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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 68
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Rom wurde dadurch mächtig, daß es die Nachbarstädte zerstörte und die Fremden leicht mit gleichen Rechten aufnahm.

Crescit interea Roma Albae ruinis. Livius I, 30. Alba longa wurde von Tullus Hostilius zerstört. (Indes wächst Rom durch Albas Untergang.) Wer eine Stadt zu einem großen Reich machen will, muß ihre Einwohnerzahl soviel wie möglich vermehren. Denn ohne Überfluß an Menschen wird es ihm nie gelingen, die Stadt groß zu machen. Dies geschieht auf zweierlei Art, mit Güte oder mit Gewalt. Mit Güte, indem man den Fremden, die darin wohnen wollen, die Tore weit auftut und ihnen Sicherheit gewährt, damit jeder gern darin wohnt. Mit Gewalt, indem man die Nachbarstädte zerstört und deren Einwohner in die eigne Stadt verpflanzt. Rom befolgte diese Regel so gut, daß es zur Zeit des sechsten Königs schon 80 000 waffenfähige Männer zählte. Die Römer machten es wie ein guter Gärtner: damit ein Baum wachse und Frucht trage, schneidet er die ersten Sprossen ab, damit die Kraft im Stamme bleibt und er nachher desto kräftigere und fruchtreichere Zweige treibt. Daß dies Mittel, ein Reich zu gründen und zu vergrößern, notwendig und gut ist, zeigt das Beispiel Spartas und Athens. Obwohl beide Republiken die stärksten Heere und die besten Gesetze hatten und Rom viel aufrührerischer und weniger gut eingerichtet schien, brachten sie es doch nie zur Größe des römischen Reiches. Dafür läßt sich nur die obige Ursache angeben, denn Rom hat durch jene zwei Mittel seinen Umfang so vergrößert, daß es bis zu 280 000 Mann ins Feld stellen konnte, während Sparta und Athen es nie über 20 000 Mann brachten. An der günstigen Lage Roms kann dies nicht gelegen haben, sondern allein an dem verschiedenen Verfahren. Denn Lykurg, der Gründer der spartanischen Republik, sah ein, daß nichts seine Gesetze leichter lockern könnte als eine Vermischung mit neuen Einwohnern; er tat darum alles, um jeden Verkehr mit Fremden zu verhüten, verbot Heiraten mit Fremden, die Erteilung des Bürgerrechts an sie und überhaupt alle menschlichen Beziehungen zu ihnen, ja er führte in seiner Republik auch noch das Ledergeld ein, damit jedem die Lust verginge, Waren oder irgendein Gewerbe dorthin zu bringen. So konnte die Stadt nie anwachsen.

Alles, was wir tun, ist eine Nachahmung der Natur. Somit ist es unmöglich und naturwidrig, daß ein dünner Stamm einen dicken Ast trägt. Darum kann eine kleine Republik keine Städte und Reiche erobern, die stärker und größer sind als sie. Gelänge es ihr auch, so erginge es ihr wie einem Baum, dessen Zweige stärker sind als der Stamm: er kann seine Last kaum tragen, und der geringste Windstoß bricht sie ab. So erging es Sparta, als es alle Städte Griechenlands erobert hatte. Kaum hatte sich Theben empört, 349 v. Chr. so fielen alle übrigen ab, und der Stamm blieb bloß und ohne Zweige. Das konnte Rom nicht zustoßen, denn sein Stamm war so stark, daß er alle Zweige leicht tragen konnte. Dies Verfahren also und einige andre, die wir unten anführen werden, machte Rom groß und mächtig. Livius drückt es mit zwei Worten aus: Crescit interea Roma Albae ruinis.

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