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Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche

Jean Paul Richter: Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche - Kapitel 10
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1817
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titlePolitische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche
pages125
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwielichter

1.
Völker-Schlagfluß

Man schreiet, er habe den deutschen Staatkörper getroffen. Recht gut, sag' ich, die Glieder haben also, wie bei allen Schlagflüssigen, 1106 nur die Bewegung verloren, aber die Empfindlichkeit behalten; aber ist euch kurze Lähmung nicht lieber als fühlloser, sanfter, kalter Brand der Völker?

2.
Geschrei wider außen

Dieses sollten wir erstlich schon darum einstellen, um dafür lieber ein desto größeres wider innen zu erheben, weil jenes doch in keinem Falle, dieses aber vielleicht in manchem fruchten kann. Zweitens ziehe man, um sanfter und leiser zu schreien, in Betracht, daß die Gegenwart gerade so sehr die Unart habe, den Besiegten zu viel nachzusehen, als die Vergangenheit die andere, dem Sieger zu viel zu verzeihen, z. B. Sieg-Schleichwege. So kommt auch die Mannzucht der Sieger vor ein härteres Gericht als die der Besiegten. Drittens wäre man viel gerechter und milder, wenn man nicht immer die verdorbene Hauptstadt mit den reinern Landstädten und nicht überhaupt die Pariser mit den Franzosen, ja die Gazettiers wieder mit den Parisern verwechselte. Und viertens dürfte auch die Betrachtung nichts schaden, daß ein Regent jetzo – in der noch feindlichen Stellung der Erdstaaten gegeneinander, welche eigentlich nur in einen Bruderstaat zusammenfließen sollten – seinem Lande sehr viel, wenigstens die Länder opfern könne, welche wiederum seines sich opfern wollten. Oder was ist denn Krieg, folglich dessen Friedeschluß anders als ein Losen zwischen zwei Opferaltären? – Man vergebe diesen Wahrheiten ihr altes Alter, da eben die Jugend als festlebende Leidenschaft jedes Alter verkennt, aber darum desto nötiger hat.

3.
Männlichkeit der Autoren

Kein deutscher Mann beinahe schämt sich jetzo, keiner zu sein, sondern er stellt als Dintenfaß ein Lakrymatorium (Tränengefäß) hin und tunkt ein und setzt der Welt (sogar schon auf dem Titelblatt) die Angstschweiß-Tropfen vor, die man ihm an diesem und jenem »schrecklichsten Jahre oder Augenblicke seines 1107 Lebens« ausgepreßt. Schämt ihr euch denn – eurer Unmännlichkeit nicht sowohl als – eures öffentlichen Bekenntnisses derselben nicht? Im alten Rom hätte kein Mann dergleichen gestanden. Öffentlich durfte man in Sparta nicht einmal über geliebte Leichen weinen, ausgenommen über des Königs seine. Die standhaften früheren Christen – die alten Philosophen – die Römer hatten (wie noch die kräftigen nordamerikanischen Wilden) den Grundsatz des Cartouche, welcher keinen in seinen Bund aufnahm, der nicht die Folter überstehen konnte. Der Held zeigt wohl seine Narben, aber nur der Bettler seine Wunden.

4.
Unser Durchbruch

Lange schon predigt uns nicht mehr die Kirche, sondern höchstens der Kirchhof. Damit wir aber doch einigermaßen bekehrt würden, sendet uns das Schicksal aus demselben Lande, woraus die ersten Bischöfe und Geistlichen nach Deutschland kamen, – aus Frankreich – Gesetzprediger und Kreuzprediger, Ordenleute des Ehrenordens mit Kirchenparaden, Totenorgeln, Kirchenkollekten – und die Kirchen werden wieder leicht zu Kirchhöfen, welche fortpredigen, gleichsam der erneuerte Gottesdienst der ersten Christen in Gräbergängen (Katakomben).

5.
Deutsche Federkraft

In der Tat an Federn – sowohl in Krieg- und Rechenkammern als Studierstuben – hatt' es uns bisher nie gemangelt, um damit zu fliegen; dazu aber hätten die Federn in Flügelknochen sitzen sollen.

6.
Über das Alter deutscher Heerführer

Wenn wir Deutsche leider nicht leugnen können, daß unsere Generale – ungleich den französischen oder gar den römischen, welche nicht auf der Schneckentreppe des grauen Dienstes, 1108 sondern durch den Adlerflug des Verdienstes aufstiegen – erst aus dem Rate der Alten ausgehoben werden, als würden sie schon dadurch jenem Alten vom Berge gleich, dessen Totschlag-Befehle man überall und in jeder Ferne vollzog: so wollen wir uns doch auf der andern Seite nicht absprechen, daß wir tiefer unten, nämlich bei den Unter-Heerführern, d. h. von der Prima Plana bis zum Regimentstabe, allerdings dieselbe Achtung und Wahl für kriegerische Jugend nicht erst seit gestern zeigen, durch welche die Franzosen so ungemein gewonnen; denn wirft man die Bürgerlichen beiseite, so ists, hoff' ich, ungeleugnete Tatsache, daß wir recht oft die Blutjüngsten von Adel auf bedeutende Posten stellen, ja zuweilen Junker ohne alle Kenntnisse, sobald sie nur die erforderliche Jugend besitzen; denn wie sonst bei den Juristen Bosheit das Alter ergänzt, so vertritt hier umgekehrt die Jugend Schlacht-Bosheit und Kenntnis; so daß oft unsern Krieg-Rock, Waffenmantel und Panzer ein Besatz und Gebräme von angebornen Lämmerfellen ausziert.

Will man den Edelmann zum Krieg und Krieger haben, so kann man ihn allerdings kaum jung genug aus dem Neste ausheben, da er sich im jetzigen heißen Klima der Lebenweise nur halb so lange frisch erhält als ein gemeiner Mensch; ja eben dieses frühe Verfallen gibt einem großen Teil des Adelstandes für das Auge das schöne Ansehen eines chinesischen Kunstgartens voll krummer Bäume, eingefallner Häuser und ähnlicher Ruinen. Daher gleichen junge Edelleute alten Uhren, welche stets »avancieren«. Aber eben darum ists ein verschiedener Fall mit dem zähen Bürgerlichen, welcher so viel von seiner Jugend noch ins Alter hineinnimmt; daher wie ein Scharfrichter erst durch die Menge seiner Hinrichtungen sich ehrlich und zum Doktor richtet: so muß der Bürgerliche erst durch viele Feldzüge voll Totgemachter sich adelig und zum Offiziere schießen und stechen. Aber auch liegen die Gründe dazu nicht in der Verachtung der Jugend, sondern im vorigen, und auch in der Menge der Edelleute, welche selten wie Bürgerliche etwas gelernt haben, wovon sie leben können, und denen ihre Lebenart nicht immer die Lebenmittel verschafft.

1109 Wenn Verfass. zuweilen mit jungen Offizieren sprach, bevor sie geschlagen waren: so wurd' er mit Vergnügen an ihnen höchste Krieg-Beredsamkeit und Feindes-Verachtung gewahr, gleichsam wahre Herkulesse, obwohl aus Pech, wie Dädalus einen geformtLessings Schriften B. 10., und folglich leicht am Schlachtfeuer laufend; indes auch der lebendige Herkules ging bekanntlich im Feuer auf – und davon. Solche leibhafte Anreden voll Anfeuern nun, solche Sieg-Propheten sind alte und gemeine Leute schon selten; und daher junge unschätzbar.

Die Griechen nahmen früher Gallier und Deutsche für eins; wenigstens in dieser Achtung für kriegerische Jugend können wir uns mit Galliern verwechseln lassen. Wir gleichen (nur, wie gesagt, die Generale ausgenommen) wie sie den alten Katten, an welchen Tacitus dies als seltene Einsicht bewundert, daß diese das Vertrauen des Siegs nicht auf das Heer, sondern auf den Heerführer setzten; wozu eine andere Stelle desselben recht erläuternd paßt, daß die deutschen Fürsten oder Heerführer für ihren Ruhm, die Heere aber für ihre Heerführer gekämpft. Die Franzosen handeln mit Recht und Glück nach der Voraussetzung, daß der größte Verstand schon Raum habe in einem Kopfe, die Tapferkeit aber in ein paarmal hunderttausend Fäusten.

Gewonnen freilich haben wir, so viele ganz junge Edelleute wir auch immer voran- und hochstellten, bisher noch nicht alles, was die Franzosen durch junge bürgerliche Offiziere und Generale errungen; doch dürfen wir als Gewinn daraus sowohl die Erfahrung, daß aus den kleinen Ursachen und Kräften – hier eben aus unkräftigen abgematteten Offizieren – die größten Begebenheiten, d. h. Schlacht-Verluste, Länder-Verrückungen entstehen, als auch die gewisse Hoffnung ansetzen, daß, wenn die besten Fürsten bloß durch Unglück erzogen wurden, ebenso mancher Offizier durch starkes auf dem Schlachtfelde so gebildet heimgekommen, daß mehr von ihm zu erwarten ist. 1110

7.
Trost

Staatschiffe, welche die Segel verloren, haben darum noch nicht die Anker eingebüßt.

8.
Soldaten-Plage

Diese kann man länger haben als echte Soldaten; so wie Zahnschmerzen länger als Zähne.

9.
Die Völker-Zypressen

Der Aufenthalt unter Zypressen, glaubten die AltenNach Plinius., heile und stärke. Nun so geht unter die Zypressen der alten deutschen Gräber, ja der neuen.

10.
Das Menschen-Geschlecht

Die ganze Erde wurde noch in keine Seelen-Nacht eingewickelt – denn wie hätte dann alles Umwenden ihr aus dieser helfen können? –, sondern die Himmelsonne der Bildung senkte sich, wie auf den nordischen Meeren die andere Sonne nach langem Tag, bis auf die Wellen nieder, hob sich aber aus gedrohter Nacht unerwartet auf, und ein neuer Morgen fuhr hinter der Mitternacht aufgeblüht hervor.

11.
Wert des Unglücks

Ich hatte das Glück, unglücklich zu sein, darf zuweilen ein Volk so gut sagen als ein Mensch. Verunreinigte Völker gleichen Strömen, welche ihren Schlamm nur fallen lassen, wenn sie sich zwischen aufhaltenden eckigen Ufern durchkrümmen.

12.
Unterschied des Stillstandes

Gleich den Rauchsäulen der Vulkane steigt der große Mann eine Jugendlänge dem Himmel zu, dann zieht er, wie jene, nur 1111 waagrecht fort; – so heben und wenden sich auch die Völker, aber nicht so das Menschengeschlecht. Auf das liegende Volk türmt sich das höhere – Riesen werden von Feuerbergen zugedeckt – ein Grab erhöht das andere, und so entstehen aus den einzelnen Versenkungen die allgemeinen Erhebungen und aus Niederschlägen Gebirgketten.

13.
Mißkennung großer Taten-Menschen

Sie stehen im Äther-Blau vor der Zeit erhaben als Gebirge; aber eben darum wird alles, was vom tiefen Volkboden an sie fliegt, für ihre Geburt gehalten. So scheinen die hohen Berge zu rauchen; aber der Schein kommt von den Wolken, welche sich von unten an sie ziehen und legen. – Nur die Tiefe nebelt, nicht der Berg. 1112

 

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