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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 92
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Kluge Fürsten und Republiken müssen sich mit dem Siege begnügen; denn man verliert meistens, wenn man sich nicht begnügt.

Entehrende Worte gegen den Feind rühren meist vom Übermut her, den der Sieg oder die falsche Siegeshoffnung erzeugt. Diese falsche Hoffnung verleitet die Menschen nicht nur im Reden, sondern auch im Handeln zu Fehlern. Denn bemächtigt sie sich des Menschen, so vergißt er Maß und Ziel und versäumt meist die Gelegenheit, ein sichres Gut über der Hoffnung auf ein unsichres Besseres zu erreichen. Dieser Punkt verdient Beachtung, da sich die Menschen sehr häufig zum Nachteil ihrer Sache täuschen. Es scheint mir daher der Mühe wert, ihn durch alte und neue Beispiele ausführlich zu erläutern, weil man es durch Gründe nicht so deutlich vermag.

Nach der Niederlage der Römer bei Cannae schickte Hannibal Gesandte nach Karthago, um den Sieg zu melden und Verstärkung zu fordern. Livius XXIII, 11 ff. Im Senat stritt man darüber, was zu tun sei. Hanno, ein alter, kluger karthagischer Bürger, riet, den Sieg weislich zum Friedensschluß mit den Römern zu benutzen, da man als Sieger ehrenvolle Bedingungen erlangen könne. Man solle nicht so lange warten, bis man nach einer Niederlage zum Frieden gezwungen sei. Die Karthager müßten nur darauf bedacht sein, den Römern zu zeigen, daß sie imstande seien, ihnen die Spitze zu bieten. Da sie jetzt gesiegt hätten, dürften sie diesen Sieg nicht in der Hoffnung auf größere Siege aufs Spiel setzen. Sein Rat wurde nicht befolgt, aber später, als die Gelegenheit verpaßt war, erkannte ihn der karthagische Senat als weise.

Als Alexander der Große fast den ganzen Orient erobert hatte, schickte die Republik Tyrus, damals berühmt und mächtig, weil die Stadt, wie Venedig, im Meere lag, in Anbetracht seiner Größe Gesandte an ihn, mit dem Erbieten, ihm treu zu dienen und ihm in allem Gehorsam zu leisten, nur wollte sie weder ihn noch seine Truppen in die Stadt aufnehmen. Entrüstet, daß ihm eine Stadt ihre Tore verschließen wollte, wo ihm die ganze Welt die ihren geöffnet hatte, wies Alexander die Gesandten mit ihren Bedingungen ab und belagerte Tyrus. Es lag mitten im Wasser und war mit Lebensmittel und Kriegsbedarf aufs beste versehen, so daß Alexander nach vier Monaten einsah, daß diese eine Stadt seinem Ruhme mehr Zeit raubte als viele Eroberungen. Er entschloß sich also, sich auf einen Vergleich einzulassen und ihr das zuzugestehen, was sie selbst verlangt hatte. Aber die Tyrier waren übermütig geworden. Sie schlugen nicht nur den Vergleich aus, sondern ermordeten sogar die mit dem Abschluß Beauftragten. Hierüber ergrimmt, betrieb Alexander die Belagerung mit solchem Nachdruck, daß er die Stadt einnahm, sie zerstörte und die Einwohner tötete oder zu Sklaven machte. 332 v. Chr. Vgl. Quintus Curtius, IV, 7-19.

Im Jahre 1512 drang ein spanisches Heer in das Gebiet von Florenz ein, um die Medici zurückzuführen und die Stadt zu brandschatzen. Es war von einigen Bürgern herbeigerufen, die den Spaniern Hoffnung gemacht hatten, sie würden sogleich nach ihrem Einrücken ins Florentiner Gebiet die Waffen ergreifen. Als nun die Spanier in die Ebene hinabstiegen und niemand vorfanden, aber Mangel an Lebensmitteln litten, versuchten sie, zu unterhandeln. Allein durch dies Angebot aufgeblasen, ging das Volk von Florenz nicht darauf ein, und die Folge war der Verlust Pratos und der Sturz der Republik. S. Lebenslauf, 1512.

Fürsten, die von einem übermächtigen Gegner angegriffen werden, können daher keinen größeren Fehler begehen, als jeden Vergleich auszuschlagen, zumal wenn er angeboten wird; denn nie wird ein so schlechter angeboten werden, daß der Annehmende nicht einigermaßen seinen Vorteil dabei findet und dadurch einen Teil von dem erreicht, was ihm ein Sieg gegeben hätte. Die Tyrier mußten sich also damit begnügen, daß Alexander die anfangs abgeschlagenen Bedingungen annahm, und ihr Sieg war groß genug, wenn sie mit den Waffen in der Hand einen so großen Mann dahinbrachten, ihren Willen zu tun. Ebenso mußte es den Florentinern genügen, und der Sieg war groß genug, wenn das spanische Heer einem ihrer Wünsche nachgab und die eignen nicht alle erreichte. Denn die Absicht dieses Heeres ging dahin, die Regierung in Florenz zu stürzen, es von Frankreich abwendig zu machen und Geld zu bekommen. Hätte es von diesen drei Wünschen zwei erreicht, nämlich die beiden letzten, und hätte Florenz sich mit einem begnügt, nämlich seine Verfassung beizubehalten, so hätte für beide Teile etwas Ehrenvolles und Befriedigendes darin gelegen. Das Volk mußte über jene beiden andern Punkte hinwegsehen, da es ja seine Freiheit behielt. Selbst mit einem fast sichren und größeren Sieg vor Augen durfte es diesen doch nicht dem Glück anheimstellen und sein Letztes aufs Spiel setzen, was kein kluger Mann je ohne Not wagen wird.

Als Hannibal nach sechzehn ruhmvollen Kriegsjahren Italien verließ, weil ihn die Karthager zu Hilfe in ihr Vaterland riefen, fand er den Hasdrubal und Syphax geschlagen, das Königreich Numidien verloren, Karthago auf den Umfang seiner Mauern beschränkt, ohne andre Rettung als ihn und sein Heer. In dem Bewußtsein, daß dies der letzte Einsatz seines Vaterlandes war, wollte er ihn nicht aufs Spiel setzen, bis er jedes andre Mittel versucht hatte. Er schämte sich also nicht, um Frieden zu bitten, denn er wußte wohl, wenn seinem Vaterland noch ein Rettungsmittel blieb, so lag es im Frieden und nicht im Kriege. Als jedoch der Friede verweigert wurde und alles verloren war, wollte er noch das Schlachtglück versuchen Bei Zama (202 v. Chr.). und entweder siegen oder ruhmvoll untergehen. Wenn nun Hannibal, der so tapfer war und ein ungeschlagenes Heer hatte, eher den Frieden als die Schlacht suchte, als er sah, daß sein Vaterland durch eine Niederlage in Knechtschaft geriet, was soll dann ein andrer von geringerer Tapferkeit und Erfahrung tun? Aber die Menschen machen den Fehler, daß sie ihren Hoffnungen keine Grenzen zu setzen wissen. Sie verlassen sich auf diese, ohne ihre Kräfte zu messen, und rennen in ihr Verderben.

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