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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 134
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Sechsunddreißigstes Kapitel

Warum man von den Franzosen gesagt hat und noch sagt, sie seien zu Beginn der Schlacht mehr als Männer und später weniger als Weiber.

Die Kühnheit jenes Galliers, der am Anio jeden Römer herausforderte, und der Zweikampf zwischen ihm und Titus Manlius erinnert mich an etwas, was Livius Z. B. X, 28. mehrfach sagt: daß die Gallier im Anfang der Schlacht mehr als Männer sind und in ihrem Verlauf weniger als Weiber werden. Zur Erklärung dieser Tatsache sagen viele, das liege in ihrer Natur, und das halte ich auch für wahr. Damit ist aber nicht gesagt, daß diese Natur, die sie zu Anfang so mutig macht, durch Kunst nicht dahin gebracht werden könnte, daß sie es bis zuletzt bleiben. Ich will dies zu beweisen suchen.

Es gibt drei Arten von Heeren. Bei der ersten herrscht Kühnheit und Ordnung zugleich, denn aus der Ordnung entspringt Kühnheit und Tapferkeit. So war das römische Heer. Denn wie die Geschichte zeigt, herrschte dort eine durch lange Kriegszucht gefestigte, gute Ordnung. In einem wohlgeordneten Heere darf nichts ohne ausdrücklichen Befehl geschehen; man findet daher, daß im römischen Heer, das die Welt bezwang und das sich daher alle Heere zum Muster nehmen müssen, ohne Befehl des Konsuls nicht gegessen, noch geschlafen, noch eingekauft, noch irgendein häusliches oder kriegerisches Geschäft verrichtet wurde. Heere, bei denen es anders zugeht, sind keine wahren Heere; richten sie je etwas aus, so geschieht es durch blinde Wut und Ungestüm, nicht durch Tapferkeit. Aber ein Heer, bei dem geregelte Tapferkeit herrscht, braucht sein Feuer mit Maß und zu rechter Zeit; keine Schwierigkeit macht es verzagt oder kleinmütig; denn die guten Einrichtungen beleben seinen Mut und sein Feuer und nähren es mit Siegeshoffnung, und diese verläßt es nie, solange seine Einrichtungen erhalten bleiben.

Umgekehrt ist es bei den Heeren, wo blinde Wut, aber keine Ordnung herrscht, wie es bei den Galliern der Fall war, die im Kampf allemal unterlagen. Denn wenn ihnen der Sieg nicht beim ersten Anlauf gelang und das Ungestüm, auf das sie sich verließen, verraucht war, hatten sie nichts mehr, worauf sie sich verlassen konnten, und sie zogen den kürzeren, weil die geregelte Tapferkeit fehlte. Die Römer dagegen, die sich wegen ihrer guten Einrichtungen weniger vor Gefahren fürchteten und am Siege nicht zweifelten, fochten standhaft und hartnäckig mit demselben Mut und derselben Tapferkeit von Anfang bis zu Ende, ja durch die Schlacht nahm ihr Feuer noch zu.

Die dritte Gattung von Heeren ist die, bei denen weder natürlicher Mut noch künstliche Ordnung herrscht, wie bei unsern jetzigen italienischen Heeren. Sie sind ganz unnütz, und wenn sie nicht auf ein Heer stoßen, das durch irgendeinen Zufall die Flucht ergreift, siegen sie niemals. Man braucht hierfür kein besonderes Beispiel anzuführen, denn sie liefern täglich den Beweis, daß kein Funke von Tapferkeit in ihnen ist.

Damit nun jeder aus dem Zeugnis des Livius VIII, 34. Vgl. Buch I, Kap. 31. erfährt, wie ein gutes Heer beschaffen sein soll und wie ein schlechtes ist, will ich die Worte des Papirius Cursor anführen, als er den Reiterobersten Fabius bestrafen wollte. Nemo hominum, nemo Deorum verecundiam habeat; non edicta imperatorum, non auspicia observentur; sine commeatu vagi milites in pacato, in hostico errent; immemores sacrimenti, licentia sola se, ubi velint, exauctorent; infrequentia deserantur signa, neque conveniant ad edictum, nec discernant interdiu, nocte, aequo iniquo loco, iussu, iniussu imperatoris pugnent, et non signa, non ordines servent; latrocinii modo, caeca et fortuita, pro solemni et sacrata militia sit. (Niemand habe mehr vor Menschen noch vor Göttern Scheu. Man kehre sich nicht mehr an die Befehle der Feldherren und an die Auspizien. Die Soldaten streiften ohne Urlaub in Freundes- und Feindesland umher, sie nähmen, ihres Eides vergessend, bloß nach ihrem Gutdünken den Abschied, verließen die Fahnen, versammelten sich nicht auf Befehl, machten keinen Unterschied, ob sie an einem günstigen oder ungünstigen Ort, auf Befehl oder ohne Befehl des Feldherrn kämpften, und blieben nicht bei den Fahnen, noch in Reih und Glied, so daß man nur eine Räuberbande, eine blinde, dem Zufall preisgegebene Rotte, statt eines ernsten und heiligen Heeres habe.) Aus diesen Worten läßt sich leicht schließen, ob die Heere unsrer Zeit blind und dem Zufall preisgegeben oder ernst und heilig sind, wieviel ihnen von dem fehlt, was man ein Heer nennen kann, und wie weit sie davon entfernt sind, kühn und geordnet wie die römischen oder kühn wie die französischen zu sein. In seiner Abhandlung »Der politische Zustand Frankreichs« (Ritratti delle cose di Francia, um 1510) erhebt Machiavelli wörtlich den gleichen Vorwurf gegen die französischen Heere seiner Zeit wie Livius gegen die gallischen.

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