu erfüllen, da wir nicht den Flug des Blumenstaubs und den Flug der Bienen, die ihn tragen, oder des Windes, welcher getrennte Geschlechter befruchtet, berechnen können. Z. B. Ein Kant entstand, und neue philosophische Welten verfolgen einander, und jede bringt der andern ihren Jüngsten Tag! Woher kam die bisher nicht zurückgekehrte Brüdergemeinde herrlicher Köpfe unter der Königin Anna in England? – Und warum bleibt eine ähnliche unter Napoleon I. aus? – Will man letztes erklären, so sage man nicht bloß: daß Taten Worte oder Gedichte ersticken, Ähren die Blumen, und daß siegend-tätige Völker, von der Gegenwart berauscht, nicht die zur milden Kunstgestaltung nötige Ferne und Kühle gewinnen, und daß daher eine blitzende und donnernde Gegenwart nur die Beredsamkeit entflamme, nicht die Dichtkunst. Dies sage man nicht bloß, so viel Wahres auch daran ist, sondern man rechne mehre Umstände in die Erklärung ein; z. B. das selbstische Verhältnis der Hauptstadt zum ganzen Reiche; denn gewiß wird 1101 das beste Gedicht einst nicht aus Paris, sondern aus den Provinzen kommen; und was die bildenden Künste anbetrifft, so fehlt ihnen nur Friede, insofern auf sie etwas von dem anzuwenden ist, was Ammianus Marcellinus (XXIV. 6.) von den Persern behauptet, daß sie in den bildenden Künsten etwas zurückgeblieben, weil sie bloß Schlachtstücke gemacht.

Auch Fichte, dieser Polyphem mit einem Auge – noch dazu schwer drehbarem –, jagt sich Furcht vor möglicher Barbarei ein. Wieder andere Schriftsteller wissen im Drucke auf gutem Papier vor Angst nicht vor den Barbarismen zu bleiben, welche hereindringende Tatarn oder Russen in den wissenschaftlichen Feldern Europens aussäen würden. Aber so ist der Mensch: bei großen fremdartigen Ereignissen fürchtet er immer seinen Jüngsten Tag; wie die Mexikaner bei der Landung der Europäer die Vorläufer des Weltendes gekommen glaubten. Bedächten wir doch z. B. bei der französischen Landung in Deutschland, daß wir nicht republikanische Freiheit – welche nicht da war – gegen despotische Knechtschaft – welche nicht kommen kann aus einem Lande, wo sie selber nicht ist –, sondern nur mehr oder weniger gemäßigte Monarchen gegen mehr oder weniger gemäßigte Monarchen vertauschten. Wie oft war nicht in Europa dieser Regenten-Umtausch, und ohne Kultur-Mord! Denn etwas anderes ist doch ein Wechsel der Regierungformen – wie der griechische – als der bloße Wechsel der Regenten, welchen der Tod so gut als ein Krieg- oder Friedenschluß verordnet.Die Milde dieser Stelle wurde nicht von Ironie, sondern von zu großer Hoffnung und zu kleiner Bekanntschaft mit den deutschen Ländern eingegeben, die der gallische Oberzepter angebohrt und abgezapft. Übrigens wurden ja im Jahre 1809 und später noch die besten juristischen und publizistischen Abhandlungen über Napoleons Bundes-Akte fortgeschrieben und sehr bündige Schlüsse aus ihr gezogen, die um so weniger zu widerlegen sind, da die Akte selber gar nie zur Erfüllung gekommen. So setzt Lichtenberg die Möglichkeit, daß Sternseher sich gar wohl viele Jahre rechnend und beobachtend mit Fixsternen beschäftigen können, die längst erloschen sind, deren Glanz aber auf dem langen Wege zu uns noch fortbesteht.

Was die Tatarn anlangt – von den Russen nicht einmal zu sprechen –, so würde ihr Einfall, wenn ihn Eroberungen festhielten, bloß ein Korrepetitor des alten historischen Satzes sein, 1102 daß ungebildete Völker stets von gebildeten in sich aufgelöset wurden, da Bildung überall als das stärkste Zersetzmittel der Völker gewirkt; denn wäre dies nicht gewesen, so möcht' ich wissen, warum, da die Weltgeschichte mit einer überwiegenden Barbaren-Zahl anfängt, nicht diese Übermacht endlich der Kleinzahl obgesiegt statt untergelegen, und warum fortdauernd nicht die ungebildeten anstatt der gebildeten Völker erobern und ihr Bild aufprägen. Hierbei zog ich einen Hebel, welchen die Alten gar nicht hatten, nämlich den ewigen Perpendikel der Bildung, ich meine den Preßbengel des Buchdruckers, nicht einmal in Betracht. Noch dazu streitet jetzo in Europa gerade für die gebildeten Völker die Mehrzahl, und für diese Mehrzahl wieder Übergewicht der Kunstkräfte, durch welches selber über die tapfern und vielzähligern Alemannen die Römer Siege gewannen. Aber – sagt man – lasset nur erst den Riesenstaat Rußland sich euch nachbilden und sich mit der allmächtigen Vereinigung der Größe mit der Bildung auf euch stürzen . . . . Nun dann, antwort' ich, so bringt er demnach Bildung mit und nimmt sie folglich nicht. Und wo liegt denn das große Unglück, wenn das Licht (gleich dem Glück und dem Handel) Völker nach Völkern durchwandert und von jedem weiterzieht, aber von keinem scheidet, ohne wenigstens Dämmerungen als Spuren zurückzulassen?

Wir haben übrigens, ihr Deutsche, sogar beim traurigsten Falle der Wissenschaften auf etwas anderes zu rechnen als auf uns. – Es sollen durch rohe und feine Barbaren alle Pflanzungen der Wissenschaften niedergetreten sein, und eine harte schneidende Winternacht liege über ihren erstarrten Wurzeln auf: über einer andern Halbkugel wird eine Sonne stehen und ein Neu-Deutschland beleuchten und befruchten, das dem Alt-Deutschland Samen und Frühling zurückbringen wird – nämlich Nordamerika; und dieses, das uns, wie an geographischer Lage und Wärmstufe, so an Freiheitsinn und Menschenart so ähnlich, ja von uns zum Teil selber bevölkert ist, wird unser historisches Schauspiel zum zweiten Male geben, nämlich daß auf der entgegengesetzten Halbkugel wieder der Norden den Süden allmählich ergreift und verjüngend auffrischt, bis jener mächtig genug die alte Welt in sein 1103 Pflanzland verwandelt, sie aber, selber von Reichtümern umrungen, weniger drückend behandelt als Europa bisher seine Pflanzungen.

Überhaupt ein seltsames Land ist Nordamerika, schon voll geographischer Vorbedeutungen, da in ihm, obwohl in gleicher Breite mit uns, das Wetterglas stets höher steht, und da sein Baum- und Blumen-Wuchs üppiger aufsteigt als unserer – Sinnbilder seines hohen Freiheitstandes; daß es z. B. jede zu groß auswachsende Provinz zu ihrer eignen Gesetzgebung nötigt und absondert, oder daß es neuerdings sich durch Unterschriften der Städte für eine Entsagung von englischen Waren freiwillig bestimmte, zu welcher uns kaum Not und Gewalt bekehren.

Die Fälle der Völker sind nicht wie die eines Einzelnen, welcher nach dem Sturze auf dem Boden zu Todes-Staub verfliegt, sondern ihre Katarakten gleichen öfter dem Falle des Stromes, welcher, obwohl unterwegs verstäubend, doch unten im neuen Bette wieder zu einem neuen zusammenwächst.

*

Nachschrift über die deutsche Sprache

Der obengenannte Polyphem sitzt auch noch in einer Nebenangst fest, deutsche Sprache betreffend. Auch hier sei meinem Hasse gegen die Furcht, welche eine größere Lügnerin ist als die Hoffnung, nur daß uns die Lügen der ersten entweder vor Freude darüber oder vor einer frischen Furcht weniger im Gedächtnis bleiben, noch ein Wort an die gegönnt, welche, wie in der Orgel, zu der vox humana (der Menschenstimme) am schönsten den Tremulanten gehen finden. Noch keine Sprache machte bloß auf Geheiß der Eroberer der mitgebrachten Platz, welches die Geschichte der allsiegenden Römer – der von den Normännern besiegten Engländer – der Deutschen, die sich ja früher über alle europäischen Länder wegschwemmend ergossen haben, beweisen, welche alle jede andere Verwüstung in den erstürmten Ländern hinterließen als die der Sprache. Nur durch geistige, nicht durch kriegerische Überlegenheit, nicht durch Soldaten, sondern 1104 durch Schriftsteller kann eine Sprache die andere überwältigen. Wenn wir Deutsche uns nun, wie es scheint, mit einigem Rechte, wenn nicht für die Homere und Platone, doch für die Homeriden und Platoniker neuerer jetziger Kunst und Wissenschaft halten dürfen, und wir den Planeten Merkur und Venus nicht bloß an Kleinheit, sondern auch an der unverhältnismäßigen Höhe unserer (Musen-) Berge gleichen: so haben wir wahrlich nicht zu besorgen, daß unser Sprechen von den Franzosen überwunden werde, sie mögen immer kühn ihre Musen-Hügel aufeinander auftürmen als Himmelstürmer. Da nicht einmal ihre Literatur der unsrigen unterliegt und entweicht: so kann gewiß noch weniger die unsrige sich der ihrigen ergeben und das Feld räumen; um so mehr, da die ihrige – seit Voltaire, den beiden Rousseaus, Diderot, Mercier, Mad. Stael und seit der Revolution – sich fast so viel dem englisch-deutschen Geschmacke genähert, als sich unsere von ihrem entfernt hat. Nur Nachbarländer verfälschen einander wechselseitig die Sprache, wie die französische, die italienische Schweiz, Elsaß u. s. w. Wenn im Mittelalter das Latein als Staat-, als Altar- und als Katheder-Sprache das Deutsche nicht ausjagte; – wenn in Polen neben dem Latein, das da jeder BedienteSobieskys Geschichte von Abbé Coyer. spricht, das Polnische, wie daneben in Ungarn das Ungarsche, fortbesteht, so seh' ich nicht, wie noch ein paar hundert französische Wörter und Staatverhandlungen, an eine so durchaus widerspenstige, gewaltige Sprache wie Schwärmer geworfen, diese zerstören sollen, anstatt sie eigensinniger und wilder zu machen, so wenig als so vieljährige französische Einquartierung deutsche Städte und Dörfer um ihre Sprache gebracht. So fürchte denn niemand, daß wir unsere BärenspracheEin Ungenannter in den berlinischen akademischen Jahrbüchern behauptet, daß unsere Sprache am meisten von den Tönen des Bären, am wenigsten von denen des Pferdes – letztes gegen die Meinung Karls XII. – entlehnt habe. Steeb über den Menschen, S. 1078. bloß darum, weil wir gegen unsere Natur einige Quadrillen nach Krieg-Musik zu tanzen haben, verlernen werden; sondern wir werden, dies hoff' ich, auch ohne Wälder fortbrummen. 1105

*

Morgenstrahlen im Jahre 1816

Die vorstehende Betrachtung geb' ich mit einem Nachseufzer über die arbeitende Brust, welche damals in der gallischen zusammenziehenden Stickluft sich mit Gewalt aus ihren Krämpfen zu erweitern suchte. Wälder brausen, ohne die Zweige zu regen; nur so viel war damals den Deutschen tunlich, inneres Regen und Tönen ohne äußeres. Gleichwohl behielt ich recht sogar in erquälten Hoffnungen; denn auch ein unausgesetzt fortzwingendes Leben des kaltheißen Ideen-Molochs hätte nur die alten Ernten und die neuen Saaten niedertreten können, nie aber die Samenkörner selber. Sein Tod hätte plötzlich die Schneedecke gehoben. Vielleicht ein Jahrhundert früher, in der literarischen Laubknospenzeit der Deutschen, hätte sein Frost mehr verwüsten können; aber eine dichtende blühende Sprache wird von einigen Jahrzehenden noch weniger erdrückt als die griechische von den so lange und so eifersüchtig niederbeugenden Römern. – So wie aber vollends die Vorsehung alles väterlich gelenkt, so wurde die Gefahr unserer Sprache ein neues Glück derselben; denn so sehr auch in Berlin – der Mutterloge höherer Frei-Maurer deutscher Freiheit – die Auferstehung der altdeutschen Dichtkunst zum Beleben der Scheinleiche Deutschlands trieb und entzündete: so war jene Auferstehung selber früher ein Werk als ein Gegengift der traurigen Zeiten; die Ältest-Deutschen waren gleichsam die Auferstandenen, die unter Christus' Sterben aus ihren Gräbern gingen und predigten. So bleibt auch für Völker die Gärtner-Regel bewährt, daß man Bäume, wenn sie nicht blühen wollen, durch starke Verletzungen zum Blühen nötigen kann.

 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.