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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 39
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Warum in Rom die Einrichtung der Dezemvirn dem Staate schädlich wurde, obwohl sie aus öffentlicher und freier Wahl hervorgingen.

Dem obigen Grundsatz, daß die Gewalt, die jemand an sich reißt, nicht aber die durch Abstimmung erteilte, den Republiken schädlich sei, scheint die Wahl der zehn Männer 451 v. Chr. Vgl. Livius III, 33 ff. zu widersprechen, die vom römischen Volke ernannt wurden, um Rom Gesetze zu geben, mit der Zeit aber Tyrannen wurden und ihm rücksichtslos seine Freiheit raubten. Man muß jedoch in Betracht ziehen, welche Art von Gewalt und für wie lange sie erteilt wird. Eine unbeschränkte Gewalt, die auf lange Zeit erteilt wird, d. h. für ein Jahr oder mehr, wird immer gefährlich und ihre Folgen werden gut oder schlimm sein, je nachdem ihre Träger gut oder schlimm sind. Vergleicht man nun die Gewalt der zehn Männer mit der der Diktatoren, so wird man die der zehn Männer unvergleichlich größer finden. War ein Diktator ernannt, so blieben die Tribunen, die Konsuln, der Senat im Amte, und der Diktator konnte es ihnen nicht nehmen. Hätte er auch einen Konsul, einen Senator abgesetzt, so konnte er doch nicht den ganzen Senat abschaffen und neue Gesetze geben. Senat, Konsuln und Tribunen blieben also im Amt und wachten gleichsam darüber, daß er nicht vom geraden Wege abwiche.

Bei der Ernennung der zehn Männer jedoch geschah das Gegenteil, denn sie setzten die Konsuln und Tribunen ab und erhielten gesetzgeberische Gewalt und die volle Volkssouveränität. Da sie so allein standen, ohne Konsuln und Tribunen und ohne Berufung ans Volk, mithin niemand da war, der über sie wachte, so konnten sie im zweiten Jahre, vom Ehrgeiz des Appius gestachelt, ihre Macht mißbrauchen. Wenn ich vorher behauptete, eine durch freie Wahl verliehene Macht hätte noch nie einer Republik geschadet, so setzte ich dabei voraus, daß ein Volk sich nie dazu hergibt, diese Macht anders als unter den gehörigen Einschränkungen und auf die gehörige Zeit zu verleihen. Läßt es sich aber durch Hinterlist oder andre Gründe verblenden und verleiten, die Gewalt unbesonnen und in der Art zu verleihen, wie es bei den zehn Männern der Fall war, so wird immer das gleiche eintreten. Das ergibt sich klar, wenn man bedenkt, aus welchen Ursachen die Diktatoren pflichttreu blieben und die Dezemvirn untreu wurden, und wenn man ferner bedenkt, wie die Republiken, die für gut eingerichtet galten, mit der Verleihung langdauernder Gewalt verfuhren, wie z. B. Sparta mit der Verleihung an seine Könige und Venedig an seine Dogen. Für beide Würden waren Wächter bestellt, die darauf sahen, daß sie ihre Macht nicht mißbrauchten. Ohne diese Sicherung hilft es auch nichts, daß die Sitten rein sind, denn ein unumschränkter Machthaber verdirbt sie sehr bald und wirbt sich Freunde und Anhänger. Auch schadet es ihm nichts, daß er arm ist und keine Verwandten hat, denn Reichtum und alle andern Vorteile fallen ihm ja sofort zu, wie wir bei der Ernennung der Dezemvirn erörtern werden. S. Kap. 40.

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