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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 25
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.
Nachsommervögel gegen das Ende des Jahres 1816

Ich lasse hier den vorigen Dämmerungschmetterlingen einige Nachsommervögel nachfliegen – ihre Flügel tragen nicht viel Glanzstaub – ihre tausend Augen sehen nicht über ebenso viele Schmetterlinglängen hinaus – ihre Seltenheit ist nicht weit her – aber lasset sie ein wenig flattern und einige Eier für den Frühling legen, ehe sie vergehen mit dem Jahre.

1.
Die französischen Emigrés und Rémigrés

Der alte Emigranten-Adel gleicht einer vor einigen Jahrzehenden abgelaufenen Repetieruhr, die nach dem Drucke zu allen Stunden der Zeit nur die einzige angibt und wiederholt, bei welcher sie stehen geblieben.

2.
Frankreich

Unglückliches Land! – Ein Schiff, vom Wasser angefüllt und umgelegt, richtet gerade, wenn es untersinkt, noch einmal seine Masten empor. So hast du die deinigen, unglückliches, nur durch Zepterstiche leckes Land, zweimal aufgerichtet, das erste Mal im Sturm der Bastille, das zweite auf den unnützen Schlachtfeldern Napoleons. Wer kann dich emporheben? Ein Mensch schwerlich, eine Zeit vielleicht. 1185

3.
Die schönere Passionblume

Die alte der Gärten stellt die Marterwerkzeuge Christi dar, mit ihren Blattspitzen die Dornenkrone, mit ihrem Hute den Schwamm voll Galle, mit den blutfleckigen Fasern die Ruten und mit andern Teilen die Nägel, die Lanze, die Geißelsäule – nur nicht das Kreuz bildet sie nach. Kennt ihr nicht das Königreich, das einst eine große Passionblume war, und in dessen Blättern und Blüten alle Marterwerkzeuge erschienen? Ja; das Kreuz aber, das der kleinen Blume fehlte, hing es sich selber an, ein schönes und festes, das eiserne.Erwägt man, wie der preußische Staat immer nach geographischer und nach historischer Lage und Richtung Licht aus- und verbreitend gewesen, und daß die Lichtstrahlen in der letzten Zeit sich bei ihm zur hebenden Flamme des Staats verdichtet; – rechnet man darauf die Verwandlung des jugendlichen Lern- und Lehrstandes in einen Wehrstand dazu, der Prüfung und Aushärtung und Kräfte in jenen zurückgetragen: so kann man die Verlegung einer Hochschule in eine Hauptstadt, nämlich das Zusammengreifen, wenigstens Zusammenstehen großer Wissenschafter mit großen Staat- und Geschäftmännern, das wechselseitige Ineinanderknüpfen der Lehre ins Tun und das Erziehen der Jugend durch eine Pallas der Tapferkeit und der Weisheit, so kann man dies alles für ein großes Mittel der Zukunft ansehen, den Lücken der geographischen Abründung durch eine geistige abzuhelfen; da zumal die in diesem deutschen Staate mehr als gewöhnlich hinaus- und umwirkende Hauptstadt mit ihren geistigen Armen so gut über den Rhein hinreichen kann als nach Königsberg. Dabei waren bei einem Reiche, das auf so vielen Seiten anzufallen ist, doch auch Umstände gedenklich, wo es eben darum selber auf vielen Seiten anzufallen vermöchte.

4.
Erste Pflicht der deutschen Fürsten gegen deutsche Völker

Und welche wär' es unter so wichtigen Pflichten? – Ihren deutschen Völkern zu vertrauen. Was andere Völker erst für ihre republikanische Verfassung ausgestanden und dargebracht: dieses Blut und dieses Geld haben Deutsche im 30jährigen Krieg, wie bekannt, schon für die Hoheitrechte ihrer Fürsten geopfert; und wer kann das liebende Opferfeuer der Altbaiern, Tiroler, Hessen, Brandenburger, Ostpreußen, Pommern, Sachsen für ihre Stammfürsten auch auf entgegengesetzten Standhöhen anders 1186 anschauen als erhebend! – Bedenkt, ihr Fürsten, daß die Völker euch gegen den allmächtigen Prätendenten Europens vielleicht treuer geblieben als ihr ihnen gegen ihn, und daß sie dies zu einer Zeit getan, wo er euere Thronen zu Treppen, ja Treppengeländern des seinigen unterstellte, oder wo er unter dem Zeideln eines Landes wie ein ungeschickter Bienenvater den Weisel desselben mit dem Zeidelmesser zerschnitt.

Bedenkt, um zu vertrauen, daß dem Volke nicht so viel Hefe von der französischen Umwälzung nachgeblieben als manchen Fürsten Schaum von dem zurückwälzenden Prorektor derselben, und daß nur Völker durch ausländischen Druck und einheimisches Leiden Spannkräfte gewinnen, nicht aber deren Herrscher, ja diese nicht einmal durch ausländische Nachhülfe. Dieses Volk tat das Höchste für euch, nämlich nicht etwa den ersten Feldzug nach Paris, sondern den zweiten. Nichts wiederholt sich schwerer als die Begeisterung; aber doch wiederholte das Volk; und zwar mitten im Glauben, daß ihm die zweite Begeisterung und Opferung vielleicht wäre zu ersparen gewesen.

Und was hat denn – bedenkt – dieses Aufflammen und Widerflammen, dieses Ballen sogar der Schreibhand zur Kriegfaust, dieses Überspringen aus der Bücher-Stube des Friedens in die Lager der Gewalt und das Einüben und Gewohnen darin, dieses Stärken und Berauschen der Jünglingherzen gegen den Feind durch altdeutsche Blumen und neudeutsche Blüten der Dichtkunst – so wie Juno bloß durch einer Blume Anrühren den Mars empfangen und geboren –, was hat denn alles dies in neuem tapfern und warmen Bürgern hervorgebracht oder doch vermehrt? Nichts als die Achtung für Recht und euch; das sittliche Gefühl, das gegen außen in rächender Gestalt erschien, nahm gegen innen eine gehorchende an.Welche erquickende Erscheinungen dieser Art wären hier anzuführen: die hessischen Landstände und Offiziere in ihren Vorstellungen, die würtembergischen Landstände, die Bauern am Diemel, sogar die Musensöhne verschiedener Hochschulen in der Abstellung ihrer Landmannschaften u. s. w.! Und warum soll man nicht auch kleinere Fürsten, insofern sie Deutsche sind, in die glänzende Reihe aufnehmen (wie zuerst die von Weimar, Koburg, Hildburghausen, Nassau etc.), welche den größern zu Mustern verbleiben können!

1187 Bedenkt, Fürsten – damit ihr vertrauet –, daß nicht einmal auswärtige Machthaber, welche uns mit republikanischen Hochzeiten heimsuchten, doch von uns keine gallischen Bluthochzeiten zu besorgen hatten, und daß die Deutschen, wie ihre britischen Anverwandten so gern gesetzmäßig verbunden, zu Eidgenossenschaften, zu Hansebündnissen, zu Brüderschaften, zu Gilden, zu wissenschaftlichen Gesellschaften aller Art, sich doch zu nichts seltener verknüpfen als zu einem Aufruhr, zu einer sizilischen Vesper – nämlich gegen Fremde nicht einmal; denn um so weniger ist vom Innern die Rede. Für Thronen gilt wohl, was für die Berge, daß die auf ihnen wohnenden Wetterwolken immer ins Tal des Volks einschlagen, hingegen die gewitterhaften Täler und Ebnen blitzen selten hinaufwärts.

Bedenkt, um zu vertrauen, wie sie euch vertrauen und ihre Hoffnungen ruhig der höhern Wahl und Krönung in der Bundes-Stadt aufheben, wo sonst auch andere Hoffnungen, ja zuweilen Befürchtungen die ihrigen gefunden.

Wenn ihr nun, ihr Fürsten, dieses harmlose, rachlose, nie heuchlerische, nie meuterische Volk zu würdigen versteht, diesen Schatz von Landes-Kindern, von welchen ihr euch sicherer bewachen laßt als sich der scheue Tyrann Dionys von bloßen Kindern, – wenn ihr den seit Tacitus' Zeiten bestehenden Tugendbund eines zu keinem Lasterbunde fähigen Volkes anerkennt, aus welchem das Zwillinggestirn eines Fürstenbundes und später einer Völkerschlacht aufgegangen: wem werdet ihr vertrauen, dem mehr als tausendjährigen deutschen Tugendbunde? Oder dem Schmalzischen geheimen Rate?

5.
Gesetze des Friedens

Die Handhabung des Friedens wird uns jetzo vielleicht schwerer als die des Kriegs; und doch ist jene die wichtigere. Das alte athenische Gesetz sollte gelten, welches die Früchte des Ölbaums auf der Burg Athens nur unschuldigen Kindern zu pflücken erlaubte; aber die Siege im Krieg werden gewöhnlich sittlicher erfochten als die diplomatischen und ministeriellen im Frieden. 1188

6.
Ende jeder unsittlichen Gewalt

Sie endigt wie die reißenden Strom-Wirbel, welche ihren Kessel zuletzt so sehr ausweiten und aushöhlen, daß sie selber untergehen und stehen müssen.

7.
Kraft des Lichts

Fürsten, lasset es euch täglich aus der neuesten Krieggeschichte wiederholen, weil ihrs täglich vergeßt, daß Einsichten des Volks Kräfte verleihen und Licht Feuer gibt; in der Geschichte hat, wie in der Göttergeschichte, Minerva am meisten die Götter gegen die Giganten beschirmt. – Nicht die feurigen, sondern die lichten Völker überwinden zuletzt und dauern am längsten aus. Welches Sklaven-Volk hat nicht seine Leidenschaften und seine Glut und folglich seinen Mut von den Mongolen an bis zu den Algierern! – Einsichten hingegen, durch alle Klassen verbreitet, wie z. B. im britischen Staate, wirken in allen Verhältnissen und nach allen Richtungen hin und begaben mit einer festern Ausdauer langwieriger Lasten als alles flüchtige Feuer des Eifers. Kraft und Freiheit des Denkens sind die Sonnenstrahlen des Staats, an welchen alles Herbe sich versüßt; so wie die Pflanzen bei aller Wärme und Luft und Nässe kraft- und farblos bleiben, wenn sie keine Sonne beseelt.

8.
Fortschritte der Menschheit und einzelner Völker

Macht unser Volk einen Fortschritt oder gar einen Aufflug: so glauben wir sogleich, die ganze Menschheit sei mitgefolgt und nachgeflogen. Erblicken wir die Mitfolge nicht: so jammern wir über den großen Stillstand der Welt und verzagen an der Zeit, welche doch so viele tausend Hände hat und stets unzählige zum Geben übrig behält; denn wir vergessen, daß ja das Ganze auch gegangen, nur aber in einem größern Himmel. Ebenso kommt es 1189 uns vor, der Mond laufe und eile, wenn unter ihm die irdischen Wolken fliegen; verwundern uns aber, daß er ungeachtet des Scheins nicht aus seiner Stelle gewichen, bis wir endlich einsehen, daß auch er weitergerückt, nur in einem größern Himmel, als der unserer Wolken ist. – Einen bloßen Nachsommer kann es nur für einzelne Völker geben; aber die Menschheit selber kann keinen Vor-, höchstens nur einen Nachwinter haben.

9.
Gericht über Staaten

Wird vor Gottes Gericht der Schuldige vorbeschieden vom Unschuldigen, so muß er sterben und erscheinen. Dieser Glaube wird zuerst an Staaten wahr, wenn die Unschuld zu Gott schreit nach Gericht, und sie gehen unter mit ihren Mächtigen und werden gerichtet.

10.
Licht-Propaganda von oben herab

Allerdings bauen jetzo sogar fast harte Fürsten die Geister ihrer Untertanen mit Eifer an, doch aber so, daß sie diesem geistigen Wachstum eine gewisse Grenze setzen; so wie der Bierbrauer – um ein sehr gemeines Beispiel zu gebrauchen – die Malzkörner durch Treibhauskünste keimen, aber den Keim nicht länger als zwei Linien eines Zolls aufschießen läßt, weil sie sonst auf dem Darrofen zu keinem tauglichen Malz einwelken. –

Dennoch würd' ich neuerer Zeiten als Fürst an folgendes denken. Die Völker können sehr leicht gut angekorkten, fürstlich zugesiegelten Bier- oder Champagner-Flaschen ähnlich sein, in welchen so lange der versperrte Geist ohne Schäumen ruht und wächst, solange der Kork nicht herausgezogen worden; darnach aber wirds anders: unaufhörlich steigen die Blasen und Perlen und geisten fort, auch wenn wieder der Stöpsel daraufgedrückt worden. In Europa wird sich nun in einem fort Luft aus den geöffneten Flaschen- oder Körperhälsen entwickeln, die Fürsten mögen so versteckt als möglich verstopfen wollen, entweder mit 1190 durchsichtigen Glasstöpseln, oder, wie die Welschen den Wein, mit weichem Olivenöl. Nur über das Herz der Völker haben die Gewalthaber mehr Gewalt als über das Gehirn derselben; und Völker werden leichter vergiftet als verfinstert.

11.
Frühere Hoffnungen

Ist man von Gebirgen umgeben, so stellen sich alle Gegenstände zu nahe vor. So zeigten uns die Höhen und Größen der kriegerischen Zeit ähnliche Höhen der friedlichen zu nahe und darum zu groß.

12.
Nutzanwendung nicht der Fastenpredigten, sondern der Zeit

Es gibt Wendezeiten oder Quatember der politischen Witterung, Entscheidpunkte für Staaten, welche von oben kommen, aber von einem höhern Oben, als die irdischen Obern einnehmen; – diese Zeiten halte man heilig und tue das Beste darin, was man vermag. Eine solche Höhenzeit stand sonnenwarm über Griechenland nach dem Siege über Xerxes: in ihr sprangen alle alte Blüten auf, und alle junge Früchte reiften. Eine solche Zeit arbeitet jetzo in Deutschland nach dem Siege über den neuesten Xerxes – und zwar in Deutschland am meisten; denn nur dieses litt am längsten und härtesten, und nur in ihm wurden Länder und Jahrhunderte mit Kanonenrädern untergeackert zum Brachliegen oder zum Unkrautwuchs oder gegen fremde Absicht zur frischesten Aufblüte und zum Vollwuchs.

Wie Gesichter und Krankheiten der Großväter oft über die Väter hinweg und auf die Enkel springen: so sind wir unsern Großvätern geistig vielleicht ähnlicher geworden als unsern Vätern, und eine ältere Vergangenheit schlägt wieder grünend aus, auf einige Zeit wenigstens. Aber in dieser Zeit, aufgegangen durch eine am politischen Himmel wie am blauen gleich seltene Zusammenkunft der obern Planeten, kann nur erst recht geerntet werden, 1191 wenn wir das Ackern nicht für das Säen halten, oder unser überwundenes Leiden für abgeschlossenes Handeln. Wir sind erst der bittern Vergangenheit los, aber der fruchttragenden süßreifen Zukunft noch nicht Herr. Glaubt ihr denn, daß die höhern Weltmänner, die Selbstsüchtigen des Geldes und der Lust, die Eng- und Kaltherzigen, die Klüglinge und die einer jugendlichen frischen Welt längst Abgestorbnen auf einmal sich in einen pythagorischen Bund verwandelt haben? Oder glaubt ihr, daß das Volk unten, das in der Feuersbrunst des Kriegs aus Not und Rache mit einer Verdoppelung von Kräften Riesenlasten bewegte und Rettwunder verrichtete, jetzo im Frieden die Anspannung werde wiederholen anstatt nachlassen wollen, und daß es aus dem Kriege als ein republikanisches Heer alter römischer Plebejer nachgeblieben? –

Im Volke muß daher öffentlicher Geist, großer Gemeinsinn erst gebildet werden, und zwar dadurch, daß man ihn befriedigt; und wie man alles Höchste erst durch das Besitzen erkennt und Gutes tun muß, um es recht zu lieben: so muß das Volk höhere Güter freier Regierung umsonst bekommen, um ihrer nachher würdig zu werden. Nur der Landtag kann das Volk – so wie der Bundtag Deutschland – zu Gemeinsinn erhöhen und durch ihn verknüpfen; denn unter allen geistigen Erhebungen des Volks gibt es, außer dem Kriege für das Vaterland, nichts im Frieden außer der Presse, welche einmal in einem größern Königreiche beinahe die Landstände ersetzte, nichts weiter als diese selber frei, vollständig und ausgewählt. So wird das Volk seine Verfassung, nicht bloß den persönlichen Fürsten lieben und wird sein Glück nicht bloß in Abwesenheit der Krieg- und der Friedenübel und persönlicher Lasten, sondern im Genusse allgemeiner Rechte suchen lernen. Wie tiefer würde jetzo ein Druck im Frieden gegen die Erde beugen als ein vorüberlaufender im Kriege! Das Volk, das euch künftig umgibt, kein erniedrigtes, sondern ein aufgerichtetes, ihr Fürsten und ihr Staatenlenker, nur dieses malt euch groß in der Geschichte, aber nicht schimmernde Siege mit dem Schwerte, oder Ländergewinste mit der Feder; so wie ein See – wenn dieses Bild nicht zu kleinlich ist – seine Schönheit 1192 nicht von seiner Ausdehnung, sondern von seiner Umgebung mit Ufern gewinnt, die in ihm Fluren und Weinhügel und Dörfer spiegeln.

Den Fürsten stehen nun zum mächtigsten heiligsten Einwirken die Kräfte einer von der Zeit beseelten Jugend zu Gebote, welche den Fahnenschwur, sich und Feinde aufzuopfern, auch im Frieden halten und jetzo ebenso willig für ihre Bürger als vorher für diese und ihre Fürsten streiten wollen. Den Fürsten stehen außer diesen Feuergeistern noch die Lichtgeister der Zeit zur Seite, eine Cincinnatusgesellschaft hochgesinnter Schriftsteller in allen deutschen Kreisen und in allen wissenschaftlichen Fächern; und vor diesen, an welche sich noch ihre Lehrer und Zöglinge, große Heerführer, Geschäft-, Staat- und Weltmänner reihen, gleichsam Uhren in einer großen Stadt, welche, alle ineinander schlagend, zwar das Zählen erschweren, aber doch alle eine Stunde ansagen, vor diesen können Fürsten mit keinem Mangel an treuen warmen Gehülfen oder an fremder Vorbearbeitung sich entschuldigen, ja nicht einmal mit einem Mangel an fürstlichen Mustern und Vorgängern selber, wenn sie im Besitze solcher Hände, Herzen und Köpfe den ewigen Ruhm versäumen, ein schöneres Deutschland zu pflanzen, als das halb verwelkte, halb gemähte gewesen, ein frisches Deutschland, das künftig noch stärker bewaffnete und schneidende Sieg- und Sichelwagen aufhält, abspannt und zerbricht, als die sind, die das alte kahl geschnitten haben.

Bedenkt noch, ihr gekrönten und besternten Machthaber aller Art: ihr tragt in der Zukunft entweder alle Schuld, oder allen Glanz. Tausend Sterne oder Sonnen steigen und sinken am Tage; niemand sieht sie und ihr Gehen; nur die Sonne allein geht uns. So siegen und sterben auf dem Schlachtfelde Tausende unbemerkt, und nur der siegende und fallende Held wird mit seinen Strahlen gesehen und genannt; und ebenso durchlaufen im Bürgerleben hundert leuchtende Geister ihren Morgen und Abend unsichtbar. – Und so ist euer Vor-Glück, ihr Hohen, zu beneiden, wenn sich in dasselbe das allgemeine verbirgt. – Doch wie die kleinen Sterne unsern Tag unscheinbar verlassen, aber in der Nacht der neuen Welt zum Schimmern aufgehen: so zeigen auch 1193 die unbemerkten Geistersterne einstens in der andern Welt ihre Strahlen und stehen unter den Sonnen.

– Auch diese Fastenpredigten schließt der Verfasser – der, dem Allgütigen dankend, gern die Arzenei der Vergangenheit über die genesene Gegenwart verschmerzt – wiederum mit seinen Hoffnungen und Aussichten; und diese werden, da die vorigen sogar im weiten Nebel der Zeit zuletzt wahr geworden, wohl noch leichter sich jetzo erfüllen, wo der Nebel gefallen ist und als Tau in den Blumen liegt und die Morgensonne hinter den Höhen steht und nach dem Vergolden zu erleuchten anfängt.

 

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