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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 94
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Das Schicksal verblendet die Menschen, damit sie sich seinen Absichten nicht widersetzen.

Wer den Lauf der Welt genau betrachtet, wird oft Dinge kommen und Ereignisse eintreten sehen, denen der Himmel durchaus nicht vorgebeugt haben will. Wenn das aber in Rom geschah, wo soviel Tapferkeit, Religion und Ordnung herrschte, so ist es kein Wunder, wenn es noch viel häufiger in einer Stadt oder in einem Lande vorkommt, wo diese Vorzüge fehlen. Weil sich hier nun eine denkwürdige Gelegenheit bietet, die Macht des Himmels über alle menschlichen Dinge zu beweisen, so hat es Livius ausführlich und mit den eindringlichsten Worten getan. V, 37. Da der Himmel, sagt er, den Römern zu irgendeinem Zweck seine Macht offenbaren wollte, ließ er zuerst die Fabier, die als Gesandte zu den Galliern gingen, einen Fehler begehen und sie durch ihr Benehmen jenes Volk zum Krieg gegen Rom reizen. Dann fügte er es, daß zur Abwendung dieses Krieges nichts geschah, was des römischen Volkes würdig gewesen wäre, denn zunächst ließ er den Camillus, den einzigen Retter in so großer Not, nach Ardea in die Verbannung schicken, und dann, als die Gallier auf Rom rückten, ließ er dieselben Römer, die zur Abwehr der Volsker und andrer feindlicher Nachbarn so oft einen Diktator ernannt hatten, dies beim Angriff der Gallier unterlassen. Selbst die Aushebung der Soldaten fand nur in geringem Umfang und ohne besondere Sorgfalt statt. Ja, sie griffen so lässig zu den Waffen, daß das Heer den Galliern kaum bis zur Allia, zehn Miglien von Rom, entgegenrückte. Hier schlugen die Tribunen ihr Lager ohne jede gewohnte Vorsichtsmaßregel auf, denn sie suchten vorher nicht den Ort aus, umgaben es nicht mit Gräben und Pfahlwerk und benutzten kein menschliches noch göttliches Hilfsmittel. Bei der Aufstellung in Schlachtordnung machten sie die Glieder schwach und dünn; kurz, weder Soldaten noch Führer benahmen sich der römischen Kriegszucht würdig. Darauf kämpften sie ohne Blutvergießen, denn sie flohen, ehe sie angegriffen wurden, und der größte Teil lief nach Veji. Die übrigen retteten sich nach Rom, wo sie, ohne ihre Häuser zu betreten, aufs Kapitol eilten. Der Senat dachte nicht an die Verteidigung Roms, ließ nicht einmal die Tore schließen und ergriff teils die Flucht, teils eilte er mit den andern aufs Kapitol. Nur bei der Verteidigung dieser Burg benahmen sie sich nicht so überstürzt, denn sie überfüllten sie nicht mit unnützen Leuten, schafften soviel Getreide wie möglich hinein, um eine Belagerung aushalten zu können, und der unnütze Haufen der Greise, Frauen und Kinder floh größtenteils in die umliegenden Ortschaften, der Rest blieb in Rom und fiel den Galliern zur Beute. Wer die früheren Taten dieses Volkes in so vielen Jahren gelesen hat und dann diese Tat liest, wird kaum glauben, daß es ein und dasselbe Volk war. Nachdem Titus Livius alle obigen Mißgriffe geschildert hat, schließt er mit den Worten: Adeo obcaecat animos fortuna, cum vim suam ingruentem refringi non vult. V, 37. (So verblendet das Schicksal die Geister, wenn es nicht will, daß sein Hereinbrechen gehemmt wird.)

Nichts ist wahrer als dieser Schluß. Daher verdienen auch die Menschen, die gewöhnlich im Glück oder Unglück leben, weniger Tadel oder Lob. Denn meist wird man sehen, daß sie dadurch zu ihrer Größe oder zu ihrem Sturz gelangten, daß ihnen der Himmel die Gelegenheit zu einer trefflichen Tat schenkte oder nahm. Will das Schicksal etwas Großes vollbringen, so wählt es einen Mann von so viel Geist und Mut aus, daß er die Gelegenheiten, die es ihm bietet, erkennt. Ebenso stellt es, wenn es große Umwälzungen vollbringen will, Männer an die Spitze, die diesen Sturz befördern. Wäre ein Mann da, der ihm Einhalt tun könnte, so tötet es ihn oder beraubt ihn jeder Möglichkeit, etwas Heilsames zu tun. Das erkennt man aufs deutlichste an diesem Fall. Um Rom zu erhöhen und zu seiner Größe zu führen, hielt das Schicksal es für nötig, es zu demütigen, wie wir am Anfang des nächsten Buches ausführlich zeigen werden, S. Buch III, Kap. 1. es aber nicht völlig untergehen zu lassen. Es ließ daher den Camillus verbannen, aber nicht sterben, zwar Rom, aber nicht das Kapitol erobern; es hinderte die Römer, zur Verteidigung Roms einen guten Gedanken zu fassen, ließ sie aber zur Verteidigung des Kapitols keine nützliche Maßregel versäumen. Damit Rom erobert würde, fügte es, daß die Mehrzahl der an der Allia Geschlagenen nach Veji floh; damit nahm es Rom alle Verteidigungsmittel. Und während es dies alles tat, bereitete es zugleich alles zur Wiedereroberung Roms vor, denn es hatte ein ganzes römisches Heer nach Veji und Camillus nach Ardea geführt, damit es unter einem Feldherrn, dessen Ruf nicht durch den Makel einer Niederlage befleckt war, große Dinge vollbringen konnte.

Zur Bestätigung des Gesagten wäre noch manches neuere Beispiel anzuführen, aber ich halte es für überflüssig, weil dies jedem genügen kann, und übergehe es daher. Wohl aber versichre ich nochmals: es ist eine unumstößliche Wahrheit, die die ganze Geschichte bezeugt, daß die Menschen das Schicksal zwar befördern, nicht aber aufhalten können. Sie können seine Fäden spinnen, nicht aber zerreißen. Gleichwohl dürfen sie sich ihm nie überlassen. Da sie seine Absicht nicht kennen und es krumme und unbekannte Wege geht, müssen sie immer hoffen und im Hoffen sich nie ergeben, in keiner Lage und in keiner Not.

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