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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 23
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel,

worin der blutige Krieg in einen andern übergeht, Zeitungschreiber glänzen und ein Anfang zum Ende der ganzen Sache gemacht wird

Die ersten, welche beide Feldherren in den eroberten Residenzen vor sich kommen ließen, waren die Zeitungschreiber derselben; Tiberius machte dem großlausauischen, dem Herausgeber des patriotischen Archivs für Großlausau – einem bösen Possenreißer und Mokierspieler –, bekannt, es komme jetzt nur auf ihn selber an, wie viele Prügel er sich wöchentlich erschreiben wolle, indem man ihm kein Haar krümmen würde – wobei der Schreiber, ein Krauskopf, halb lächelte, nämlich mit der linken Mundecke –, wenn er ihn und den Feldzug gehörig würdige, nämlich hoch genug, und der Welt das Beste davon sage, wiewohl man ihm übrigens gern gestatte, seine satirische Kollerader gegen seine Landsleute schwellen zu lassen. Der patriotische Archivarius versetzte: »Mit Freuden, denn mir kanns einerlei sein, wen ich auslache, sobald ich mich künftig gedeckt sehe. Ein Pritschenmeister und ein Knittelversmacher wäre ja ein Stocknarr im eigentlichsten Sinne, wenn er Knittel und Stock selber fühlen wollte.« Tiberius versprach ihm das Fiskalat oder auch ein Polizeikommissariat in seinem Lande. – Und Schnabel (so hieß der Redner) hielt auch 1174 Farbe und Wort; und mit Vergnügen bekennt der Verfasser dieser Groteske, daß er Schnabeln manche dunkle Mitteltinte verdankt, welche zur höhnischen Darstellung, z. B. der Großlausauer Galgenarrestanten, nur aus dessen patriotischen Archive zu holen war.

Fürst Maria hingegen, welcher den Zeitungschreiber des Kriegboten von und für Kauzen, namens Maus, zu sich berief, ließ den engen bangen Mann gar nicht ohne Höflichkeit an, vielmehr bezeigte er ihm Hoffnung, Maus selber werde den kauzischen Kriegboten wohl nicht mißbrauchen, fremde Verdienste, wenn auch feindliche, zu verkleinern; so wie auch er den Verfasser des Kriegboten so sehr achte, daß er ihm den Charakter eines Großlausauer Kriegrats auf der Stelle erteile. Das war zuviel für Maus; so gelobt und gelabt, fiel er ihm zwar nicht zu Füßen, aber auf die eignen vier innern und versprach alles, was in seinen Kräften stand.

Freilich stand in diesen nicht viel, und diese sehr unter den Schnabelschen. Indes hob doch Maus noch abends im Druck an dem seltenen Fürsten Maria den milden Eroberer, den mildernden Stadtgouverneur und einsichtigen Feldherrn heraus, ohne sehr gegen den Zeitungschreiber Schnabel oder seine Landmannschaft zu schreiben, teils aus Angst vor beiden, teils aus Achtung. Ein guter Mann! wenn auch kein seltner! Im ganzen auch ein verständiger. Der erste Artikel des Kriegboten unter dem Titel »Kurzes Résumé des Kriegs« (er liegt mir vor) bekränzt am meisten den Fürsten Maria, als Ur- und Bewindheber des Ausgangs, und läßt die Verdienste der Schneider dahingestellt. Sein Gleichnis dabei gefällt denn doch: wie nämlich große Maler, z. B. Rubens, Raffael, sagt er, Schlachtenstücke mit Kraft entwerfen, und dann ihren Schülern das andere zur Ausführung übergeben, ohne daß darum die Stücke den Namen ihres hohen Urhebers zu entbehren hatten: so macht der Fürst den Entwurf zu einem Kriege, und lässet dann seine Schüler, die Krieger, an der Ausführung mitarbeiten, gleichsam ein zweiter Claude-Lorrain, der den Kriegschauplatz, wie der erste die Landschaften, selber bestimmt, und die Menschen, wie dieser, von andern bestimmen läßt.

Ich will einen Augenblick über Zeitungschreiber nachsinnen 1175 und dann erwägen, ob ihre nicht gemeine Fertigkeit, durch einen Sieg des Feindes plötzlich, wie oft der Magnet durch einen Blitzstrahl, die Pole umzutauschen – der abstieß, zieht jetzo an –, mehr zu wünschen, oder mehr zu verwünschen sei. Allerdings hat auf der einen Seite die Anlage ihr Gutes, die zum Wechsel mit Tadel; ja sie ist vielleicht ein so reiches Geschenk der Natur als das, welches sie jenem mißgebornen Knaben mit zwei Steißen gemachtBriefe über Indien, im Freimütigen von 1805., unter welchen der Junge – da beide echter waren als sonst bei einer Dame mit einem Pariser Cul – denjenigen nach Belieben auslesen konnte, womit er zu Stuhle gehen wollte; wie gesagt, ein Zeitungschreiber, der zwei solche Hinterteile für entgegengesetzte Parteien bereit hat, um eines davon jeder geschlagnen zu zeigen, gewinnt stets Ruhm und Schirm von der siegenden.

Auf der andern Seite ist leider nicht zu bergen, daß ein solcher Schreiber mir ähnlich ist, als ich noch Philosoph war, oder andern, die es noch sind. Ich erinnere mich deutlich, daß ich als Stubengelehrter in meiner Studierstube saß und das Kantische Lehrgebäude für mich wie eine gute Loge zum hohen Licht im Kopfe trug, als ein Teufel von Buchhändler mir einen Bücherballen von Änesidemus und Fichte und andern ins Haus schickte, wovon ich schon vorher durch andere erfahren, daß der Ballen das Lehrgebäude erschüttere. »Jetzo um 1 Uhr bist du noch«, sagt' ich auf- und abgehend, »glücklich und kantisch und sitzest fest und froh auf deinem kritischen Dreifuß; nun kommts auf dich an, wann du das noch eingepackte System annimmst, das dem Dreifuß die Beine abbricht.« Ich entschloß mich aus Vorliebe, noch die ganze Nacht zu den Kantianern zu gehören und erst am Morgen den Ballen aufzuschnüren, um später zu renegieren. Es würde Schmerzen geben, wenn ich meine Empfindung vom Lebewohl der Kritik, und wie ich diese ordentlich noch einmal glaubend überlief unter dem Aufschnüren, malen wollte. Was half mirs aber, daß ich wieder ein gutes Lehrgebäude am Fichtischen Universitätgebäude und Sakramenthäuschen bekam und darin mich als Mietmann setzte, als gar zu bald ein Schellingscher Ballen einlief! – Ich sagte aber trotzig: »Dieses neue System 1176 will ich noch annehmen, und zum Überflusse hernach das, welches wieder jenes umwirft; aber dann soll mich der Henker holen, wenn ich – bei meinem Ordinariat philosophischer Fakultäten – es nicht anders mache.« Aber ich mach' es auch jetzo anders: ich lasse gewöhnlich sechs oder acht Systeme zusammenkommen und lese das widerlegende früher als das widerlegte und weiß mich also durch dieses Rückwärts-Lesen – wie die Hexen mit dem Rückwärts-Beten des Vaterunsers bezaubern – so glücklich zu entzaubern, daß ich jetzo, wenn ich mir nicht zuviel zutraue, vielleicht der Mann bin, der gar kein System hat. Heimliches Mitleid heg' ich daher, wenn ich nach der Ostermesse neben einem systematischen Kopfe in einem Buchladen stehe und ihn überall von neuen Lehrgebäuden umstellt finde, welche jede Minute, sobald er eines aufschlägt, ihn ummünzen können und zum Selber-Wechselbalge umtauschen. »O Sie Unschuldiger!« sag' ich dann.

Wir kehren zu Krieg und Zeitung zurück. – Die Truppen beider Mächte blieben in den feindlichen Städten fest; ohnehin war wechselseitiges Erobern der Städte, bei diesem Mangel an allem groben Geschütz, sogar an vernageltem, unmöglich; und Herauswagen aus der Feindes-Stadt unratsam, weil die feindlichen Bürger das Tor zuwerfen konnten, und der Landesherr, von seiner Hauptstadt abgeschnitten, draußen im nackten Freien stand. Beide Feldherren schienen Windmühlen in Tälern zu sein, denen nur zwei Winde zu Gebote stehen. Man brachte also, mochte man noch so großen Kriegrat halten, keinen andern Rat heraus als den zu täglichen kleinen Streifcorps oder Streiflichtern, damit doch die Dörfer und die feindlichen Streifcorps auch etwas empfinden. Aber diese Scharmützel-Partien waren eben die Engel der Zeitungschreiber, nämlich ihre Zeitungkorrespondenten, so wie die Marodeurs ihre Colporteurs, damit jeder Gazettier sich am andern chagrinierte – O mein Campe und Kolbe!

Einige Artikel seien mir aus Schnabels patriotischem Archiv einzurücken erlaubt; ich würde mehre ausziehen, wäre nicht seine Geschicht-Muse eine prima donna buffa. Der Artikel im Sonntagblatt sagt, sie hätten vor der Schlacht am Galgenberg die schöne altdeutsche Sitte zurücknachgeahmt, sich Leichentext und 1177 Sarg bei Lebzeiten zu bestellen. Darauf erhebt er mehre vom Regimentstabe Mariens und sagt, sie wären in ihrer Kühnheit ganz so ins feindliche Lager gegangen, wie sonst Trompeter in eines geführt werden, nämlich mit verbundenen Augen, wiewohl diese Blindheit den Operationen mehr geschadet als genützt. Hämisch fällt er gegen einen der besten Offiziere aus, von welchem er sagt, er sei weit mehr von der Liebe als vom Hasse beschädigt worden, – und führt versteckt die verletzte Stelle an, die Nase, von welcher er behauptet, er habe sie als tapferer Mann verloren, weil er dem feindlichen Geschlechte stets die Stirne geboten. Er will ihn zwar nachher damit entschuldigen, daß nach einer bekannten Bemerkung an alten Bildsäulen gerade die Nasen am meisten beschädigt sind, bringt auch die scheinheilige Fiktion bei, daß, so wie jener Mann Sitzen mied, weil er sich für gläsern hielt, ein anderer das Stehen im Feuer fürchten kann, weil er seiner Nase, nach der rhetorischen Figur pars pro toto, folgt und sich selber für wächsern hält; aber im ganzen will er ihn doch lächerlich machen.

Weniger zweideutig ist das Montagblatt desselben Schnabels. Es lautet wörtlich so:

»Unser Tiberius hat wieder gesiegt, nicht über den Fürst Maria Puer, sondern über dessen Truppen, so weit sie vorkriechen, und zwar in einem Kruge. Nur sage man nicht vorher, ehe ich weiter beschreibe, daß solches Wirtshäuser-Plänkern nichts entscheide und beweise; freilich kanns anfangs bloß beweisen, und nur später entscheiden; denn ein Plänkler macht ein Streifcorps, Streifcorps ein Regiment, Regimenter das Heer.

Ein Tambour vom Regiment Tiberius' traf in einer Kneipe auf zwei feindliche Flügel, wovon jeder einen Mann stark war. Aber der Trommler postierte sich dem Heere kühn entgegen an einem Tische und foderte sein Glas. Er sah scharf beide Flügel an, und Grattenauers Bemerkung konnt' ihm bekannt sein, daß zwar in sonstigen Kriegen die Gesundbrunnen für neutral gehalten wurden, aber nicht in jetzigen; und in der Tat sind Kneipen, Krüge und Wirtshäuser – diese Gesundbrunnen gesunder Trinkgäste – die gewöhnlichen Kriegschauplätze, wo die Krieger gerade das, was sie am meisten gebrauchen und am nächsten besitzen, 1178 Stuhlbeine und Krüge, zu Waffen umarbeiten, gleichsam Glocken zu Kanonen, und so trunken Trauerspiele miteinander spielen; daher die Griechen mit so feinem Sinne den Bacchus, nicht den Apollo zum Patrone der Tragödie erlesen. Wenn übrigens IsenflammÜber die Nerven. recht hat, daß nichts so schnell nüchtern macht als eine Verwundung: so sind Wunden wohl nirgends heilsamer angebracht als in Häusern, wo Trunkenheit an der Tag- und Nachtordnung ist, und ein leerer Krug stellt, gut geworfen, an Köpfen alles wieder her, was der volle in ihnen eingerissen. – Kurz der Trommelschläger nahm nach kurzem Rekognoszieren der Gesichter beider Flügel seine Trommelschlegel und schlug mit dem rechten Schlegel den rechten Flügel, mit dem linken den linken – dermaßen aufs Haupt, daß aus letztem einiges Blut floß. Seine wahren Absichten dabei sind, wenn nicht unbekannt, doch streitig; denn auf der einen Seite nimmt der Feind an, der Tambour habe beiden Flügeln nur zur Ader gelassen, weil sie zu unerschrocken gegen ihn gewesen, womit der Feind auf die Römer anspielen kann, welche den Sklaven, die zu kühn auftraten, zur Ader ließen; auf der andern nimmt der Freund mit mir an, der Pauker habe durch einige Kopfwunden nur das Gedächtnis der Marianer, ihre Niederlage betreffend, stärken und auffrischen wollen, da bekanntlich Kopfwunden oft so stärkend auf das Gedächtnis wirkten wie Kräutermützen.«Nikolai in seiner Fortsetzung der Pathologie führt aus Petrarch an, daß Papst Clemens VI. sein ungeheueres Gedächtnis bloß einer Kopfwunde verdankte.

Wahrhaft verwegen wars noch, daß der Zeitungschreiber mitten in der Hauptstadt seines vorigen Fürsten sich erkeckte, dem Blatte eine Extrablatt anzuhängen, worin er den Marianern vorwarf, daß sie eine der erbärmlichsten Aussprachen hätten, da sie nicht einmal v von f zu unterscheiden wüßten, so daß er, wenn sie sonst vor dem Schloßhofe ihres Fürsten Vivat gerufen hätten, leider mit seinem geübteren Ohre immer gehöret habe: Fi! Fat! – was aber gänzlich den Sinn entstelle.

Es wäre zu weitläuftig, noch aus dem Dienstag-, Mittwoch-, 1179 Donnerstag-, Freitag-, Sonnabendblatte auszuziehen; genug er ärgerte damit ihren Mausen halb tot, wie mit Giftblättern.

Der Zeitungschreiber Maus schränkte sich mehr auf das Loben des Fürsten Maria ein und berührte die Trödler oder Tiberianer nur seitwärts, um nicht von ihnen anders und vorwärts berührt zu werden. Bloß beiher malt er ihre Eß- und Verkauflust aus, welche sie verspürt haben sollen, als sie neben einer offnen Kirchweih in einem ausländischen Grenzdorfe – nur zwei Schritte von ihnen – sich bloß mit Feinden herumzuschlagen hatten, anstatt Essen und Geld einzunehmen. Indes erinnern ihre Begierden und ihr Schicksal in der Beschreibung zu sehr an jene Hunde, welche als (aufrecht) stehende Truppe in menschlicher Draperie ein Lustspiel geben müssen – jämmerlich sehen die stummen Figuranten einander auf die halb sichtbaren Schwänze – die Peitsche ist ihre dea ex machina in ihren Forcerollen – und die Statisten sehnen sich umsonst von ihren Kothurnen, d. h. von ihren zwei Füßen auf ihre vier niederzufallen und ganz andere Erkennungen als theatralische darzustellen. Unlust genug für ein Lustspiel!

Zuletzt aber zankten sich die Zeitungschreiber immer wilder – Schnabel setzte den gelassenen Maus ganz außer sich – Wortspiele über die Namen, z. B. sich mausig machen, oder schreiben, wie der Schnabel gewachsen, waren posttägliche Sachen – Maus ließ, so wie jener Schlachtenmaler zur Begeisterung des Pinsels Krieginstrumente um sich zu spielen befahl, gewöhnlich eine Trompete neben sich blasen, damit er besser in die weitere der Fama stieße – Kurz der Krieg war nun vom Festland aufs Papier gespielt, und beide Schreiber verwandelten sich zuletzt ernstlich in die Parteigänger, welche sie anfangs nur aus Schein auf fürstliches Drohen hatten spielen wollen.

Ganz anders fiels mit beiden Kriegvölkern aus. Der Krieg hatte nun schon so lange gedauert, so viele Tage als der siebenjährige Jahre, eine Woche lange, mithin nur einen Tag kürzer als ein sinesisches Trauerspiel von acht Tagen, indes Corneille die Trauerzeit gleichsam wie ein voriger Magdeburger Festungkommandant nur auf Stunden einschränkte. In beiden Residenzstädten fraßen die Truppen mit Wetteifer, doch die Tiberianer 1180 das Meiste; denn sie, welche nicht vergaßen, daß die Schneider, ihnen an Anzahl überlegen, mit den zahlreicheren Mägen die Stadt ausschöpfen würden, arbeiteten auf ein Gleichgewicht dadurch hin, daß sie in Großlausau doppelte Portionen und Rationen für einen Magen beorderten. Schwaches Plündern, Requirieren der Schuldscheine und dergleichen war gar nicht gegen die Grundsätze der Tiberianer, welche vielmehr schlossen, wenn schon Freunden alles gemein ist, wie viel mehr Feinden. Ja es gab Köpfe unter ihnen, welche fragten: sollten denn die Kriege, es werde nun darin eignes oder fremdes Blut vergossen, nicht so viel Recht haben wie die elenden fünf jährlichen Aderlaßtage (dies minutionum) der Kartäuser, an welchen man diesen fettere Kost, Freiheit vom Kloster und Freiheit zu Spaziergängen und sogar weibliche Gesellschaft verstattet? – Freilich Handel und Wandel, also Trödler und Schneider stockten; nichts war loszuwerden, nichts anzumessen. Beide Heere fühlten, daß die Astronomen ein treffendes Zeichen für den Erdenkreis im Kalender gewählt, nämlich einen Kreis mit einem Kreuze (☣), so wie sie die Venus beinahe wie Thümmel mit einem umgekehrten angezeichnet (♀); – aber an dieses arme Kreuz sind wir zwei Mächte genagelt? Himmel, wir? Wir, die wir umgewandt gern nach dem Evangelium die andern Backen hinhalten, wenn wir etwas auf die vordern bekommen haben; und die wir die Bitte der tapfern Sparter an die Götter, daß sie Beleidigungen möchten ertragen lernen, gar nicht zu tun brauchen, da dies schon Naturgabe bei uns ist?

Diese Überlegungen wurden leider in beiden Residenzen so häufig, daß sie eine Verschwörung unter den Truppen beider Heere gegen die Fürsten einleiteten, welcher nichts fehlten als Anführer, die sich unter Heerführern leicht finden. Denn ein wichtiger Umstand – auf welchen alle künftige Geschichtschreiber dieser Umwälzung aufmerksam zu machen sind – entschied gewaltig dabei, der nämlich, daß sowohl die Tiberianer ihres Tiberius so satt waren als die Marianer ihres Maria, beide hingegen nach einem Umtausch der Fürsten hungerten. Bei den Landeskindern bedeutete ihr Landesvater etwas nicht viel Besseres, als was die Studenten sonst einen nannten, ein Loch im Hute: »Ich 1181 habe mehr Landesväter in meinem Hute als du,« sagt der Musensohn, weil bei jedem Gesang, der »Landesvater« genannt, der Hut durchstochen wird. Freilich verstanden Kauzen und Großlausauer unter Löchern ganz andere als in Hüten und Röcken. Es konnte z. B. den Trödlern wenig gefallen, ewig in Monturen gesteckt zu werden, die sie vielmehr selber absetzen wollten; denn Tiberius ließ nur das halbe Land, nämlich die weibliche Hälfte, kantonfrei. Ob es aber nicht besser sei, wenn ein Land kein Winter ist, in welchem man bekanntlich von Amseln nur die Männchen sieht, sondern lieber ein Frühling voll Weibchen, können wohl Trödler nicht ausmachen, sondern Gelehrte.

Auf der andern Seite waren die Schneider ebensowenig mit ihrem Fürsten zufrieden, welcher nicht sowohl Menschen als Gelder, weniger Köpfe als Kopfsteuern eintrieb, um ein großes (Fürsten-) Haus zu machen. Daher sagten die Trödler: »Ein Maria, der nur brillieren, nicht exerzieren will, gefällt uns besser, und Trödel dazu haben wir genug vorrätig.« Die Schneider aber fuhren fort: »Ein Tiberius ist wieder uns lieber; Landmeister, Gesellen und Pfuscher haben wir leider genug zum Land-Matrosen-Pressen, aber einen Fürsten wie Tiberius nicht, der nicht verschwendet, keinen Glanz und Zeremonienmeister fodert und jeden als seinesgleichen an die Tafel zieht.«

Kurz dieser gegenseitige Wunsch eines Fürsten-, nicht Länder-Tausches trug unglaublich viel zu der Verschwörung der beiden Divisions-Generale bei, nach deren Plane sie die Fürsten in den feindlichen Residenzen sitzen lassen und bloß mit den Völkern wieder heimkehren wollten.

Der Erfolg war, wie Männer von Verstand vorausgesagt. Gerade ein solcher Krieg hatte beide Länder einander näher gebracht – was eben nahe am meisten nötig haben – und sie halb ausgesöhnt; jeder wollte jetzo, statt zu bluten und bluten zu lassen, lieber leben und leben lassen. Oft kam es mir vor, wenn ich die friedlichen Folgen dieser Heerschau und Kriegzeit überdachte, als sei alles die Nachahmung eines bekannten hannöverischen Dekrets an die göttingischen Professoren. Die Regierung schickte nämlich allen Professoren, vom Doktor der Theologie an bis 1182 zum Professor der Rechte und der Moralien, die Verordnung zu, daß sie – da bisher unter ihnen weniger gegenseitiges Befreunden als Befeinden obgewaltet – an jedem Sonntag um 4 Uhr eine Stunde lang auf der Esplanade miteinander spazieren gehen solltenKonstantinopel etc. Jahr II. Heft 9. S. 360., um doch einigermaßen zusammen zu kommen und sich zusammen zu gewöhnen und dadurch einander weniger zu verabscheuen. Nun sah gewiß die weise Regierung so gut wie wir alle voraus, daß die Professoren selten physisch miteinander gehen konnten, ohne systematisch auseinander zu gehen, und daß hundert Disputierübungen stets die gymnastischen um 4 Uhr begleiten würden; aber da sie gleichwohl das Zusammenwandern (sogar für den bloßen Satiriker ein schöner Anblick) dekretierte: so hat sie vorausgesetzt, daß die Professoren eben durch nahes Streiten sich so nahe zusammenknüpfen würden – als unsere Schneider und Trödler.

Kurz Kauzen und Großlausauer waren sämtlich nach kurzen stillen Erforschungen, welche die höhern Krieggewalten, die Divisions-Generale und Unterhändler, angestellt, sogleich bereit, nach Hause zu gehen und sich regieren zu lassen vom ersten besten Feind-Fürsten; der eben zu haben stände, sobald nur alles ginge wie sonst oder noch besser; die Fürsten beider eroberten Länder (dies wurde feierlich ausgemacht und untersiegelt) möchten dann in diesen als Geiseln (aber nicht als aktive wie Attila, sondern als passive) so lange bleiben und herrschen, als sie dürften.

Alles gelang. Jedes Heer zog nach Haus; nur jeder Fürst blieb in jeder Stadt gleichsam wie in seinem Bienenweisel-Gefängnis zurück und regierte zur Erholung hie und da. Wahrscheinlich hat darin Maria geweint, und Tiberius geflucht. Übrigens wars ein Glück, daß jedes dieser Länder, wie viele jetzige, nicht ein durch Vaterland- und Fürstenliebe fest verknüpfter Staat war, sondern nur aus lose aneinander gestellten Untertanen bestand; ein schweres, aber nötiges Meisterstück der jetzigen Politik, gleich dem Meisterstück der Böttiger, das aus lauter Faßdauben ohne Reifen bestehen muß.

1183 Jetzo war aber vor allen Dingen zu eilen, um dem Gewaltstreiche die nötige Rechtmäßigkeit und Stütze zu geben. Es wurden deshalb Deputierte von beiden Ländern nach Paris geschickt, mit allen glaubwürdigen Landkarten und Zeugnissen versorgt, welche vonnöten waren, um Napoleon zu überzeugen, daß die Länder existierten.

Auch brachten sie die Bitte mit, daß sie bald recht fest regiert würden.

Aber im Gedränge der wichtigsten Angelegenheiten konnte, wie sich denken läßt, bis diese Stunde nicht über diese kleine entschieden werden; und beide Fürsten regieren die eroberten Interims-Länder noch vor der Hand fort.

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