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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 63
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunundfünfzigstes Kapitel

Ob man sich mehr auf Bündnisse oder Verträge mit einer Republik oder einem Fürsten verlassen kann.

Da es täglich vorkommt, daß Fürsten und Republiken miteinander Bündnisse und Freundschaft schließen, so scheint es mir der Untersuchung wert, wessen Treue beständiger ist und auf welche man mehr zählen kann, auf die einer Republik oder eines Fürsten. Alles wohl erwogen, scheinen sie mir in vielen Fällen gleich und in andern verschieden zu sein. Ich glaube, erzwungene Verträge wird weder ein Fürst noch eine Republik halten, und wenn sie die Furcht um den Verlust des Staates befällt, werden beide ihr Wort brechen und undankbar sein. Demetrios, der Städteeroberer, Demetrios Poliorketes befreite 307 v. Chr. Athen. Er war 294-87 König von Mazedonien und starb 283 in Syrien. hatte den Athenern zahllose Wohltaten erwiesen; als er dann von seinen Feinden geschlagen war, nahm er seine Zuflucht zu Athen als einer befreundeten Stadt, die ihm viel Dank schuldete. Aber die Athener nahmen ihn nicht auf, und das schmerzte ihn weit mehr als der Verlust der Schlacht und seines Heeres. Als Pompejus in Thessalien von Cäsar geschlagen war, flüchtete er nach Ägypten zu Ptolomäus, den er einst in sein Reich eingesetzt hatte, und wurde von ihm ermordet. Wie man sieht, war in beiden Fällen die Ursache gleich, doch war das Benehmen der Republik menschlicher und weniger schimpflich als das des Fürsten.

Wo also Furcht herrscht, wird man tatsächlich die gleiche Treue finden, und wo man eine Republik oder einen Fürsten findet, der sich, um die Treue zu halten, seinem Untergang aussetzt, kann dies gleichfalls ähnliche Beweggründe haben. Denn ein Fürst kann sehr wohl mit einem mächtigen Fürsten im Bunde stehen, der ihn zwar im Augenblick nicht zu schützen vermag, von dem er aber hoffen darf, daß er ihn mit der Zeit wieder in sein Fürstentum einsetzen wird. Oder er glaubt auch, da er immer auf seiner Seite gestanden hat, bei seinem Feinde weder Vertrauen noch Geneigtheit zum Frieden zu finden.

So ging es den Königen von Neapel, die die Partei der Franzosen ergriffen hatten. Das Beispiel ist nicht klar. Von den letzten zwei aragonischen Königen von Neapel, Ferdinand II. (1495-96) und Friedrich (1496-1501) mußte der erstere vor den Franzosen fliehen und kehrte zurück, als die Spanier sie vertrieben, und der letztere mußte sich nach dem Vertrag von Granada (1500), durch den Neapel zwischen Spanien und Frankreich geteilt wurde, den Franzosen ergeben und starb 1504 in Frankreich. Unter den Republiken teilten dies Schicksal Sagunt Die Zerstörung Sagunts durch Hannibal (219 v. Chr.) war der Anlaß zum zweiten punischen Kriege. Vgl. Livius XXI, 14. in Spanien, das seinen Untergang besiegelte, als es die Partei der Römer ergriff, und Florenz, als es im Jahre 1512 den Franzosen die Treue hielt. S. Lebenslauf, 1512. Alles in allem genommen, glaube ich jedoch, daß man in Fällen dringender Gefahr bei Republiken etwas mehr Beständigkeit findet als bei Fürsten; denn hätten sie auch dieselbe Gesinnung und dieselbe Neigung wie ein Fürst, so werden sie sich doch bei ihrem schwerfälligen Geschäftsgang schwerer dazu entschließen, die Treue zu brechen.

Bündnisse werden ferner aus Nützlichkeitsgründen gebrochen. Hier halten die Republiken ihre Verträge bei weitem länger als die Fürsten. Ja, es ließen sich Beispiele anführen, wo ein Fürst um eines winzigen Vorteils willen sein Wort gebrochen hat, während ein großer Nutzen eine Republik nicht dazu bewegen konnte. So war es bei dem Vorschlag des Themistokles, Nach Cicero, De officiis, III, 11. der in einer Volksversammlung sagte, er habe einen Plan, der dem Vaterlande großen Nutzen brächte; um ihn aber nicht zu vereiteln, könne er ihn nicht aussprechen. Darauf wählte das Volk von Athen den Aristides, dem der Plan mitgeteilt werden sollte, und nach dessen Befund es dann beschließen wollte. Themistokles legte ihm nun dar, daß die ganze griechische Flotte, die unter die Obhut Athens gestellt war, an einem Orte läge, wo sie leicht erobert oder zerstört werden könnte, was Athen zur Vormacht in Griechenland machen würde. Hierauf berichtete Aristides dem Volke, der Vorschlag des Themistokles sei zwar sehr nützlich, aber äußerst unehrenhaft, und das Volk verwarf ihn darum völlig. Das hätten Philipp von Mazedonien und andre Fürsten nicht getan, die durch Treubruch mehr ihren Vorteil suchten und mehr gewannen als durch irgendein andres Mittel.

Was den Bruch von Verträgen infolge ihrer Nichterfüllung betrifft, so rede ich davon nicht, weil es eine gewöhnliche Sache ist. Ich rede nur von Verträgen, die aus außergewöhnlichen Gründen gebrochen wurden, und da glaube ich nach dem Obengesagten, daß das Volk hier geringeres Unrecht begeht als ein Fürst. Darum kann man sich mehr auf das Volk als auf den Fürsten verlassen.

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