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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 8
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwielichter

1.
Der Fürsten-Günstling

Das Gliederreißen der Staatglieder spürt er – da es anfangs nur die äußersten Volkteile angreift, bevor es in den gekrönten Magen tritt – auf seiner schimmernden Hof-Eisinsel nicht sehr. Ihn geht nur an, wer über, nicht wer unter ihm leidet. Sogar zwei mir bekannte Minister auf dem Kaukasus hatten oft Stunden, wo sie für Pöbel-Tränen – weil die Sonne, oder eigentlich deren VetterBekanntlich nennen sich die morgenländischen Fürsten Vettern der Sonne., häufig Wasser zieht – eine Grube voll lebendigen Kalks waren, oder auch ein Kessel voll geschmolzenen Kupfers.

Es gab einmal einige Prinzen-Räuber; aber ein Untertanen-Räuber am Fürsten-Herzen raubt mehr und mehre.

2.
Orientalischer Generalstab

Was denkt ihr wohl, daß dieser Generalstab ist, welcher zum Elefantenorden unsterblicher Krieger gehört, weil er 1098 Elefantenameisen kommandierte, welche ihn auf Flügeln erhoben – welcher, eben aus der Diamantgrube des Schlachtfeldes steigend, mit seinem Juwelen-Besatz die Weltteile überrascht und blendet – welcher (wenn er nicht blind sein will) den Lehr- und den Nährstand für seine dienenden Zwilling-Brüder (frères servants), für den rechten und linken Reserveflügel (um ihn in Ermangelung eines feindlichen zu rupfen), kurz beide Stände für Filial-Stände des Kriegs oder (nach Ähnlichkeit der Pferde) für Vorleg-Kollegien des Kriegkollegiums, kurz, jeden Staatdiener für einen Heerdiener ansehen muß – Ich fragte: was denkt ihr wohl, daß dieser Generalstab ist? – Bescheiden.

3.
Polarität des Volks

Bei Bewegungen und Umwälzungen des Volks kann der Staatkünstler mehr als bei denen des einzelnen Kraft- und Flammen-Manns darauf rechnen, daß jenes immer dem Korke gleichen werde, der niemals in der Mitte des Wassergefäßes schwimmen bleibt. Er weiß, daß er die Gewalt des Blitzes, welcher durch einen Schlag den anziehenden Pol in den abstoßenden umkehrt, zur Umkehrung der Volkpolarität besitzt.

4.
Deutsche Armut

Wenn wir einigermaßen wieder zu wahren alten Deutschen geworden, von welchen Tacitus sagt: »sie hätten kein Gold und Silber, ob aus Zorn oder Huld der Götter, wiss' er nicht; ein irdenes Geschirr wäre ihnen so viel als ein silbernes, und Silber sei ihnen ihres Kleinhandels wegen lieber als Gold«; wenn diese Ähnlichkeit da ist: so beweiset es wenigstens, daß ein Land, gleich Schweden, alte Deutsche tragen kann, wenn es sich gleich diesem, wie die Sorbonne, pauperrima domus nennt. Gar zu außerordentlich sollte demnach nicht gejammert werden, wenn man ein ganzes Volk zu jenen älteren historischen Völkern erhoben sieht, welche (nach der Geschichte) stets die größeren Umwälzungen 1099 und Eroberungen gemacht, und die, je weniger sie zu vererben hatten, desto mehr beerbten, und welche die sogenannten ärmsten hießen. Obgleich nicht ohne Unrecht zu verlangen ist, daß wir noch etwas Besseres als alte Deutsche, nämlich gar alte Christen werden, welche durch Entäußerung ihres Vermögens die Welt und deren Vermögen eroberten: so sollten wir uns doch schämen, nicht einmal die Kraft und Ansicht des Mittelalters zu erreichen, welches seine geistigen Heere, die Mönchorden, mit bloßem Nichts-Haben ausrüstete, und zwar mit einem so unerhörten, daß viele darunter nicht einmal das Geld berühren durften – was jetzo niemand verbietet, wenn wirs haben – und daß die meisten nichts das Ihrige nennen durften, selber das nicht, was sie schon im Magen hatten – indes wir alles frei für Unseres ausgeben, was wir gegessen –; denn gleichwohl bezwangen diese unbesoldeten Heere die Welt; und können wir denn mehr zu leisten verlangen?

 

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