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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Einleitung

Von Friedrich von Oppeln-Bronikowski

»I tre libri de' Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, di Niccolò Machiavelli, cittadino e segretario fiorentino« (Die drei Bücher der Erörterungen über die erste Dekade des Titus Livius, von Niccolò Machiavelli, Bürger und Staatssekretär von Florenz), so lautet der wenig einladende Titel eines der gehaltreichsten Bücher der politischen Literatur. Obwohl ein Eckstein in der Geschichte des politischen Denkens, wird dies Werk heute nur noch von Fachgelehrten und einzelnen Staatsmännern gewürdigt. Und doch hat die geschichtliche Entwicklung ihm vielfach recht gegeben, ja, sein Inhalt ist gerade heute in einer Zeit politischer Umwälzungen und Problemstellungen so zeitgemäß, daß es die Beachtung jedes Politikers und überhaupt aller verdient, die über die politische Tagesweisheit hinaus nach allgemeinen politischen Grundsätzen, nach Erkenntnis geschichtlicher Zusammenhänge streben. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hat dies Buch zwar eifrig studiert, wie die zahlreichen Ausgaben und Übersetzungen ins Lateinische, Französische, Deutsche und Englische beweisen. Mehr und mehr aber wandte sich das Interesse der kleinen, erfolgreichen Gelegenheitsschrift des großen Florentiners, dem »Principe« zu, die nur einen Einzelfall aus dem Lehrgebäude der »Diskurse« methodisch entwickelte. Ja, Machiavellis Name ist nur durch diese Schrift unsterblich geworden und mit ihr im allgemeinen Bewußtsein derart zusammengewachsen, daß die darin entwickelten Gedanken über den fürstlichen Absolutismus mehr und mehr als Machiavellis Lehre überhaupt aufgefaßt wurden und den Gegenstand leidenschaftlicher Erörterung bildeten. So schrieb Friedrich der Große als Kronprinz seinen einseitigen »Antimachiavelli«, Deutsch von mir im Verein mit dem »Fürsten« von Machiavelli (2. Aufl., Jena 1921) in der von Voltaire besorgten Fassung. Die ursprüngliche Fassung deutsch in den »Sämtlichen Werken« Friedrichs des Großen, Berlin 1914, Bd. VII, S. 1 ff. und ebenso nahm Fichte in seiner kleinen, aber kraftvollen Verteidigungsschrift »Über Machiavelli als Schriftsteller, und Stellen aus seinen Schriften.« fast nur Bezug auf den »Fürsten«. Selbst Leopold von Ranke geht in seiner »Geschichte der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1515« ausführlich nur auf den »Fürsten« ein. Ergänzung und Berichtigung ist daher geboten; ja, das volle Verständnis Machiavellis und seines Denkens ist nur möglich, wenn sein Hauptwerk, die »Diskurse über die erste Dekade des Titus Livius«, wieder zu Ehren gebracht wird. Wir haben es richtiger » Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte« betitelt; denn Machiavelli bezieht sich ja nicht nur auf die ersten zehn Bücher der »Römischen Geschichte« des Livius, sondern auf alle, die uns erhalten sind, und auf eine Fülle anderer lateinischer und griechischer Autoren Von lateinischen Autoren kannte Machiavelli nachweislich, neben den Dichtern Virgil, Ovid, Horaz und Tibull, die Philosophen Cicero und Seneca, von Historikern außer Livius den Cäsar, Tacitus, Sallust, Sueton, Justin und Quintus Curtius. Die griechischen Schriftsteller kannte er wohl nur aus lateinischen und italienischen Übersetzungen (ob er griechisch verstand, bleibt strittig), insbesondere Aristoteles' Politik, Plutarchs Lebensbeschreibungen, Xenophons Kyropädie u. a. Schriften, den Redner Isokrates, die Geschichtsschreiber Herodot, Thukydides, Polybios, Diodor, Diogenes von Laërte, Herodian und Prokop. Eine eingehende Untersuchung über die von Machiavelli benutzten antiken Schriftquellen gab Dr. G. Ellinger in »Die antiken Quellen der Staatslehre Machiavellis«, Tübingen 1888 (In der »Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft«, X, 1-58). Sie liegt den Quellenangaben dieser Verdeutschung größtenteils zugrunde. und geschichtlicher Ereignisse in Hellas und Rom, und dazu tritt eine Menge italienischer Geschichtsbeispiele, die meist die düstere Folie politischer Verkehrtheiten zu den leuchtenden Vorbildern des Altertums bilden. Beide Bestandteile verraten deutlich den Zweck des Werkes: nicht gelehrte Studien zu treiben, sondern durch Entwicklung politischer Grundsätze aus einzelnen Ereignissen, durch anfeuernde und abschreckende Beispiele praktisch zu wirken.

Aus ihrer Zeit hervorgewachsen und durch sie bedingt, vielfach in schroffem Gegensatz zu ihr und bestimmt, bessernd und wegweisend auf sie einzuwirken, setzen diese »Betrachtungen« zum vollen Verständnis nicht nur die allgemeine Kenntnis der politischen, religiösen und sittlichen Zeitverhältnisse voraus, wie sie Rankes Geschichte veranschaulicht, Besonders ausführlich geht auf die Zeitereignisse ein Luca Landuccis »Florentinisches Tagebuch« (1450-1516), deutsch von Marie Herzfeld, Jena 1913, 2 Bde., mit wertvollen gelehrten Anmerkungen. sondern auch viele, den Zeitgenossen Machiavellis geläufige Einzelheiten, die heute nur noch den Fachgelehrten bekannt sind. Ebenso unerläßlich für das Verständnis von Werk und Autor ist auch die Kenntnis seiner Lebensschicksale. Ich habe deshalb beide vereint als » Lebenslauf Machiavellis und wichtigste Zeitereignisse« am Schluß des Bandes zusammengefaßt und dadurch zugleich die Verknüpfung seiner Lebensumstände mit den Zeitläuften veranschaulicht. Diese Angaben waren um so nötiger, als die älteren Verdeutschungen Die älteren deutschen Ausgaben der »Diskurse«, die auch für diese Verdeutschung benutzt wurden, sind:
1. »Unterhaltung über die erste Dekade der römischen Geschichte des Titus Livius«, Danzig 1776, mit einem Titelkupfer (Bild Machiavellis). 3 Bde. Die ungenannten Übersetzer sind J. G. Scheffner und F. G. Findeisen.
2. In »Sämtliche Werke«, deutsch von Joh. Ziegler, Karlsruhe 1832, Bd. 1, unter dem Titel: »Vom Staate, oder Betrachtungen über die ersten zehn Bücher des Tit. Livius«. Diese Ausgabe (8 Bde., Karlsruhe 1832-41) enthält alle damals bekannten Schriften Machiavellis, zu denen nur noch wenige archivalische Funde getreten sind. Sie bietet dem deutschen Leser noch jetzt eine brauchbare Handhabe.
3. In der »Historisch-politischen Bibliothek« (Berlin 1870, Bd. 11): »Erörterungen über die erste Dekade des Titus Livius«, übersetzt von W. Grüzmacher.
Als Vorläufer dieser Verdeutschungen sind die zahlreichen lateinischen Übersetzungen zu betrachten, die namentlich in Universitätsstädten erschienen sind: in Mömpelgard 1588 und 1599, in Straßburg und Ursel 1599, in Frankfurt a. M. 1608 und 1619, in Straßburg 1619, in Marburg (von Jul. Reichenberg) 1620, in Leipzig 1629. Ferner in Holland: Leyden 1643 und 1649. Hierzu kommt noch die lateinische Abhandlung von J. F. Christ »De Nicolao Machiavelli libri tres«, Halle 1731. Auch eine italienische Ausgäbe seiner Hauptwerke (ohne die »Kriegskunst«) erschien 1786 in Berlin und Stralsund (3 Bde.).
sowie die italienischen Ausgaben ganz ohne Fußnoten und Erklärungen sind, mit einziger Ausnahme der Schulausgabe von Giuseppe Piergili (Florenz 1892), deren Anmerkungen aber teils lückenhaft und falsch sind, teils durch philologische Exkurse und Randbemerkungen aller Art viel zu weit gehen.

Für die antike Geschichte habe ich mich mit den notwendigsten Anmerkungen und Quellennachweisen begnügt, zumal die angeführten Beispiele meist für sich selbst sprechen. Viele werden dem Leser noch aus der Schulzeit geläufig sein. Wer sie bei Livius nachlesen will, dem sind die deutschen Liviusausgaben zugänglich, ebenso für die römische und griechische Geschichte die Werke von Mommsen, Curtius u. a. m.

Allerdings ist gerade Mommsen für die älteste römische Geschichte sehr kurz gefaßt und kritisch, wogegen Machiavelli ganz der Darstellung des Livius folgt und ihr kritiklos glaubt. Vieles, was er als wahr annahm, wie die Urgeschichte Roms, ist von der neueren Wissenschaft ins Fabelbuch geschrieben worden, und für viele geschichtliche Vorgänge (wie die Fälle des Spurius Maelius und Manlius Capitolinus) ist uns die gefärbte Darstellung des Livius nicht mehr maßgebend. Somit scheinen die Schlüsse, die Machiavelli daraus zieht, selbst hinfällig zu werden. Aber diese Annahme ist falsch, denn es sind nicht sowohl die Voraussetzungen, von denen Machiavelli ausgeht, als vielmehr die Schlußfolgerungen, die er zieht, was den unvergänglichen Wert seines Buches bildet. Was er für geschichtliche Wahrheit nahm, wird für uns also vielfach zum Idealfall, von dem er ausgeht, und seine Schlußfolgerungen verlieren dadurch nichts von ihrem Wert.

Auch im Stil eifert er – in bewußtem Gegensatz zur Schönrednerei vieler italienischer Renaissanceschriftsteller – der schlichten Größe des antiken Schrifttums nach. »Kraftvoll, schmucklos und gerade zum Ziel treffend, wie Cäsar, ist er dabei tief und gedankenreich wie Tacitus, aber klarer und deutlicher als dieser. Nicht irgendeiner ist sein Vorbild gewesen, sondern vom Geist des Altertums überhaupt durchdrungen, ist ihm ohne alle Nachkünstelung zur anderen Natur geworden, stark, lebendig und angemessen zu schreiben wie die Alten. Die Kunst der Darstellung findet sich bei ihm nur wie von selbst, sein stetes Ziel ist der Gedanke.« Soweit Friedrich Schlegel Sämtliche Werke, Wien 1822, II, so. in seiner geistreichen Kritik. Auch für die »Diskurse« gilt vollauf, was Machiavelli selbst in der »Zueignung« seines »Fürsten« sagt: »Dies Werk habe ich nicht ausgeschmückt, noch mit schönen Phrasen und prunkhaften Worten oder mit anderen Reizen und äußeren Stilmitteln aufgeputzt, wie so viele Schriftsteller. Ich wollte, daß die Sache sich selber ehrt und daß allein die Mannigfaltigkeit des Stoffes und der Ernst des Gegenstandes dies Buch auszeichnen.« Klarheit und Ehrlichkeit, Schlichtheit und gedrängte Kürze sind die Vorzüge dieses rein sachlichen Stils. »Wenn es überhaupt wahr ist«, sagt R. von Mohl, »daß der Stil den Menschen zeigt, so beweist der seine die ausgeprägteste und klarste Männlichkeit.« Sein besonderer Reiz ist, daß sich in ihm der analysierende Gelehrte mit dem Dramatiker und dem erfahrenen Staatsmann die Hand reicht.

Freilich darf man nicht vergessen, daß diese Sprache vierhundert Jahre alt ist und daß die Stilgewohnheiten der Römer und Romanen den heutigen deutschen nicht immer entsprechen. Auch Machiavelli türmt bisweilen ciceronianische Periodenbauten, die in deutscher Sprache unmöglich sind, Wer sich von solchen stilistischen Unmöglichkeiten überzeugen will, lese die wortgetreue Verdeutschung von 1870. und es fehlt bei ihm auch nicht an altertümlichen Schwerfälligkeiten, Unklarheiten und Wiederholungen, denen man das Ringen des abstrakten Denkens mit einer Sprache anmerkt, die noch ohne wissenschaftliche Tradition und feste Denkformen war und sich den Ausdruck bisweilen erst mühsam prägen mußte. Trotz dieser kleinen Einschränkungen zählt Machiavelli in Italien noch heute zu den ersten klassischen Autoren und »Testi di lingua«. Einige Einzelheiten dieser Abhängigkeit Machiavellis von den antiken Vorbildern sind für die Fassung des deutschen Textes zu beachten. Von den antiken und italienischen Stadtstaaten ausgehend, vertauscht er häufig die Begriffe Stadt, Staat und Republik (Freistaat). Die Verdeutschung ist ihm hierin gefolgt, bisweilen hat sie den Sammelbegriff »Gemeinwesen« benutzt. Im zweiten Buch (Äußere Politik) fällt sogar öfter der Begriff »Fürst« und »Republik« zusammen, da Machiavelli bei den auswärtigen Beziehungen immer nur den Leiter eines Staatswesens, sei es monarchisch oder republikanisch, im Auge hat. Ebenso ist der Begriff der »Tugend«, der italienischen virtù, aus dem Begriff der antiken virtus entwickelt und durchaus »moralinfrei«. Der nicht immer eindeutige Sinn: Fähigkeit, Begabung, Talent, Verdienst, Tapferkeit, kurz Mannes- oder Bürgertugend, ist in der Verdeutschung meist mit diesen Worten übersetzt worden; wo das Wort »Tugend« stehengeblieben ist, hat es jedenfalls nichts mit Tugend im Sinne der christlichen oder kantischen Ethik zu tun. Vgl. Ed. Wilh. Mayer »Machiavellis Geschichtsauffassung und sein Begriff virtù«, München und Berlin 1912. In der Wiedergabe antiker Namen verfährt Machiavelli bisweilen sehr sorglos. Kleinere Unrichtigkeiten sind im deutschen Text selbst verbessert, größere in Anmerkungen.

Machiavelli gehört zu den großen problematischen Naturen der Weltgeschichte. »Kaum«, sagt Mohl, »dürfte sich in der Geschichte, der menschlichen Geistesentwicklung ein zweiter finden, dessen Lebensschicksale so unzweifelhaft vorliegen, der sich so unumwunden selbst ausgesprochen hat, der so viel schrieb und über den doch die Urteile so weit auseinandergehen.« Der Grund liegt erstens, wie schon gesagt, darin, daß die Mehrzahl seiner Beurteiler sich einseitig an den »Fürsten« hielt, statt ihn im Zusammenhang mit den anderen Werken zu würdigen. Zweitens in dem teilweisen Gegensatz zwischen seinen beiden gleichzeitigen Hauptschriften, dem »Fürsten« und den »Diskursen«, sowie in seinem eigenen Verhalten, denn der überzeugte Republikaner buhlte um die Gunst der Medici, die seinem Vaterlande die Freiheit geraubt hatten, und diente ihnen mit Rat und Tat. Drittens liegt er in der Umstrittenheit der von ihm aufgeworfenen politischen Probleme und der von ihm empfohlenen Maßregeln.

1.

Vom »Fürsten« ausgehend, sagt ein Staatsmann wie Bacon als Wortführer vieler: »Wir danken es Machiavelli und ähnlichen Schriftstellern, daß sie offen und ungeschminkt sagen, was die Menschen tun, nicht was sie tun sollen.« Und doch hat gerade Machiavelli in seinen »Politischen Betrachtungen« vielmehr gezeigt, was die Menschen tun sollen, ja, er hat ihr Tun aufs schärfste gegeißelt. Durch gleich einseitiges Ausgehen vom »Fürsten« und durch Mißverstehen seiner Grundsätze hat Friedrich der Große in seinem »Antimachiavelli« ein Zerrbild des Florentiners geschaffen. Ihm ist er ein Ungeheuer an Unmoral, ein Lehrer des Verbrechens, ein Teufel in Menschengestalt. Und doch war gerade Friedrich später als Staatsmann oft genug gezwungen, die Wege Machiavellis zu beschreiten, und ebenso hat er ihm in späteren Jahren an Menschenverachtung nichts nachgegeben. In der gleichen Optik befangen war auch der Anreger dieser Jugendschrift, Voltaire, obwohl er selbst in seinen Geschäftspraktiken eine oft recht machiavellitische Skrupellosigkeit bewiesen hat. Ja, unter Machiavellis ärgsten Feinden waren die Jesuiten, die Meister des »Machiavellismus« und der durch den Zweck geheiligten Mittel! Überhaupt ist es recht wunderlich, welche buntgemischte Gesellschaft die Verehrer und Feinde des Florentiners bilden. Neben leidenschaftlichen Patrioten wie Alfieri und Fichte finden sich Theoretiker des Immoralismus wie Beyle-Stendhal und Nietzsche, und während in Deutschland die Auffassung Friedrichs des Großen noch lange nachwirkte, wurde Machiavelli von dem Geschlecht Cavours und des Risorgimento als Vorkämpfer für die Einheit Italiens geradezu zum Nationalheiligen gemacht. Nur ganz allmählich hat sich mit der Entfernung von den Zeitverhältnissen, dem sich erweiternden Gesichtskreis und der sich mehrenden Kenntnis aller Umstände eine Auffassung durchgesetzt, die vom Hosianna wie vom Crucifige gleich weit entfernt ist. Ja, das Fortschreiten von oberflächlichen und einseitigen Ansichten zu gründlicherer Prüfung und sachlichen Urteilen ist »sehr auffallend« (Mohl). Wir können also heute das Problem Machiavelli zu lösen versuchen.

2.

Die Gegensätze zwischen seinen beiden wichtigsten Schriften zwingen uns, auf Machiavellis Leben kurz einzugehen. Wie der »Lebenslauf« zeigt, kam der Jüngling noch unter der kunstfrohen und glänzenden Herrschaft Lorenzos des Prächtigen in die Lehre eines Staatsmannes und Altertumsfreundes, Marcello Adriani. Mit neunundzwanzig Jahren wurde er Staatssekretär des Florentiner Kriegs- und Außenministeriums, nachdem die Medici vertrieben waren und Florenz sich unter dem Einfluß des Reformators Savonarola in einen rauhen, religiös gerichteten Freistaat verwandelt hatte. Fünfzehn Jahre lang sehen wir Machiavelli nun, wenn auch nicht in den höchsten Würden, so doch in wichtigen Staatsgeschäften rastlos tätig, als Kommissar bei der Belagerung Pisas und als Hauptleiter bei seiner Eroberung, dem großen Ziel der damaligen Republik, als Schöpfer des ersten modernen Volksheeres, als Gesandten in über zwanzig Sendungen, teils einem Vornehmeren beigesellt, meist aber allein und mit folgenschweren Verhandlungen betraut, viermal in Frankreich, zweimal in Deutschland und mehrfach in Rom, also bei den Lenkern der großen Politik seiner Zeit, und – entscheidend für seine Anschauung, aber auch für seinen Nachruf – bei dem furchtbaren Papstsohn Cäsar Borgia, insbesondere während der berüchtigten Mordtat von Sinigaglia, über die wir von ihm einen eiskalten Bericht besitzen. Dieser langjährigen, praktischen Erfahrung des Staatsmannes dankt unser Buch die Fülle zeitgenössischer Geschichtsbeispiele, die in seine Geschichte eingeflochten sind; ja, es dankt ihr überhaupt den politischen Weitblick.

Der Sturz der Republik und die Rückkehr der Medici schleudert ihn mitten in den rüstigsten Mannesjahren ins Nichts. Umsonst bietet er den neuen Machthabern seine Dienste an; sie mißtrauen dem Staatssekretär der Republik. Als eine Verschwörung ausbricht, wird er verdächtigt, eingekerkert, gefoltert, aber als unschuldig freigelassen und zieht sich nun in drückendster Armut auf sein vom Vater ererbtes Landgütchen zurück. In dem bekannten Brief an Vettori vom 10. Dezember 1513 schildert er selbst sein Dasein.

»Mit der Sonne erhebe ich mich und gehe nach einem Gehölz, das ich umschlagen lasse. Um Geld zu gewinnen. Hier bleibe ich zwei Stunden, um die Arbeit des vorigen Tages in Augenschein zu nehmen und die Zeit mit den Holzhackern hinzubringen. Dann gehe ich nach einer Quelle und von da nach einer Vogelhütte, die mir gehört, mit einem Buch unterm Arm, Dante, Petrarca, oder auch einem kleineren Dichter, Tibull oder Ovid oder dergleichen. Da lese ich von ihren verliebten Leidenschaften, erinnere mich der meinen und ergötze mich eine Weile an solchem Sinnen. Dann gehe ich nach einer Schenke an der Landstraße, rede mit den Vorbeigehenden, frage nach ihren Neuigkeiten, erfahre mancherlei und beobachte die mannigfachen Neigungen und Grillen der Menschen. Indes kommt die Essensstunde heran, wo ich mit den Meinigen solche Speisen genieße, wie sie mein armes Landgut und geringes Erbe mit sich bringt. Nach Tisch gehe ich wieder in die Schenke; da treffe ich in der Regel den Wirt, einen Fleischer, einen Müller und zwei Ziegelbrenner. Mit diesen verspiele ich dann den ganzen Tag mit Cricca oder Tricktrack, wobei es tausend Händel gibt und tausend Schimpfereien, meist um einen Quattrino, und schreien hört man uns bis nach San Casciano. In dies gemeine Leben versenkt, schleppe ich mein schimmelndes Gehirn hin und lasse meinem widrigen Schicksal freien Lauf. Ich füge mich darein, so von ihm mit Füßen getreten zu werden. Ich will doch sehen, ob es sich nicht endlich darüber schämt. Des Abends kehre ich heim, werfe auf der Schwelle meinen schmutzigen Bauernkittel ab und lege königliche Gewänder an, wie sie sich bei Hofe ziemen. So würdig angetan, besuche ich die Hofhaltungen der Alten, werde freundlich von ihnen empfangen und nähre mich von solcher Speise, die mir allein gehört und für die ich geboren ward ... Vier Stunden lang empfinde ich nicht den geringsten Verdruß, vergesse allen Kummer, alle Furcht vor Mangel; ja selbst der Tod schreckt mich nicht. Ich versenke mich ganz in sie, und was ich in ihrer Unterhaltung gewonnen habe, habe ich in ein Werkchen de principatibus Der »Fürst« hineingearbeitet ... Einem Fürsten, besonders einem neuen, dürfte es sehr willkommen sein, deshalb will ich es Seiner Erlaucht, Herrn Giuliano, widmen ... Giuliano Medici, der ältere Bruder von Papst Leo X. Hernach hätte ich den Wunsch, daß die Herren Medici mir zu tun geben, sollte ich anfangs auch Steine wälzen, denn ich müßte mir selbst leid tun, wenn ich sie nicht mit der Zeit gewinnen sollte. Wenn man's läse, würde sich zeigen, daß ich die fünfzehn Jahre meines Staatsdienstes nicht verschlafen noch verspielt habe ... An meiner Treue braucht niemand zu zweifeln; denn wer 43 Jahre treu und redlich war, wie ich, von dem könnte man doch annehmen, daß er seine Natur nicht ändert.«

Diese und andere Notschreie an den Florentiner Gesandten am Hofe des Mediceerpapstes bleiben zunächst ungehört. Aber Machiavelli läßt nicht nach. Spätestens nach Giulianos Tode (1516) widmet er den »Fürsten« dem Lorenzo, der sich damals einen Staat in Norditalien schaffen will. Wenn dieser »von seiner Höhe herabblicken« wolle, heißt es in der ›Zueignung›, so werde er erkennen, »wie sehr zu Unrecht ich ein großes und andauerndes Mißgeschick ertragen muß«. Das ist deutlich gesprochen, aber es ist auch wahr. Er steht in vollster Manneskraft, ist unbeschäftigt, verarmt und im Vollgefühl seiner Fähigkeit. Sein Traktat ist ehrlich gemeint, denn seit Leo X. auf dem Papstthron sitzt, scheint ihm das Schicksal von Florenz und ganz Italien mit dessen Hause verknüpft, und nur von einem aufgeklärten Despoten erhofft er, selbst um den Verlust der heimischen Freiheit, für die er bis zuletzt gekämpft hat, die Rettung Italiens aus dem Elend politischer Zersplitterung, Fremdherrschaft und Sittenverderbnis. An Stelle des Kleinstaatideals der Stadtrepublik tritt das Großstaatideal des einigen Italien. Aber es ist nicht groß von ihm, daß er von seinen Ratschlägen selbst den entsprechenden Vorteil haben will. Er hat sie nur aus Not erteilt, aus der Not Italiens und aus der eigenen. Er wird zwar nie schmutzige Geldgeschäfte machen, wie sein Kritiker Voltaire; seine Armut ist, wie er in jenem Brief selbst betont, »der beste Beweis für seine Redlichkeit«. Aber er ist trotz aller idealen Absichten doch keineswegs ein selbstloser Patriot. Er erniedrigt sich zwar nie zu platten Schmeicheleien vor den neuen Machthabern, aber er buhlt doch um ihre Gunst und findet zu seiner Beschämung trotz jahrelangen Liebeswerbens taube Ohren. Erst allmählich erhält er einige kümmerliche Aufträge, die im Vergleich zu seiner Begabung und früheren Stellung lächerlich sind, wie die Besorgung eines Predigers für die Wollweberzunft oder die Sendung an die Franziskaner in Carpi. Er, der von sich bekennt, »daß er nicht von Seiden- und Wollweberei, noch von Gewinn und Verlust zu reden wisse, sondern allein vom Staate«, muß sich mit ein paar Sendungen in Handelssachen begnügen. Der spätere literarische Auftrag des Kardinals von Medici, die Geschichte von Florenz zu schreiben, war gewiß ehrenvoll und seiner würdig, sicherte ihm auch einen bescheidenen Jahressold, brachte ihn aber seinem Ehrgeiz nicht näher und war auch wieder mit einem Gesinnungsopfer verbunden, denn er konnte diese Geschichte, die seit fast hundert Jahren im Zeichen der Medici stand, unmöglich so unbefangen schreiben, wie er es nach seiner Gesinnung hätte tun müssen. Auch die zwei Gutachten über die Verfassung von Florenz, worin er ein Kompromiß zwischen demokratischen und monarchischen Einrichtungen suchte, hatten weder für den Staat noch für ihn eine unmittelbare praktische Wirkung. Erst an seinem Lebensabend kommt sein Name wieder in den Wahlbeutel für öffentliche Ämter, und nun spielt er unter dem neuen Mediceerpapst Clemens VII., seinem alten Gönner, noch ein kurzes Intermezzo als Staats- und Kriegsmann, bis des Papstes schwache und tückische Greisenpolitik Italien aufs neue in den Abgrund fremder Invasionen stürzt. Noch einmal flammt in Florenz die alte Freiheitsliebe auf; die Medici werden ein letztes Mal verjagt, und Machiavellis Laufbahn findet wiederum ein jähes Ende. Den Verräter an der Volkssache will die neue Regierung nicht beschäftigen, so wenig wie früher die Medici den Republikaner, und so stirbt er, aus allen Himmeln seines Ehrgeizes und seiner politischen Träume gestürzt, mitten im drohenden Untergang seiner Vaterstadt und Italiens, gehaßt und verbittert, in tiefster Armut.

Und doch: gerade sein Unglück, der jähe Sturz von 1512, kam dem politischen Schriftsteller und damit der ganzen gebildeten Welt zugute. Schon früh hatte sich Machiavelli mit Schriftstellern im Kleinen befaßt, mit Berichten, Denkschriften und geschichtlichen Abrissen, ja, er hatte zu seiner Zerstreuung zwei Lustspiele geschrieben. Aber das alles wäre im Drang der Staatsgeschäfte doch nicht über die ersten Ansätze hinaus gediehen, hätte ihn sein hartes Schicksal nicht zum freien Schriftsteller gemacht und den Staatslehrer in ihm entwickelt.

»Versagt ist's ihm, auf anderen Gebieten
Die ihm verlieh'nen Gaben zu erproben,
Weil seinem Streben Anerkennung fehlt,«

heißt es im »Prolog« zur »Mandragola«. In dem Bedürfnis, wenigstens theoretisch in Staatssachen weiterzuarbeiten und dadurch zu wirken, daneben auch, sich bei den Medici beliebt zu machen, schrieb er nun seinen »Fürsten« und später als biographisches Gegenstück dazu das »Leben des Castruccio Castracani«, sowie seine »Kriegskunst«, in der er fast als einziger seiner Zeit mit zwingender Logik die Notwendigkeit von Volksheeren anstatt der damals üblichen Söldnerhorden nachwies. Zugleich entstanden seine »Florentiner Geschichte«, seine Lustspiele »Mandragola« und »Clizia«, bis auf die Mönchsgestalt des Bruders Timoteo Anlehnungen an die antike Komödie, ein komisches Gedicht, der »Goldene Esel«, zwei Lehrgedichte vom Undank und Ehrgeiz, eine komische Erzählung »Belfagor« u. a. m., vor allem aber sein umfassendstes Werk, die Politischen Betrachtungen«. Diese und die »Kriegskunst« gingen aus den Vorträgen und Diskussionen hervor, die der gewiegte Staatsmann im Kreise der vornehmen jungen Gäste der Orti Oricellarii veranstaltete, einer Art Akademie im ursprünglichen Sinne, wie die Lehrstätte Platos in Athen; und gleichzeitig waren diese Vorträge wohl Anlaß und Vorwand zur Unterstützung des Verarmten durch seine Zuhörer, deren zweien er diese »Betrachtungen« widmete.

Hier brauchte er keine Rücksicht auf einen Gewalthaber zu nehmen, seine Optik nicht auf einen Spezialfall einzustellen. Hier konnte er seine republikanischen Grundsätze frei aussprechen und alle Staatsformen und politischen Ereignisse, die in seinem Gesichtskreise lagen, erörtern. War im »Fürsten« der furchtbare Borgia sein Vorbild und Lorenzo der Mann seines Hoffens gewesen, so war hier der römische Freistaat, oder doch wenigstens der etruskische Städtebund das Ziel. Aber das Jahrhundert war für das Ziel nicht reif, wogegen der fürstliche Absolutismus, anfangs aus dem Ehrgeiz einiger Machthaber entsprungen, durch Machiavellis Schrift einen höheren politischen Sinn bekam. Er ist sich der Tragweite dieser Schrift wohl selbst nicht bewußt gewesen, aber die Richtung der Gesamtentwicklung Europas, die auf eine Abrechnung mit dem Mittelalter hindrängte, ist doch in ihr zum ersten Male deutlich ins Bewußtsein getreten und in Worte gefaßt worden. Blieb auch ihre Wirkung auf Italien, für das sie berechnet war, aus, so war sie doch der Ausspruch einer Übergangszeit über sich selbst und über die Verhältnisse, die sich unmittelbar aus dem Untergang des mittelalterlichen Staatswesens entwickeln mußten. So wurde sie zum Katechismus für die kommenden Geschlechter, zum Brevier des Absolutismus und damit bestimmend für den Gang der Entwicklung selbst. Karl V. kannte den »Fürsten« fast auswendig; der gewaltige Papst Sixtus V. machte sich einen eigenhändigen Auszug davon; Katharina von Medici, die Tochter des Mannes, dem er gewidmet war, beherzigte ihn in Frankreich als Gattin Heinrichs II.; in Heinrichs II. Tasche wurde er gefunden, als er ermordet ward; das gleiche wird von Heinrich IV. behauptet, als ihn die Kugel Franz Ravaillacs traf. Der fürstliche Absolutismus führte Frankreich schließlich aus den Wirren der Religionskriege und der Fronde zum machtvollen Einheitsstaat, und ebenso hob der Absolutismus des großen Kurfürsten und der ersten preußischen Könige Brandenburg-Preußen aus dem Jammer des Dreißigjährigen Krieges zu neuer innerer Erstarkung und äußerer Machtstellung empor. Noch Napoleon I. hat einen eigenhändigen Kommentar zum »Fürsten« verfaßt. Das Buch hat also eine welthistorische Mission erfüllt, trotz aller Anfeindungen, trotzdem es sogar auf den Index der verbotenen Bücher kam. Dieselbe päpstliche Offizin, die Machiavellis Werke gedruckt hatte, veröffentlichte 1557, in der Zeit der Gegenreformation, den Index der verbotenen Bücher, in dem unter den ersten Büchern »Der Fürstenspiegel« und die »Politischen Betrachtungen« standen. Das Konzil von Trient bestätigte 1564 dies Verbot. In diesem Sinne gehört also Machiavelli zu den ersten Zerstörern der mittelalterlichen Staatsform.

Seiner weit vorausschauenden »Kriegskunst« war ein gleiches Los nicht beschieden. Die Aufstellung straff disziplinierter Volksheere, wie er sie selbst betrieben hatte, gedieh damals über die ersten Ansätze nicht hinaus. Er sagt zwar: »Welcher Staat das zuerst tut, wird so viel erreichen wie Philipp von Mazedonien, als er die Manneszucht bei Epaminondas gelernt. Dieser Staat wird Herr der anderen sein und ganz Italien beherrschen.« Aber seine Mahnungen fanden nur taube Ohren. Erst Frankreich und Brandenburg-Preußen traten in seine Fußstapfen, und zwar völlig ohne Kenntnis seiner Lehren, rein aus politischer Notwendigkeit. Friedrich Wilhelm I. von Preußen sah in der Gottesfurcht einen Kitt der Heere, genau wie Machiavelli, und wie dieser gelehrt hatte, war Friedrich der Große sein eigener Feldherr; aber Friedrich Wilhelm verschmähte alle Lehren der Schriftsteller, und sein Sohn haßte besonders die des Florentiners. Selbst die Französische Revolution, die das Volksheer erst vollkommen durchführte, nahm sich ihr Vorbild nicht an ihm, sondern an seinem eigenen Vorbild, der altrömischen Republik.

Vollends die »Politischen Betrachtungen«, in die das Thema der »Kriegskunst« vielfach hineinklingt, blieben eine akademische Lehre für junge Florentiner, denen sie höchstens die Köpfe zu einer mißglückten Revolution erhitzten, und für lateinisch schreibende Universitätsprofessoren, die daran ihre gelehrte Dialektik erprobten. Sie waren ja auch ihrer ganzen Anlage nach mehr ein Kompendium der Staatswissenschaft, als eine Lehre für einen bestimmten Fall. Denen, die dem Verfasser vorwarfen, er habe die Fürsten gelehrt, Tyrannen zu sein, entgegnete er ingrimmig, er habe auch die Völker gelehrt, wie sie die Tyrannen ausrotten sollten. Wie wahr dies ist, zeigt das Beispiel des Dezemvirs Appius (I, 40), wo Machiavelli dem Volk seine Fehler bei der Verteidigung der Freiheit, dem Appius die seinen beim Streben nach der Alleinherrschaft vorrechnet. Ebenso rät er den Fürsten, wie sie sich vor Verschwörungen zu hüten haben, aber er zeigt auch, wann und wie Verschwörungen gelingen können. Mit kalter Sachlichkeit erörtert er die verschiedensten politischen Lagen und Vorgänge, teils im geschichtlichen Rückblick, teils in ihrer allgemeinen Möglichkeit; denn wie er sagt: »Es ist gut, alles zu erörtern.« Wie der Arzt mit dem Messer und mit Giften an Leichen und kranken Körpern, arbeitet hier der Politiker in seinem Laboratorium mit allen politischen Mitteln, völlig jenseits von Gut und Böse, zunächst der Wissenschaft halber, dann aber auch, um mit Hilfe der erworbenen Kenntnisse praktisch zu wirken. Soweit besteht also kein problematischer Gegensatz zwischen den »Betrachtungen« und einem herausgelösten Einzelfall wie der »Fürst«. Hatte doch Machiavelli in seinem Hauptwerk selbst betont, daß die Einrichtung oder Neuordnung eines Staatswesens, einerlei ob die Republik oder Monarchie, nur durch einen einzigen möglich ist, der sich diktatorische Gewalt zulegt und dem jedes Mittel zu seinem Zwecke, auch der politische Mord, erlaubt ist. Außerordentliche Verhältnisse, sagt er (I, 55), verlangen außerordentliche Mittel. Angesichts des verzweifelten Zustandes seines Vaterlandes war er nach Rankes Wort »kühn genug, ihm Gift zu verschreiben«. In der Praxis freilich kommt dieser wohlmeinende Despotismus der von Machiavelli gebrandmarkten Tyrannis sehr nahe, und damit beginnen die schwer entwirrbaren Widersprüche seiner politischen Lehre, nicht nur zwischen seinen beiden Werken, sondern in den »Diskursen« selbst. Schließlich ist es nur die gute Absicht, die seinen »idealen« Alleinherrscher von dem schlimmen Tyrannen unterscheidet (I, 19). Da sich eines Machthabers Herz jedoch schwer ergründen läßt und die Taten des einen wie des anderen jenseits von Gut und Böse stehen, wird der Herrscher sich in Wirklichkeit von einem Borgia wenig unterscheiden, und Machiavelli gesteht dann auch selbst, Brief an Vettori vom 31. 1. 1515. daß er als neuer Herrscher, »dessen Taten überall nachahmen würde«. Daß Güte und Menschlichkeit zur Lenkung der Menge besser seien als Grausamkeit, außer wenn das Volk den Herrscher mit Füßen tritt (III, 19), bleibt daher ebenso eine ideale »Forderung«, wie die, daß er sich Liebe erwerben solle (III, 22). Die schlimme Zeit verlangt eben schlimme Mittel, und die Hauptsache bleibt, daß überhaupt ein Monarch sich aufwirft und behauptet.

Ist darum aber das florentinische Freiheitsideal begraben? Keineswegs! Das ganze Buch handelt von nichts als von dem konstitutionellen Freistaat nach römischem Muster. Hier liegt ein neuer Widerspruch, anscheinend der tiefste, sowohl in der allgemeinen Richtung von Machiavellis Denken wie in den praktischen Zwecken. Er verfolgt gleichzeitig zwei entgegengesetzte Methoden, die sich in ihrer Wirkung praktisch aufheben. Die Lösung dieses Widerspruchs ist darin zu suchen, daß er sich die Verwirklichung seiner beiden Theorien in der Zeitfolge nacheinander dachte. Der »Fürst« ist das Werk der Gegenwart, die »Betrachtungen« über den Volksstaat im wesentlichen das der Zukunft. Für die Gegenwart ein diktatorisches Genie, das Italien aus seinem inneren und äußeren Verderben reißt, wie später Napoleon Frankreich aus dem Abgrund der Revolution emporriß; für die Zukunft die freie Verfassung, die die Errungenschaften dieses einzelnen festhält und ausbaut, wie die römische Republik das Werk des Romulus und der Königszeit fortsetzte, wie Lykurg und Moses ihre Verfassungen gaben und sie dann der Obhut vieler anvertrauten. Das Ideal wäre, daß solche Staatengründer oder Neuordner nach Vollendung ihres Werkes freiwillig abträten, wie wir es von Sulla wissen; da dies aber fast nie geschieht, bleibt nur der gefährliche Weg gewaltsamer Befreiung, wie in Rom durch den Sturz der Tarquinier. Die Kritik dieser Theorie wollen wir im dritten Abschnitt vornehmen; hier gilt es nur, die Einheit von Machiavellis Denken trotz des Gegensatzes seiner Theorien aufzuzeigen.

Sein persönliches Verhalten freilich kommt dabei schlechter weg. Seine Zeitgenossen haben ihm seinen Opportunismus vielfach grimmig verübelt. Er wurde nicht nur 1521 vom eifrigen Republikaner zum willfährigen Fürstendiener und suchte 1527, als Fürstendiener gekennzeichnet, umsonst wieder Anschluß an die Republikaner; er blieb auch in der ganzen Zwischenzeit ein Zwitterwesen von Fürstendiener und Republikaner und übte die von ihm empfohlene Kunst, sich den Zeitverhältnissen anzupassen, gleichgültig gegen Spott und Verachtung, die der spottsüchtige Menschenverächter zehnfach heimzahlte, aber auch unangefochten in seinem Gewissen. Darin war er vollkommen das Kind seiner skrupellosen Zeit und ein rechter Italiener. Aber wie alle Abgefeimtheit des sacro egoismo das damalige Italien nicht vom Verderben rettete, wie alle Virtuosität politischen Verbrechens das eine, was nottat, nicht herbeiführte, so hat auch er von seinem »Machiavellismus« wenig Segen, aber viele Enttäuschungen und Demütigungen gehabt, und all seine politische Weisheit konnte doch die rettende Tat nicht herbeiführen. Diese Gegensätze in seinem Verhalten spiegeln deutlich die heillose Verworrenheit der politischen Lage seines Landes. Auch Italien hatte umschichtig die beiden Wege eingeschlagen, die er selbst einschlug, und doch nicht die Kraft gehabt, einen bis zu Ende zu gehen. Es war seine und Italiens Tragödie.

Ein Kind und ein Spiegelbild seiner Zeit war Machiavelli schließlich auch in seinem leichtfertigen Wandel. Mitten zwischen den geistesscharfen Erörterungen seiner Briefe an Vettori stoßen wir auf schamlose Bekenntnisse eines zügellosen Trieblebens. Der fünffache Familienvater schämt sich nicht, »täglich zu einem anderen schönen Kinde zu gehen« und, bald fünfzig Jahre alt, »sich weder vom Dunkel der Nacht noch von unwegsamen Pfaden schrecken zu lassen, wenn es Amors Spuren zu folgen gilt«. Ein Mann, der solche Zerstreuungen liebte, konnte freilich auch eine gepfefferte Ehebruchskomödie wie die »Mandragola« schreiben, deren ärgste Anstößigkeiten er allerdings in lateinische Worte kleidete. Sie gilt zwar noch heute für das beste Lustspiel des Cinquecento (Voltaire stellte sie über Aristophanes und dicht hinter Moliere), aber welche Sittenverderbnis spricht daraus, daß ein Geist wie Machiavelli ein solches Werk schrieb, daß er damit den Beifall der geistigen Auslese fand und daß sie sich mit ihm in den Schrecknissen der damaligen politischen Umwälzungen die Sorgen verscheuchte! Die sittlichen Mängel dürfen uns freilich das Gesamturteil über Machiavelli nicht trüben: nicht mit Unrecht nennt Mohl ihn »das mächtige, wenn auch verstümmelte Bruchstück eines großen Mannes«.

3.

Der dritte Grund für die Problematik von Machiavellis Natur liegt, wie wir sahen, in der Umstrittenheit seiner politischen Probleme. Ein Blick auf die Zeitgeschichte erklärt die Art seiner Problemstellung und die Grenzen und Lücken seiner Lehren. Im zweiten Kapitel des ersten Buches der »Diskurse« hat er selbst im Anschluß an Polybios den trostlosen Kreislauf beschrieben, zu dem nach seiner Meinung die meisten Staaten verurteilt sind. Er zeigt dort, wie die Fürstenherrschaft zur Tyrannei ausartet, wie Adel und Volk sich dagegen auflehnen, der Adel die Macht an sich reißt, sie mißbraucht, wie das Volk die Adelsherrschaft stürzt und an ihre Stelle eine Volksherrschaft setzt, die alsbald zur Zügellosigkeit und zum Kampf aller gegen alle ausartet, aus dem allein die Fürstenherrschaft den Staat retten kann. Dieser circulus vitiosus, gesteht Machiavelli, würde immer wiederkehren, wenn nicht äußere Umstände, die Eingriffe fremder Mächte, zur völligen Versklavung dieser aufrührerischen Freistaaten führten. In solchen Verhältnissen befanden sich jedenfalls die italienischen Staaten des ausgehenden Mittelalters. Die Wiege der Künste und Wissenschaften, der Mittelpunkt einer Kultur, vor der Europa staunte und von der es jahrhundertelang die wertvollsten Anregungen empfing, bot zugleich das Bild politischer Anarchie, sittlicher Verwilderung und Irreligiosität. Ein Staat fiel über den anderen, ein Mensch über den anderen her, um ihn zu vergewaltigen. Alle Mittel waren in diesem Kampf aller gegen alle recht, Dolch und Gift und das selbstmörderischste von allen: das Hereinrufen fremder Mächte, zu deren Zankapfel und Schlachtfeld das reiche und blühende Land wurde. So wurde der alte Schlachtruf Petrarcas, Italien von den Barbaren zu befreien, zum Losungswort der besten Patrioten; das Gelingen war aber nur möglich, wenn Italien ein starker, monarchisch geleiteter Einheitsstaat wurde, wie es Machiavelli in dem begeisterten Schlußwort seines »Fürsten« verlangt. Zu diesem Zweck ist ihm jedes Mittel recht, erlaubt die Staatsräson seinem Herrscher jedes zweckmäßige Verbrechen. Er brüstet sich nicht etwa mit Immoralismus, wie Nietzsche oder Beyle-Stendhal, noch sucht er seine Mittel jesuitisch zu rechtfertigen, aber er hegt auch nicht das geringste moralische oder rechtliche Bedenken. Treulosigkeit, Scheinheiligkeit, ja, die Ausrottung ganzer Bevölkerungen rät er nicht nur im »Fürsten« an, sondern auch in den »Betrachtungen«; ja selbst in der harmlosen »Kriegskunst« erörtert er die Frage, ob man dem Feind nicht vergiftete Lebensmittel senden solle. Es scheint uns heute schwer begreiflich, daß ein geistig so hochstehender Mann, der in vielen Lebensverhältnissen ehrlich gehandelt und sich nie mit schmutzigem Gewinn befleckt hat, die Greuel eines Borgia so ganz ohne jede Regung des Abscheues darstellen, ja sein Benehmen anderen Machthabern als Vorbild hinstellen konnte. Daß in ihm nicht jedes politische Rechts- und Moralgefühl ausgestorben war, zeigt seine Verurteilung Philipps von Mazedonien, sein Exkurs über die römischen Kaiser, seine bewundernde Anerkennung deutscher Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, die er so geflissentlich gegen die Sittenverwilderung in den drei romanischen Ländern Italien, Spanien und Frankreich, dieser »Verderbnis der Welt« kontrastiert. Ja, er schreibt der Kirche mit kühnem Freimut die Hauptschuld an dieser Verderbnis wie an dem politischen Elend Italiens zu, ganz im Geist Savonarolas und am Vorabend der deutschen Reformation. Aber sosehr er selbst die tiefe Verderbnis seiner Zeit geißelt, er weiß den Teufel doch nur mit Beelzebub auszutreiben. »Einem neuen Herrscher hilft Grausamkeit, Treulosigkeit und Gottlosigkeit da, wo Menschlichkeit, Treue und Gottesfurcht längst verschwunden sind, und aus keinem anderen Grunde hilft Menschlichkeit, Treue und Gottesfurcht da, wo Grausamkeit, Treulosigkeit und Gottlosigkeit nur kurze Zeit geherrscht haben,« heißt es in einem Brief an den gestürzten Gonfalonier Soderini. Manche haben ihm diese Unbedenklichkeit hoch angerechnet, so Bacon in den bereits zitierten Worten. Greift ihn umgekehrt Friedrich der Große in seinem »Antimachiavelli« so schonungslos an, so liegt allen Mißverständnissen doch ein psychologischer Kern seines Hasses zugrunde: der verächtliche Widerwille des Erben einer gefestigten Monarchie gegen die blutigen Emporkömmlinge der Renaissance, die sich nur mit Verbrechen durchsetzen können. »Es ist schrecklich zu denken«, sagt Ranke, »daß die Grundsätze, die Machiavelli für die Erwerbung und Behauptung einer usurpatorischen Macht für notwendig erachtet, auch auf ein ruhiges und gesetzmäßiges Fürstentum Anwendung finden könnten ... Ein solcher Fürst kann wohl daran denken, die Ideen zu handhaben, auf welchen die allgemeine Weltordnung beruht; er besitzt die Gewalt; niemand macht sie ihm streitig.« So hat denn auch Friedrich in seiner Jugendschrift die Menschheitsideale der Aufklärung gepredigt, bevor er sie als Herrscher verwirklichte.

Machiavelli dagegen geht lediglich von realpolitischen Erwägungen aus. In bewußtem Gegensatz zum sterbenden Mittelalter, dessen Staatslehre auf abstrakten Gedanken über Recht, Sittlichkeit und Bestimmung des Menschen beruhte, spottet er »Fürst«, Kap. 15. der Ideologen, die sich utopische Staaten erträumen. An Stelle solcher Wolkengebilde setzt er scharfe, vom Verstand herausgebildete, aus dem Geist der Antike geborene Umrisse. Alles Metaphysische liegt ihm fern. Die harte, altrömische Staatsauffassung, die den Menschen lediglich als Objekt des Staatszweckes betrachtet, ist für ihn entscheidend, die Weltgeschichte nur eine richtige oder falsche Anwendung der römischen Grundsätze. Sitte, Recht und Religion gelten ihm nur so viel als sie dem Staatszweck dienen; sie sind nur Kräfte im politischen Kalkül, keine selbständigen Mächte der Menschenseele. So wird seine Staatskunst zu einem verstandesmäßigen Spiel der Kräfte, einer Schachpartie, in der Klugheit und Konsequenz den Zufall bändigen und das Glück zu zwingen, einem gewaltigen Glücksspiel. Irgendein sittliches Streben außer gesundem oder ungesundem Ehrgeiz sucht man in seiner Staatslehre vergebens. Sein gesunder, moralischer Pessimismus steht zwar in wohltuendem Gegensatz zu der wahnwitzigen und verhängnisvollen Lehre Rousseaus von der »natürlichen Güte« des Menschen ..., aber er hat ihn doch weit über das Ziel zu einer Menschenverachtung fortgerissen, die gerade dem edleren Streben der Besten in seinem Staat bitter wenig Raum läßt. Diese rein verstandesmäßige Rechnung war falsch. »Wie wird verlorene Freiheit wiedergewonnen?« läßt C. F. Meyer, der rückschauende Dichter der italienischen Renaissance, seinen todkranken Pescara fragen. »Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien den Glauben erobern, mit den Flammen des Hasses und der Liebe. Was vermögt Ihr Italiener? Verführung, Verrat und Meuchelmord. Worauf zählt Ihr? Auf die Gunst der Umstände, die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so erneuert sich keine Nation. Da kann niemand helfen, weder ein Mensch noch ein Gott.«

Die Geschichte hat es bewiesen, und Machiavelli selbst mag bisweilen gefühlt haben, daß seine Mittel dem Lande nichts helfen würden; zu ähnlich diesem Dichterwort lauten seine eigenen Klagen über die politischmilitärische Ohnmacht und die Sittenverwilderung Italiens. Trotzdem konnte er dem Kreis seiner Ideen nicht entrinnen. Bezeichnend für seine amoralische Anschauung ist, daß er schon 1503, in seiner Denkschrift, wie die Rebellen des Chianatal zu behandeln seien, die Notwendigkeit der Zerstörung Arezzos auf das römische Beispiel von der Bestrafung der Latiner nach dem Sieg bei Sentinum begründet, fast mit denselben Worten wie in unserem Buch (II, 23). Daher auch seine eigenartige Auffassung von der Unveränderlichkeit aller menschlichen Verhältnisse, die gewiß einen Kern von Wahrheit enthält, in dieser Einseitigkeit aber jede geschichtliche Entwicklung leugnet. Erleichtert wurde ihm diese Schematisierung zweifellos durch die naheliegende Parallele zwischen den antiken Stadtstaaten und denen des italienischen Mittelalters, die sich in beiden Fällen aus kleineren Stadtrepubliken zu größeren Herrschaftsgebieten entwickelten. So glaubte er, aus der Vergangenheit mit zwingender Logik auf Gegenwart und Zukunft schließen zu können, und übersah dabei ganz den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem antiken Staatsbegriff mit seiner Allmacht über das Individuum und der damals entstehenden neueren Weltanschauung, die für das Individuum einen freieren Spielraum verlangte. Insofern ist seine Lehre ein vollkommener Anachronismus, um so erstaunlicher in einer Zeit wie die italienische Renaissance mit ihrem ausgeprägten Ichgefühl und ihren völlig neuen Horizonten; ja, sie ist nur aus dem bewußten Gegensatz zu seiner Zeit zu erklären. Während diese von der Antike nur den schönheitstrunkenen Sinnenkult, die Fessellosigkeit des Geistes und das Ornament erborgte, im übrigen aber ganz sie selbst blieb, hat Machiavelli die Rückkehr zur Antike bis zu ihren letzten Folgerungen durchdacht und erstrebt.

Die innere Logik dieses Gedankenganges ist klar. Er und alle klassisch Gebildeten empfanden die Ohnmacht und Unterdrückung Italiens um so lebhafter, weil Schule, Studium und Altertumsverehrung das Gedächtnis an die Größe Roms täglich erneuerten und der Italiener der Renaissance sich als unmittelbaren Erben der Römer empfand. Aus dem strahlenden Vorbild des Altertums schöpften, wie Machiavelli am Anfang dieses Buches betont, die Künstler, die Ärzte, die Juristen ihre tiefsten Anregungen; warum sollten es die Staatsmänner nicht tun? Der klaffende Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit der Renaissance prägt sich wohl nirgends so stark aus wie hier! ... So endigt Machiavelli, der Realist und Verächter der Utopisten, letzten Endes selbst in der Utopie.

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