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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 82
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Siebzehntes Kapitel

Welchen Wert man bei den heutigen Heeren auf das Geschütz legen soll, und ob die hohe Meinung, die man allgemein davon hat, begründet ist.

Wenn ich an die vielen Feldschlachten denke, die die Römer zu allen Zeiten geliefert haben, so fällt mir eine allgemein verbreitete Anschauung ein. Man sagt: Hätte es zu jener Zeit Geschütze gegeben, so wäre es den Römern nicht so leicht oder gar nicht möglich gewesen, Länder zu erobern und sich Völker tributpflichtig zu machen, kurz, sie hätten in keiner Weise so große Eroberungen machen können. Auch wird behauptet, man könne seit Erfindung der Feuerwaffen keine solche persönliche Tapferkeit mehr zeigen wie in alter Zeit. Drittens wird gesagt, es komme jetzt schwerer zur Schlacht als damals, und man könne die Fechtweise jener Zeiten nicht mehr innehalten, so daß sich der Krieg mit der Zeit ganz auf den Geschützkampf beschränken werde. Ich halte es nicht für unangebracht, die Richtigkeit dieser Ansichten zu prüfen und zu untersuchen, wieweit das Geschütz die Heere stärker oder schwächer gemacht hat und ob es guten Feldherren Gelegenheit zu herzhaftem Draufgehen gibt oder nimmt. Ich will daher mit der Erörterung der ersten Ansicht beginnen, die Heere der alten Römer hätten ihre Eroberungen nicht gemacht, wenn es damals Geschütze gegeben hätte.

Darauf antworte ich, daß man entweder einen Angriffskrieg oder einen Verteidigungskrieg führt. Daher ist zuerst zu untersuchen, in welcher von diesen beiden Kriegsarten das Geschütz mehr Nutzen als Schaden bringt. Es lassen sich zwar Gründe für beides anführen, doch glaube ich, daß das Geschütz dem Verteidiger ungleich mehr Schaden zufügt als dem Angreifer. Mein Grund ist dieser. Der Verteidiger steht entweder in einer Stadt oder in einem verschanzten Lager. Die Stadt, in der er steht, ist entweder klein, wie die meisten festen Städte, oder groß. Im ersteren Fall ist der Verteidiger durchaus verloren, denn die Gewalt des Geschützes wirft auch die stärkste Mauer in wenigen Tagen nieder. Hat also der Belagerte nicht Raum genug, um sich hinter Wälle und Gräben zurückzuziehen, so ist er verloren und kann dem Angriff des Feindes durch die Bresche der Mauer nicht standhalten. Auch sein Geschütz hilft ihm nichts, denn es ist ein Grundsatz, daß das Geschütz gegen einen geschlossenen Ansturm nichts ausrichtet. Darum kann man bei der Verteidigung der Städte das Ungestüm der Nordländer nicht aufhalten, wohl aber die Stürme der Italiener, die nicht in geschlossenen Haufen, sondern zerstreut zum Angriff gehen, eine Fechtart, die sie sehr treffend Scharmützel nennen. Wer in solcher Unordnung und so lau eine Bresche angreift, auf der Geschütz steht, geht in den sicheren Tod, und gegen solche Angriffe ist das Geschütz von Nutzen. Wer aber in dichten Haufen, wo einer den andern drängt, eine Bresche stürmt und nicht durch Wall und Graben gehemmt wird, dringt überall ein und wird durch Geschütze nicht aufgehalten. Fallen auch Leute dabei, so können es doch nicht so viele sein, daß der Sieg dadurch verhindert wird.

Wie wahr dies ist, hat sich bei der Einnahme vieler italienischer Städte durch die Nordländer gezeigt, besonders bei Brescia. Als sich diese Stadt gegen die Franzosen empört hatte 1512 im Kriege der »Heiligen Liga« gegen Frankreich. Vgl. Buch III, Kap. 44. und die Zitadelle sich noch für den König von Frankreich hielt, sperrten die Venezianer zur Verhinderung von Ausfällen aus der Zitadelle die ganze Straße, die von dort nach der Stadt herabführte, mit Geschütz und stellten Kanonen in Front und Flanke und an jedem geeigneten Punkt auf. Gaston de Foix aber machte sich nichts daraus, ließ seine Reiterei absitzen, brach mitten durch und besetzte die Stadt, und man hat nicht gehört, daß er dabei erhebliche Verluste gehabt hätte. Wer sich also in einer kleinen Stadt verteidigt und, wenn die Mauern niedergeschossen sind, keinen Raum hat, sich hinter Wall und Graben zurückzuziehen, sondern sich auf das Geschütz verlassen muß, ist sofort verloren.

Verteidigt man eine große Stadt und hat Raum genug, Verteidigungsabschnitte anzulegen, so ist das Geschütz für den Belagerer trotzdem ungleich nützlicher als für den Belagerten. Erstens muß das Geschütz, wenn es dem Belagerer schaden soll, hoch stehen; denn steht es zu ebener Erde, so wird der Feind durch jeden kleinen Damm, jede Brustwehr, die er aufwirft, so gedeckt, daß man ihm nicht schaden kann. Stellt man aber das Geschütz oben auf die Mauer oder sonstwie hoch auf, so entstehen zwei Schwierigkeiten. Erstens kann man keine so schweren Geschütze da hinaufbringen wie der Belagerer, weil man die großen Stücke auf engem Raum nicht handhaben kann, und könnte man sie auch hinaufbringen, so könnte man doch keine so starken und sicheren Brustwehren anbringen wie der Belagerer, der auf dem Erdboden steht und alle Bequemlichkeit und genügenden Raum dazu hat. Der Verteidiger vermag also kein Geschütz auf hohen Punkten aufzustellen, wenn der Belagerer genug schweres Geschütz hat; muß er es aber niedrig aufstellen, so ist es großenteils wirkungslos. Die Verteidigung der Stadt beschränkt sich also, wie in alter Zeit, auf den Gebrauch der blanken Waffe und des kleinen Gewehrs. Gewährt dieses aber auch einigen Vorteil, so ist er doch nicht so groß wie der Schaden, den das schwere Geschütz macht, denn es wirft die Mauern ein und verschüttet die Gräben, so daß also beim Sturm, wenn Bresche gelegt ist und die Gräben verschüttet sind, der Verteidiger weit mehr im Nachteil ist als früher. Darum nützen, wie gesagt, diese Kriegswerkzeuge dem Belagerer weit mehr als dem Belagerten.

Drittens bezieht man ein verschanztes Lager, um eine Schlacht nur mit Vorteil und wenn es einem paßt zu liefern. In dieser Hinsicht hat man jetzt gewöhnlich kein besseres Mittel, eine Schlacht zu vermeiden, als die Alten, ja wegen des Geschützes ist man bisweilen mehr im Nachteil. Denn rückt der Feind dir auf den Leib und hat er, was leicht geschehen kann, etwas Vorteil im Gelände, d.h. steht er etwas höher, oder sind, wenn er anrückt, deine Wälle noch nicht fertig und du noch nicht genügend gedeckt, so treibt er dich unweigerlich sofort aus deiner Stellung heraus und zwingt dich zur Schlacht außerhalb deiner Befestigungen.

So ging es den Spaniern in der Schlacht bei Ravenna (1512). Sie hatten sich zwischen dem Roncofluß und einem Damm verschanzt; da dieser aber nicht hoch genug war und die Franzosen etwas Vorteil im Gelände hatten, wurden sie durch das feindliche Geschützfeuer aus ihren Verschanzungen herausgetrieben und zur Schlacht gezwungen. Aber gesetzt auch, wie es meistens der Fall sein wird, du hättest dir zu deinem Lager einen Ort ausgesucht, der die Umgegend beherrscht, die Verschanzungen wären gut und fest, so daß der Feind dich wegen deiner Stellung und deiner andern Maßnahmen nicht anzugreifen wagt, so wird er das tun, was man von alters her tat, wenn sich ein Heer in einer unangreifbaren Stellung befindet, nämlich das Land verwüsten, die mit dir verbündeten Städte nehmen oder belagern, dir die Lebensmittel abschneiden, bis du durch den Mangel gezwungen bist, deine Stellung zu verlassen und eine Schlacht zu liefern, in der, wie unten gesagt wird, das Geschütz nicht viel ausrichtet. Bedenkt man nun, daß die Römer fast nur Angriffskriege und keine Verteidigungskriege führten, so wird man sehen, wenn das oben Gesagte wahr ist, daß sie in unsrer Zeit noch mehr im Vorteil gewesen wären und ihre Eroberungen noch schneller gemacht hätten, wenn es damals Geschütze gegeben hätte.

Was aber das zweite betrifft, daß man seit der Erfindung der Feuerwaffen seine persönliche Tapferkeit nicht mehr so zeigen kann, wie im Altertum, so gebe ich allerdings zu, daß der einzelne Mann mehr Gefahr läuft als früher, z. B. beim Ersteigen einer Stadt auf Leitern oder bei ähnlichen Angriffen, wo nicht geschlossene Glieder auftreten, sondern jeder für sich zu fechten hat. Es ist auch richtig, daß die Feldherren und Heerführer mehr der Todesgefahr ausgesetzt sind als früher, denn das Geschütz erreicht sie überall, und es hilft ihnen nichts mehr, im letzten Treffen zu halten und von den tapfersten Leuten umgeben zu sein. Gleichwohl zeigt die Erfahrung, daß beide Gefahren selten besondere Verluste herbeiführen. Denn wohlbefestigte Plätze ersteigt man nicht mit Leitern und stürmt sie auch nicht mit geringen Kräften, sondern man muß sie wie früher förmlich belagern. Wird aber eine Stadt wirklich mit Sturm genommen, so ist die Gefahr jetzt nicht viel größer, denn früher hatten die Verteidiger auch Schießwerkzeuge, die zwar nicht solche heftige Wirkung hatten, aber im Menschenmorden auch ihre Dienste taten. Was den Tod von Feldherren und Heerführern betrifft, so sind in den letzten 24 Kriegsjahren in Italien weniger gefallen als in einem Zeitraum von 10 Jahren bei den Alten. Außer dem Grafen Ludwig von Mirandola, der bei Ferrara fiel, 1509 fiel der päpstliche Feldhauptmann Lodovico Pico della Mirandola bei der Verteidigung Ferraras gegen den venezianischen Admiral Angelo Trevisan durch eine Kanonenkugel. als die Venezianer es vor einigen Jahren angriffen, und dem Herzog von Nemours, der bei Cerignola blieb (1503), wurde kein Feldherr durch eine Stückkugel getötet, denn Gaston de Foix fiel bei Ravenna (1512) durch einen Pikenstich, nicht durch Feuer. Wenn also die Menschen keine persönliche Tapferkeit zeigen, so kommt das nicht von der Erfindung der Feuerwaffen, sondern von der schlechten Einrichtung und der Erbärmlichkeit unsrer Heere, die im Ganzen feig sind und daher auch im Einzelnen nicht tapfer sein können.

Ich komme nun zu der dritten Ansicht, wonach es nicht mehr zum Kampf mit der blanken Waffe kommen kann und der Krieg sich ganz auf Geschützkampf beschränken wird. Diese Ansicht ist ganz falsch und wird stets von allen für falsch gehalten, die in der Fechtweise das große Vorbild der Alten befolgen wollen. Denn wer ein Heer kriegstüchtig machen will, muß seine Leute durch Scheingefechte oder wirkliche Kämpfe daran gewöhnen, dem Feind auf den Leib zu rücken und mit ihm handgemein zu werden, und da muß er sich mehr auf das Fußvolk als auf die Reiterei verlassen; die Gründe sollen unten dargelegt werden. Verläßt er sich aber auf das Fußvolk und die oben angegebene Fechtweise, so wird das Geschütz ganz unnütz; denn das Fußvolk kann beim Anrücken gegen den Feind dem Geschützfeuer leichter ausweichen als in alter Zeit dem Anrennen der Elefanten, der Sichelwagen und andrer ungewöhnlicher Kriegsmittel, auf die das römische Fußvolk stieß und gegen die es immer ein Mittel fand. Um so leichter hätten die Römer ein Mittel gegen das Geschütz gefunden, zumal die Zeit, während der es schaden kann, kürzer als die ist, während der die Elefanten und Wagen zu schaden vermochten. Denn diese brachten mitten in der Schlacht Verwirrung hervor, das Geschütz aber ist nur vorher hinderlich, und das Fußvolk weicht diesem Hindernis leicht aus, indem es entweder durch das Gelände gedeckt vorrückt oder, wenn geschossen wird, sich zu Boden wirft. Die Erfahrung hat auch das als überflüssig erwiesen, besonders dem schweren Geschütz gegenüber, denn dies kann nicht so genau gerichtet werden und schießt entweder zu hoch oder zu niedrig. Sind die Heere aber erst handgemein geworden, so ist es sonnenklar, daß weder schweres noch leichtes Geschütz dir schaden kann. Denn steht es vor der Front, so fällt es dir in die Hand, steht es dahinter, so trifft es eher die eigenen Truppen; auch in der Flanke kann es dich nicht so beschießen, daß du nicht drauflosgehen kannst, und dann tritt wieder der gleiche Fall ein.

Darüber ist nicht viel zu streiten, denn wir haben ein Beispiel an den Schweizern. Die hatten 1513 bei Novara weder Geschütz noch Reiterei, griffen das mit Geschütz wohl versehene französische Heer in seinen Verschanzungen an und schlugen es, ohne durch das Geschütz irgendwie behindert zu werden. Der Grund dafür ist außer dem oben Gesagten der, daß das Geschütz, wenn es etwas ausrichten soll, durch Mauern, Gräben oder Wälle geschützt sein muß. Ohne diese Deckung wird es weggenommen oder unnütz. Das aber geschieht in Gefechten oder Feldschlachten, wo es nur durch Menschen geschützt werden kann. Auf den Flügeln kann man es nur in der Art brauchen, wie die Alten ihre Schießwerkzeuge brauchten. Sie stellten sie außerhalb der Schlachtordnung auf, und so oft sie von Reiterei oder andern Truppen angegriffen wurden, zogen sie sie in die Legionen zurück. Wer anders auf das Geschütz rechnet, versteht nichts davon und verläßt sich auf etwas, das ihn leicht täuschen kann. Hat auch der Türke durch sein Geschütz den Sofi von Persien und den Sultan Von Ägypten. Vgl. Buch I, Kap. 1, Anm. 5. besiegt, so kam das nicht von seiner großen Wirkung, sondern von dem Schrecken, den das ungewohnte Getöse ihrer Reiterei einjagte. Ich komme am Ende dieser Erörterung also zu dem Schluß: Das Geschütz ist einem Heere nützlich, wenn es sich mit der Tapferkeit der Alten verbindet, sonst aber gegen ein tapfres Heer ganz nutzlos.

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