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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 21
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Siebzehntes Kapitel

Ein verderbtes Volk, das zur Freiheit gelangt, kann sich nur mit größter Schwierigkeit frei erhalten.

Ich glaube, entweder mußten die Könige in Rom ausgerottet werden, oder Rom wäre in Kürze schwach und kraftlos geworden. Denn bedenkt man, wie verderbt die Könige geworden waren, so brauchten nur noch zwei bis drei solcher Regenten zu folgen, und ihre Verderbtheit hätte sich durch die Glieder des Staatskörpers verbreitet; in diesem Fall aber war eine Neuordnung des Staates unmöglich. Da jedoch das Haupt fiel, als der Körper noch unversehrt war, so konnte man leicht zu einer freien, geordneten Verfassung zurückkehren.

Es muß als unumstößliche Wahrheit gelten, daß ein verderbter Staat, der unter einem Fürsten lebt, nie frei werden kann, auch wenn der Fürst mit seinem ganzen Stamm vertilgt wird; vielmehr wird ein Fürst nur den andern verdrängen. Ohne sich einen neuen Herrn zu geben, kommt dieser Staat also nie zur Ruhe; es müßte denn einer, der Güte mit Kraft paart, ihm die Freiheit erhalten. Aber selbst dann wird die Freiheit mit dem Tode dieses Mannes ein Ende nehmen. So erging es Syrakus mit Dion und Timoleon, S. Kap. 10, Anm. 29. deren Tugend die Stadt zu verschiedenen Zeiten frei erhielt, solange sie lebten; nach ihrem Tode aber fiel sie in die alte Tyrannenherrschaft zurück. Das schlagendste Beispiel jedoch bietet Rom; denn nach der Vertreibung der Tarquinier konnte es sofort die Freiheit ergreifen und behaupten, aber nach der Ermordung Cäsars, Caligulas und Neros und dem Verlöschen des ganzen julischen Hauses konnte es die Freiheit nicht nur nicht behaupten, sondern nicht einmal einen Anlauf dazu nehmen. Solche Verschiedenheit der Wirkung in ein und derselben Stadt erklärt sich nur daraus, daß das römische Volk zur Zeit der Tarquinier noch unverdorben, in der späteren Zeit aber durchaus verderbt war. Um es der Königsherrschaft feind zu erhalten, genügte damals der Schwur, nie Könige in Rom zu dulden. Später aber reichte das Ansehen und die Strenge des Brutus samt allen Legionen des Ostens nicht hin, um es zur Erhaltung der Freiheit zu bewegen, die ihm Brutus gleich seinem Ahnherrn wieder geschenkt hatte. 509 v. Chr. stürzte Lucius Junius Brutus die Targuinier, 44 v. Chr. ermordete Marcus Junius Brutus den Cäsar. Das kam von der durch die Partei des Marius ins Volk getragenen Sittenverderbnis; nur dadurch konnte Cäsar, das Haupt dieser Partei, die Menge so verblenden, daß sie das Joch nicht gewahrte, das sie sich selbst auf den Nacken legte.

Das Beispiel Roms ist zwar ausschlaggebend, aber ich will bei dieser Gelegenheit auch Völker der Gegenwart anführen. Ich sage also, daß kein Ereignis, so wichtig und gewaltig es sei, Mailand oder Neapel je wieder frei machen könnte, weil die Sitten hier völlig verderbt sind. Das zeigte sich, als Mailand nach dem Tode Filippo Viscontis zur Freiheit zurückkehren wollte, sie aber nicht zu behaupten verstand noch vermochte. Nach dem Tode des Herzogs Filippo Maria Visconti (1447) erklärte sich Mailand zur Republik, kam aber schon 1450 in die Gewalt seines Feldhauptmanns Francesco Maria Sforza, dessen Geschlecht die Herrschaft unter wechselnden Schicksalen behielt, bis es 1335 ausstarb. Die folgende spanische Herrschaft wurde 1717 durch die österreichische abgelöst, die bis 1859 währte. – Nach der Gefangennahme des letzten Königs Friedrich von Aragon durch die Franzosen (1501) und der Eroberung durch die Spanier (1503) kam Neapel unter spanische Herrschaft bzw. Dynastie, unter der es mit zwei größeren Unterbrechungen bis 1860 blieb. Es war also für Rom ein großes Glück, daß seine Könige schnell verderbt und verjagt wurden, bevor ihre Verderbtheit in die Eingeweide des Staates überging. Dieser Sittenreinheit ist es zuzuschreiben, daß die zahllosen Unruhen in Rom, da der Endzweck der Bürger immer gut war, dem Staate nichts schadeten, sondern nützten.

Man kann also den Schluß ziehen, daß da, wo die Sitten rein sind, Aufstände und Unruhen nichts schaden; wo sie aber verderbt sind, helfen auch die besten Gesetze nichts, sie würden denn von einem Manne mit äußerster Strenge gehandhabt, bis die Sitten wieder gut sind. Ob das je geschehen ist oder geschehen könnte, weiß ich nicht; denn wie gesagt, wenn ein Staat durch Sittenverderbnis in Verfall geraten ist und sich überhaupt wieder erholt, so geschieht dies nur durch das Verdienst eines Mannes, und nicht der Gesamtheit, die die guten Einrichtungen in Kraft erhielte. Sobald dieser eine stirbt, kehrt der Staat ins alte Geleise zurück. Ein Beispiel hierfür bietet Theben, das durch die Tüchtigkeit des Epaminondas eine republikanische Regierungsform erhielt und zur Vormacht in Griechenland wurde, nach seinem Tode aber in die alte Verwirrung zurücksank. Die obige Stelle nach Cornelius Nepos. Denn kein Mensch lebt so lange, daß er einem seit lange verderbten Staat gute Sitten beibringen könnte. Da also ein Mann von sehr langer Lebensdauer und selbst zwei tüchtige Regierungen hintereinander die Sitten nicht bessern, so geht der Staat, wie gesagt, sobald es an solchen Männern fehlt, sofort zugrunde, wenn ihn nicht einer mit vielen Gefahren und Blutvergießen wieder emporbringt. Denn die Verderbnis und Unfähigkeit zu freiem Leben entsteht aus der im Staate herrschenden Ungleichheit, und will man diese abstellen, so muß man die außerordentlichsten Mittel anwenden. Dazu aber sind wenige fähig oder gewillt, wie an andrer Stelle auseinandergesetzt werden soll. Vgl. Kap. 18 und 55.

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