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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 16
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Sphinx

Deutsche Fürstenliebe

Wenn Tacitus schreibt: »vom Konsulate des Metellus und Carbo bis zum Kaiser Trajan – also fast 210 Jahre – siegen wir an Deutschland – aber nicht über Deutschland«, so erklärt sich dieses Wunder nicht bloß aus deutscher Tapferkeit und Vaterlandliebe – denn die zwingenden Römer und die bezwungenen Gallier und Helvetier glänzten mit beidem auch –, sondern vielleicht noch daraus, daß die deutschen Fürsten, wie sich Tacitus ausdrückt, für ihren Ruhm fochten, und die deutschen Völker für ihren Fürsten. Auch seine andere Bemerkung gehört hieher, daß die Katten (diese tapfersten Deutschen) große Einsicht bewiesen hätten, indem sie im Kriege mehr auf den Feldherrn als auf das Heer gebauet und vertrauet. Was weckt und stärkt nun in Monarchien jenen Gemeingeist, welcher gleichsam einen Allerseelenleib bildet und eigne und fremde Kräfte zu allen Opfern zusammenschmelzt? Wenn man von der einen Seite mit freudiger Erhebung sieht, wie kräftig schon ein beschränkter Gemeingeist als esprit de corps sich in Körperschaften, Innungen, Ständen mit Selberopferung, mit Achtung für Idee und mit Menschenwürde offenbaret: so 1148 nimmt man auf der anderen Seite desto schmerzlicher wahr, daß nicht nur diese kleinen Staaten dem Einschmelzen in den großen strengflüssig widerstehen, sondern daß auch die Einzelbürger, teilnahmlos getrennt, als einsame Bohrwürmer im Felsen des Staates leben, lieber alles aufopfernd als sich; und fürchterlich sondert in demselben Staatkörper sich Glied von Glied, Nerve von Nerve ab, und jedes Äderchen will schlagen ohne sein Herz.

Wer kann nun den Gemeingeist in einer Monarchie wecken und stählen und befestigen? Nur einer, welcher, so weit auch seine physische Vielmacht reiche, doch noch über eine größere moralische gebietet, der Fürst selber. Wie sich vor dem Jüngling Tugend und Weisheit in einen Tugend- und Weisheitlehrer verkörpern, wie ihm dadurch das Göttliche zu einem persönlichen Gotte wird: so verdichtet und verkörpert sich vor dem Volke das Vaterland oder die Idee, welche begeistert, in seinen Fürsten, wenn dieser den heiligen Vorzug, daß Wohlwollen, Einsicht, Kraft, Tapferkeit auf der magischen Thronhöhe mit einem verdoppelten allmächtigen Glanz herunterwirken und mit Sonnenfeuer ganze Frühlinge befruchten, nach Gewissen und Vermögen anwendet. Es ist rührend und menschheitrühmlich, wie ganze Völker freudig schön für einen Helden sterben und noch lieber für einen kriegerischen und moralischen Helden-Fürsten zugleich. Von dieser Seite angesehen, zeugt und zeigt der Krieg in kurzer Zeit mehr Gemeinliebe als der Friede in langer, und mancher Fürst bedarf äußere Feinde, um zu erfahren, daß er keine innere habe, sondern gerade Freunde nur in der Not.

Eines Fürsten echte gute Handlung führt selber für den Weltweisen, den keine Gold- und Silberblicke des Thrones blenden, ja für den Ausländer eine ungewöhnliche Süßigkeit bei sich, so wie etwa der Honig, der von Gebirgen kommt, der süßeste ist. Kurz die Staaten müssen wie die Bienen die Zellen in ihren Körben von oben herab zu bauen anfangen. Lebenbeschreibungen echter und guter Fürsten – welche Liebe und Widerstand in schöner Größe verknüpfen und dem Alexander gleichen, welcher (wenn das Gleichnis nicht zu klein ist) ein mild blaues und ein feurig schwarzes Auge zugleich hatte – kurz, ein Plutarch oder gar ein Tacitus 1149 geistig-gefürsteter Fürsten aller Länder und Zeiten wäre ein fruchtbringendes Buch für Kronprinzen und Völker zugleich, und es würde vielleicht ebenso dick ausfallen als Tacitus' Annalen – entgegengesetzter Fürsten.

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