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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 141
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Die Menschen eines Landes bewahren in allen Zeiten fast das gleiche Wesen.

Kluge Männer pflegen nicht unbedacht und nicht ohne Grund zu sagen, wer die Zukunft voraussehen wolle, müsse auf die Vergangenheit blicken, denn alle Dinge auf Erden haben jederzeit Ähnlichkeit mit den vergangenen gehabt. Das kommt daher, daß sie von Menschen vollbracht werden, die immer die gleichen Leidenschaften besitzen und besaßen; mithin muß das Ergebnis auch immer das gleiche sein. Allerdings sind ihre Handlungen bald in diesem, bald in jenem Lande tugendhafter, je nach der Art der Erziehung, die die Lebensart der Völker ihnen gegeben hat. Aber man kann doch leicht aus dem Vergangenen auf das Zukünftige schließen, weil ein Volk lange die gleichen Sitten behält und entweder immer habsüchtig oder betrügerisch ist oder irgendeinen derartigen Fehler oder Vorzug hat. Wer die Geschichte unsrer Stadt Florenz liest und dann die neuesten Begebenheiten betrachtet, wird die Deutschen und Franzosen stets habsüchtig, wild und treulos finden, denn durch diese vier Eigenschaften wurden unserer Stadt zu verschiedenen Zeiten schwere Wunden geschlagen. Was die Wortbrüchigkeit betrifft, so weiß ein jeder, wie oft König Karl VIII. von Frankreich Geld erhielt und dafür die Zitadelle von Pisa S. Buch I, Kap. 38, und Lebenslauf, 1494. auszuliefern versprach, was er aber nie tat. Hierdurch hat er seinen Mangel an Treu und Glauben und seine große Habsucht bewiesen. Lassen wir jedoch diese neuen Vorgänge.

Jeder wird gehört haben, was sich in den Kriegen von Florenz gegen die Visconti von Mailand zutrug, wo Florenz in seiner höchsten Not auf den Gedanken kam, den Kaiser nach Italien zu rufen, damit er mit seinem Ansehen und seiner Macht die Lombardei angriffe. Der Kaiser versprach, mit einem großen Heer zu erscheinen, den Visconti den Krieg zu erklären und Florenz gegen ihre Gewalt zu schützen, wenn ihm Florenz 100 000 Dukaten zur Rüstung und die gleiche Summe nach seiner Ankunft in Italien zahlte. Die Florentiner gingen darauf ein, zahlten die erste Summe und danach die zweite. Als er aber bis Verona gekommen war, kehrte er unverrichteter Dinge wieder um, unter dem Vorwand, sie seien selbst daran schuld, daß sie den geschlossenen Vertrag nicht gehalten hätten. Gemeint ist wohl das 1401 von Florenz mit Kaiser Rupprecht geschlossene Bündnis, nach dem dieser 100 000 Gulden sofort und im Verlauf des Krieges weitere 90 000 Gulden erhalten sollte. Nach der Niederlage bei Brescia kehrte der Kaiser nach Deutschland zurück. Verona spielte erst ein Jahrhundert später eine Rolle im Kriege der Liga von Cambrai (siehe Lebenslauf, 1509). Wäre also Florenz nicht durch die Not gezwungen oder durch die Leidenschaft hingerissen worden, und hätte es aus der Geschichte die alten Gewohnheiten der Barbaren gekannt, Für diesen Gedankengang vgl. auch Polybios II, 35, 5 f. so wäre es weder diesmal noch in vielen andern Fällen von ihnen hintergangen worden. Denn sie waren stets dieselben und verfuhren in allen Stücken und gegen jedermann auf dieselbe Weise. Schon in alter Zeit machten sie es ebenso mit den Etruskern. Als diese nach mehreren Niederlagen von den Römern hart bedrängt wurden und sich zu schwach fühlten, dem Angriff der Römer zu widerstehen, schlossen sie einen Vertrag mit den Galliern, die diesseits der Alpen in Italien wohnten. Nach diesem Vertrag wollten sie ihnen eine Geldsumme zahlen, wogegen die Gallier mit einem Heer zu ihnen stoßen und gegen die Römer ziehen sollten. Nachdem nun die Gallier das Geld erhalten, wollten sie nicht zu den Waffen greifen und sagten, sie hätten es nicht bekommen, um Krieg mit ihren Feinden zu führen, sondern um im etruskischen Gebiet nicht zu plündern. So kamen die Etrusker durch die Habsucht und Wortbrüchigkeit der Gallier zugleich um ihr Geld und um die Hilfe, die sie damit zu erkaufen hofften. Aus diesem Beispiel der alten Etrusker und der Florentiner sieht man, daß die Franzosen stets die gleichen geblieben sind, und es läßt sich leicht daraus schließen, wie weit sich die Fürsten auf sie verlassen können.

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