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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 22
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel,

worin die Kriegflammen lodern und Eroberungen um sich greifen

Nach anderthalb Stunden passierte der heimliche Spion Marias durch die schneiderische Armee zurück und hinterbrachte unterwegs den Truppen, wie er oben auf der Ruine ganz deutlich gesehen, daß die Kauzen sich der großlausauischen Hauptstadt ohne Schwertschlag bloß durch Trommelschlag bemächtigt hätten. Wer in der Welt weiß, was Jammer ist, dem brauch' ich den Großlausauer gar nicht zu schildern. Von den vier Kardinallastern des Kriegs, nämlich Töten, Schwelgen, Plündern und Fliehen, hatte der Feind durch den Vortrab die drei ersten voraus und ließ höchstens das vierte noch übrig. Da der Mensch überhaupt, als Gegenspiel des Bären, der im Kampfe sich menschlich auf zwei Füße stellt, darin gern tierisch auf vier niederfällt, und da an den menschlichen Soldaten wie an bleiernen sich durch langen Gebrauch leicht die Röte abfärbt (die Schamröte), so daß ihnen desto weniger Blut in die Wangen steigt, je mehres sie aus fremden 1169 ausgelassen: so konnten (sah jeder Meister voraus) vollends die Tiberianer in der Hauptstadt nichts anders sein als des Teufels lebendig. Sie konnten – mußten angeseßne Marianer befahren – die besten Schuldscheine und Instrumente durch Blutschulden und Krieg-Instrumente und die Laus deos durch Te deums tilgen und ihre Schulden absitzen durch bloße Einquartierung. Indes ist doch meiner Meinung nach der Gebrauch, jemand zu bezahlen, indem man ihn vor den Kopf schlägt, von dem Gebrauch auf der Insel Sumatra nicht verschieden, wo man ehemals keine andere Münzsorte hatte als feindliche SchädelDorvilles Reisebeschreibungen. B. 2. S. 329.; und natürlich greift man am liebsten zum nächsten. Was das Plündern anlangt, so sei man doch gerecht und mehr Christ als Heide; denn ist Krieg ein Ausdreschen der Völker, so ist es nicht billig, wenn man dem Soldaten, der tritt und drischt, wie die Griechen dem dreschenden Tiere mit einem besonderen Zaume (im Griechischen soll er Καυστικαπη geschrieben werden, denn ich versteh' keines) das Maul verbindet; denn Gott hatte den Juden befohlen, so lange die Tiere von der Ernte fressen zu lassen, als sie daran draschen, daher gerade diese Drescher sich durch saure Arbeit mästeten.

Jetzo wurde Generalmarsch geschlagen und Marschschritt kommandiert; unter dem unaufhörlichen zwar nicht Kanonen-, aber Trommeldonner ging man auf die eigne Residenzstadt los, um sie loszumachen und zu befreien. Es war kein einziger Held im ganzen Zuge, der nicht gewünscht hätte, gleich einem Taschenspieler Kunstfeuer zu speien, um so damit dem verächtlichen Feinde recht ins Gesicht zu speien und zu feuern; und jeder schwur, ihn zu verfolgen, wenn er liefe. O überhaupt würde selten der Mut fehlen, wenn man mehr wüßte, wie viel dem Feinde davon abgehe! Wenn in Loango das Heer einem Hasen aufstößt, so wird es auf der Stelle heroisch, weil es den Hasen (ein recht nützlicher und wünschenwerter Aberglaube) für einen Geist ansieht, der ihm die Feigheit des Feindes ansagen soll; und in der Tat sollten mir die feigsten Regimenter als ebenso viele Wagehälse über Feinde herfallen, sobald sich diese als Hasen zeigten; der Ehrenpunkt griff' ein, und kein Soldat will gern vor einem Vorläufer laufen.

1170 Gleichwohl wurde der kriegerische Mut später verstimmt von zwei Unfällen. Nämlich ein Rittmeister, welcher (und ich habe nie widersprechen hören) für den Achilles und Heros von Großlausau galt, setzte vor 50 rechten und 50 linken Augen kühn über einen Graben, und an sich glücklich genug; aber durch den Flug fuhr dem Gaule der Schwanz ab, der zu schwach an den Schwanzriemen befestigt war – (o welche Täuscher sind die Roßtäuscher samt und sonders!) und zwar mehre Schwanzlängen vom Tiere hinweg, und das Roß schnalzte nur bloß einen kurzen Schweif-Abhub empor, einen elenden Pfeifenstummel; jedoch keinem tapfern Mann tat dieser ominöse Verlust, gleichsam einer Fahne, eines Bassaschweifes, sonderlich wohl.

Für den zweiten Unfall steh' ich weniger, da er Spuren scherzhafter Übertreibung trägt. Es soll nämlich ein Bettelmann an der Militärstraße gesessen haben, mit Wunden bedeckt anstatt mit Pflastern, und zwar im Gesicht. Ein angehender Badergeselle hatte dem Manne, um ihm ein Almosen zu geben, gratis den Bart abgenommen, um sich ungescholten an einem Menschen im Scheren zu üben, welcher schon etwas vertragen konnte; und in der Tat blutete der Mann wie ein erobertes Land. Bettelvögte zwar wollen weiter sehen und wagen die Vermutung, daß der Kerl nur so fließend dagesessen, um auf seinen Blutströmen wie auf Kanälen sich Güter zuzuführen; aber im ganzen steckt' er doch dadurch das tapfere Heer mit einer Blutscheu an; und dasselbe Menschenblut, das Löwen zum Angriffe der Freunde berauscht, machte die Marianer zu einem Angriffe der Feinde zu nüchtern. Fürst Maria ließ nicht nur sofort englisches Pflaster (the genuine court-plaister) für die Kinnwunden zerschneiden, damit wenigstens die Nachhut kein Blut sähe; sondern er verteilte auch eine ganze Feldapotheke von diesem Pflaster an die wichtigsten Personen des General- und des Regimentstabes. Dem Generalfeldzeugmeister, dem bedeutendsten bei der Artillerie, gab er am meisten vom court-plaister; einem braven Manne von ausdauerndem Mute, da er ihn im ganzen langen Frieden gezeigt; nur in Kriegzeiten, die aber desto kürzer dauerten, sank er ihm etwas; daher Leute, die seine Mut-Vakanz im kriegerischen Zwischenraume kannten, 1171 denken mußten, mit seinen militärischen Ordenbändern und Ritzerketten behäng' er sich an Brust und Herz gerade aus der Ursache, warum die französischen Kavalleristen ein Kettchen über den Pferdekopf hängen, nämlich an der schwächsten Stelle der Verwundung.

Das Heer erschien endlich von weitem vor seinen eigenen Toren, aber ohne die Freude, mit welcher es ihnen sich sonst genähert: der Feind war Türsteher der Stadttore. Die Tiberianer standen hinter einer Batterie von lauter aus dem Großlausauer Zeughause geholten vernagelten Kanonen, zwischen jeder Kanone stand eine Feuerspritze aus der Stadt, welche der tolle Premierlieutenant aufgeführt, und auf ihr stand ein Oberster und hinter ihr sieben Kanonierbediente. Ein harter Anblick, wie zum Fürchten geschaffen! Und in der Tat wird alles desto härter, wenn man bedenkt, daß ein armer unschuldiger Soldat im Kriege ganz wie ein verurteilter in Friedenzeiten, welchen man durch die Kompagniengasse voll Spießruten recht langsam führt, damit er nicht laufe und sich Hiebe erspare, behandelt wird, indem man den treuen Menschen, der ja nicht zu, sondern vor dem Feinde laufen will, ordentlich an Bewegung hindert, damit er nur desto mehr Schwertschläge empfange. Sehr hart für einen unschuldigen Soldaten, der lieber liefe!

Als endlich die Marianer ziemlich nahe an die Kanonen, worüber Lunten brannten, gekommen waren, machten die Tiberianer eine der besten Evolutionen; nun fing das Feuern aus mehr als zwanzig offnen Feuerspritzen an, um das Feuer des Mutes zu löschen. Ein solcher unversehner Kugelregen (aus Millionen Wasserkügelchen bestehend) wütete entsetzlich unter dem Handwerk – das Gewehrwasser fuhr gerade ins Gesicht und Auge, wie Cäsar die Gesichter der Ritter des Pompejus anfallen ließ – Sehen blieb so wenig möglich als Sand-Abfeuern, weil die Wasserstrahlen alle Pulverpfannen vernagelten – sogar die Reiterei wurde zurückgeworfen, weil die Pferde von Augen- und Naseneinspritzungen scheu wurden, und die Reiter ohnehin vorher – auf die empfindlichsten Stellen, Magen und Nabel, spielten unaufhörlich zwanzig offne Wasserschlünde, ein wahres weniger Blut- als 1172 Wasserbad. – Wie auch erst die Nachwelt entscheide, ob diese unerwartete Umwandlung eines Landkriegs in einen Seekrieg, einer Feuertaufe in eine Wassertaufe Kriegrecht für sich habe: darf man doch beklagen, daß so viele Brave durch ein solches Wasserschießen, eine wahre Löschanstalt des Lebenlichts, in einen Zustand gebracht worden, wo sie mehr Schweiß als Blut vergossen. Was hätten nicht die Marianer tun können ohne die neue Kriegwaffe, nicht viel verschieden von dem Kriegbrander vor Kopenhagen, dessen Erfinder sie mehr verdienteEr ersoff. (Neuerlich wurde das Gegenteil versichert.) als die Marianer.

Einige ergaben sich schon, um sich abzutrocknen; vielen wäre der Galgenstrick des Gehenkten lieb gewesen, als Trockenseil; jeder wünschte sich einen altdeutschen Schild, als einen Regenschirm gegen den waagrechten Platzregen.

Jetzo aber gab der Rittmeister ohne Roßschweif dem Fürsten einen kecken Rat, wofür er ein Pascha von drei Roßschweifen zu werden verdient hätte, den nämlich, dem Feinde verächtlich den Rücken zu kehren und im Trabe davonzurennen und geradezu in dessen nur eine halbe Meile ferne Hauptstadt Kauzen einzubrechen, wenn sie offen wäre; »wir wollen doch beim Teufel sehen,« – fügt' er übermütig hinzu – »ob er uns mit seinem Geschütze nachschießen oder nachkommen kann, zumal da ihm unterwegs die Wassermunition ausgeht.«

Maria Puer war ein Mann, – Verwegenheiten flattierten ihn; auf der Stelle genehmigte er den Operationplan, und das Fortlaufen wurde kommandiert, und zwar im Doppelschritte, womit man in einer Minute 90 Schritte machte, und nicht 75 wie im Marschschritte.

Diese Krieglist tat ihre Wirkung; die Tiberianer schossen unbedachtsam so lange mit harten Wassern nach, bis sie sich verschossen hatten und der Feind sich verlaufen. Jetzo war an ihnen das Laufen; aber die Großlausauer Sonnen im Wassermann, griechische Statuen in nassen Gewändern, waren schon zu weit voraus, und sie marschierten um so schneller, da sie aus medizinischen Gründen sich aus dem kalten Bade ein Schwitzbad bereiten wollten. Auch schwitzte das ganze Heer; nur aber bedeutete 1173 dieser Schweiß nicht, wie nach Cicero das Schwitzen der Victoria in Cuma, die Niederlage, sondern den Namen der Göttin, die Besiegung.

Denn die Kauzen in der Residenz, welche ihre Landsleute so hart hinter den rennenden Großlausauern erblickten, konnten in der Eile nichts anders machen als den Schluß, daß die Schneider in die Stadt eingetrieben würden wie Vieh, und taten demnach das Tor auf. Aber kaum waren diese Kamele durch das Nadelöhr der Stadt: so schlugen sie die Tür hinter sich zu – und draußen standen die Nachsetzer verdutzt.

Am Ende machten die Feinde sich nicht viel daraus, sondern zogen, da die Marianer sich als starke Riegel gegen das Tor anschoben, lieber in die marianische Stadt voll Einquartierungen zurück.

 

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