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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 18
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.
Die Doppelheerschau in Großlausau und in Kauzen samt Feldzügen

Eine Groteske

Erstes Kapitel,

worin mehr als ein Fürst auftritt

Sowohl das kleine Fürstentum Großlausau als das ebenso enge KauzenEs versteht sich, daß hier nicht vom Volke der Kauzen die Rede ist, welches Tacitus das edelste deutsche, das seine Größe nur auf Gerechtigkeit baute, nennt, und welches im Bremischen, Oldenburgischen und Ostfriesländischen gewohnt haben soll, und das, wenn man den Reisenden so viel glauben muß als dem Tacitus, noch da wohnt. hatten Haupt- oder Residenzstädte – denn diese besitzt auch ein Land, das nicht einmal Dörfer aufzeigt, geschweige Städte; – beide Fürstentümer aber wiesen noch zum Überfluß einige Dörfer um die Hauptstadt auf. Aus der Kleinheit dieser Länder mach' ich mirs am begreiflichsten, warum man sie auf keinen andern Karten angedeutet findet als auf ihren eigenen Spezialkarten; aber auf ihren Generalkarten schon nicht; daher denn für Länder, die in keinem geographischen Atlas vom mythologischen Atlas Napoleon gefunden wurden, auch nichts von ihm getan werden konnte, sondern sie mußten alles selber tun und sich eigenhändig zu Souveräns zu krönen suchen, als alles um sie her sich souveränisierte. Aber niemand erfuhrs im Druck als die Untertanen.

Der Großlausauer Fürst, Maria PuerEin Beiname nach alter Zeit. So hieß z. B. Anno 1235 der erste Herzog zu Braunschweig-Lüneburg Otto puer., war ein Herr von Ehre und Glanz, so daß er Gott gedankt hätte, wenn ein Friedrich II. bei der Plünderung seines Schlosses, wie bei jener des Grafen Brühl, nicht weniger als 600 Paar Stiefel, 322 Dosen, 80 Stöcke, 528 Kleider und eine Stube voll Perücken vorgefunden hätteMemoiren von Dutens.; aber zur Anschaffung vorher hatt' er von jeher das Geld nicht. Was er inzwischen ohne edle Metalle ausmünzen konnte, nämlich fremde Ehre, um eigne zu haben, das prägte er bei eintretender 1151 Souveraineté reich aus. Zu seiner Tafel ließ er keinen andern tafelfähigen Mann mehr zu als einen von 32 Ahnen, welchen er aber vorher zu adeln hatte, um im Adelbriefe ihm die nötigen 32 Ahnen anstatt der gewöhnlichen 4 vorzugeben. Was nur sein Zepter erreichen konnte, schlug dieser zum Großkreuz, da er glücklicherweise die nötigen Orden vorher dazu gestiftet, so daß er alles, was er berührte, schöner als Midas, ins Flitter-, Rausch- und Katzengold von Titeln verwandeln konnte und so durch diese Ehren sich selber die honneurs machte; daher er einen Fremden von seiner Tafel selten anders wie als einen Kommandeur fortschickte. Er hätte wohl gern das ganze Land geadelt, mußte sich aber darauf einziehen, daß er die restierenden Unadeligen nur zu Räten machte. Die sämtlichen Dörfer selber erhob er wirklich in den Adelstand von Residenzgassen; und indem er, da die meisten oft über eine halbe Meile von der Hauptstadt ablagen, solche zu Vorstädten der letzten ernannte, so umgab und umzingelte er sich durch bloßes Ausmerzen und Einziehen der Dörfer vielleicht mit einem glänzenden großen Paris im kleinen. – Überhaupt vergrößern Fürsten lieber die Stadt als das Land, weil jene für die Menschen ein Blumentopf ist, in welchem die Gewächse bekanntlich stärker wachsen und treiben als im Lande. –

Auch führte Napoleon wenige Ehrenämter ein, die Maria nicht in Ehrenämtchen nachgedruckt hätte; nur daß, da es ihm an Dienern und Geldern gebrach, er mehre nötigste Chevaliers d'honneur in einen zusammenzuschmelzen hatte, wie denn z. B. der Unter-Zeremonienmeister aus Mangel an Gage zugleich Ober-Zeremonienmeister sein mußte. Wer aber den redlichen Maria nicht kannte, sah seine Nachäffung Napoleons ordentlich für eine Satire auf die deutschen Hof-Nachäffungen desselben an; aber der Treffliche wollte ausgemacht nur Glanz. Wie oft hatte er sich nicht als die Katze von La Lande geträumt, die am Himmel als Sternbild sitzt, oder sich an die Stelle eines elenden toten Sextanten von Hadley gesetzt, der ebenfalls oben hängt! Und wie schmerzlich mußt' er aus seiner Täuschung erwachen, wenn er sah, daß nichts von ihm, nicht einmal ein Strumpf oder Stiefel droben glänzte! Wenn er alsdann fluchte und sagte: »ich will 1152 nicht selig werden, wenn ich etwas anderes werde als berühmt«, so ist es wohl zu entschuldigen.

Er bewies mehr als gemeinen Verstand dadurch, daß er seinen Erbprinzen Napoleon taufen ließ; denn wenn sein Prinz den kurzstämmigen Thron besteigt, eigentlich beschreitet, so nennt dieser sich, weil er nicht anders kann, Napoleon den Ersten; »und dann« (so denkt der Vater) »wollen wir sehen, ob nicht ein Napoleon der Erste mehr in der Welt ist.«

Ein ganz anderer Fall wars mit dem Grenzfürsten von Kauzen, Tiberius dem Neunundneunzigsten (Tiberius LXXXXIX.); ein Herr von so wahrhaft kriegerischem Geiste, ein Feind aller marianischen Paradebetten und Paradepferde, aber ein Freund aller Paradeplätze.

Nur gehörte er leider unter die kriegerischen Fürsten, welche dem sitzenden Jupiter von Phidias ähnlichen, welchem man vorwarf, daß er, wenn er in seinem Tempel sich aufrichtete, mit seinem Kolossen-Körper das Dach einstieße; und in der Tat konnte der krieglustige Tiberius sich nicht von seinem Throne erheben, ohne seinen Thronhimmel durchzustoßen. Als er vom Fortgange der eingeführten Konskriptionen hörte, konskribierte er, was nur zu haben war, und verstärkte seine Heermacht dergestalt, daß er mit einer 150 Mann starken jede Minute ausrücken konnte, wiewohl er doch oft heimlich nachsann, ob nicht gar der ganze Staat anzuwerben wäre. Es entging ihm nicht, daß Staaten, so wie man auf Universitäten sich in alle Würden und in die Erlaubnis zu lesen hineindisputieren muß, sich von jeher ebenso in alle Würden und Selbsterlaubnisse hineingeschossen und -gehauen haben. Daher ließ er sogar am Sonntage sein Heer schießen und prügeln. Schildwachen stellt' er auf vor jedes öffentliche Nest, vor das Rathäuschen, vor das Drehhaus des Prangers, vor das heimliche Gemach in seinem Schlosse, und so weiter. Vorposten und enfans perdus verteilte er sogar im Frieden vorsichtig, um alles mehr abzuhärten. Kurz er war der Mann, der auf nichts dachte, als alle seine Untertanen auf dem leichtesten Wege zu den freiesten Republikanern zu machen, nämlich zu Soldaten; denn ein stehendes Heer wird nicht gefesselt, sondern fesselt bloß das sitzende; ja 1153 prätorianische Kohorten voll Kanonenfieber beherrschen nicht nur die Untertanen voll Gefängnisfieber, sondern sogar ihre Beherrscher selber. – Sein Militär stand an Freiheiten der gallikanischen und der triumphierenden Kirche gegen den Zivilstand keinem (vorigen) preußischen nach.

Manche Einrichtungen von ihm verdienen daher wohl Nachahmung. Er sah es gern, wenn seine Offiziere im Frieden, wo sie sich mit keinen auswärtigen Feinden messen konnten, sich an nähern übten, zu welchen sie für ihre Fechter- und Ritterspiele sich Bürger und Bauern leicht zuschnitten. Wenn daher ein Offizier, mit kurzem Verzichtleisten auf sein altes Vorrecht, nur mit seinesgleichen und mit gleichen Waffen zu fechten, einen Bürger oder Bauer, der kaum Waffen hatte, geschweige die nämlichen, demungeachtet des Hauens oder Stechens würdigte: so machte der Fürst sich aus ein paar Bauernasen oder Bauerleben, die etwa dabei abgehauen wurden, natürlich wenig, weil damit drei oder vier tapfre Offiziere mehr gar nicht zu teuer erkauft wurden. Nach Dorfkirmessen – an deren Rheinufern der Freude gewöhnlich Rheinschnaken der Soldateska stachen – wurden daher die Gestochenen zur Strafe gezogen, wenn sie durch ihr Verteidigen Männer angriffen, die sich an ihnen bloß für höhere Feinde, wie Schützen an Schwalben für edlere Vögel, zu üben getrachtet.

Der Fürst erreichte auch sein Ziel; ja sogar, wie nach Benzenberg die Gewitter im Winter gefährlicher sind als die im Sommer, so schlugen seine Helden in der kühlen gemäßigten Kirmeß-Zeit noch stärker ein als in der Hitze der Schlacht.

Aber das Beste fehlte jetzo dem Fürsten, ordentlicher echter Krieg. Es fehlte ihm nämlich an einer Kriegkasse aus Mangel an einer Friedenkasse; daher unter seiner ganzen Regierung keinem Verbrecher (wie etwan im Orient) zerlassenes Gold in den Hals gegossen wurde, indem keines da war. Doch ungeachtet aller Armut hätt' er den seltenen Vogel Phönix, den Krieg, der sich immer im Feuer erneuert, erwischen können (sah er ein), wäre sein Land nur größer gewesen. Daher beneidete er sehr geldarme, aber größere Regenten, welche ihren stilliegenden Untertanen, wenn sie ihnen nichts zahlen und reichen können, bloß Marschordres 1154 geben; eine schöne Nachahmung des wundertätigen Petrus, welcher (Apost. Geschichte c. 3. v. 6) zu einem Bettler sagte: Geld könnt' er ihm nicht geben, aber wohl (durch ein Wunder) Gehvermögen, worauf der lahme Kerl sogleich aufbrach und marschierte.

So standen beide Fürsten und Helden dieser Groteske gegeneinander, jeder mit andern Vorzügen ausgerüstet.

 

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