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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 90
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Eine uneinige Stadt anzugreifen, um sie durch ihre Uneinigkeit zu erobern, ist ein verkehrtes Unternehmen.

In der römischen Republik herrschte so großer Zwiespalt zwischen Volk und Adel, daß die Vejenter im Verein mit den Etruskern glaubten, Rom mit Hilfe dieser Uneinigkeit vernichten zu können. Der Streit wegen des Ackergesetzes. Vgl. Livius II, 44 ff. (480 v. Chr.). Sie brachten also ein Heer auf und verwüsteten die Umgegend Roms. Der Senat schickte ihnen den Gnejus Manlius und Marcus Fabius entgegen, die ihnen dicht auf den Leib rückten. Die Vejenter reizten den Feind durch Überfälle und schmähten und beschimpften die Römer fortwährend. Ihre Frechheit und ihr Übermut ging so weit, daß die Römer ihren Hader fahrenließen, sie angriffen und schlugen.

Man ersieht daraus, wie schon oben gesagt, wie sehr sich die Menschen bei ihren Maßregeln täuschen, und wie oft sie etwas zu gewinnen glauben und es verlieren. Die Vejenter glaubten zu siegen, wenn sie die entzweiten Römer angriffen, und gerade dieser Angriff einigte die Römer und brachte ihnen selbst Verderben. Die Ursache der Zwietracht in Republiken ist meist Müßiggang und Friede, die Ursache der Einigkeit Furcht und Krieg. Wären die Vejenter also weise gewesen, sie hätten sich um so mehr vor Krieg gehütet, je uneiniger sie Rom sahen, und es durch friedliche Kunstgriffe zu unterdrücken gesucht.

Der Weg hierzu ist folgender. Man sucht das Vertrauen der uneinigen Stadt zu gewinnen und, solange sie nicht zu den Waffen greift, sich als Schiedsrichter zwischen beiden Parteien zu halten. Greift sie zu den Waffen, so muß man der schwächeren Partei langsam Hilfe leisten, nicht nur, um den Krieg in die Länge zu ziehen und sie sich gegenseitig aufreiben zu lassen, sondern auch, damit ein Aufgebot bedeutender Kräfte nicht beide Teile auf den Verdacht bringt, daß man sie unterdrücken und ihr Herrscher werden will. Wird das richtig ausgeführt, so wird man fast stets sein Ziel erreichen.

Wie ich an andrer Stelle und bei einem andern Anlaß sagte, kam Pistoja nur durch diesen Kunstgriff an die Republik Florenz. 5. Buch II, Kap. 21, und III, 27. Da die Stadt entzweit war, begünstigte Florenz bald die eine, bald die andre Partei und brachte sie ohne Vorwurf von dieser oder jener Seite dahin, daß sie ihres unruhigen Zustandes müde ward und sich freiwillig in die Arme von Florenz warf. Florenz hat die Verfassung in Siena immer nur dann geändert, wenn es eine der beiden Parteien schwach unterstützte. Denn war der Beistand kräftig und stark, so vereinigte sich die Stadt zur Verteidigung der bestehenden Regierung. Ich will noch ein zweites Beispiel hinzufügen. Filippo Visconti, Herzog von Mailand, Filippo Maria Visconti, 1412-1447 Herzog. fing mit Florenz im Vertrauen auf dessen inneren Zwist mehrmals Krieg an und zog immer den kürzeren. Als er sich einmal über seine Feldzüge beklagte, sagte er, die Torheiten der Florentiner hätten ihn zu einer unnützen Ausgabe von 2 Millionen Goldgulden verleitet.

Die Vejenter und Etrusker betrogen sich durch die gleiche Einbildung und wurden schließlich von den Römern in einer Schlacht überwunden. Und so wird sich künftig jeder betrügen, der auf ähnliche Weise und aus ähnlichem Anlaß ein Volk zu unterdrücken wähnt.

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