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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 133
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Es ist gefährlich, sich zum Hauptratgeber einer Sache aufzuwerfen, und zwar um so gefährlicher, je außerordentlicher sie ist.

Wie gefährlich es ist, sich zum Haupt einer Neuerung aufzuwerfen, an der viele beteiligt sind, und wie schwierig es ist, sie in Gang zu bringen, sie durchzuführen, und wenn sie durchgesetzt ist, sie zu behaupten, ist ein zu hoher Gegenstand, dessen Erörterung hier zu weit führte. Ich spare ihn mir daher für einen passenderen Ort auf und will hier nur von den Gefahren reden, die ein Bürger in einem Freistaat oder der Ratgeber eines Fürsten läuft, wenn er an einem wichtigen und schweren Entschluß so hervorragend teilnimmt, daß er ganz auf seine Rechnung gesetzt wird. Da nämlich die Menschen alle Dinge nach dem Erfolg beurteilen, wird alles Schlimme, das daraus entspringt, dem Ratgeber aufgebürdet. Ist der Erfolg gut, so lobt man ihn, aber der Lohn kommt bei weitem dem Schaden nicht gleich, wenn die Sache schlimm abläuft.

Als der jetzige Sultan Selim I., S. Buch I, Kap. 1, Anm. 4. der sogenannte Großtürke (nach dem Bericht einiger Reisenden, die aus seinen Ländern kommen), im Begriff war, einen Feldzug gegen Syrien und Ägypten zu unternehmen, ließ er sich von einem seiner Paschas, der an der persischen Grenze stand, dazu bereden, gegen den Sofi zu ziehen. Auf diesen Rat hin rückte er mit einem gewaltigen Heere aus, kam in ein ausgedehntes Land mit vielen Wüsten und wenig Flüssen und fand dort die gleichen Schwierigkeiten, die einst vielen römischen Heeren den Untergang gebracht hatten. Er litt darunter so sehr, daß er, obschon er die Oberhand behielt, durch Hunger und Pest einen großen Teil seiner Truppen verlor. Voller Zorn auf den Urheber des Rats ließ er ihn hinrichten.

Man liest von vielen Bürgern, die zu einer Unternehmung rieten und, als sie schlimm endete, in die Verbannung geschickt wurden. Einige Bürger setzten in Rom durch, daß ein Konsul aus den Plebejern gewählt wurde. Es traf sich, daß der erste, der mit dem Heere ins Feld zog, geschlagen wurde, und gewiß hätten jene Ratgeber dafür büßen müssen, wären sie nicht durch die Macht der Partei geschützt worden, zu deren Gunsten der Beschluß durchgesetzt war. Fest steht also, daß die Ratgeber einer Republik oder eines Fürsten sich stets in der Verlegenheit befinden, entweder gegen ihre Pflicht zu verstoßen, wenn sie nicht ohne Rücksicht zu dem raten, was ihnen für den Staat oder für den Fürsten nützlich erscheint, oder wenn sie dazu raten, ihr Leben und ihre Stellung aufs Spiel zu setzen. Denn die Menschen sind nun mal so blind, daß sie guten und schlechten Rat nach dem Erfolge beurteilen. Wenn ich nun überlege, wie man dieser Schande oder dieser Gefahr entgehen kann, so sehe ich keinen andern Ausweg, als die Dinge mit Maß zu betreiben, nie etwas ganz auf sich zu nehmen, seine Meinung ohne Leidenschaft zu sagen und sie mit solcher Bescheidenheit zu verteidigen, daß der Staat oder der Fürst, wenn er sie befolgt, dies freiwillig tut und es nicht den Anschein hat, als würde er durch das ungestüme Drängen des Ratgebers dazu gezwungen. Wenn man so handelt, ist nicht anzunehmen, daß ein Fürst oder ein Volk dem Ratgeber grollt, da sein Rat ja nicht gegen den Willen vieler befolgt wurde. Denn Gefahr läuft man nur da, wo viele widersprochen haben, die sich bei einem unglücklichen Ausgang zum Untergang des Ratgebers vereinigen. Kommt man auf diese Weise auch um den Ruhm, den man beim Gelingen einer Sache erntet, zu der man allein gegen viele geraten hat, so ist doch auch zweierlei Gutes dabei. Erstens keine Gefahr; zweitens gereicht es dir zur höchsten Ehre, wenn du bescheiden zu etwas geraten hast, dein Rat aber infolge des Widerspruchs nicht angenommen wird und aus dem Rat eines andern Unheil entsteht. Kann man sich auch über den Ruhm nicht freuen, den man durch das Unglück seiner Stadt oder seines Fürsten erwirbt, so ist er doch nicht ganz zu unterschätzen.

Einen andern Rat kann man, glaube ich, in dieser Hinsicht nicht geben; denn riete man einem, zu schweigen und seine Meinung gar nicht zu sagen, so würde er damit seiner Republik oder seinem Fürsten nichts nützen und trotzdem der Gefahr nicht entgehen. Denn er würde bald verdächtigt werden, und es könnte ihm ergehen wie einem Freunde des Königs Perseus von Mazedonien. Als dieser nämlich von Aemilius Paullus geschlagen war S. Seite 2, Anm. 3. und mit wenigen Freunden floh, begann einer von ihnen bei der Betrachtung des Geschehenen dem Perseus viele Fehler vorzurechnen, die zu seinem Sturze geführt hatten. Perseus wandte sich mit den Worten zu ihm: »Verräter, hast du bis jetzt gezögert, mir das zu sagen, wo ich keine Mittel mehr dagegen habe!« Und er tötete ihn mit eigner Hand. So büßte dieser dafür, daß er geschwiegen hatte, als er hätte reden müssen, und daß er sprach, als er hätte schweigen sollen, und er entging dadurch, daß er keinen Rat gegeben hatte, nicht der Gefahr. Darum glaube ich, daß man sich in den oben genannten Grenzen halten muß.

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