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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 135
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Siebenunddreißigstes Kapitel

Ob vor einer Schlacht kleine Gefechte nötig sind, und wie man das Heer mit einem neuen Feinde bekannt machen soll, wenn man sie vermeiden will.

Wie ich schon anderwärts sagte, ist es scheinbar der Lauf der Welt, daß bei jedem Guten ein Übel liegt und so leicht mit ihm zusammen entsteht, daß es fast unmöglich ist, das eine zu vermeiden, wenn man das andre will. Das sieht man bei allem, was Menschen tun. Darum wird das Gute nur schwer erreicht, wenn uns das Glück nicht derart unterstützt, daß es diese gewöhnlichen und natürlichen Übel durch seine Macht überwindet. Hierauf wurde ich von neuem gebracht durch den Zweikampf des Titus Manlius mit dem Gallier, von dem Livius VII, 11. sagt: Tanti ea dimicatio ad universi belli eventum momenti fuit, ut Gallorum exercitus, relictis trepide castris, in Tiburtem agrum, mox in Campaniam transierit. (So entscheidend war dieser Kampf für den Ausgang des ganzen Krieges, daß das gallische Heer sein Lager schleunigst verließ und in das Gebiet von Tibur, von da nach Campanien abzog.)

Einerseits erwäge ich, daß ein guter Feldherr durchaus alles vermeiden muß, was, so unbedeutend es an sich sei, seinem Heer einen schlimmen Eindruck machen kann. Denn sich in einen Kampf einzulassen, ohne seine ganze Kraft einzusetzen, und doch alles aufs Spiel zu setzen, ist etwas höchst Tollkühnes, wie ich schon oben sagte, als ich das Besetzen der Pässe tadelte. S. Buch I, Kap. 23. Andrerseits erwäge ich, daß kluge Feldherren, wenn sie einem neuen Feinde gegenübertreten, der einen gewissen Ruf hat, ihre Soldaten, bevor sie eine Schlacht wagen, durch kleine Scharmützel an den Feind gewöhnen müssen, damit sie ihn kennen und mit ihm umgehen lernen und dadurch den Schrecken verlieren, den sein Ruf ihnen eingeflößt hat. Das ist für den Feldherrn sehr wichtig, ja er wird fast notwendig dazu veranlaßt, da er anscheinend in sein offenes Verderben rennt, wenn er seine Soldaten nicht vorher durch kleine Gefechte von dieser Furcht vor dem Feinde befreit hat.

Valerius Corvinus wurde mit einem Heere gegen die Samniter geschickt, einen neuen Feind, mit dem die Römer bisher noch nie gefochten hatten. Livius VII, 32 (343 v. Chr.). Der Konsul hieß Marcus Valerius Corvus. sagt daher, Valerius habe sie erst ein paar kleine Gefechte mit den Samnitern liefern lassen, ne eos novum bellum novusque hostis terreret. (Damit sie der neue Krieg und der neue Feind nicht schrecke.) Gleichwohl ist die Gefahr sehr groß, daß deine Soldaten, wenn sie in diesen Gefechten den kürzeren ziehen, noch feiger und furchtsamer werden, daß du also das Gegenteil von dem erreichst, was du wolltest, und sie entmutigst, wo du ihnen Zuversicht einflößen wolltest. Dies ist also eins von den Dingen, wo das Übel so nahe beim Guten liegt und beide so eng verwandt sind, daß man leicht in das eine gerät, wenn man das andre zu erreichen glaubt.

Nach meiner Meinung muß ein guter Feldherr mit allem Fleiß darauf sehen, daß sich nichts ereignet, was seinem Heere irgendwie den Mut rauben kann, und dazu gehört es, wenn es anfangs den kürzeren zieht. Darum muß er sich vor kleinen Gefechten hüten und sie nur dann erlauben, wenn er durchaus im Vorteil ist und die feste Hoffnung auf Sieg hat. Er darf keine Pässe besetzen, wenn er nicht sein ganzes Heer verwenden kann, darf nur die Städte decken, deren Verlust seinen Untergang herbeiführen müßte, und bei den Städten, die er besetzt hält, muß er es mit den Besatzungen und seinem Heere so einrichten, daß er, wenn der Feind sie nehmen will, sein ganzes Heer dagegen verwenden kann; alle übrigen Plätze muß er unverteidigt lassen. Denn verliert man etwas, das man selbst preisgibt, und das Heer ist noch beisammen, so verliert man weder den kriegerischen Ruf noch die Hoffnung auf Sieg. Verliert man aber etwas, das man verteidigen wollte und von dem jedermann glaubt, daß man es verteidigen wird, dann ist der Schaden verderblich, und man hat, ungefähr wie die Gallier, durch einen geringfügigen Umstand den ganzen Krieg verloren.

Als Philipp von Mazedonien, der Vater des Perseus, Philipp III. S. 139, Anm. 9. ein Kriegsmann und einer der ersten Machthaber seiner Zeit, von den Römern angegriffen wurde, verließ und verheerte er einen großen Teil seines Landes, den er nicht verteidigen zu können glaubte. Als kluger Mann hielt er es für verderblicher, seinen Ruf durch den Verlust dessen zu verlieren, was er zu verteidigen unternommen, als wenn er diese Gebiete dem Feinde gleich preisgab, als ob ihm nichts daran läge. Als die Sache der Römer nach der Schlacht bei Cannae sehr schlecht stand, schlugen sie vielen ihrer Schutzbefohlenen und Untertanen allen Beistand ab und überließen es ihnen, sich so gut wie möglich zu verteidigen. Solche Maßregeln sind viel besser, als eine Verteidigung zu übernehmen und sie dann nicht auszuführen; denn in diesem Fall verliert man Verbündete und Macht, im andern nur Verbündete.

Doch kommen wir zu den kleinen Gefechten zurück. Ich sage also, wenn ein Feldherr eines neuen Feindes wegen durchaus zu einem solchen Gefecht gezwungen ist, so muß er es mit so großem Vorteil liefern, daß gar keine Gefahr zu verlieren dabei ist. Oder noch besser, er macht es wie Marius, als er gegen die Cimbern zog. Dies wilde Volk fiel plündernd in Italien ein S. Buch II, Kap. 12. und verbreitete großen Schrecken durch seine Wildheit und Menge sowie durch den Umstand, daß es schon ein römisches Heer geschlagen hatte. Bei Arausio (Orange) am Rhone wurden die Römer 105 v. Chr. von den Cimbern vernichtend geschlagen. Bevor Marius eine Schlacht lieferte, hielt er es daher für nötig, irgend etwas zu tun, um seinem Heere den Schrecken zu benehmen, den die Furchtbarkeit des Feindes ihm einflößte. Als gewiegter Feldherr stellte er sein Heer mehrmals an Orten auf, wo die Cimbern vorbeiziehen mußten, damit seine Soldaten aus ihrem befestigten Lager die Feinde betrachten und sich an ihren Anblick gewöhnen konnten. Sie sahen da nur einen ungeordneten Haufen mit vielem Gepäck und schlechten Waffen, ja teils ohne Waffen, schöpften wieder Vertrauen und wurden kampflustig. Diese weise Maßregel des Marius müssen auch andre sorgfältig nachahmen, um sich vor den oben genannten Gefahren zu hüten und nicht in die Lage der Gallier zu geraten, qui ob rem parvi ponderis trepidi in Tiburtum agrum et in Campaniam transierunt. (Die wegen eines unbedeutenden Vorfalls schleunigst in das Gebiet von Tibur und von da nach Campanien abzogen.) Und da wir hier den Valerius Corvinus erwähnten, so wollen wir im folgenden Kapitel mit seinen Worten zeigen, wie ein Feldherr sein soll.

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