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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 43
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Neununddreißigstes Kapitel

Bei verschiednen Völkern sieht man oft die gleichen Ereignisse.

Bei Betrachtung der gegenwärtigen und alten Begebenheiten erkennt man leicht, daß bei allen Städten und Völkern von jeher die gleichen Wünsche und Stimmungen herrschten. Wer also sorgfältig die Vergangenheit untersucht, kann leicht die zukünftigen Ereignisse in jedem Staate vorhersehen und dieselben Mittel anwenden, die von den Alten angewandt wurden, oder wenn er keine angewandt findet, kann er bei der Ähnlichkeit der Ereignisse neue ersinnen. Aber die Leser unterlassen solche Betrachtungen oder verstehen sie nicht anzustellen, und wenn sie es auch verstehen, so kommen sie doch nicht zur Kenntnis der Regierung, und so kehren zu jeder Zeit die gleichen Unzuträglichkeiten wieder. Für diesen Gedankengang vgl. Plutarch, Sertorius, I, und Thukydides, I, 21 und 138; III, 82.

Als Florenz im Jahre 1494 einen Teil seines Gebiets, Pisa und andre Städte, verloren hatte, S. Lebenslauf, 1494, und S. 89, Anm. 113. mußte es mit denen, die sie besetzt hielten, Krieg führen. Da diese aber mächtig waren, so wurde bei dem Kriege viel Geld ohne irgendeinen Nutzen verausgabt. Die vielen Ausgaben verursachten viele Auflagen, und diese endlose Klagen des Volkes. Da nun der Krieg von einem Rate von zehn Männern geleitet wurde, Machiavelli war 1498–1512 Kanzler dieser Behörde, die damals die Zehn für Frieden und Freiheit hießen. (S. Lebenslauf, 1498.) die die Zehn des Krieges hießen, so begann das Volk gegen sie zu murren, als wären sie die Ursache des Krieges und der Ausgaben, und es wähnte, mit ihrer Beseitigung wäre auch der Krieg beseitigt. Als daher die Zeit der Neuwahlen kam, wurden keine neuen gewählt und ihre Geschäfte der Signoria übertragen. Dieser Entschluß war äußerst verderblich; denn er machte nicht nur dem Kriege kein Ende, wie die Menge gewähnt hatte, sondern durch die Entfernung der Männer, die ihn mit Einsicht geleitet hatten, riß auch solche Unordnung ein, daß außer Pisa auch Arezzo und viele andre Städte verlorengingen. Nun erst sah das Volk seinen Irrtum ein. Es erkannte, daß das Fieber und nicht der Arzt die Ursache des Fiebers war, und setzte den Rat der Zehn wieder ein.

Die gleiche Mißstimmung entstand in Rom gegen den Konsultitel. Als das Volk einen Krieg aus dem andern hervorgehen sah und niemals Ruhe fand, glaubte es, daß dies nicht von dem Ehrgeiz der Nachbarn käme, die Rom unterdrücken wollten, sondern vom Ehrgeiz der Adligen, die das von den Tribunen beschützte Volk nicht daheim züchtigen konnten und es deshalb unter den Konsuln aus Rom herausführen wollten, um es hier, wo es ganz hilflos war, zu unterdrücken. Das Volk hielt es daher für nötig, entweder die Konsuln abzuschaffen oder ihre Macht so zu beschränken, daß sie weder auswärts noch zu Hause Macht über das Volk hätten. Der erste, der dies Gesetz durchzubringen suchte, war ein Tribun Terentilius, der den Antrag stellte, fünf Männer zu ernennen, die die Macht der Konsuln untersuchen und beschränken sollten. 462 v. Chr. Nach zehnjährigen Kämpfen wurden die Dezemvirn (s. Kap. 40) eingesetzt. Das brachte den Adel gewaltig auf, denn ihm schien, die Majestät der Regierung werde dadurch völlig herabgewürdigt und ihm selbst verbliebe keine besondere Stelle mehr im Staatswesen. Nichtsdestoweniger war die Hartnäckigkeit der Tribunen so groß, daß der Konsultitel abgeschafft wurde. Nach einigen andern Versuchen gab sich das Volk schließlich damit zufrieden, Tribunen mit Konsulargewalt statt Konsuln zu wählen; Durch die Lex Canuleja, 445 v. Chr. so viel mehr war ihr Name als ihre Gewalt verhaßt. Längere Zeit blieb es dabei, bis man endlich den Irrtum einsah und wieder Konsuln ernannte, wie die Florentiner zu den zehn Männern zurückkehrten.

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