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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 81
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Sechzehntes Kapitel

Wie sehr die heutigen Heere von der Fechtart der Alten abweichen.

Die wichtigste Schlacht, die die Römer in irgendeinem Kriege und gegen irgendein Volk schlugen, war die unter dem Konsulat des Manlius Torquatos und des Decius Mus gegen die Latiner, Die Schlacht am Vesuv, 340 v. Chr. denn alles spricht dafür, daß, wie die Latiner mit dieser Schlacht ihre Freiheit verloren, auch die Römer im gleichen Falle die ihre verloren hätten. Auch Livius ist dieser Meinung. VIII, 8 ff. Er schildert beide Heere gleich an Einrichtung, Tapferkeit, Zähigkeit und Zahl; nur den Unterschied macht er, daß die römischen Anführer heldenhafter waren als die latinischen. Im Verlauf der Schlacht sieht man zwei bis dahin unerhörte und auch später seltne Vorfälle: um den Mut der Soldaten zu stärken, sie den Befehlen gehorsam und zum Kampf entschlossen zu erhalten, tötete der eine Konsul sich selbst und der andre seinen Sohn. Die Gleichheit beider Heere bestand nach Livius darin, daß sie infolge ihres langen gemeinsamen Kriegsdienstes die gleiche Sprache, Organisation und Waffen, die gleiche Schlachtordnung, die gleichen Namen für die einzelnen Abteilungen und Führer hatten. Da sie also an Zahl und Tapferkeit gleich waren, so war etwas ganz Außerordentliches nötig, um die Gemüter des einen Heeres standhafter und hartnäckiger zu machen. Denn auf dieser Hartnäckigkeit beruht, wie schon früher gesagt, der Sieg, und solange sie die Kämpfer nicht verläßt, denken die Heere nicht an Flucht. Daß sie nun in der Brust der Römer länger vorhielt als in der der Latiner, bewirkte teils das Schicksal, teils der Heldenmut der Konsuln, indem Manlius den Sohn und Decius sich selbst tötete.

Beim Nachweis dieser Gleichheit beschreibt Livius die Organisation und Fechtart der Römer ausführlich. Ich will deshalb nicht alles wiederholen, sondern nur erörtern, was ich dabei für bemerkenswert halte, und von den Dingen reden, deren Vernachlässigung durch die Feldherren unsrer Zeit viel Unordnung bei den Heeren und in den Schlachten hervorgerufen hat. Wie sich aus der Darstellung des Livius ergibt, bestand das römische Heer aus drei Hauptabteilungen, die man in unsrer Sprache Treffen nennen kann. Das erste hieß Hastaten, das zweite Principes, das dritte Triarier. Jedes hatte seine Reiterei. Bei der Aufstellung in Schlachtordnung kamen die Hastaten ins erste Treffen, ins zweite, gerade dahinter, die Principes und ins dritte, gleichfalls in derselben Breite, die Triarier. Die gesamte Reiterei der drei Treffen wurde auf die beiden Flügel verteilt; ihre Geschwader hießen nach ihrer Gestalt und Stellung alae, denn sie waren gleichsam die Flügel dieses Körpers. Das erste Treffen, die Hastaten, stand so dicht geschlossen, daß es den Angriff des Feindes aushalten und ihn selbst schlagen konnte. Das zweite, die Principes, focht nicht gleich zu Anfang, mußte aber das erste Treffen unterstützen, wenn es geschlagen oder zurückgedrängt wurde. Es wurde daher nicht dicht geschlossen, sondern mit Lücken aufgestellt, so daß es, ohne in Unordnung zu kommen, das erste Treffen aufnehmen konnte, sobald dies vom Feinde gedrängt und zurückgeworfen wurde. Das dritte, die Triarier, hatte noch größere Lücken, um im Notfall die Hastaten und Principes aufnehmen zu können. Waren die Treffen in dieser Art aufgestellt, so begann die Schlacht. Wurden die Hastaten geworfen oder geschlagen, so zogen sie sich in die Lücken der Principes zurück, und beide Treffen vereinigt, begannen aufs neue den Kampf. Wurden auch sie geworfen und geschlagen, so zogen sich beide in die Lücken der Triarier zurück, und alle drei Treffen, zu einer Masse vereinigt, erneuerten nochmals den Kampf. Waren auch sie überwunden, so hatten sie nichts mehr einzusetzen und verloren die Schlacht. Jedesmal also, wenn das letzte Treffen, die Triarier, eingesetzt wurde, war das Heer in Gefahr, woraus das Sprichwort entstand: Res redacta est ad triarios, was in unserer Sprache heißt: Wir haben unser Letztes eingesetzt. Wie die heutigen Feldherren von allen übrigen Einrichtungen der Alten abgegangen sind und von ihrer Kriegszucht nichts mehr befolgen, so haben sie auch diese Fechtweise aufgegeben, so bedeutsam sie ist. Denn wer seine Schlachtordnung so aufstellt, daß er dreimal mit frischer Kraft angreifen kann, dem muß das Glück dreimal feindlich sein, wenn er verlieren soll, und sein Feind muß so tapfer sein, daß er ihn dreimal zu besiegen vermag. Wer sich aber auf den ersten Stoß verläßt, wie die heutigen Heere der Christenheit, der kann leicht geschlagen werden, denn jede Verwirrung, jede mittelmäßige Tapferkeit kann ihm den Sieg entreißen. Unsre Heere können nicht dreimal die Schlacht erneuern, weil das Verfahren, ein Treffen durch das andre aufzunehmen, verlorengegangen ist. Das kommt daher, daß die heutigen Schlachten einen der zwei folgenden Fehler haben. Entweder stellt man die Treffen dicht nebeneinander und bildet ein breite, dünne Schlachtfront, die wegen ihrer geringen Tiefe schwach ist. Oder man stellt die Treffen, um sie stärker zu machen, hintereinander auf, wie die Römer, trifft aber keine Einrichtung, das erste, wenn es durchbrochen ist, durch das zweite aufnehmen zu lassen; vielmehr geraten alle Treffen in Verwirrung und werfen sich selbst zurück. Denn ist das vorderste geschlagen, so prallt es auf das zweite; will das zweite vorrücken, so wird es durch das erste gehindert. Es wirft sich also das erste auf das zweite und dies auf das dritte, und dadurch entsteht solche Unordnung, daß oft der geringste Zufall ein Heer zugrunde richtet.

In der Schlacht bei Ravenna (1512), in der für unsre Zeit gut gefochten wurde, und in der der französische Feldherr Gaston de Foix fiel, war sowohl das französische wie das spanische Heer in der oben genannten Weise aufgestellt, nämlich in einem einzigen, weit breiteren als tiefen Treffen. Das geschieht stets, wenn man, wie bei Ravenna, ein ausgedehntes Schlachtfeld hat. Da man nämlich weiß, welche Unordnung in tiefen Treffen beim Rückzug entsteht, sucht man ihr womöglich durch die Aufstellung in breiter Front zu begegnen; ist man aber durch die Örtlichkeit eingeengt, so läßt man es bei der genannten Unordnung, ohne an Abhilfe zu denken. In derselben Unordnung zieht man durch Feindesland, ob man Beute macht oder eine andre Kriegshandlung vornimmt.

Als Pisa nach dem Einfall Karls VIII. in Italien S. Lebenslauf, 1494. von Florenz abgefallen war und beide Städte sich bekriegten, wurden die Florentiner bei San Regolo (1498) im Pisanischen und anderwärts nur durch die eigne Reiterei geschlagen. Diese stand im ersten Treffen, wurde geschlagen, prallte auf das Florentiner Fußvolk und durchbrach es, worauf der Rest des Heeres die Flucht ergriff. Oft hat Messer Ciriaco dal Borgo, der alte Anführer des Florentiner Fußvolks, in meiner Gegenwart versichert, er sei immer nur durch die eigne Reiterei geschlagen worden. Wenn die Schweizer, die Meister in der neuen Kriegskunst, mit den Franzosen kämpfen, sorgen sie vor allem dafür, sich so aufzustellen, daß die eigne Reiterei, wenn sie geworfen wird, nicht auf sie zurückprallt.

Obwohl dies alles leicht verständlich und sehr leicht ausführbar scheint, hat bisher doch noch keiner unsrer zeitgenössischen Feldherren die Fechtweise der Alten nachgeahmt und die neuere verbessert. Man teilt die Heere zwar noch in drei Abteilungen, Vorhut, Hauptmacht und Nachhut, aber man braucht diese Einteilung nur bei der Lagereinteilung; in der Schlacht aber kommt es, wie gesagt, selten vor, daß man nicht alle drei Abteilungen dem gleichen Schicksal preisgibt. Da nun viele zur Entschuldigung ihrer Unwissenheit anführen, viele Kriegsregeln der Alten ließen sich wegen der Gewalt des Geschützes nicht mehr anwenden, will ich diesen Gegenstand im nächsten Kapitel erörtern und untersuchen, ob das Geschütz uns hindert, so tapfer wie die Alten zu sein.

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