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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 89
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Festungen schaden im allgemeinen mehr als sie nützen.

Es wird, den Weisen unsrer Zeit vielleicht unüberlegt erscheinen, daß die Römer sich der Völker Latiums und der Stadt Privernum nicht dadurch zu versichern suchten, daß sie dort Festungen anlegten, um sie im Zaume zu halten. Zumal in Florenz gibt es ein Sprichwort, das unsre Weisen im Munde führen, Pisa und andre Städte müßten durch Festungen behauptet werden. Gemeint sind die damals häufigen Zwingburgen, Kastelle oder Zitadellen in den Städten. Gewiß, wären die Römer Leute wie sie gewesen, so wären sie auf die Anlage von Festungen bedacht gewesen; da sie aber andre Tapferkeit, andre Einsicht und Macht besaßen, taten sie es nicht. Solange Rom frei war und seinen vortrefflichen Einrichtungen und Bräuchen treu blieb, erbaute es nie Festungen zur Behauptung von Städten und Ländern, ließ aber einige der schon erbauten stehen. Vergleicht man nun das Verfahren der Römer mit dem der heutigen Fürsten, so scheint es mir der Erörterung wert, ob es gut ist, Festungen anzulegen, und ob sie dem Erbauer Schaden oder Nutzen bringen.

Festungen werden erbaut, um sich vor den Feinden oder vor den Untertanen zu sichern. Im ersten Fall sind sie nicht nötig, im zweiten schädlich. Zunächst will ich die Gründe dafür angeben, warum sie im zweiten Fall schädlich sind.

Fürchtet sich ein Fürst oder eine Republik vor den Untertanen und vor Empörung, so entsteht diese Furcht aus dem Haß der Untertanen gegen den Fürsten, der Haß aus ihrer schlechten Behandlung und diese aus dem Glauben des Herrschers, sie mit Gewalt im Zaum halten zu können, oder aus seiner Unklugheit. Eins von den Mitteln, wodurch man sie mit Gewalt im Zaum zu halten glaubt, ist, daß man ihnen Festungen auf den Nacken setzt. Die üble Behandlung, die den Haß erzeugt, entsteht also gutenteils daraus, daß der Fürst oder die Republik Festungen besitzt. Trifft dies zu, so erhellt daraus, daß die Festungen weit mehr schaden als nützen. Denn erstens machen sie dich verwegner und gewalttätiger gegen die Untertanen, und zweitens bieten sie dir nicht die Sicherheit, die du dir einbildest. Denn alle Gewalt und aller Zwang, um ein Volk im Zaum zu halten, ist unnütz, außer in zwei Fällen. Entweder du hast immer ein gutes Heer ins Feld zu stellen, wie die Römer, oder du zerstreust und vernichtest das Volk, löst es auf und zersplitterst es derart, daß es sich nicht mehr vereinigen kann, um dir zu schaden. Denn machst du es arm, spoliatis arma supersunt (so bleiben den Beraubten die Waffen), und entwaffnest du es, furor arma ministrat (so schafft die Wut Waffen). Tötest du die Häupter und fährst fort, die Menge zu bedrücken, so wachsen sie neu wie die Häupter der Hydra. Baust du also Festungen, so nützen sie dir im Frieden nur dazu, dich zur Bedrückung deiner Untertanen zu ermutigen, und im Krieg sind sie ganz unnütz, weil sie, vom Feind und von den Untertanen zugleich angegriffen, unmöglich beiden widerstehen können. Waren sie aber je unnütz, so sind sie es jetzt wegen des schweren Geschützes, gegen dessen Gewalt man kleine Plätze, die keine abschnittsweise Verteidigung erlauben, durchaus nicht halten kann, wie oben gezeigt wurde. S. Buch II, Kap. 17.

Ich will diesen Gegenstand noch ausführlicher erörtern. Entweder der Fürst will durch Festungen das Volk in der Stadt im Zaume halten, oder der Fürst oder Freistaat will eine im Kriege eroberte Stadt zügeln. Ich wende mich zum Fürsten und sage: Um dein Volk im Zaume zu halten, kann es aus den obigen Gründen nichts Unnützeres geben als eine solche Festung. Denn sie macht dich geneigter und unbedenklicher, das Volk zu unterdrücken, und diese Unterdrückung macht es so entschlossen zu deinem Untergang und entflammt es zu solcher Wut, daß die Festung, die Ursache dieses Hasses, dich nicht mehr schützen kann. Ein weiser und guter Fürst wird daher, sowohl um selbst gut zu bleiben, wie um seinen Söhnen keinen Anlaß zu geben, böse zu werden, nie eine Festung erbauen, damit sie sich nicht auf die Festung, sondern auf die Liebe ihrer Untertanen verlassen. Wenn der Graf Francesco Sforza, der sich zum Herzog von Mailand emporschwang, S. Buch 1, Kap. 17. für weise galt und doch ein Kastell in Mailand erbaute, so war er in diesem Punkte nicht weise, und der Erfolg hat bewiesen, daß dies Kastell seinen Erben zum Schaden und nicht zur Sicherheit gereichte. Denn im Besitz des Kastells glaubten sie, ihres Lebens sicher zu sein und ihre Bürger und Untertanen bedrücken zu können. Es gab keine Gewalttat, die sie nicht begingen, und so wurden sie über die Maßen verhaßt und verloren die Herrschaft bei jedem feindlichen Angriff. Das Kastell aber schützte sie nicht und brachte ihnen im Krieg keinen Nutzen, aber viel Schaden im Frieden. Denn ohne das Kastell und ohne ihre unkluge Härte gegen die Bürger hätten sie die Gefahr eher gemerkt, hätten einen andern Weg eingeschlagen und mit freundlich gesinnten Untertanen ohne Festung den französischen Angriffen kräftiger widerstehen können als mit inneren Feinden und ihrem Kastell.

Die Festungen nützen überhaupt nichts, denn entweder gehen sie durch den Verrat der Besatzung oder durch Bestürmung oder durch Hunger verloren. Sollen sie aber etwas nützen und zur Rückeroberung einer verlorenen Stadt beitragen, in der einem nur noch das Kastell geblieben ist, so muß man ein Heer haben, mit dem man den Feind, der einen vertrieben hat, angreifen kann. Und hat man dies Heer, so wird man sein Land unter allen Umständen auch ohne Kastell wiederbekommen, und zwar um so leichter, weil die Bürger einem freundlicher gesinnt sind, als wenn man sie im Besitz einer Zwingburg mißhandelt hat. Die Erfahrung hat gezeigt, daß das Kastell von Mailand weder unter den Sforza noch unter den Franzosen im Unglück irgend etwas genützt hat. Vielmehr hat es beiden großen Schaden und Verlust gebracht, da sie in seinem Besitz nicht darauf bedacht waren, die Stadt auf anständigere Weise zu behaupten. Als der Herzog Guido Ubaldo von Urbino, der Sohn Federigos, ein zu seiner Zeit hochgeschätzter Feldherr, von Cäsar Borgia, dem Sohn des Papstes Alexander VI., aus seinem Staate vertrieben war, aber später durch die Ereignisse wieder zurückkehrte, Federigo von Montefeltro s. Lebenslauf, 1472 und 1474. Sein Sohn Guidohaldo folgte ihm 1482, wurde 1502 von Cäsar Borgia vertrieben, kehrte nach dem Tode Alexanders VI. (1503) zurück und schleifte die Kastelle von Gubbio und Pergola. ließ er alle Festungen im Lande schleifen, da er sie für schädlich hielt. Gegen seine Untertanen, die ihn liebten, wollte er sie nicht haben, und gegen die Feinde konnte er sie nicht verteidigen, da er zu ihrem Schutz eines Feldheeres bedurft hätte. Er entschloß sich also, sie zu schleifen.

Papst Julius II. legte nach der Vertreibung der Bentivogli aus Bologna (1506) ein Kastell in dieser Stadt an, dann ließ er das Volk durch seinen Statthalter blutig unterdrücken. Es empörte sich (1511), und das Kastell ging sofort verloren. So nützte ihm das Kastell ebenso wie seine Gewalttätigkeit nicht soviel, wie ein andres Benehmen ihm genützt hätte.

Als Niccolò da Castello, der Vater der Vitelli, Niccolò da Castello, Herr von Città di Castello, wurde von Papst Sixtus IV. (Rovere) 1474 vertrieben, gelangte aber nach dessen Tod (1484) wieder zur Herrschaft († 1486). aus der Verbannung in sein Vaterland zurückkehrte, ließ er sofort zwei Festungen schleifen, die Papst Sixtus IV. erbaut hatte, denn er meinte, nicht die Festungen, sondern die Liebe des Volkes müsse ihn im Besitz der Herrschaft erhalten.

Das neuste und in jeder Beziehung merkwürdigste Beispiel aber, das am besten die Nutzlosigkeit der Festungen und die Nützlichkeit ihrer Schleifung beweist, ist das von Genua. Bekanntlich empörte sich Genua 1507 gegen König Ludwig XII. von Frankreich, der in eigner Person an der Spitze seiner gesamten Heeresmacht anrückte, um es wieder zu erobern. Nach der Einnahme erbaute er die stärkste aller Festungen, die man bis jetzt kennt, denn sie war durch Lage und alle sonstigen Einrichtungen uneinnehmbar. Auf dem Gipfel eines ins Meer vorspringenden Hügels angelegt, den die Genueser Codefa nannten, bestrich sie den ganzen Hafen und einen großen Teil der Stadt. Als 1512 die Franzosen aus Italien verjagt wurden, empörte sich Genua trotz der Festung, und Ottaviano Fregoso, der die Regierung übernahm, zwang sie nach sechzehnmonatiger mühevoller Belagerung durch Hunger zur Übergabe. Jedermann glaubte nun, und viele rieten ihm, daß er sich diese Festung als Zufluchtsort für den Notfall erhalte, aber als kluger Mann sah er ein, daß nicht die Festungen, sondern der Wille des Volkes die Fürsten im Besitz ihrer Herrschaft erhält, und er schleifte sie. So hat er seine Herrschaft nicht auf die Festung, sondern auf seine Tapferkeit und Klugheit begründet und behauptet sie noch. Während früher 1000 Mann Fußvolk genügten, um eine Staatsumwälzung in Genua hervorzurufen, griffen ihn seine Feinde mit 10 000 Mann an und konnten ihm nichts anhaben. Man ersieht daraus, daß die Schleifung der Festung dem Ottaviano nichts schadete und daß ihre Erbauung den König von Frankreich nicht schützte. Denn wenn er mit einem Heer nach Italien kommen konnte, nahm er Genua wieder ein, ohne eine Festung darin zu haben, konnte er aber mit keinem Heer herbeikommen, so konnte er auch Genua nicht halten, obwohl er im Besitz der Festung war. Ihre Anlage war also für den König kostspielig und ihr Verlust schimpflich, für Ottaviano aber ihre Eroberung ruhmvoll und ihre Schleifung nützlich.

Kommen wir jedoch zu den Republiken, die Festungen anlegen, und zwar nicht in der Hauptstadt, sondern in den eroberten Städten. Sollte das angeführte Beispiel von Frankreich und Genua nicht genügen, so dürfte doch das Beispiel von Florenz und Pisa hinreichen, um die Zwecklosigkeit der Festungen nachzuweisen. Um Pisa im Zaum zu halten, legten die Florentiner Festungen an und sahen nicht ein, daß man zur Behauptung einer Stadt, die Florenz stets feindlich gesinnt war, stets in Freiheit gelebt und sich stets empört hatte, um die Freiheit wiederzuerlangen, das Verfahren der Römer nachahmen und sie entweder zur Bundesgenossin machen oder zerstören mußte. Der Wert der Festungen zeigte sich beim Einfall Karls VIII. (1494), dem sie sich durch den Verrat der Besatzung oder aus Furcht vor größerem Unheil ergaben. Wären sie nicht dagewesen, so hätte Florenz sein Vertrauen, Pisa zu halten, nicht auf sie begründet, und der König hätte Florenz nicht durch die Festungen um den Besitz von Pisa bringen können. Vielleicht hätten die Mittel, wodurch man Pisa bis dahin gehalten hatte, auch jetzt zu seiner Verteidigung hingereicht, jedenfalls aber hätten sie die Probe nicht schlechter bestanden als die Festungen.

Ich ziehe also den Schluß, daß Festungen zur Sicherung der eignen Stadt schädlich und zur Behauptung eroberter Städte unnütz sind. Dafür soll mir die Autorität der Römer genügen. In den Städten, die sie mit Gewalt halten wollten, rissen sie die Mauern nieder, statt neue zu bauen. Man wird mir gegen diese Ansicht aus dem Altertum wohl Tarent und aus der neueren Zeit Brescia anführen, Städte, die nach ihrer Empörung mit Hilfe der Festungen wieder erobert wurden. Darauf entgegne ich, daß zur Wiedereroberung Tarents zu Anfang eines Jahres Fabius Maximus mit dem ganzen Heere entsandt wurde, 209 v. Chr. Vgl. Livius XXVII, 15. und er hätte die Stadt wohl auch erobert, wenn keine Festung darin im Besitz der Römer gewesen wäre. Wenn Fabius sich dieses Mittels bediente, so hätte er auch, wenn keine Festung dagewesen wäre, ein andres benutzt, das zum gleichen Ziel geführt hätte. Ich weiß nicht, welchen Nutzen eine Festung haben soll, wenn man zur Wiedereroberung einer Stadt ein konsularisches Heer und einen Fabius Maximus als Feldherrn nötig hat. Daß aber die Römer Tarent auf jeden Fall wiedergewonnen hätten, zeigte das Beispiel von Capua, das keine Festung hatte und das durch die Tapferkeit des Heeres zurückerobert wurde. Capua war nach der Schlacht bei Cannae an Hannibal verlorengegangen; es ergab sich den Römern 211 nach vierjähriger Belagerung.

Kommen wir jedoch zu Brescia. S. Buch III, Kap. 19. Selten wird es so kommen, wie bei der Empörung dieser Stadt, daß die Zitadelle in deiner Gewalt bleibt, während die Stadt sich empört hat, und daß ein so starkes Heer in der Nähe steht wie das französische. Denn der Feldherr des Königs, Gaston de Foix, stand mit dem Heer bei Bologna, brach auf die Nachricht vom Abfall Brescias sofort auf, kam nach drei Tagen an und gewann mit Hilfe der Zitadelle die Stadt zurück. Um etwas zu nützen, bedurfte die Zitadelle von Brescia also eines Gaston de Foix und eines französischen Heeres, das ihr in drei Tagen zu Hilfe kam. Diese zwei Beispiele reichen daher gegen die gegenteiligen Beispiele nicht aus. Denn viele Festungen sind in den Kriegen unsrer Zeit durch dieselben Glücksfälle erobert und zurückerobert worden wie das flache Land, nicht allein in der Lombardei, sondern auch in der Romagna, im Königreich Neapel und in ganz Italien. Was aber die Anlage von Festungen zum Schutze gegen äußere Feinde betrifft, so behaupte ich, daß sie für Völker und Reiche mit guten Heeren nicht nötig und für die andern unnütz sind. Denn ein gutes Heer kann sich auch ohne Festungen verteidigen, Festungen aber können sich ohne gute Heere nicht halten. Das zeigt die Erfahrung bei Völkern, die in Regierungskunst und andern Dingen für die ersten galten, wie die Römer und Spartaner. Wenn aber die Römer keine Festungen bauten, so duldeten die Spartaner nicht einmal Mauern um ihre Stadt, weil sie sie lediglich durch die Tapferkeit der Bürger und durch nichts andres verteidigen wollten. Als ein Spartaner von einem Athener gefragt wurde, ob er die Mauern Athens schön fände, sagte er: Ja, wenn Weiber dahinter wohnten. Hat also ein Fürst, der ein gutes Heer besitzt, an den Küsten und an den Grenzen ein paar Festungen, die den Feind ein paar Tage aufhalten können, bis er kriegsbereit ist, so kann das manchmal nützlich sein, aber notwendig ist es nicht. Hat aber ein Fürst kein gutes Heer, so sind ihm Festungen im Lande oder an den Grenzen entweder schädlich oder unnütz; schädlich, weil er sie leicht verliert und der Feind sie dann benutzt; unnütz, wenn sie so stark sind, daß der Feind sie nicht nehmen kann, weil er sie dann umgeht. Denn ein gutes Heer dringt, wenn es nicht den kräftigsten Widerstand findet, in Feindesland ein, ohne auf Städte oder Festungen zu achten, die es in seinem Rücken läßt. Das findet man in der alten Geschichte und auch in der neusten Zeit, wo Francesco Maria beim Angriff auf Urbino zehn feindliche Städte unbekümmert in seinem Rücken ließ.

Der Fürst also, der ein gutes Heer aufstellen kann, braucht keine Festungen zu bauen, und der kein gutes Heer hat, darf keine bauen. Er soll seine Hauptstadt zwar befestigen, sie mit Kriegsvorrat versehen und sich die Liebe der Bürger erwerben, um einen feindlichen Angriff so lange aushalten zu können, bis ein Vertrag oder auswärtige Hilfe ihn frei macht. Alle übrigen Festungsbauten aber sind im Frieden kostspielig und im Kriege zwecklos. Erwägt man alles Gesagte, so wird man einsehen, daß die Römer, wie in allem, was sie taten, auch in ihrem Urteil über die Latiner und Privernaten weise waren, da sie nicht an Festungen dachten, sondern sich dieser Völker durch wirksamere und klügere Mittel versicherten.

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