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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 73
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Achtes Kapitel

Warum die Völker ihre Sitze verlassen und fremde Länder überschwemmen.

Ich habe von der Art und der Weise gesprochen, wie die Römer ihre Kriege führten, und erzählt, wie die Etrusker von den Galliern überfallen wurden. Es scheint mir nicht vom Gegenstand abzuführen, wenn ich sage, daß es zwei Arten von Kriegen gibt. Die eine entsteht durch die Herrschsucht der Fürsten und Republiken; hierher gehören die Kriege Alexanders des Großen, der Römer und alle, die täglich eine Macht mit der andern führt. Diese Kriege sind gefährlich, vertreiben aber die Einwohner des Landes nicht ganz, da der Sieger sich mit dem Gehorsam der Völker begnügt. Auch läßt er ihnen meist ihre Gesetze, ihre bewegliche und unbewegliche Habe.

Die andre Gattung von Kriegen besteht darin, daß ein ganzes Volk, durch Hunger oder Krieg gezwungen, mit Weib und Kind aufbricht und neue Sitze und Länder aufsucht, nicht um darüber zu herrschen, sondern um sie ganz zu besitzen und die alten Einwohner zu vertreiben oder zu töten. Solche Kriege sind am grausamsten und schrecklichsten, und solche meint Sallust, wenn er am Ende seines jugurthinischen Krieges sagt, nach der Niederwerfung des Jugurtha habe man den Aufbruch der Gallier nach Italien erfahren. Der jugurthinische Krieg währte von 112-105 v. Chr. 105 wurden die Römer bei Arausio von den Cimbern (nicht Galliern) schwer geschlagen. Mit allen andern Völkern hätten die Römer nur um die Herrschaft gekämpft, aber mit den Galliern um ihr Dasein. Denn ein Fürst oder eine Republik, die ein Land angreifen, begnügen sich mit der Vernichtung der Regierenden; solche Völker aber müssen alle ausrotten, weil sie von dem leben wollen, wovon die andern gelebt haben.

Die Römer führten drei solche höchst gefährlichen Kriege. Den ersten, als Rom von den Galliern zerstört wurde, die, wie oben gesagt, den Etruskern die Lombardei entrissen und sich dort niedergelassen hatten. Livius führte zwei Ursachen für diesen Einfall an. V, 34 ff. Erstens seien die Gallier durch den Wohlgeschmack der Früchte und des Weins, woran es in Gallien fehlte, nach Italien gelockt worden. Zweitens sei die Volkszahl so angewachsen, daß sie sich nicht mehr ernähren konnten; die Fürsten hielten es also für nötig, daß ein Teil des Volkes auswanderte. Nach diesem Beschluß wurden zu Anführern der Fortziehenden zwei Könige gewählt, Bellovesus und Sicovesus, von denen Bellovesus nach Italien, der andre nach Spanien ging. Vielmehr nach den Donauländern. Bellovesus eroberte die Lombardei, und daraus entstand der erste Krieg der Römer mit den Galliern. Der zweite folgte auf den ersten punischen Krieg; in ihm töteten die Römer in der Schlacht zwischen Piombino und Pisa über 200 000 Gallier. Schlacht bei Telamon, 225 v. Chr. Der dritte entstand, als die Cimbern und Teutonen in Italien einfielen, mehrere römische Heere besiegten und schließlich von Marius geschlagen wurden. Bei Aquae Sextiae (102) und Vercellae (101 v. Chr.). Die Römer blieben also in diesen drei höchst gefährlichen Kriegen Sieger. Es bedurfte dazu aber keiner geringeren Tapferkeit als der ihren, denn als die römische Tapferkeit schwand und ihre Waffen die alte Kraft verloren, zerstörten ähnliche Völker, Goten, Vandalen und andre das römische Reich und eroberten das ganze Abendland.

Solche Völker werden, wie gesagt, durch die Not aus ihrer Heimat vertrieben. Diese Not entsteht durch Hunger, Krieg oder Unterdrückung, die sie im eignen Lande erleiden und die sie zur Auswanderung zwingen. Sind sie sehr zahlreich, so dringen sie mit Gewalt in fremde Länder, töten die Einwohner, nehmen ihnen ihre Güter weg, gründen ein neues Reich und geben dem Land einen andern Namen, wie Moses und die Völker, die das römische Reich eroberten. Denn die neuen Namen, die man in Italien und in andern Ländern findet, stammen von den neuen Eroberern. Die Lombardei hieß Gallia cisalpina, Frankreich Gallia transalpina und wird heute nach den Franken genannt, die es nachher eroberten. Slavonien hieß Illyrien, Ungarn Panonien, England Britannien, und so haben viele Länder ihre Namen geändert, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. Auch Moses nannte den von ihm eroberten Teil Syriens Judäa. Wie gesagt werden solche Völker manchmal durch Krieg aus der Heimat vertrieben und gezwungen, sich neue Sitze zu suchen. Ich will dafür die Maurusier, einen alten syrischen Stamm, als Beispiel anführen. Als sie das Anrücken der Hebräer erfuhren und ihnen nicht widerstehen zu können glaubten, hielten sie es für besser, ihr Land zu verlassen und sich selbst zu retten, als um das Land zu retten, selbst unterzugehen. Sie brachen also mit Weib und Kind auf und zogen nach Afrika, wo sie sich niederließen und die alten Einwohner vertrieben. Während sie also ihr eignes Land nicht hatten verteidigen können, konnten sie ein fremdes erobern. Prokop, der den Krieg Belisars mit den Vandalen, den Eroberern Afrikas, beschreibt, berichtet, er habe in den Gegenden, wo die Maurusier wohnten, auf Säulen die Inschrift gelesen: Nos Maurusii, qui fugimus a facie Jesu latronis, Der Nachfolger des Moses; Nuns Sohn. Die Maurusier sind dasselbe Volk wie die Mauren. Vgl. Prokops Vandalenkrieg, II, 10. filii Navae. (Wir Maurusier flohen vor dem Antlitz des Räubers Josua; des Sohnes des Nava.) Woraus die Ursache ihres Abzuges aus Syrien erkennbar wird.

Solche Völker sind also höchst furchtbar, weil sie die äußerste Not treibt, und wenn sie nicht auf eine starke Kriegsmacht stoßen, wird man ihnen nie widerstehen. Ist aber die Zahl derer, die ihr Vaterland verlassen müssen, nicht so groß wie die der Genannten, so sind sie auch minder gefährlich. Sie können nicht soviel Gewalt anwenden, müssen sich durch List in den Besitz einer Gegend setzen und sich durch Erwerbung von Freunden und Verbündeten behaupten. So sieht man es bei Äneas, Dido, Die sagenhafte Gründerin Karthagos. den Massiliern Massilia, das heutige Marseille, wurde um 600 v. Chr. von kleinasiatischen Griechen gegründet. und ähnlichen, die sich alle nur mit Einwilligung der Nachbarn in ihren neuen Sitzen behaupten konnten.

Fast alle großen Völker kommen und kamen aus den Ländern der Skythen, kalten und armen Gegenden, aus denen sie wegen der starken Volkszahl und der Unergiebigkeit des Bodens auswandern mußten, denn vieles trieb sie fort und nichts hielt sie zurück. Wenn aber seit 500 Jahren keins dieser Völker ein Land überschwemmt hat, so hat das mehrere Gründe. Erstens entleerten sich jene Länder beim Untergang des römischen Reiches, wo mehr als dreißig Völkerschaften auswanderten. Zweitens ist Deutschland und Ungarn, woher sonst auch solche Stämme kamen, jetzt so gut angebaut, daß man dort bequem leben kann und nicht zum Wechsel der Wohnsitze gezwungen ist. Ferner bilden diese sehr kriegstüchtigen Völker ein Bollwerk gegen die angrenzenden Skythen, das diese nicht wegnehmen noch umgehen können. Häufig entstehen auch große Bewegungen unter den Tartaren, die dann von den Ungarn und Polen zurückgehalten werden; ja diese rühmen sich oft, daß Italien und die Kirche ohne ihre Waffen oft die Wucht der tartarischen Heere gefühlt hätten. Soviel von den genannten Völkern.

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