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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 65
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Zweites Buch

Äußere Politik und Kriegführung

 

Die Menschen loben stets die alten Zeiten, wenn auch nicht immer mit Recht, und klagen die Gegenwart an. Sie sind so parteiisch für die Vergangenheit, daß sie nicht allein die Zeitalter preisen, die sie aus den Überlieferungen der Schriftsteller kennen, sondern auch die Zeiten ihrer Jugend, deren sie sich in ihrem Alter erinnern. Wenn der Standpunkt verkehrt ist, und das ist er meist, so hat dieser Irrtum nach meiner Ansicht verschiedene Ursachen.

Die erste ist, glaube ich, die: man erfährt von der Vorzeit nicht die ganze Wahrheit. Das meiste, was jenen Zeiten Schande macht, wird verheimlicht, während das, was ihnen Ruhm bringt, glänzend und ausführlich dargestellt wird. Denn die meisten Schriftsteller huldigen dem Glück der Sieger so sehr, daß sie, um deren Siege herauszustreichen, nicht nur ihre wirklich tapferen Taten vergrößern, sondern auch die der Feinde in einer Weise verherrlichen, daß jeder, der später im Lande des Siegers oder des Besiegten geboren wird, alle Ursache hat, jene Menschen und Zeiten anzustaunen und sie notwendig aufs höchste loben und lieben muß. Da ferner der Haß aus Furcht oder Neid entsteht, fallen bei der Vergangenheit die zwei Hauptursachen des Hasses fort, denn Vergangenes kann weder schaden noch Neid erregen. Das Gegenteil tritt bei allem ein, was man unter den Händen und Augen hat. Bei genauer Kenntnis der Dinge bleibt einem keine Einzelheit verborgen, und da man an ihnen neben dem Guten auch manches Mißfällige wahrnimmt, muß man sie weit unter die alten stellen, sollten sie auch viel mehr Lob und Ruhm verdienen. Eine Ausnahme bilden die Künste, die so deutlich für sich sprechen, daß die Zeit ihrem wirklichen Wert wenig hinzufügen oder nehmen kann. Ich rede also nur von Dingen, die das Leben und die Sitten der Menschen betreffen, von welchen man keine so deutlichen Zeugnisse hat. Ich wiederhole also, daß die Gewohnheit zu loben und zu tadeln allerdings besteht, aber man braucht sich dabei nicht immer zu irren. Manchmal muß man ja notwendig die Wahrheit treffen, denn die menschlichen Dinge sind in steter Bewegung und steigen oder fallen. Eine Stadt oder ein Land, das von einem trefflichen Mann seine staatliche Ordnung erhielt, sieht man eine Zeitlang durch das Verdienst seines Gründers stets zum Bessern fortschreiten. Wer in einem solchen Lande geboren wird und die alten Zeiten mehr lobt als die neuen, der irrt sich aus den obengenannten Gründen. Wird er aber geboren, wenn der Staat oder das Land schon im Verfall ist, so irrt er sich nicht.

Wenn ich den Lauf der Welt bedenke, so finde ich, daß die Welt stets die gleiche war. Es gab immer soviel Böses wie Gutes, aber beides wechselte von Land zu Land. So wissen wir aus der Geschichte, daß die alten Reiche durch den Wechsel der Sitten bald stiegen, bald sanken; die Welt aber blieb die gleiche, nur mit dem Unterschied, daß die Tugend, die zuerst in Assyrien blühte, nachher nach Medien und Persien verpflanzt wurde, bis sie endlich nach Italien und Rom kam. Wenn auf das römische Reich kein Reich von längerer Dauer mehr folgte, in dem die Welt ihre ganze Tugend vereint hätte, so zeigt diese sich doch unter verschiedene tüchtige Völker verstreut. Derart war das fränkische Reich, das türkische, das des Sultans, Gemeint ist das Mameluckenreich in Ägypten. S. Buch I, Kap. 1. heute die Völker Deutschlands, und früher der sarazenische Stamm, der so Großes vollbracht, so viele Länder erobert und schließlich das oströmische Reich zerstört hat. In all diesen Ländern und bei all diesen Völkern herrschte nach dem Verfall des römischen Reiches jene Tugend, die man zurücksehnt und mit Recht preist, ja, man trifft sie zum Teil noch jetzt an. Wer in diesen Ländern geboren wird und die Vergangenheit über die Gegenwart stellt, mag sich irren. Wer aber in Griechenland und Italien geboren wird und in Italien nicht die Sitten der Nordländer angenommen oder in Griechenland Türke geworden ist, hat allen Anlaß, seine Zeit zu tadeln und die Vorzeit zu loben. Denn das Altertum ist in vieler Hinsicht bewunderungswürdig, jetzt aber findet er nichts, was die äußerste Erbärmlichkeit, Schmach und Schande wettmachte; denn es werden weder Religion noch Gesetze noch Kriegszucht beobachtet, und alles ist mit schmutzigen Lastern befleckt. Diese Laster sind um so abscheulicher, als man sie am häufigsten bei denen wahrnimmt, die auf den Richterstühlen sitzen, jedem Befehle erteilen und verehrt sein wollen. Kehren wir jedoch zu unserm Gegenstand zurück!

Ich sage, wenn die Menschen auch falsch darüber urteilen, ob die Gegenwart oder die Vergangenheit besser sei, weil sie vom Altertum keine so genaue Kenntnis besitzen wie von ihrer eignen Zeit, so sollten doch die alten Leute wenigstens die Zeit ihrer Jugend und ihres Alters richtig beurteilen, da sie beide gleich gut gekannt und gesehen haben. Das könnten sie allerdings nur tun, wenn die Menschen in jedem Lebensalter das gleiche Urteil und die gleichen Neigungen hätten. Da sich diese aber ändern, können ihnen die Zeiten, die sich nicht ändern, doch nicht als die gleichen erscheinen, weil sie im Alter andre Begierden, andre Neigungen, andre Ansichten haben als in der Jugend. Mit dem Alter nehmen die Kräfte ab, Urteil und Einsicht aber zu. So müssen ihnen die Dinge, die in der Jugend erträglich und gut schienen, im Alter unerträglich und schlecht scheinen. Statt aber die Ursache davon in ihrem eignen Urteil zu suchen, klagen sie über die Zeiten. Überdies sind die menschlichen Begierden unersättlich, da die Natur uns alles begehren läßt, das Schicksal aber nur wenig zu erreichen erlaubt. Dadurch entsteht im Menschenherzen ewige Unzufriedenheit und Überdruß an allem, was man besitzt. So tadeln wir die Gegenwart, loben die Vergangenheit und wünschen die Zukunft herbei, ohne einen vernünftigen Grund.

Ich weiß daher nicht, ob man mich zu denen rechnen wird, die sich irren, wenn ich in diesen Erörterungen die alte Römerzeit zu sehr lobe und die unsre tadle. Wäre die damals herrschende Tugend und das jetzt herrschende Laster nicht sonnenklar, so würde ich mich behutsamer ausdrücken, um nicht in den Fehler zu verfallen, dessen ich andre zeihe. Da aber die Sache so offenbar ist, daß jeder sie sieht, werde ich dreist und offen aussprechen, was ich von dieser und jener Zeit halte, damit meine jungen Leser sich von dieser abwenden und sich zur Nachahmung jener vorbereiten, so oft ihnen das Schicksal Gelegenheit dazu gibt. Denn es ist Pflicht eines rechtschaffenen Mannes, das Gute, das er wegen der Ungunst der Zeiten und des Schicksals nicht ausführen konnte, andere zu lehren, damit unter vielen Fähigen einer, den der Himmel mehr liebt, es verwirklichen kann. Habe ich im ersten Buch von den inneren Angelegenheiten der römischen Republik gesprochen, so will ich in diesem Buche davon reden, was das römische Volk zur Vergrößerung seiner Herrschaft tat.

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