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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 15
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Sphinx

Dreifacher Mißbrauch der Anspielungen auf die Zeit

Drei ganz verschiedene Parteien leiden und siechen an Anspielungen: die erste macht, die zweite wittert, die dritte rügt sie. Wie nämlich in einer epikurischen Stallzeit auch der reinste Autor unzüchtig denken muß, um nur züchtig zu schreiben, und wie er sich in die unreine Seele des Lesers versetzt, um desto sicherer diesen in seine reine zurückzusetzen: so muß ein politischer Schriftsteller jetzo in sein Inneres alle denkbare Zeitfeinde, Ketzer, Staats-Zeichendeuter zusammenberufen und sie abhören, um nur seine Meinung so zu sagen, daß sie nicht mit der ihrigen zu vermengen ist. Wie dem französischen Trauerspiel die Zeichendeuterei und -mißdeuterei solcher Auguren jeden freien Adlerflug anhielt und an Fäden band: so wird durch sie dem Witze und jeder Betrachtung der Weltgeschichte das Schicksal einer ähnlichen Enge bereitet. Ich mache mich anheischig, aus jedem Buche politischer Gattung, sei es zehen oder mehre Jahrzehende alt, mit einem guten Dionysius-Ohr so viel boshafte und unerlaubte Äußerungen über die jetzige Zeit herauszuhorchen, daß man gar nicht begreifen soll, wie man im siebzehnten Jahrhundert bei einer sonst guten Wachsamkeit so viel zügellose Ausfälle gegen das achtzehnte hat so frei erlauben mögen.

Drei Worte seien hier ausgeteilt, eines an die freundschaftlichen Ausleger, eines an die feindseligen und das letzte an die Textmacher selber.

Unter einem freundschaftlichen Ausleger mein' ich den, welcher in einem fremden Buche seine eigne Meinung, obwohl tief vergraben, entdeckt und mit seiner Wünschelrute erhebt. Allein die Rute kann wohl dem Rutengänger, aber auch den Vergraber schlagen, und das Gold, das jener hebt, kann leicht dieser geschmolzen zu verschlucken bekommen. Dann schlägt es einem Manne, der gern ruhig, ja freudig schreiben wollte, die Feder aus der Hand, wenn ihm überall eine Entzifferkanzlei nachfährt, welche, lass' er auch allen Text weg, desto mehre Noten ohne Text macht. Er überlegt oft, ob er zu einem Niesenden sicher 1145 sagen dürfe: Gott helf!, weil man fragen könnte: »Aber wem? dem Teufel, oder den Halbteufeln, oder den Halbgöttern, oder welcher Partei?« Treibt ers am weitesten: so schläft er gar nicht ein, sondern läuft wach herum, weil ihm niemand dafür steht, daß er nicht mit seinen Reden im Schlafe anstößt. Ängstigt sich der Mann weniger unsäglich: so verwandelt er sich doch aus einem Rätsel zur Scharade, aus dieser setzt er sich in den Logogryph um, und aus diesem kleidet er sich gar in das Chronodistichon ein, das eine Zeit oder einen Namen mit lauter großen Anfang-Buchstaben lobend zwischen kleinen Gedanken hineinschreibt.

Für je höher sich vollends ein solcher Mann hält, desto mehr glaubt er sich verhüllen zu müssen, da er, schützt er vor, selber nicht wissen könne, ob nicht unendlich viel Fund in jedem Satze stecke, den er vorbringe. – An sich ist es wahr: in jedem Kraftschreiber, schon von Pope an, in dessen Gedichten nach seinem eignen Geständnis Warburton mehr Einsicht entdeckte als er selber, bis vollends zu Shakespeare und Homer hinauf, wovon jeder viel von sich selber hätte lernen können, wenn er ihm von guten Kunstrichtern wäre übersetzt und umschrieben worden, kurz in solchen spricht sich, wie im Instinkte der Tiere, eine unbewußte göttliche Fülle aus, gegen welche freilich mancher Bileam nur als sein Reittier erscheint.

Der feindselige Ausleger – zweitens –, ein Argus, überall mit Brillen besteckt und bepanzert, sollte bedenken, daß das tätige (nicht das beschauliche) Deutschland nicht einmal Bücher als Hebebäume bewegen und rücken, geschweige das verborgene Stengelkeimchen einer Anspielung. Nur für Feuer-VölkerAber wenn solche so leicht durch ein Bonmot entzündet werden, so werden sie wieder ebenso leicht durch eines besänftigt. wird ein Einfall ein Oberons-Lilienstengel, welcher Massen regt. Von den, noch dazu mit blutigen Beispielen illuminierten Büchern der Revolution blieben die größern deutschen Länder unverrückt. Überhaupt nur der Donner mündlicher Beredsamkeit, der auf einmal über ein halbes Volk hinrollt, dieser erschüttert, befruchtet, erschlägt; aber das Geigenharz des Witzes und der Anspielung macht zwar Blitz und Donner nach, aber abgesondert, jenen 1146 in der Kulisse, diesen auf der Baßsaite im Orchester. Wäre gleichwohl Wirkung von Anspielungen zu besorgen, so wär' es nicht vom Erlauben, sondern höchstens vom Verbieten derselben. Wie man durch lateinische Sprache sonst der theologischen Ketzerei den voreiligen Einfluß auf das Volk abschnitt: warum erwartet man nicht dasselbe von der feinern Anspielung bei politischer Ketzerei?

Endlich drittens ist dem Textmacher oder Schriftsteller selber ein Wort ins Ohr zu sagen, das er sich darhinter schreiben kann. Der Textmacher hat den Fehler, daß er zu sehr mir oder andern jungen Leuten nachschlägt, als wir sämtlich auf Akademien waren. Wir glaubten nämlich, je schlechter ein Buch oder je toller eine Mode uns vorkam, desto eiliger hätten wir mit einem Erweise der Tollheit oder mit einer Satire dagegen auszurücken und vorzubrechen, um die Welt beizeiten von dem zu belehren, was sie früher wußte und tadelte als wir. So glaubt nun mancher politische Autor, es sei seine beistimmige Meinung über Vorfälle, worüber jeder Kopf und jedes Gewissen der nämlichen Meinung ist, der Welt zu unentbehrlich, und schickt solche, kaum halb eingewickelt, eingeschachtelt und verzuckert, in diese hinaus; ja zuweilen ist seine Meinung gar nur ein parteiischer Irrtum. Der ganze Erfolg dieses entbehrlichen Aussprechens ist, daß man zuletzt anderen auch das unentbehrliche erschwert, und es ist nicht das Verdienst mancher Voreiligen, daß nicht das Lesen für ein zu lautes Sprechen gilt, wie man sonst in einem gewissen Mönchorden das Geräusch des Blätterns als einen Bruch des Schweigens bestrafte, und daß man nicht am Ende die Mad. Guyon nachahmt, welche Messen lesen ließ, damit sie stumm würde.La vie de Mad. de Guyon I. 6.

So erbittert doch, ihr Schriftsteller, – denn dies ist die zweite Folge – nicht Länder gegen Länder durch unnütze (oder gar parteiische) Rügegerichte; zumal wenn ihr mit wechselseitigem Hasse keine andere Macht vermehrt als die fremde. – Wählt nicht Polemik, sondern Thetik, nicht Streitlehre, sondern Satzlehre. Befördert, erhebt, ernährt, wenn ihr etwas Gutes säen wollt, nur das vaterländisch Edle, den Eifer für Wahrheit, den Glauben an 1147 göttliche Dinge, die Treue an gereinigter Volkeigentümlichkeit. Macht nicht für unterirdische Gänge Minierkompasse, oder Leuchtkugeln, um der feindlichen Beschädigung die rechten Stellen anzuweisen; sondern euer Licht sei ein Stern, welcher die unscheinbare Herberge anzeigte, wo der milde nackte kleine Heiland der Menschen schlief. Kein Heiliger ist zu bezwingen.

Die Gewalt des Sittlichen, das nur in den Einzelnen wohnen kann, legt sich durch die Quäker, Herrnhuter, ersten Christen dar. Sie gleicht dem leisen, zuweilen harmonischen Fort-Tröpfeln des Tropfsteinwassers in großen Höhlen: die kleinen Tropfen erschaffen zuletzt feste Steingestalten, Altäre und Wunderwesen und verkleiden das Bilden in Tönen. Aber der Strom, die Flut, die Sündflut setzen nicht an, sondern reißen nur weg.

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