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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 14
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Zehntes Kapitel

So lobenswert die Gründer eines Königreiches oder einer Republik sind, so fluchwürdig sind die einer Tyrannenherrschaft.

Unter allen gepriesenen Menschen sind die Häupter und Stifter von Religionen die gepriesensten, nächst ihnen die Gründer der Republiken und Reiche. Dann kommen die Heerführer, die ihre eigne Herrschaft oder die ihres Vaterlandes vergrößert haben. An diese schließen sich die Schriftsteller, die je nach der Gattung ihrer Werke und dem Grad ihrer Vollkommenheit geschätzt werden. Jedem andern aus der zahllosen Menschenschar wird einiges Lob zuteil, das er sich durch seine Kunst oder seinen Beruf erwirbt. Schändlich und verabscheuungswürdig sind dagegen die Zerstörer der Religionen, die Zertrümmerer der Reiche und Republiken, die Feinde der Tugend, der Wissenschaften und jeder Kunst, die dem Menschengeschlecht Nutzen und Ehre bringt, als da sind die Gottlosen und Gewalttätigen, die Unwissenden und Müßiggänger, die Niederträchtigen und die Taugenichtse. Kein Mensch wird je so töricht oder so weise, so böse oder so gut sein, daß er, vor die Wahl zwischen beiden Menschenarten gestellt, nicht die lobenswerte loben und die tadelnswerte tadeln sollte. Nichtsdestoweniger treten fast alle, durch eitlen Glanz und falschen Ruhm verblendet, absichtlich oder unwissentlich in die Fußstapfen derer, die mehr Tadel als Lob verdienen. Während sie durch die Gründung einer Republik oder eines Reiches unsterblichen Ruhm erringen könnten, werden sie zu Tyrannen und sehen nicht, welchen Ruf und Ruhm, welche Ehre und Sicherheit, welche Ruhe und innere Befriedigung sie damit preisgeben, und wie sie sich in Schande, Schmach, Tadel, Gefahr und Unruhe stürzen.

Wenn die Männer, die als Bürger in einem Staate leben oder sich durch Glück und Verdienst zu seinem Herrscher emporschwingen, die Geschichte läsen und sich die Lehren der Vergangenheit zunutze machten – müßten sie dann nicht als Bürger wünschen, lieber ein Scipio als ein Cäsar zu sein, und als Fürsten, lieber ein Agesilaos, Timoleon und Dion als ein Nabis, Phalaris und Dionys zu werden! Agesilaos (444-358 v. Chr.), seit 399 König von Sparta, kämpfte glücklich gegen die Perser, schlug die Thebaner bei Koroneia (394) und rettete Sparta 371 nach der Niederlage bei Leuktra. – Timoleon, ein korinthischer Feldherr (410 – 337 v. Chr.), tötete 366 seinen nach der Oberherrschaft strebenden Bruder, befreite 343 Syrakus von dem Tyrannen Dionysios dem Jüngeren (s. u.) und schlug 340 die Karthager. – Dion von Syrakus, Schwiegersohn des älteren Dionysios (s. u.), von dessen Sohn (s. u.) 366 vertrieben, stürzte diesen 357 und wurde selbst 353 ermordet. – Nabis, 207-192 v. Chr. König von Sparta, tyrannisch und grausam. Seine Ermordung s. Buch III, Kap. 6. – Phalaris, Tyrann von Agrigent (565-549 v. Chr.), der seine Opfer in dem ehernen Stier verbrannte, wurde bei einem Volksaufstand ermordet. – Dionysios der Ältere (431-367 v. Chr.), seit 406 Tyrann von Syrakus, grausam und habgierig, aber als Herrscher klug und unermüdlich. Sein Sohn Dionysios der Jüngere, folgte ihm in der Herrschaft. 357 von seinem Schwager Dion (s. o.) vertrieben, 346 zurückgekehrt, mußte er sich 343 an Timoleon (s. o.) ergeben und starb vergessen in Korinth Denn die letzteren würden sie aufs tiefste verabscheut, die ersteren aber aufs höchste gepriesen finden. Auch würden sie sehen, daß Timoleon und die andern in ihrem Vaterlande nicht weniger Macht hatten als Dionys und Phalaris, aber bei weitem mehr Sicherheit. Lasse sich niemand durch die Verherrlichung Cäsars von Seiten der Schriftsteller blenden; denn seine Lobredner waren durch sein Glück bestochen und durch die Kaisergewalt eingeschüchtert, die so lange unter Cäsars Namen fortbestand, so daß die Schriftsteller nicht frei über ihn reden durften. Will man aber wissen, was freie Schriftsteller von ihm sagen würden, so lese man, was sie über Catilina sagen! Ja, Cäsar ist noch verabscheuungswürdiger, weil jemand, der Unrecht getan hat, mehr Tadel verdient als einer, der Unrecht tun wollte. Man lese aber auch, wie hoch sie den Brutus preisen. Da sie Cäsar als Machthaber nicht tadeln durften, haben sie wenigstens seinen Feind verherrlicht. Es bedenke auch jeder, der sich zum Fürsten eines Staates gemacht hat, wieviel mehr Lob sich in der römischen Kaiserzeit die Kaiser erwarben, die als gute Fürsten gesetzmäßig regierten, als die, die umgekehrt verfuhren. Er wird sehen, daß Titus, Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus und Mark Aurel nicht der Prätorianer und der zahlreichen Legionen zu ihrem Schutze bedurften, weil ihre Tugend, die Zuneigung des Volkes und die Liebe des Senats sie schützten, wohingegen Caligula, Nero, Vitellius und so viele verbrecherische Kaiser auch bei den Heeren des Morgen- und Abendlandes nicht Schutz genug vor den Feinden fanden, die ihr frevelhaftes Benehmen und ihr schändlicher Wandel ihnen schufen.

Die römische Kaisergeschichte könnte bei gründlichem Studium allen Fürsten eine treffliche Lehre geben und ihnen zeigen, welcher Weg zum Ruhm oder zur Schande, zur Sicherheit oder zur Furcht führt. Denn von den sechsundzwanzig Kaisern, die von Cäsar bis Maximinus regierten, wurden sechzehn ermordet, zehn starben eines natürlichen Todes. Befanden sich unter den Ermordeten auch ein paar gute Kaiser wie Galba und Pertinax, so fielen sie doch durch die Verderbnis, die ihre Vorgänger unter den Soldaten zurückgelassen hatten. Und war unter denen, die eines natürlichen Todes starben, einer oder der andre verbrecherisch, wie Severus, Gemeint ist Septimius Severus (193-211). so verdankte er seine Erhaltung seinem außerordentlichen Glück und seiner hervorragenden Tapferkeit, zwei Dingen, die wenigen zugleich gegeben sind. Auch erkennt man beim Lesen der römischen Kaisergeschichte, wie man einer guten Regierung Dauer geben kann. Denn alle Kaiser durch Erbfolge waren schlecht, Den Gedanken, daß die Erbfolge schädlich sei, vertritt auch Aristoteles, Politik, III, 10,9; VIII, 8,2f.; sowie Polybios VI, 7,6ff.; 8,4. Vgl. auch Buch I, Kap. 19 dieses Werkes. Für die römische Kaisergeschichte war für Machiavelli Herodian maßgebend. mit Ausnahme von Titus, die durch Adoption alle gut, wie die fünf von Nerva bis Mark Aurel. Sobald aber das Reich an die Erben fiel, geriet es sogleich in Verfall.

Halte sich ein Fürst also die Zeit von Nerva bis Mark Aurel vor Augen und vergleiche sie mit der früheren und späteren. Dann wähle er, in welcher Zeit er hätte geboren sein und in welcher er hätte regieren mögen. In den Zeiten der guten Kaiser wird er den Herrscher sicher inmitten seiner sicheren Bürger finden, die Welt in Frieden und Gerechtigkeit, den Senat in Ansehen, die Behörden in Ehren, die Reichen im Genuß ihres Reichtums, Adel und Verdienst erhöht, überall Ruhe und Wohlstand, aber Streit, Zügellosigkeit, Bestechung und Ehrgeiz verbannt. Er wird das goldene Zeitalter erblicken, wo jeder seine eigne Meinung haben und verteidigen kann. Kurz, er wird den Triumph der Welt sehen, den Herrscher geehrt und voller Ruhm, die Völker voller Liebe und Sicherheit. Betrachtet er dann die Zeiten der andern Kaiser, so findet er sie durch Kriege verwildert, durch Aufstände gespalten, in Krieg und Frieden grausam, viele Herrscher ermordet, viele innere und auswärtige Kriege, Italien im Elend und durch immer neue Unglücksfälle gebeugt, die Städte zerstört und verheert, Rom verbrannt, das Kapitol von den eigenen Bürgern niedergerissen, die alten Tempel verödet, die heiligen Bräuche entweiht, die Städte voller Ehebruch, das Meer voll Verbannter, die Felsinseln voller Blut. Er sieht in Rom zahllose Grausamkeiten verübt, Adel, Reichtum und Ehren, vor allem aber die Tugend als Todsünde geltend, die Angeber belohnt, die Sklaven gegen ihre Herren, die Freigelassenen gegen ihre Patrone bestochen, und die, die keine Feinde haben, von ihren Freunden ermordet. Nach Tacitus, Historien, I, 2. Dann wird er am besten erkennen, was Rom, Italien und die Welt Cäsar zu danken hat. Und ist er ein Mensch, so wird er vor jeder Nachahmung der schlimmen Zeiten zurückschaudern und von unendlichem Verlangen entflammt werden, den guten zu folgen.

Fürwahr, wenn ein Fürst nach Weltruhm strebt, müßte er wünschen, einen verderbten Staat zu regieren, nicht um ihn vollends zugrunde zu richten, wie Cäsar, sondern um ihn neu zu ordnen, wie Romulus. Wahrlich, der Himmel kann den Menschen keine bessere Gelegenheit geben, sich Ruhm zu erwerben, noch kann ein Mensch sich eine bessere wünschen. Müßte ein Fürst, um einen Staat zu ordnen, notwendig die Krone niederlegen, so verdiente der, der ihn nicht ordnete, um nicht vom Throne herabzusteigen, einiges Nachsehen. Kann er aber Fürst bleiben und den Staat ordnen, so verdient er keine Entschuldigung. Mögen überhaupt alle, denen der Himmel eine solche Gelegenheit gibt, bedenken, daß ihnen zwei Wege offenstehen: der eine führt sie zu sicherem Leben und nach ihrem Tode zum Ruhm; der andre zu beständiger Angst und nach dem Tode zu ewiger Schande. Für diesen Gedanken vgl. Diodor I,1.

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