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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 137
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Neununddreißigstes Kapitel

Ein Feldherr muß Geländekenntnis besitzen.

Zu den für einen Heerführer notwendigen Dingen gehört auch die Kenntnis der Gegenden und Länder. Ohne diese allgemeine und besondere Kenntnis kann kein Heerführer etwas Ordentliches leisten. Wenn aber alle Wissenschaften Übung verlangen, um sie vollkommen zu beherrschen, so erfordert diese die allergrößte. Diese Fertigkeit, oder vielmehr diese besondere Kenntnis erlangt man durch die Jagd besser als durch irgendeine andere Beschäftigung. Darum sagen die alten Schriftsteller, daß die Helden, die zu ihrer Zeit die Welt beherrschten, in Wäldern und auf der Jagd heranwuchsen; denn die Jagd lehrt außer dieser Kenntnis noch eine Menge andrer, zum Kriege notwendiger Dinge. Xenophon erzählt in seinem Leben des Kyros: S. Buch II, Kap. 13, Anm. 71. Als Kyros den König von Armenien angriff und seine Anordnungen zur Schlacht traf, machte er seinen Leuten klar, daß dies nichts andres sei als eine der Jagden, die sie so oft mit ihm angestellt hätten. Die zum Hinterhalt im Gebirge Bestimmten erinnerte er daran, daß sie den Jägern entsprächen, die in den Schluchten die Netze spannten, und die, welche durch die Ebene streiften, verglich er mit den Treibern, die das Wild aus seinen Lagern aufscheuchten und es in die Netze jagten. Dies zum Beweis, daß die Jagd nach Xenophons Wort ein Bild des Krieges ist. Sie ist daher für große Männer ehrenvoll und notwendig. Auch kann man sich die Kenntnis des Geländes nicht bequemer erwerben als durch die Jagd; denn man lernt dadurch die besondre Beschaffenheit der Gegend kennen, in der man jagt. Hat man sich aber mit einer Gegend recht vertraut gemacht, so findet man sich leicht in neuen Ländern zurecht, denn alle Länder und Gegenden haben eine gewisse Gleichförmigkeit, so daß man von der Kenntnis des einen leicht zu der des andern gelangt. Wer aber das eine noch nicht recht kannte, wird nur schwer und erst mit der Zeit ein andres kennenlernen. Wer jedoch diese Fertigkeit besitzt, übersieht mit einem Blick, wie eine Ebene liegt, wie ein Berg ansteigt, wohin ein Tal mündet und dergleichen mehr, wovon er sich schon vorher eine sichere Kenntnis erworben hat.

Wie wahr dies ist, beweist Livius VII, 34 (343 v. Chr.) durch das Beispiel des Publius Decius, der Kriegstribun im Heere des Konsuls Cornelius gegen die Samniter war. Als der Konsul in ein Tal geraten war, wo das römische Heer von den Samnitern eingeschlossen werden konnte, und sich in großer Gefahr sah, sagte Decius zum Konsul: Videsne tu, Aule Corneli, cacumen illud supra hostem? Arx illa est spei salutisque nostrae, si eam, quoniam caeci reliquere Samnites, impigre capimus. (Siehst du, Aulus Cornelius, jenen Gipfel über dem Feinde? Er ist die Burg unsrer Hoffnung und Rettung, wenn wir ihn, da ihn die blinden Samniter unbesetzt ließen, rasch besetzen.) Vor diesen Worten des Decius sagte Livius: Publius Decius tribunus militum conspicit unum editum in saltu collem, imminentem hostium castris, aditu arduum impedito agmini, expeditis haud difficilem. (Der Kriegstribun Publius Decius hatte im Waldgebirge eine einzelne Anhöhe entdeckt, die das feindliche Lager beherrschte, und die für Truppen mit Gepäck schwer, für leichte Truppen aber nicht schwer zu erklimmen war.) Als er nun vom Konsul mit 3000 Mann dorthin abgeschickt war, das römische Heer gerettet hatte und beim Einbruch der Nacht abziehen wollte, um auch sich und seine Leute zu retten, läßt ihn Livius diese Worte sagen: Ite mecum, ut, dum lucis aliquid superest, quibus locis (hostes) praesidia ponant, qua pateat hinc exitus, exploremus. Haec omnia sagulo gregali amictus, ne ducem circumire hostes notarent, perlustravit. (Kommt mit mir, und solange wir noch etwas Tageslicht haben, laßt uns auskundschaften, wo die Feinde ihre Posten aufstellen und wo uns ein Ausweg offen bleibt. Dies alles stellte er fest, in einen Soldatenmantel gehüllt, damit die Feinde nicht merkten, daß der Anführer herumging.)

Wenn man diese ganze Stelle genau erwägt, so sieht man, wie nützlich und nötig für einen Feldherrn die Geländekenntnis ist. Hätte sie Decius nicht besessen und die Beschaffenheit der Gegend nicht erkannt, so hätte er nicht beurteilen können, wie nützlich für das römische Heer die Besetzung jenes Hügels war. Ebensowenig hätte er aus der Ferne wissen können, ob jener Hügel zugänglich war oder nicht. Als er dann oben war und wieder zum Konsul zurückkehren wollte, aber den Feind rings um sich hatte, hätte er von weitem nicht die Auswege und die vom Feinde besetzten Stellen erspähen können. Decius mußte also notwendig eine vollkommene Geländekenntnis besitzen; auf Grund davon besetzte er den Hügel, rettete das römische Heer und fand nachher, vom Feind eingeschlossen, den Weg zur Rettung für sich und die Seinen.

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