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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 84
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Neunzehntes Kapitel

Eroberungen führen in schlecht eingerichteten Republiken, die nicht nach dem Muster der Römer verfahren, zum Untergang, nicht zur Größe.

Von diesen wahrheitswidrigen, auf schlechten Beispielen fußenden Meinungen unsres verderbten Zeitalters kommt es, daß die Menschen nicht daran denken, vom Herkömmlichen abzuweichen. Wie hätte man vor 30 Jahren einen Italiener davon überzeugen können, daß 10 000 Mann Fußvolk in der Ebene 10 000 Reiter und ebensoviel Fußtruppen angreifen, mit ihnen kämpfen, ja sie sogar schlagen können, wie man es in der mehrfach erwähnten Schlacht bei Novara sah? Wenn auch die Geschichte voll ähnlicher Beispiele ist, so hätte man es doch nicht geglaubt, oder hätte man es geglaubt, so hätte es geheißen, man sei heutzutage besser bewaffnet, und eine Schwadron schwerer Reiter könne einen Felsen, geschweige denn einen Haufen Fußvolk über den Haufen werfen. Mit solchen falschen Einwendungen verdarb man sich sein Urteil, ohne sich zu erinnern, daß Lucullus mit wenig Fußvolk die 150 000 Reiter des Tigranes schlug 69 v. Chr. und daß sich unter diesen eine unsern schweren Reitern ganz ähnliche Gattung befand. Erst das Beispiel der Nordländer deckte die Verkehrtheit dieser Meinung auf.

Wie man aus diesem Beispiel erkennt, daß die Angaben der Geschichte über das Fußvolk auf Wahrheit beruhen, so sollte man auch alle andern Einrichtungen der Alten als richtig und nützlich erkennen. Geschähe das, so begingen die Republiken und Fürsten weniger Fehler, sie könnten einem Angriff kräftiger Widerstand leisten und brauchten ihr Heil nicht in der Flucht zu suchen. Die Republiken würden alles, was zu ihrer Vergrößerung oder Erhaltung dient, besser anzufassen wissen. Sie würden einsehen, daß der rechte Weg, eine Republik zu einem großen Reich zu erheben, darin besteht, die Einwohnerzahl der Hauptstadt zu vermehren, sich Bundesgenossen, nicht Untertanen zu schaffen, zum Schutz der eroberten Länder Kolonien auszusenden, aus der Beute einen Schatz anzulegen, den Feind durch Streifzüge und Schlachten, nicht durch Belagerungen zu bezwingen, den Staat reich, den einzelnen arm zu erhalten und mit größter Sorgfalt auf Kriegsübungen zu halten. Gefiele ihnen aber diese Art der Vergrößerung nicht, so würden sie sich sagen, daß Eroberungen auf jedem andern Wege der Verderb der Republiken sind. Dann würden sie dem Ehrgeiz Zügel anlegen, indem sie ihren Staat im Innern durch Gesetze und Sitten gut einrichteten, Eroberungen verböten und allein auf ihre Verteidigung und den guten Zustand ihrer Verteidigungsmittel bedacht wären, wie die freien deutschen Städte, die auf diese Weise schon seit längerer Zeit frei leben.

Wie ich jedoch schon an andrer Stelle S. Buch I, Kap. 6. sagte, als ich den Unterschied zwischen einer auf Eroberung und einer auf Erhaltung angelegten Verfassung erörterte, kann es einer Republik unmöglich gelingen, immer ruhig zu bleiben, sich ihrer Freiheit zu erfreuen und sich in ihren engen Grenzen zu erhalten. Belästigt sie selbst auch andre nicht, so wird sie doch von andern belästigt, und daraus wird bei ihr der Wunsch und die Notwendigkeit zu Eroberungen entstehen. Hätte sie aber auch keinen äußeren Feind, so fände sie einen in ihren Mauern, wie es das Schicksal aller großen Städte zu sein scheint. Wenn also die freien deutschen Städte längere Zeit in dieser Weise leben und bestehen konnten, so liegt das an gewissen örtlichen Eigentümlichkeiten, die anderwärts nicht vorkommen und ohne die sie nicht so leben könnten.

Der Teil Deutschlands, von dem ich rede, gehörte wie Frankreich und Spanien zum römischen Reich. Als dies aber verfiel und unter dem römischen Reiche bloß Deutschland verstanden wurde, nutzten die mächtigsten Städte die Ohnmacht oder Not der Kaiser aus, um sich frei zu machen, und kauften sich durch einen kleinen Jahreszins vom Reiche los. In dieser Weise kauften sich alle reichsunmittelbaren Städte nach und nach los. Zur selben Zeit empörten sich einige dem Herzog von Österreich lehnspflichtige Gemeinden, darunter Freiburg und Schwyz Freiburg in der Schweiz trat erst 1483 der Schweizer Eidgenossenschaft bei; Schwyz war einer der Urkantone, die sie 1315 begründeten. und andre, die gleich anfangs vom Glück begünstigt wurden und allmählich zu solcher Macht gediehen, daß sie nicht nur nicht unter das österreichische Joch zurückkehrten, sondern der Schrecken aller ihrer Nachbarn wurden. Das sind die Schweizer. Deutschland zerfällt also in Schweizer, freie Reichsstädte, Fürsten und den Kaiser. Wenn aber bei solcher Verschiedenheit der politischen Zustände keine Kriege oder doch keine von langer Dauer entstehen, so liegt das am Kaiser. Hat er auch manchmal wenig Macht, so steht er doch in solchem Ansehen, daß er die Rolle eines Vermittlers spielt, der mit seiner Autorität dazwischentritt und sofort jeden Zwist niederschlägt. Die größten und längsten Kriege, die in Deutschland geführt wurden, sind die zwischen den Schweizern und dem Herzog von Österreich, und obwohl seit vielen Jahren der Kaiser und der Herzog von Österreich eine Person ist, so konnte er doch nie den kühnen Mut der Schweizer überwinden, und es kam nie anders zu einem Vergleich als durch Gewalt. Auch hat ihm das übrige Deutschland nicht viel Hilfe geleistet, denn die freien Städte mochten nicht gegen Leute kämpfen, die wie sie frei leben wollten, und die Fürsten können es teils wegen ihrer Armut nicht, teils wollen sie es nicht aus Eifersucht auf seine Macht. So können sich also die freien Städte mit ihrer kleinen Herrschaft begnügen, weil sie mit Rücksicht auf die kaiserliche Gewalt keinen Grund haben, eine größere zu wünschen. Innerhalb ihrer Mauern aber müssen sie in Eintracht leben, weil ihr Feind nahe ist und sofort die Gelegenheit benutzen würde, sie bei inneren Zwistigkeiten zu unterjochen. Lägen die Verhältnisse in Deutschland anders, so müßten sie sich zu vergrößern suchen und aus ihrer Ruhe heraustreten.

Da nun sonst nirgends solche Verhältnisse vorkommen, kann man nicht auf solchem Fuß leben und muß sich entweder durch Bündnisse oder auf die Art der Römer vergrößern. Wer anders handelt, sucht nicht sein Leben, sondern seinen Tod und seinen Untergang. Denn auf tausendfache Art und aus vielen Ursachen sind Eroberungen schädlich. Es trifft sich oft, daß man ein großes Gebiet erobert und doch keine Macht erringt; wer aber Gebiet ohne Macht erwirbt, geht notwendig zugrunde. Wer durch den Krieg verarmt, auch wenn er siegt, kann keine Macht erwerben, weil er bei den Eroberungen mehr zusetzt als gewinnt, wie es bei Venedig und Florenz der Fall war. Als jenes die Lombardei und dieses Toskana besaß, waren sie viel schwächer als zu der Zeit, wo Venedig sich mit dem Meer und Florenz sich mit einem Gebiet von zwei Meilen begnügte. Das alles kam nur daher, daß sie erobern wollten und nicht den richtigen Weg einzuschlagen verstanden. Sie sind um so tadelnswerter, je weniger sie sich entschuldigen können, da sie ja den Weg sahen, den die Römer eingeschlagen hatten, und ihrem Beispiel folgen konnten, während die Römer diesen Weg ohne jedes Vorbild aus eigner Klugheit fanden.

Außerdem bringen Eroberungen auch wohlgeordneten Republiken manchmal erheblichen Schaden, wenn ein Land oder eine Stadt voller Üppigkeit erobert wird. Denn durch den Verkehr mit den Einwohnern kann der Sieger leicht deren Sitten annehmen. So erging es zuerst Rom, dann dem Hannibal bei der Eroberung Capuas. Wäre diese Stadt weiter von Rom abgelegen, mithin für die Verirrungen der Soldaten keine Abhilfe in der Nähe oder Rom irgendwie verderbt gewesen, so wäre diese Eroberung zweifellos der Ruin der römischen Republik geworden. Livius bezeugt das mit den Worten: Iam tunc minime salubris militari disciplinae Capua, instrumentum omnium voluptatum, delenitos militum animos avertit a memoria patriae. VII, 38. Es handelt sich um den Aufstand der römischen Legionen in Capua, 342 v. Chr. Vgl. Buch III, Kap. 6. (Capua, schon damals ein für die Kriegszucht gar nicht zuträglicher Ort, eine Stätte aller Wollüste, tilgte in den Gemütern der verweichlichten Soldaten den Gedanken an das Vaterland aus.) Fürwahr, dergleichen Städte oder Länder rächen sich am Sieger ohne Kampf und Blut, denn indem sie ihm ihre schlimmen Sitten beibringen, entnerven sie ihn so, daß er von jedem, der ihn angreift, überwältigt wird. Juvenal konnte diese Tatsache nicht besser ausdrücken, als wenn er in seinen Satiren sagt, durch die Eroberung fremder Länder wären fremde Sitten in die Brust der Römer eingezogen und an Stelle der Sparsamkeit und andrer vortrefflicher Tugenden gula et luxuria incubuit, victumque ulciscitur orbem Satiren VI, 284. (drang Schwelgerei und Üppigkeit ein und rächte die besiegte Welt). Wenn also die Eroberungen den Römern in einer Zeit fast verderblich wurden, da sie mit so großer Klugheit und Tapferkeit zu Werke gingen, wie wird es dann erst denen ergehen, die ganz anders als die Römer verfahren, ja die außer den oben hinreichend erörterten Fehlern, die sie begehen, auch noch Söldner oder Hilfstruppen verwenden? Welchen Schaden ihnen diese oft tun, soll im nächsten Kapitel erörtert werden.

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