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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Nachdämmerung

Bürgerliche Ehrenlegionen oder Volkadel

Der Wunsch und Trieb, nicht bloß im eigenen Bewußtsein, sondern auch im fremden Vollkommenheiten zu besitzen, erfocht bisher größere Wunder als alle übrigen Triebe zusammen; denn er überwand oft diese selber. Die Heiligkeit dieses Triebs, der, wie die Liebe, die einsamen Ich alle nach außen zu einem Geisterbunde einschlingt, der zum eignen Oberhaupt oder Gewissen ein zweites sucht, und der, wie die Sittlichkeit, über Leben und Tod hinausbegehrt im Nachruhme, verdient eine tiefere und mehr würdigende Untersuchung, als ihm bisher Seiner Abwartungen wegen zuteil geworden. An einem andern Orte wird sich stärker zeigen lassen, wie der Ehrtrieb unter allen der nächste Nachbar der Sittlichkeit und gleichsam ein Gewissen nach außen sei, indem er, wie das erste nach innen, nur sittliche Vorzüge zu seinen Preis-Ausstellungen erwählt, so sehr auch gegen diese Ansicht das Prunken mit Schönheit, Verstand, Geld und Glück zu streiten scheint.Denn die sittliche Natur des Menschen hat eine eigne Zauberkunst, alle Gaben, Zufälle und Mißfälle des Lebens in sittliche Folgen einzukleiden, Unglück in Strafe, Glück in Lohn u. s. w. Er finde einen Juwel: so schreibt er viel vom Glücke seinem Verstande zu und den Verstand wieder seiner frühern unbekannten Würdigkeit desselben vor der Geburt. Die schöne Frau hält ihre äußere Schönheit für Zeichen und Reichsinsignien ihrer innern Schönheit und von da aus mit kurzem Sprunge auch für den Lohn und Siegwagen derselben. Daher das Zürnen über Dummheiten, als wären sie Sünden. Doch ohne weitere Erforschung dieser Quelle brauchen wir sie nur als Strömung durch die ganze Geschichte reißen 1089 zu sehen, um zu erstaunen, daß sie noch so wenig zum Bewegen der großen schweren Staat-Maschinen zugeleitet worden. Bedenkt: Verachtung rädert den innern Menschen von unten auf und flicht, kommt eigne dazu, einen fortlebenden Kopf auf das Rad. – An Duell- und Krieg-Ehre sterben Völker, wie an Scham über unverschuldete Zufälle Jungfrauen auf der Stelle. – Noch vielleicht kein Mensch blieb in so finstere kalte Ehrlosigkeit eingegraben, welchen nicht irgendeine Seele durch anwärmendes kleines Werthalten vor dem grimmigen Selber-Gefrieren (wie es ein Selber-Entzünden gibt) errettet hätte. – Ruhige Aushaltung eines eigenen, öffentlichen Ehr-Bankbruchs setzt entweder eine fast unmenschliche Tiefe, oder eine übermenschliche Höhe voraus; kurz zwei Fernen von den gewöhnlichen Menschenstimmen, in welche diese nicht hingelangen; wiewohl doch der Mensch-Gott auf der Höhe immer einen Gottmenschen und Gott selber in seinem Innern hat, der ihn auf dem äußern Pranger durch innere Kronen tröstet.

Die Verwunderung über die Vernachlässigung des längsten Völker-Hebels nimmt zu, wenn man die Zeit seiner Kraft berechnet; denn er kennt fast keine und übermannt nicht nur, sondern überlebt auch jeden Eigennutz.

Sogar der Güter-Geiz spürt sich durch langes Bereichern endlich auf einen Geldhaufen wie auf einen Berg gestellt, von wo aus er in ein Kanaan langer Goldflüsse blicken kann; aber der Ehrgeiz fängt jedesmal von neuem an – vor einem schändenden Worte versinkt Glanz und Ehrenschatz langer Jahre – ja dieser Hunger begehrt noch Nahrung nach dem Tode des Magens. Wie ließ sich nicht Voltaire bei dem funfzigjährigen Jubiläum seiner Silberhochzeit mit den Musen, als er in Paris war und verschied, wie ließ sich nicht dieser Triumphator unter der Aufführung seiner Irene, seines letzten Trauerspiels (leider für ihn und Literatur ein fünfter Aufzug), sich aus jedem Auftritte Boten mit Nachrichten zufertigen, was gefallen im guten Sinne oder gefallen im bösen! – Und steigt dies nicht bis zu den Fürsten hinauf, welche, obwohl im Lorbeerwalde ihres Hofes und ihres Volkes wohnhaft, doch nach neuen auswärtigen Lorbeern die Hand ausstrecken.

1090 Auch gesteht jeder das Streben nach Ruhm sich und andern ein, aber weniger das nach Nutzen; und die Offenbarung selber leiht dem sich genugsamen Unendlichen dennoch Freude an unserer Anbetung.

Was ist aber alle Wirkung des Ruhms gegen den Feuerreiz der durchgreifenden Achtung, welche man von dem geliebten Staate erhält als dessen Bürger und Liebhaber unter den andern Bürgern und Liebhabern! Was ist alles Geld desselben gegen das höhere Ehren-Gepräge, womit der Staat einen Menschen zur Selb-Medaille umstempelt! – Wie viel Austeilung der Staatpreise wirken, sehen wir in olympischen Spielen und römischen Triumphen: – ganze Völker wurden beflügelt; ein leichter flatternder olympischer Blätterkranz hob mit Merkurs Schwingen an Kopf und Fuß ein ganzes Volk.

Was gebraucht denn jetzo, außer den schmutzigen Handhaben des Eigennutzes, der Staat, um die deutsche Mehrzahl, das Volk, bei der Ehre zu fassen? – Infamien-Strafen; statt des Lorbeerkranzes das Halseisen, statt des Ölzweiges den Staupbesen, statt griechischer Verehrung nach dem Tode unehrliches Begräbnis, und der Pranger ist das Fußgestell, wo man als Selb-Monument und Schand-Bildsäule steht; die höchsten Staatmänner gehen, wie hohe Geistliche, in ihren schwarzen Galakleidern als höhere Essenkehrer mit unsichtbaren Besen und Leitern durch die Straßen und besteigen zum Abkehren und Abkratzen den Staat mit Staupbesen und Galgenleiter. Kurz, abführende Mittel sind die Lebenmittel der Volkehre. Schon andere haben gegen diese Seelen-Vernichtung, welche dem Staate vom Bürger nichts zurückläßt als eine kalte gekrümmte Bildsäule, oder noch öfter einen kriechend vergiftenden Erbfeind, genug gesprochen. Wenn der Mann höheren Standes nach Entsetzung seiner Würde wenigstens in einen niedrigen hinabkriechen und da noch unter neuen Gleichen leben kann: so trifft dagegen der ehrenentsetzte gemeine Mensch keine tiefere Stelle voll Menschen mehr an, wo er als einer noch gehen könnte, sondern er bleibt liegendes Gewürm unter aufrechten Menschen.

Den römischen Triumphator erinnerte eine Geißel und eine 1091 GlockeDie Geißel deutet auf die Möglichkeit der Sklaverei, und die Glocke auf die Möglichkeit der Enthauptung, weil der dazu Verdammte durch ein Glöckchen jeden vor seiner Berührung warnen mußte. Rerum memor. etc. deperditar. Libr. duo a Pancir.; editi etc. per Salmuth. MDIC. p. 630. auf seinem Wagen, daß er noch ein Mensch sei; zu umgekehrtem Zwecke sollte wohl ein Prediger dem an den Schandpfahl geknüpften Unglücklichen mit niederhängendem Gesicht zurufen, er sei doch noch ein Mensch. Bloß dann möchte Entehrung anzuraten sein, wenn man Hoffnung hat, einen ganzen ehrlosen Kongreß und Volkabschnitt in einem Hause zusammen zu bekommen, wie zum Glücke in vollen Zuchthäusern; denn alsdann, so wie bei Volk-Umwälzungen Schimpfnamen der Parteien endlich zu Ehrennamen und Wein- und Handelzeichen derselben reifen, z. B. bei den Sansculottes in Frankreich und den Gueux in Holland unter Philipp II. (welche beide Namen jetzo ohne Parteien, wenn nicht zu Ehren, doch in Gang kommen können): so ist alsdann Aussicht da, daß in einer geschloßnen (ja zusammengeschloßnen) Gesellschaft und Rebhühner-Kette oder -Volk von Spitzbuben aller Art die Ehren-Kleckse endlich zu ehrenden Interpunktionzeichen und Adressen gedeihen, so daß in einem solchen Kränzchen von Ketten und Schellen gerade der größte Spitzbube durch seine Entwürdigung sich zu einem Groß-Indignitar (Groß-Unwürdenträger) umkehrt, und daß die Sitzung überhaupt einen negativen Adel gestaltet.

Aber wie ergehts vom Staate dem unbescholtenen Volke? – So weit ich gehört und geblickt, setzen sogar die Stellvertreter desselben – besonders die niedern, die Polizei- und die Dorf-Beamten – in ihren Anreden bei Staatbürgern anstatt Ehrgefühl Ehrendickhaut (callus) voraus und sprechen den sogenannten gemeinen Mann (welcher Name für den oft so ungemeinen!) zuweilen so an, als wäre jedes Bürger- und Bauer-Gesicht für sie nur eine altdeutsche Verschreibung mit leerem Raum zu Schandgemälden und Schandworten, welchen sie bloß geschickt auszufüllen hätten mit Schande. So muß der gute Bürger sich gerade in Staatzimmern und Gerichtstuben, welche doch nur durch seine Baufuhren und Baubegnadigungen feststehen, das gefallen lassen, 1092 was er auf dem Straßenpflaster rächen würde; ordentlich als glichen die Beamten solchen Professoren, welche, um es zu verbergen, auf die Bücher am meisten schimpfen, in welchen sie am meisten geplündert. Das Adel-Wort Bürger in Rom und unter der französischen Revolution ist bei uns unter die Bürgerlichen verstoßen.

Was überkommt aber denn sonst das gute arme Volk für Staatehre, indes in höhern Ständen täglich alle Titel höher aufwachsen – hundert Bandmühlen für Ordenbänder im Gange sind – und jeder hohe Stand vom höchsten und tiefern zugleich Achtung empfängt, jeder Edelmann sogar im Frieden Kriegauszeichnungen erhält und der Gelehrte gar von der ganzen Gelehrten-Republik erhoben wird in Rezensionen, ja sich von astronomischen Jahrbüchern ins goldne und silberne Buch des Sternhimmels als ein ewiger Fleck im Monde eingetragen sieht, was bekommt denn, fragen wir alle, gerade die größere, wichtigere Menge für Reize der Ehre, für Ermunterungen zum Werte?

So viel vor der Hand freilich noch nicht – muß man antworten –, als ein Preis-Schaf und Preis-Rind in England; denn ein solches Tier wird mit dem Messer und sogleich in Kupfer abgestochen und kommt heftweise in Royal-Folio heraus, mit Anzeige von dessen Gewicht und Fett, so daß das Vieh wieder als ein Wappentier den Pächter, der es gemästet, vor dem ganzen Volke zu einem Preis-Menschen adelt und zu sich hinaufzieht. Indessen eine, aber kurze und späte Staatehre erlebt das Volk, aber nur, wenn es stirbt und wenn es in seinem Dorfe begraben wird. Wie Trajan kurz nach seinem Tode triumphierte (seine Bildsäule wurde als die Hauptperson im Zuge getragen), oder wie Tasso einen Tag vor seiner Krönung starb: so stirbt der Bürger gewöhnlich einige Tage vor seiner Leichenpredigt, welche ihm vor der kleinen Versammlung, die den Staat im Dorfe vorstellt, von der Kanzel herab olympische Kränze und Ehrenflinten und alle öffentliche Ehre zuwirft, so daß er um so mehr »avanciert«, da schon ein lebendiger Krieger immer, wenn er den Abschied bekommt, zu einer höhern Stufe aufspringt. Nur fällt der Erfolg und Vorteil der Ermunterung durch ein so spätes Beloben leider 1093 mehr in eine andere Welt als in unsere. Was der Staat durch dieses Versäumen einbüßt, ist kaum zu berechnen, da gerade das Volk Auszeichnungen heißer antreiben als einen andern, unter Lorbeern schon aufgewachsenen Stand, sogar den gelehrten nicht ausgenommen, welcher, ungleich dem ungelehrten, eben in sich die Macht des Lobs durch Betrachtungen darüber entkräften kann.

Das Volk widersteht oder entsagt keiner Auszeichnung, wie es etwan ein über Zeiten und Stimmen erhabner Geist vermag; daher wenn dieser den Weg nimmt, den man bei den Römern baukünstlerisch hatte, nämlich durch den Tempel der virtus (Tugendkraft) in den Tempel der honos (Ehre), so schlägt das Volk den umgekehrten ein, und ihm gebiert sich erst aus Scheinen Sein, wie leider oft dem großen Menschen das Sein wieder zu Scheinen wird – so daß man sagen kann: der Weise gleicht zuweilen mit seinen Kleinodien dem Italiener, welcher sie, wenn man sie vor ihm preiset, nach Landessitte anbietet und hinschenkt; hingegen aus dem Volks-Ideellen wird durch Loben Volks-Reelles, wie etwa der Rubel – bis 1700 eine bloße Gedankenmünze geblieben – durch Peter I. eine wahre haltige Münze wurde. Raubt dem höhern Stande die besondere Auszeichnung: er bleibt doch immer mit einer geboren; reicht aber dem Volke keine, so kriecht es tiefer unter und ein. – Und mit welchem Hebezeug wollt ihr vollends die verarmende Menge aus dem schmutzigen Eigennutze aufreißen und gegen die Sonne heben, sie, die sich, sobald sie von vaterländischer Ehre entblößt ist, in jedem ausländischen Sumpfe satt fischt und angelt? – Gegen Wucher hilft nicht Papier-Geld, aber Papier-Adel. Das Lob ist ein sanfter Ton, welcher zum Tragen ungemeßner Lasten mehr stärkt, als die Drohung nur gewöhnliche aufbürden darf, so wie das überladene Kamel zuletzt keinen Peitschen mehr, sondern nur den Flöten folgt.

Leichter aber ist die Einsicht in die Notwendigkeit, das Volk, gleichsam wie bei Tänzen die Musik, durch Händeklatschen in feurige Bewegung zu bringen, als die Angabe der Mittel, es in unsern so bandlosen matten Staaten durchzuführen. Wie im Kriege uns die Franzosen durch Ehrenlegionen zuvorkommen, 1094 so früher im Frieden z. B. durch die bekannten Rosenfeste – durch das Sittenfest in St. Ferieux bei Besançon für die beste Jungfrau – in Blotzheim im Elsaß durch die Wahl des Augrafen u. s. w.Dreijährlich wird bloß der beste Jüngling – sind zwei beste da, so geht der ärmere vor – zum Augrafen, d. h. Verwalter der Au, erwählt und bekommt Kranz und Schaumünze. Allein die Ehrensäulen, welche solche Sittenfeste aufrichten, verschatten und erkälten vielleicht die zärtere Tugend, deren Lohn ihr Ort ist, das Herz. Was aber der Staat öffentlich zu belohnen hat, sind eben öffentliche Verdienste, und also die um ihn zuerst.

Hier tritt nun vor allen der Fürst hervor; dessen Zepter alles, was er dazu berühren will, in Lorbeer und dadurch den Lorbeerkranz in einen Erntekranz verwandeln kann. Könnte ein Fürst nicht ganzen Städten einen neuen Volkadel für einzelne Verdienste erteilen? – In Japan wird stets die ganze Gasse mitgestraft wegen eines Verbrechers daraus, wie bei uns im Kriege Ortschaften für Vergehungen des Einzelnen verantwortlich und strafbar werden; aber warum wendet man denn nicht viel gerechter diese Übertragung von einem auf alle auch im Falle des Belohnens und Belobens an? Welche Körper und Geister würden uns zufliegen, wenn ein Fürst einer ganzen Stadt oder Dorfschaft bloß wegen eines einzigen Mannes von hohem Staatverdienst Würde und Kranz zuteilte und so aus einem Lebendigen den Ahnherrn geadelter Lebendigen, den Pflanzer von Lorbeergärten machte! Aber die Regierungen halten leider Strafen in Masse für erlaubter und nützlicher als Lohnen in Masse. Man wende nicht ein: daß Auszeichnung aller so viel tue als keine. In Rußland wird nach dem Gewinn einer Schlacht das ganze Heer mit Ehrenbändern beschenkt, aber doch zum Staatvorteil; denn da die Bebänderten und Sieger immer die kleinere Anzahl gegen die Bandlosen ausmachen: so bleiben sie ausgezeichnet genug. In Polen wurden oft bei Feldzügen ganze Corps geadelt; aber ungeachtet der Vielzahl und Armut dieses Adels gewann er doch dadurch ein Ehrgefühl, das ihm blieb, vor der Menge, woraus er stieg, und vor der Menge, in die er kam. Bevor der Preis und Einfluß solcher 1095 Würden durch die Vielzahl nur fällt, so haben sie schon gehoben, oder haben gewonnen, – ehe sie verloren; am Ende bleibt auch nach dem herabgesetzten Preise dieser Wappen weit mehr in einer emporgerückten Menge nachwirkend, als in der umherkriechenden ist. Und behält eine solche ausgezeichnete Stadt, Gasse, Ortschaft etc. nicht noch genug unbezeichnete Nachbarschaft und Ausland übrig? Und ist z. B. der Adel unter lauter Adel sich weniger seiner bewußt? '

Ich rechne darauf, daß man hier nicht Adeln im heraldischen Sinn nehme; – ein Fürst setze eine Krone auf ein Stadttor, oder er verspreche jährlich an einem gewissen Tage die Stadt zu besuchen u. s. w., so beugt sich der Lorbeerbaum über alle Köpfe herüber. – Er hat das Füllhorn der Ehre in der Hand, und ein Tropfen Dinte von ihr ist Öl genug ins Feuer für ihn und Vaterland. – Dem goldnen Buch des Adels in Venedig könnte man wohl ein silbernes, ja bleiernes des Bürgers in Deutschland beizubinden suchen und darin gehörig zu schreiben anfangen.

Die ältere deutsche Zeit feuerte weit mehr als wir mit dem Gebläse der öffentlichen Ehre die Glut zum Schmieden an, mit Kaiserreisen – Handwerker-Erhebungen und anderem Titelwesen – Turnieren – Ehrentagen – Bürgerschaften und zuweilen oft mit naiven Auszeichnungen. Unter letzte mag z. B. die gehören, daß in dem weiblichen Krönschmucke, welchen ein Kaiser ins Nürnberger Rathaus geschenkt, die verlobte Tochter einer Patrizierfamilie eine Woche lang täglich zwei Stunden auf dem Rathause sich zur Schau ausstellen durfte und den Namen »Kronenbraut« davontrug.

Jetzo dürfte schwerlich eine Kronenbraut mehr zu haben sein, schon aus Mangel an einem Kronenbräutigam.

Noch allerlei Paradeplätze der Volkehren ließen sich nennen; z. B. die nur immer zum Beklatschen der Fürsten aufgesparten Bühnen, vor welchen unter den Spiel-Fürsten die Ernst-Fürsten von lauten leeren Händen Dank für volle bekommen. Kann eine Bühne nicht eine Viertelstunde lang ein kränzendes Elis werden? Soll auf dem Theater nur immer gestorbener Wert gefeiert werden, nicht auch lebendiger zuschauender? –

1096 Weiter: wie, wenn die ältere Zeit Censores morum, Sitten- oder eigentlich Unsitten-Richter verordnete, vielleicht weil die Regierform das Gute als Jahr- und Tagbefehl voraussetzte, und nur das Schlechte als flüchtige Nacht- und Mistpilze aufschrieb; wie, sag' ich, wenn wir umgekehrt positive Sittenrichter bestellten, welche, statt wie Mouches oder Mouchards den Unrat, lieber wie Bienen den Honig suchten, und welche gleichsam nur Sonnetafeln und Sternkarten von Handlungen machten, mit welchen Völker glänzen? Ein solcher Sternseher, selber ein Mann von Ehre, vorbereitete vielleicht ein Volk von Ehre.

Da unsere Prytaneen jetzo meistens Rumfordische Küchen, höchstens Marschalltafeln sind – da ferner Paradeplätze und Vorzimmer fürstlicher Auszeichnung schwer auf Dörfern anzulegen sind: so wäre diesen ein kleiner Ersatz für diese Ruhmtempel zu gönnen, um so mehr, da sie das Gebäude zu einem Ehrentempel schon aufgeführt besitzen, nämlich die Dorfkirche. Bisher wurde diese mehr zu einem moralischen Notstall und die Buß-Kanzel zur Pillory der Sünderohren genützt; an die Kirchtüren (ad valvas templi) wurden statt der Belobung- nur Befehlschreiben angenagelt, und wer sich darin ein Bette der Ehren betten wollte in der Kirche, mußte sich hinlegen und mit Tode abgehen und unter ihrem Fußboden in dasselbe fallen. Aber wie ganz anders könnten die Prediger die Kirchen an großen Festtagen, z. B. am Neujahrtage, am Erntefesttage, zu öffentlichen Krönsälen von Preisbauern erheben und aus der streitenden Kirche triumphierende Kirchgänger entlassen! Es führe nur sich in ein Dorf nach dem andern so der Wettstreit um öffentliche Auszeichnung ein, durch Geistliche und Staat; so könnte man statt der strafenden Bußtage in Kirchen einmal darin Ehren-Tage und geistige Erntefeste feiern.

Aber für Dörfer, d. h. für die Mehrzahl, tun wir nichts.

Wie öffentliche metallne Denkmäler in Frankreich zugleich zu Springbrunnen dienen: so würden öffentliche Ehren-Denkmäler geistiges Lebenwasser allen Völkern zuspritzen.

Aber für die Ehre tun wir nichts.

Wenn wir Kapitolium und Olympia einigermaßen ersetzen sollen, so müssen wir Enkel-Stolz einführen.

1097 Aber für Ahnen-Stolz tun wir alles.

Wenn auch alles dieses kein Oberer nur der Ausführung würdig achtet: so schreib' ichs doch.

Aber für die Ehre schreib' ich alles.

Morgenstrahlen im Jahr 1816

– Und für die Ehre wurde doch etwas getan. Die opfernde Auszeichnung des Volks errang eine belobende des Throns. Es ist wenigstens etwas; sobald man sich nur vom Irrziele umkehrt, so wird der kleinste umgewandte Schritt ein doppelter gegen das rechte Ziel. Aber nicht bloß der Krieg soll Betten der Ehre aufschlagen, auch der Friede; und dieser um so mehr, da er länger dauert und also mehre Bettfähige finden und machen kann. Indes hoff' ich, wir dürfen hoffen.

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