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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 17
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Dreizehntes Kapitel

Wie die Römer die Religion benutzten, um den Staat zu ordnen, ihre Unternehmungen zu fördern und Aufstände zu unterdrücken.

Es scheint mir nicht unangebracht, ein paar Beispiele anzuführen, wie die Römer die Religion benutzten, um die Ordnung im Staat wiederherzustellen und ihre Unternehmungen zu fördern. Bei Titus Livius finden sich viele, ich will mich aber mit den folgenden begnügen.

Das römische Volk hatte Tribunen mit konsularischer Gewalt gewählt, und zwar alle bis auf einen aus den Plebejern. Im selben Jahre 398 v. Chr. Vgl. Livius V, 13 f. brachen Pest und Hungersnot aus, und gewisse Wunderzeichen erschienen. Das benutzten die Adligen bei der nächsten Tribunenwahl und sagten, die Götter seien erzürnt, weil Rom die Majestät seiner Herrschaft mißbraucht habe, und es gäbe kein andres Mittel, sie zu versöhnen, als bei der Wahl der Tribunen zum alten Brauch zurückzukehren. Die Folge war, daß das Volk, durch die Religion geschreckt, alle Tribunen aus dem Adel wählte.

Auch bei der Belagerung von Veji 406-396 v. Chr. sieht man, wie die Feldherren die Religion benutzten, um ihre Heere willig zu erhalten. Der Albaner See war in jenem Jahre 397 v. Chr. Vgl. Livius V, 15. außergewöhnlich gestiegen, und die Soldaten, der langen Belagerung überdrüssig, wollten nach Hause zurückkehren. Da fanden die Römer heraus, daß Apollo und gewisse andre Orakelsprüche sagten, die Stadt Veji werde in dem Jahre erobert werden, wo der Albaner See über die Ufer trete. Dies bewirkte, daß die Soldaten wieder Hoffnung faßten, die Stadt zu erobern. Sie ertrugen die Beschwerden des Krieges und der Belagerung und fügten sich in deren Fortsetzung, bis Camillus, zum Diktator ernannt, die Stadt nach zehnjähriger Belagerung eroberte. So verhalf die gute Benutzung der Religion sowohl zur Eroberung von Veji wie zur Wiederwahl der Tribunen aus dem Adel, was beides ohne dies Mittel schwerlich erfolgt wäre.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch ein andres Beispiel anführen. In Rom waren bedeutende Unruhen ausgebrochen, und zwar weil der Tribun Terentilius ein bestimmtes Gesetz, von dem wir später reden werden, S. Kap. 39. durchbringen wollte. Als hauptsächliches Gegenmittel benutzte der Adel die Religion, und zwar auf zweierlei Weise. Erstens ließ er die Sibyllinischen Bücher einsehen und die Antwort geben, der Stadt drohe in diesem Jahre 461 v. Chr. Vgl. Livius III, 9 f. durch Aufruhr der Verlust ihrer Freiheit. Das jagte dem Volke, bevor die Tribunen hinter die List kamen, solchen Schreck ein, daß sein Eifer, ihnen zu folgen, erlahmte. Das zweite Mittel war folgendes. Ein gewisser Appius Herdonius hatte mit einem Haufen von 4000 Verbannten und Sklaven bei Nacht das Kapitol besetzt, 460 v. Chr. Vgl. ebd. 15 ff. Livius spricht von 2500 Mann. und es stand zu befürchten, daß die Äquer und Volsker, Roms Erbfeinde, gegen die Stadt rückten und sie eroberten. Trotzdem bestanden die Tribunen hartnäckig auf der Durchführung des Terentilischen Gesetzes und behaupteten, der Überfall auf das Kapitol sei von den Patriziern selbst veranlaßt. Da trat Publius Rubetius, Ebd. 17. Bei Livius ist es der Konsul Publius Valerius. ein angesehener und ehrwürdiger Senator, unter das Volk, stellte ihm die Gefahr der Stadt und sein unzeitiges Verlangen vor und brachte es durch teils freundliche, teils drohende Worte dahin, daß es schwor, den Befehlen des Konsuls zu gehorchen. Nun eroberte das gehorsame Volk das Kapitol mit Gewalt zurück. Da aber beim Sturm der Konsul Publius Valerius gefallen war, wurde sofort Titus Quinctius Nach Livius (l. c.) Lucius Quinctius Cincinnatus. zum Konsul gewählt. Um das Volk nicht zur Besinnung kommen zu lassen und ihm keine Zeit zu geben, an das Terentilische Gesetz zu denken, gab dieser den Befehl, aus Rom auszurücken und gegen die Volsker zu ziehen. Dabei berief er sich auf den vom Volke geleisteten Schwur, den Konsul nicht zu verlassen. Die Tribunen widersetzten sich zwar und behaupteten, jener Schwur sei dem verstorbenen Konsul und nicht ihm geleistet. Trotzdem wollte das Volk, wie Livius zeigt, aus Scheu vor der Religion lieber dem Konsul gehorchen als den Tribunen glauben. Zum Lobe der alten Gottesfurcht braucht Livius hier III, 20. die Worte: Nondum haec, quae nunc tenet saeculum, negligentia Deum venerat, nec interpretanda sibi quisque iusiurandum et leges aptas faciebat. (Noch war die heute eingerissene Gottlosigkeit nicht gekommen; noch legte man sich Eide und Gesetze nicht nach seiner Bequemlichkeit aus.) Die Tribunen aber, um ihren Einfluß beim Volke besorgt, kamen mit dem Konsul überein, ihm Gehorsam zu leisten und ein Jahr lang das Terentilische Gesetz ruhen zu lassen; dafür sollten die Konsuln ein Jahr lang das Volk nicht zum Kriege ins Feld führen dürfen. So überwand der Senat diese Schwierigkeit durch die Religion, ohne die er sie nie besiegt hätte.

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