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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 78
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Aus niederem Stande gelangt man zur Größe eher durch Betrug als durch Gewalt.

Ich halte es für eine ausgemachte Wahrheit, daß Menschen von niederem Stand selten oder nie ohne Gewalt oder Betrug zu hohem Range gelangen, wofern der Rang ihnen nicht von seinem Inhaber geschenkt oder vererbt wird. Ich glaube auch nicht, daß Gewalt allein hinreicht, wohl aber Betrug, wie man deutlich aus dem Leben Philipps von Mazedonien, Philipp II. Mazedonien (382-336), ein Sohn des Königs Amyntas II., bemächtigte sich als Vormund seines Neffen Amyntas III. 359 des Thrones. des Agathokles von Syrakus S. Buch II, Kap. 12, Anm. 59. und vieler andrer ersieht, die sich vom niedrigsten oder doch aus niederem Stande zu Fürsten oder Beherrschern der größten Reiche emporschwangen. In seinem Leben des Kyros zeigt Xenophon, wie notwendig Betrug ist, denn der erste Feldzug des Kyros gegen den König von Armenien ist voller Betrug, und Kyros gelangt mehr durch List als durch Gewalt zum Throne. Der ältere Kyros, dessen Erziehung Xenophon in seiner Kyropädie beschrieben hat, der Gründer des persischen Reiches, war der Sage nach ein Sohn der Mandane, Tochter des Königs Astyages von Medien, des Sohnes des Kyaxares. Er folgert nichts andres daraus, als daß ein Fürst, der Großes vorhat, betrügen lernen muß. Er läßt ihn ferner den Mederkönig Kyaxares, seinen Oheim mütterlicherseits, auf verschiedene Weise überlisten und zeigt, daß er ohne diesen Betrug nicht zu seiner Größe gelangt wäre. Ich glaube auch nicht, daß man je einen finden wird, der sich aus niederem Stand allein durch offene und ehrliche Gewalt zu einem mächtigen Herrscher emporgeschwungen hätte, wohl aber durch Betrug allein, wie Gian Galeazzo Visconti, der seinem Oheim Bernabò die Herrschaft der Lombardei entriß. Bernabò Visconti (1358-85) regierte nach dem Tode seines Bruders Galeazzo II. (1378) gemeinsam mit seinem Neffen Gian Galeazzo die Lombardei, wurde aber 1385 von ihm eingekerkert und ermordet.

Was Fürsten im Anfang ihrer Vergrößerung tun müssen, das müssen auch Republiken tun, bis sie mächtig geworden sind und mit Gewalt allein auskommen. Da nun Rom durch Zufall oder mit Vorbedacht alle nötigen Mittel ergriff, um zur Größe zu gelangen, ließ es auch dies nicht unbenutzt. Gleich zu Anfang konnte es keinen größeren Betrug begehen, als sich in der oben beschriebenen Weise S. Buch II, Kap. 1 und 4. Bundesgenossen zu schaffen, denn unter diesem Namen unterwarf es sie, wie die Latiner und andre Nachbarn. Zuerst bediente es sich ihrer Waffen, um die Nachbarvölker zu bezwingen und der Republik Ansehen zu verschaffen, und nach ihrer Unterwerfung ward es so mächtig, daß es jeden unterjochen konnte. Die Latiner merkten ihre völlige Knechtschaft erst, als sie die Samniter zweimal geschlagen und zum Frieden gezwungen sahen. Denn dieser Sieg verschaffte den Römern zwar großes Ansehen bei den entfernten Fürsten, die dadurch den Namen der Römer hörten, nicht aber ihre Waffen fühlten; er erregte aber auch Neid und Argwohn bei denen, die diese Waffen so sahen und fühlten wie die Latiner. Und dieser Neid und diese Furcht vermochten so viel, daß nicht allein die Latiner, sondern auch die römischen Kolonien in Latium und die noch vor kurzem beschützten Campanier sich gegen den römischen Namen verschworen. Die Latiner fingen also den Krieg an, wie nach unserer obigen Darlegung S. Buch II, Kap. 9, und Livius VIII, 1 ff. die Mehrzahl der Kriege angefangen werden; sie griffen nämlich nicht die Römer an, sondern nahmen die Sidiciner gegen die Samniter in Schutz, die die Samniter mit Erlaubnis der Römer bekriegten. Daß aber die Latiner wirklich den Krieg anfingen, weil sie jenen Betrug durchschaut hatten, das bezeugt Livius durch den Mund des latinischen Prätors Annius Setinus, der im Senat sagte: Nam si etiam nunc sub umbra foederis aequi servitutem pati possumus, etc. Livius VIII, 4. (Denn wenn wir auch jetzt unter dem Schein eines Bündnisses Gleichberechtigter die Knechtschaft ertragen können usw.) Man sieht also, daß Rom es im Beginn seines Wachstums an Betrug nicht fehlen ließ, wie sich alle seiner bedienen mußten, die von kleinen Anfängen zum höchsten Gipfel der Macht emporsteigen wollen. Das ist um so weniger zu tadeln, je versteckter es geschieht, wie es bei den Römern der Fall war.

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