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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 5
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erste Nachdämmerung

Die geistige Gärung des deutschen Chaos

Kein Volk ist jetzo in einem solchen Elementen-Gefechte poetischer, philosophischer und politischer Bildung begriffen als das deutsche, indes die andern Völker um uns her entweder in befriedigter Einheit, oder matter Verblutung, oder selbstsüchtiger Kälte still umherliegen. Wir gleichen in der Philosophie, Dichtkunst und zum Teil in der Politik jenen alten Ketzern des Eutychiasmus, welche sich Acephali (Oberhauptlose) nannten, weil sie sich keinen Anführer andichten ließen. Unsere neue Vielgestaltung ist bloß die Anverwandte unserer alten. Für diese wird ein Geschichtschreiber Mütter genug finden. Nicht bloß darum, weil kein Volk so oft wanderte als (nach Herder) das deutsche, daher der Name Sweven von Schweifen, Vandalen von Wandeln – denn die Juden und Zigeuner machten die längste grand tour, die es gibt, aber als lauter von Ursitten versteinerte Gestalten –, sondern hauptsächlich deshalb, weil das reisende Deutschland zugleich auch ein durchreisetes ist von Kriegherren und Kauffahrtei-Kirwanen – und weil dieses Herz Europens alle Völker als Adern wässert – und weil Deutschland ein ganzes Volk von Völkchen, ein Land voll Ländchen und ein Spielplatz von Himmelsstrichen ist – und weil das vielgestaltete Reich der noch mehr gestaltige Grenzumkreis von Russen, Welschen, Galliern und noch dabei näher die Mannigfaltigkeit der halben oder Dreiviertelbrüderschaft von Schweizern, Holländern und Elsässern und Nordländern und Ungarn einfaßt – und endlich, weil die Deutschen fast auf allen ausländischen Thronen eine Zeitlang gesessen, welche als deutsche geistige Niederlassungen und Warenniederlassungen uns wieder eben darum fremde Waren zuschickten – nach allen diesen Einwirkungen und noch mehren mußte schon früher Deutschland den Steinen gleich werden, auf welchen die Abdrücke der ungleichartigsten Gegenstände von Pflanzen und von See- und von Landtieren zugleich erscheinen.

Jetzo nun vollends schaue man in unsere Vielgestaltigkeit, zuerst in die unserer Literatur. Seit den Xenien sind alle literarische 1078 Autoritäten untergraben, und die Autoritäten der Untergräber selber; jeder gilt durch Kraft, keiner durch Namen, vor welchem kaum der winzigste Kritiker mehr flieht. Nirgend und niemals standen sich Jugend und Alter in literarischen Schätzungen mehr entgegen als jetzo in Deutschland, wo der Greis ganz andere deutsche Musterwerke als der Jüngling kennt. In Paris und London hingegen ist der Ruhmtempel ihrer Klassiker eine Gesamt- oder Simultankirche von Alten und Jungen geblieben, so wie man bei uns zu Gellerts oder zu Wielands Zeiten über damaligen Dichterrang und zu Mendelssohns Zeit über Philosophenrang ziemlich einig gewesen.

In Madras werden dreiundzwanzig Sprachen gesprochenNiekamp im Auszuge aus den Missionsberichten in Ostindien, 1. T.; bloß ungefähr so viele Rechtschreibungen – die verschiedenen nicht einmal gerechnet, die derselbe Schriftsteller in verschiedenen Zeiten gebraucht –, aber noch mehre Prosa-Stile und noch mehre Poeten-Stile weisen wir auf. Jeder bläst, wie in der russischen Jägermusik, seinen einzigen Ton und achtet nur auf den Takt, ohne nach den Tönen der andern Mitspieler nur hinzuhören, weil er vielleicht weiß, daß in jedem Tone die ganze Musik auf- und abtöne.

Die französische Prose ist kaum verschiedner von deutscher, als solche deutsche Prosaisten voneinander selber es sind, wie da folgen: Herder – Wieland, Goethe – Schiller, Garve – Hamann, Johannes von Müller – Spalding, Fr. Jakobi – Engel, wozu noch kommen Klopstock, Hippel, Schleiermacher, Voß, Adam und Friedrich Müller, Fichte und Sturz. Gleichwohl verschwindet diese Mannigfaltigkeit als keine völlig gegen die weit breitere unter den Dichtern; denn da wir jetzo alle Gesang- und Ton-Arten aller Länder, die spanischen – indischen – griechischen – römischen – gallischen – galischen – altdeutschen – neuestdeutschen zu uns herübersingen: so gleichen wir in der Tat der leibhaften Menschenstimme, welche mit ihrem Singen aller Selblauter allein ein ganzes Konzert von Blasinstrumenten auf einmal ist, indes das Horn nur dem a ähnlich klingt, die Oboe nur dem i, die Klarinette nur dem e und so jedes Instrument einem andern 1079 Selblauter.Die Pestalozzische Gesangbildungslehre von Nägeli. Allerdings hat diese Wesenkette von regierenden Dichtungen und Dichtern, welche die beiden Messen beziehen, das Unangenehme, daß ein alter gekrönter Poet jährlich zweimal nicht zum besten empfangen wird, er mag mit noch so lang bis auf die Achseln hereinhangenden Lorbeerkränzen unter die Mitregenten treten; er hat in seinem Ruhmtempel so etwas von der Aussicht vor sich, die dem Zuchthäusler viel Zukunft versalzt, welchen halbjährlich an Ort und Stelle ein sogenannter Willkommen empfängt. Ja, damit man die Menge der verschiedenartigen Dichter weniger fühle, so macht es die Kritik mit den Dichterwerken wie die Pariser Polizei mit den Anschlagzetteln, welche sie jeden Abend herabreißt für frische. Auch erwäge man das beste Gegengift gegen das dichtende Allerlei und Bunterlei, nämlich das deutsche Gedächtnis; dieses läßt nämlich Leute nach Leuten durchfallen, und das gelehrte Deutschland ist ein schöner Tempel der Minerva, worin die Vergeßlichkeit ihren eignen Altar besaß.

Gleichwohl wünsche man diesen Erbfolgekrieg um die Zukunft nicht darum hinweg, weil etwan jugendliche Frechheit die Nachzügler einmischt. Wenn früher unsere Sprache nur ein unscheinbares Grubenkleid war, worin wir Glanz und Gold aus Tiefen holten: so ist sie jetzo schon selber mit diesem Gold besetzt und durchwirkt. Hält nun dieses freie Hineinarbeiten unserer Sprache in alle Sprach- und Dichtformen, dieses Einschmelzen, Zugießen, Ausschmieden und Feinziehen derselben nur noch ein zweites Halbjahrhundert an – ein deutscher Sprachfleiß, welchen die politischen Verhältnisse mehr befeuern als ersticken –: so öffnet sie ein so reiches volles Warenlager von Arbeit- und Reißzeug aller Art, daß, wenn ein zweiter Klopstock oder Goethe erscheint, welcher mit ihrem Reichtum so wuchert wie die ersten mit ihrer Armut, alsdann die moderne Dichtkunst vielleicht den sechsten Schöpfungtag begrüßt.

Wollen wir auf die deutschen Philosophien hinschauen! Jetzt haben wir deren so viele, daß nicht einmal der hungrigste Eklektiker noch eine neue mehr verlangt. Was Johannes von Müller 1080 bemerktIn seinen Essais historiques., daß die drei Päpste, welche im Jahre 1409 auf einmal da waren, durch ihr gegenseitiges Vorwerfen den Ruf päpstlicher Heiligkeit ins Fallen brachten: dies könnte man auf die drei so schnell einander nachrückenden Päpste Kant, Fichte und Schelling für den Ruf der Unfehlbarkeit behaupten; und es ist niemand zu verdenken, wenn er jetzo viele Systeme lieset wie ich, bloß um mit ihnen seine Turn-Übungen oder auch Scherz zu treiben, weil er, wenn Sulzer die Ode für eine erweiterte Ausrufung erklärt, so gern ein System als ein erweitertes Fragezeichen beschreibt. Aber dies gefällt wenigen philosophischen Statthaltern Christi, welche ihre Werke, was kein Dichter bei dem seinigen täte, für ewige und beste erklären. Fichte schwor und fluchte zum Grausen vor ganz Deutschland und vermaß sich gedruckt, er wolle in die Hölle fahren, wenn er sich je ändere; daher er vielleicht Gegner von Übergewicht, wie Schelling, nicht lieset, bloß um nicht verdammt zu werden, wenn er sich bekehrt. Jeder Systematiker bringt – wenn ich anders eine so entfernte Anspielung herbeiziehen darf – mit seiner Baumwolle sogleich die sogenannte Baumwollmühle mit, welche jene von allen Kernen bestens säubert.

Aber, beim Himmel, die Kerne sollen eben zu neuer aufgehen; und Kant würde ein lichtschlagender, anreizender Wohltäter Deutschlands bleiben, wäre sogar sein ganzes System ihm nachgestorben, um, wie er, bloß verklärt wieder aufzustehen. In Frankreich freilich ist nur eine Philosophie, wenn man der toten und tötenden der Enzyklopädisten diesen Namen gestatten will; aber dafür ist bei uns eine Zeit des Strebens nach allen philosophischen Richtungen hin, und jeder läuft von einem eignen Punkte des Umkreises aus, um in dem Mittelpunkt einzuschlagen. Kein Ausland kann unserer Wiederholung der einzigen philosophischen Olympiade Athens nachahmen oder nachkommen. Das Ausland bedarf längerer Zeit zum philosophischen Erlernen als wir zum Erfinden; und wir sind schon seit geraumer Zeit über Kant hinausgezogen, indes das Ausland mit allem Blättern noch nicht einmal in ihn hineingekommen.

1081 Jetzo in kurzer Zeit hat sich der philosophische Handel die höchste Bedingung seiner Fracht, eine Meerfreiheit erobert, wie sie bisher niemals in Deutschland war. Daß wir bei dieser Freiheit nicht griechische Sophisten und lateinische Scholastiker künftig laden und ans Land setzen, dafür bürgt uns die Gemeinschaft, welche der Deutsche immer zwischen Kopf und Herz unterhält und welche sich auch jetzo in seiner Philosophie durch deren Einmischen der Mystik und durch ihr Ausdehnen über alle Wissenzweige offenbart.

Was vollends das von der Naturphilosophie belebte infusorische Chaos anlangt, so zeigte noch kein Volk als unseres einen solchen Reichtum, Umfang und Unfug von Gleichungen, Polarisierungen und Trauungen auf, weil zu diesem Heere alle Wissenschaften ohne Ausnahme ihre Körper und Geister stellen; eine ungeheure Mischlehre von der Arznei-, Stern-, Natur-, Erdkunde und allen Wissenschaften auf einmal. Aber diese Algebra des Universums macht eben durch die Unzähligkeit ihrer Gleichungglieder die so unendlich-schwere und lange Rechnung leicht und verschieden, weil jeder die Wahl unter den Gliedern hat; daher uns die naturphilosophischen Parallellinealisten so oft das erneuerte Schauspiel der von Lessing bekämpften Harmonisten der Evangelien geben. Wer Zeit hätte, könnte Scherzes halber die Disharmonien unter den Harmonisten selber zusammenstellen, z. B. unter Schelling, Oken, Schubert, Steffens, Walther, Troxler, Görres etc. Aber wahrlich diese Disharmonie, diese Ungleichheit der Gleicher ist weniger Unglück als nur Weglänge zum Ziel. Die Dummheit beginnt, womit die Weisheit schließt, mit Frieden; dazwischen liegt der Krieg.

Der politische Gärbottich – wovor ein bekannter einsichtiger Braumeister stehtNämlich 1809. – brauset noch mehr durcheinander. Ein Mann im Hause Nro. 1809 hält dasselbe für deutsche Himmelfahrt, was der andere im Hause Nro. 1789 für Höllenfahrt erklärt, obgleich zwischen beiden Fahrten ein waagrechter Steig und Flug durchgeht; man kann jetzo fast über keine Partei mehr schreiben, ohne zwei Parteien zu beleidigen. Was in Deutschlands 1082 Veränderungen der eine für faulende Gärung ansieht, hält ein Verfasser des Jasons für geistige – ein dritter für weinsaure – ein vierter, wie ich, gar für die drei Gärungen, welche jedes Volk stets auf einmal zugleich durchmacht und aushält. Übrigens wird sich der neue richtigere politische Geist sowohl an Höfen, wo noch meistens die kenntnislose Ungläubigkeit an den Zeitgeist verhärtet, als in den tiefsten Ständen voll Druck und Nacht nicht so rein als im Mittelstande entwickeln. In diesem wird sich die rechte Ansicht der Zeit gerade so durch die Bekanntschaft mit den entgegengesetzten Ansichten am Ende ausbilden, wie durch Verbindung der Gläser, welche vergrößern, mit denen, welche verkleinern, das Sehrohr entsteht. Indes bleibt doch allen entgegengesetzten Parteien die Gemeinschaft eines erhöhten Liebe-Eifers für das Vaterland, und sogar denen, welche davon nur Ruinen noch finden wollen, erscheint es jetzo größer, so wie die Ruinen von Palmyra (nach Gibbon) dem Auge durch die leere Wüste umher erhabener vorkommen.

Aus einer solchen Kriegschule von arbeitenden Regungen in Philosophie, in Dichtkunst, in Politik zugleich – vollends gegenüber dem mehr fort anfeuernden als feuernden großen Franken-Reiche voll Reizmittel – muß Deutschlands Gestalt künftig zu hoher Stärke und Fertigkeit entfaltet hervortreten. Nur müssen wir den angefangenen Tag weder im Guten noch Bösen, etwa wie das bürgerliche Recht bei Vorteilen tutCivilis dies inceptus habetur pro completo; z. B. das Testament eines Minderjährigen gilt schon, obgleich am letzten Tage seiner Minderjährigkeit gemacht., schon für einen vollendeten ansehen; denn Völker haben oft Tage aus Daniels langen Wochen. Wir müssen uns nur nicht, weil (nach Buffon) zuweilen wirklich lebendige Küchlein ohne Eier geboren worden, darum unsere Eier auszubrüten schämen. Die Franzosen wurden zu den jetzigen Franzosen durch eine längere als die benannte Revolution oder Umwälzung gebildet und geballt. Laßt uns langsame Kalte keine kürzere fodern, wiewohl doch an der ihrigen sich die unsrige ihre Entwicklung verkürzen kann. Die gewöhnliche deutsche Verarbeitung und Verdauung ausländischer Formen 1083 wird aus diesen Saft und Blut von einem neuen Werte zubereiten, den man den Nährstoffen kaum angesehen, so wie wir es mit gallischer Chemie, Philosophie und Poesie getan. – Gesetzt übrigens sogar, was noch gar nicht ausgewogen ist, es arbeitete in der Zeitmasse ein Übergewicht giftiger Reize über gesunde: so braucht ihr nur an das europäische Mittelalter zu denken, wie mitten in einer erwiesenen Überlegenheit von Nacht und Druck sich politische Freiheit in England und Deutschland und kirchliche in Frankreich und zuletzt in ganz Europa wiedergeboren – und von welchen armseligen Anfängen und Zufälligkeiten damals weite Erleuchtung ausströmte – und wie sehr Päpste gerade durch Despotie nur ihre eignen Gegenpäpste wurden: – alsdann werdet ihr nachfühlen und voraussehen, durch wie wenige Lebenkräfte sich die bloß zum Leben geborne Menschheit auf Stufenjahren zu verjüngen weiß; gerade wie der einzelne Mensch gesund in der atmosphärischen Luft fortatmet, obgleich nur ¼ derselben Lebenluft ist, ¾ aber giftige.

Sei daher jeder wacker und unverzagt bei dem neuen – wenn nicht Aufbau, doch – Um- und Fortbau Deutschlands. Wenn MontaigneIII. 9. die etwas selbsüchtige Freude darüber bezeigt, daß seine Alters-Hinfälligkeit zugleich in die seines Vaterlandes einfalle: so erfreue sich jetzo vielmehr umgekehrt jeder seiner Jugend – dieses Brautstandes der Zukunft –, weil er damit länger und rüstiger am neuen Baue helfen und höhen kann, und schäme sich des feigen Sehnens nach Sterben. Denn gearbeitet muß doch einmal werden; von wem aber wird es feuriger geschehen, von einer schon eingewöhnten eingefahrnen Nachkommenschaft ohne Feuer der Neuheit oder von der jetzigen frischen Gesellschaft deutscher Gesellschaften zu höherem als literarischen Zweck, da schon Herder bei andern Vereinigungen, z. B. der Jesuiten, der Akademien, den höchsten Punkt ihres Wirkeifers in die Zeit ihrer Entstehung setzt? –

Ich habe diesen Edlen hier genannt. – Freilich ihm und Klopstock und Gleim und noch einigen Alten, welche genug getan für die vorige Zeit, bleibe aus einer neuen, wo ihre Jünger arbeiten 1084 sollen, ihr Wegziehen gegönnt. – Euer graues Haupt mit dem Lorbeerkranz liege, vom Grabe zugedeckt, ruhig unter dem Krieg- und Elend-Geschrei; denn manches wär' euch in euern sterbenden Jahren zu hart gefallen. – Aber du, noch so junger oder verjüngter Johannes von Müller, solltest nicht entflohen sein; du bauetest so schön der neuen Zeit die alte an und littest und schufest zugleich; – und suchtest in der Nachwelt Vorzeit. So wirke denn dir jeder Verwandte deines Sinnes nach und tue Gutes und Bestes, ohne etwas anders – nicht einmal die Hoffnung, geschweige die Furcht – zu befragen als sein Herz voll Vorwelt.

Morgenstrahlen im Jahre 1816

Vielleicht wäre der Ausdruck deutsches Chaos besser weggeblieben. Es gibt aber überhaupt nur ein beziehliches – ein geschaffenes wäre ein Widerspruch –, und jede Vergangenheit ist der Zukunft eines. Kein Gedankenstreit kann einen ewigen Frieden schließen, sondern nur einen Waffenstillstand für einen künftigen höhern Streit; und es wäre seltsam, zu erwarten, daß ein sechstausendjähriger Krieg sich gerade heute mit einem Frieden schlösse, der noch länger dauerte als er. Der philosophische Krieg scheint sich immer mehr in einen theologischen aufzulösen; denn wir haben jetzo neben den freien Christen Mittelchristen, Altchristen, Überchristen und Romchristen. Überhaupt scheint – wenn der gutgemeinte Ausdruck nicht zu kühn ist – der Deutsche ein geborner Christ zu sein; und nie kann die Religion aller Religionen das ehrliche, treue, warme, ruhige Herz der Deutschen verlassen, welche ihren Ernst weder durch Glut der Phantasie dichtend verflüchtigen, noch die Andacht durch bloßen Verstand vereisen. Unsere allseitige Mitte in allem, in Klima, Geist und Herz, eignet sich ja zum Mittelweg, welchen Tugend wie Christentum fodern.

Das Chaos, d. h. der Elementenkrieg in der Dichtkunst, von welchem der Aufsatz sprach, muß so lange, obwohl immer matter und friedlicher kämpfend, fortdauern, bis irgendein neuer Genius alle Richtungen durch eine neue auslöscht, welche anfangs wieder in feindliche und freundliche zerspringt. Nur spreche man uns, 1085 weil jeder Dichter, wie in manchen nordamerikanischen Dörfern jedes Haus, seine besondere Sprache hat, darum nicht die literarische Volkeigentümlichkeit ab, wie einige, sondern vielmehr eine eben deshalb zu; denn eben diese ästhetische lingua franca unterscheidet uns in ganz Europa; und der höchste Beweis davon ist, daß wir in keine fremde Sprache rein zu übertragen sind. Es ist mit den deutschen Köpfen wie mit den deutschen Gesichtern: an keiner Wirttafel sitzt ein solches physiognomisches Pickenick und Allerlei als an einer deutschen, wozu wohl manches beigetragen, nicht bloß der Umstand, daß vom dreißigjährigen Kriege an alle Völker unter uns Väter geworden; – und gleichwohl wird durch die ganze Welt das deutsche wechselnde Gesicht so gut erkannt als das stehende englische, welsche, russische, jüdische. Wenigstens möglich ists daher und der Weg auch da, daß die deutsche Dichtkunst einmal ihre so vielvölkerhafte Radien in ein centrum und maximum zusammenneigt, welches den poetischen Stein der Weisen darstellt – und die Eigentümlichkeiten aller Völker-Dichtungen in der höchsten Dichtung auslöscht oder verklärt.

Endlich sprach der Aufsatz im Jahr 1809 noch von Deutschlands politischen Chaos. – Aber dies ist noch da; die Spaltungen haben sich nicht ausgeglichen, sondern wieder gespalten und ausgedehnt. Indes wie soll es Einförmigkeit der Meinungen geben als unter einem Großsultan oder unter einem Kaiser von China? Nur in Staaten wie beider Gewalthaber bewegt das geistige Blut, die Meinung, sich nicht, sondern steht fest, aber fault und zersetzt nichts als sich selber. Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widersprechkünstler ist undenkbar; was ist aber Deutschland anders als ein Staatenbund von körperlichen Monarchien und einer geistigen Demokratie, oder doch unter einem Amphiktyongericht auf dem Druckblatte und an der Wirttafel? – Sogar Irrtümer und Verfinsterungen, welche den Zwiespalt begleiten, sind in der Tiefe der Stände Nebel, welche bloß betauen und belustigen. Nur wenn sie die Höhe der Stände besuchen, sind sie steigende Nebel, welche den heitern Himmel nicht anders zurückgeben als unter Regen und Blitz. So nehmen auch die Heuchelei, 1086 der Geiz, der Zorn, der Leichtsinn, die Voreile, die Lässigkeit erst auf den Thronen eine giftige Natur an, wie Pflanzen, die im Tale wenig schaden, auf den Bergen sich so giftig bilden, daß das Eisenhütlein droben nur in der Hand gehalten schon vergiftet.

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