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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 87
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie falsch die Menschen oft wichtige Dinge beurteilen.

Wie falsch oft die Ansichten der Menschen sind, sah und sieht jeder, der Zeuge ihrer Beschlüsse ist. Ja, werden diese nicht von hervorragenden Männern gefaßt, so verstoßen sie oft gegen alle Wahrheit. Da nun hervorragende Männer in verderbten Republiken, besonders in ruhigen Zeiten, aus Neid und Ehrgeiz angefeindet werden, so geschieht meist das, was aus einem allgemeinen Irrtum für gut erklärt oder von Leuten vorgeschlagen wird, die mehr die Gunst als das Wohl der Menge erstreben. In Zeiten des Unglücks tritt dieser Irrtum zutage, und dann nimmt man in seiner Not zu den Männern Zuflucht, die in ruhigen Zeiten gleichsam vergessen waren, wie an Ort und Stelle dargelegt werden soll. S. Buch III, Kap. 16. Auch sonst werden Leute ohne große Erfahrung durch manche Ereignisse leicht getäuscht, wenn nämlich ein solcher Vorfall viele wahrscheinliche Seiten hat, die die Menschen in ihren Einbildungen bestärken.

Ich komme hierauf durch den Rat, den der Prätor Numisius den Latinern gab, Siehe S. 199. als sie von den Römern geschlagen waren, und durch die Meinung, die ziemlich verbreitet war, als König Franz I. von Frankreich vor einigen Jahren nach Italien zog, um Mailand den Schweizern wieder zu entreißen. Franz von Angoulême, der nach Ludwigs XII. Tode (1515) König von Frankreich wurde, wollte das Herzogtum Mailand, das die Schweizer wenige Jahre zuvor (1512) auf Anstiften des Papstes Julius II. erobert hatten, seinem Reiche wieder einverleiben. Zur Erleichterung seines Unternehmens sah er sich in Italien nach Bundesgenossen um. Außer bei den Venezianern, die schon Ludwig XII. sich wiedergewonnen hatte, Durch den Frieden zu Blois (1513), den Franz I. erneuerte. Für die weiteren Ereignisse s. Lebenslauf, 1515. versuchte er es auch bei Florenz und Papst Leo X., deren Gewinnung ihm besonders wichtig erschien, weil der König von Spanien Truppen in der Lombardei hatte und andre kaiserliche Kriegsvölker in Verona standen. Papst Leo ging auf den Vorschlag des Königs nicht ein, sondern ließ sich von seinen Räten (so hieß es) bereden, neutral zu bleiben, da man ihm bei diesem Entschluß den Sieg als gewiß hinstellte. Denn es läge nicht im Vorteil der Kirche, daß der König oder die Schweizer in Italien mächtig wären, vielmehr müsse man das Land von den Fesseln beider befreien, wenn man ihm zu seiner alten Freiheit verhelfen wolle. Beide zugleich, sei es getrennt, sei es vereint, zu besiegen, sei unmöglich, und so wäre es das beste, daß sie sich gegenseitig aufrieben und daß die Kirche dann mit ihren Verbündeten über den Sieger herfiele. Unmöglich fände sich dazu eine bessere Gelegenheit als jetzt, wo beide gegeneinander im Felde stünden, der Papst aber seine Kriegsmacht bei der Hand habe und sie unter dem Vorwand, seine Länder zu schützen, an der Grenze der Lombardei in der Nähe beider Heere aufstellen könne. Hier könne er abwarten, bis es zur Schlacht käme, die bei der Tapferkeit beider Heere nach aller Wahrscheinlichkeit für beide Teile blutig sein und den Sieger so schwächen werde, daß es für den Papst ein leichtes sei, ihn anzugreifen und zu schlagen. So werde er zu seinem Ruhme Herr über die Lombardei und der Schiedsrichter ganz Italiens werden. Wie falsch diese Rechnung war, zeigte der Erfolg. Denn als die Schweizer nach langem Kampfe geschlagen waren, getrauten sich die päpstlichen und spanischen Truppen nicht etwa, die Sieger anzugreifen, sondern bereiteten sich sogar zur Flucht vor. Und selbst diese hätte ihnen nichts geholfen, hätte der König nicht aus Menschlichkeit oder Gleichgültigkeit einen zweiten Sieg verschmäht und sich mit einem Vertrag mit der Kirche begnügt.

Jene Ansicht hatte einige Gründe für sich, die von weitem richtig erscheinen und doch der Wahrheit stracks zuwiderlaufen. Denn der Sieger erleidet selten starke Verluste, weil er seine Leute nur im Kampfe, nicht auf der Flucht verliert. In der Hitze des Gefechts aber, wenn sich Mann gegen Mann gegenüberstehen, fallen wenige, zumal es meist nur kurze Zeit dauert. Sollte es aber auch länger dauern und der Sieger große Verluste haben, so ist doch das Ansehen, das ihm der Sieg erwirbt, und der Schrecken, den er verbreitet, so groß, daß er die Verluste bei weitem überwiegt. Ein Heer also, das ihm in der Meinung entgegentritt, er sei geschwächt, würde sich getäuscht finden, es müßte denn ein Heer sein, das sich jederzeit, vor wie nach dem Siege, mit ihm messen könnte. In diesem Falle könnte es je nach Glück oder Tapferkeit siegen oder unterliegen; in jedem Fall aber wird derjenige, der zuerst gesiegt hat, im Vorteil sein. Das ergibt sich deutlich aus dem Beispiel der Latiner und aus dem Trugschluß des Prätors Numisius, wie aus dem Schicksal der Völker, die ihm glaubten. Nach dem Sieg der Römer über die Latiner Am Vesuv, 340 v. Chr. Vgl. Livius VIII, 9 f. schrie er in ganz Latium aus, nun sei es Zeit, die durch die Schlacht geschwächten Römer anzugreifen. Nur der Name des Siegers sei den Römern geblieben, sonst aber hätten sie alle Verluste wie Besiegte erlitten, und der Angriff der kleinsten Macht müsse sie über den Haufen werfen. Darauf brachten die Völker, die ihm glaubten, ein neues Heer auf, wurden sofort geschlagen Bei Trifanum (340 v. Chr.) über die Latiner und Campanier. Vgl. Livius ebd. und erlitten all den Schaden, den die Anhänger solcher Ansichten stets erleiden werden.

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