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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 131
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Um eine Schlacht zu gewinnen, muß man dem Heer Vertrauen auf sich selbst und auf den Feldherrn einflößen.

Um eine Schlacht zu gewinnen, muß man dem Heere solches Vertrauen einflößen, daß es durchaus siegen zu müssen glaubt. Sein Vertrauen beruht darauf, daß es gut bewaffnet und geordnet ist und daß einer den andern kennt. Dies Vertrauen und diese Ordnung ist aber nur bei Soldaten möglich, die miteinander geboren und aufgewachsen sind. Der Führer muß geachtet sein, so daß das Heer auf seine Klugheit vertraut. Das wird immer der Fall sein, wenn es sieht, daß er ein ordentlicher, eifriger, mutiger Mann ist, der die Würde seiner Stellung mit Ehren behauptet. Dies Ansehen wird er immer behaupten, wenn er seine Soldaten für ihre Fehler straft, sie nicht zwecklos anstrengt, ihnen sein Wort hält, den Weg zum Siege als leicht darstellt und alles, was von ferne gefährlich aussieht, verbirgt und verkleinert. Wird dies wohl beobachtet, so trägt es viel dazu bei, daß das Heer Zutrauen hat und in diesem Zutrauen siegt.

Um ihren Heeren dies Zutrauen einzuflößen, bedienten sich die Römer der Religion. Deshalb wurden bei der Wahl der Konsuln, bei der Aushebung, dem Ausmarsch der Heere und vor der Schlacht Augurien und Auspizien angestellt. Ohne diese hätte ein guter und kluger Feldherr nie eine Schlacht gewagt, denn er hätte gemeint, daß er sie leicht verlieren könnte, wenn die Soldaten nicht vorher gehört hätten, daß die Götter mit ihnen seien. Ein Konsul oder ein andrer Heerführer, der bei ungünstigen Auspizien gekämpft hätte, wäre bestraft worden, wie Claudius Pulcher. S. Buch I, Kap. 14. Man ersieht das aus der ganzen römischen Geschichte, am deutlichsten aber aus den Worten, die Livius dem Appius Claudius in den Mund legt, als dieser sich beim Volke über die Frechheit der Volkstribunen beschwert und ihm zeigt, daß sie die Auspizien und andre religiöse Bräuche entweihten. Eludant nunc licet religiones; quid enim interest, si pulli non pascentur, si ex cavea tardius exierint, si occinuerit avis? Parva sunt haec, sed parva ista non contemnendo maiores nostri maximam hanc rempublicam fecerunt. Livius VI, 40 f. Zum Verständnis der Stelle vgl. Buch I, Kap. 14. (Mögen sie jetzt immerhin die Religion verspotten! Was liegt daran, ob die Hühner nicht fressen, ob sie zu langsam aus dem Käfig kommen, ob ein Vogel zur Unzeit pfeift? Das sind Kleinigkeiten, aber durch ihre Beachtung haben unsre Vorfahren den Staat groß gemacht.) Diese Kleinigkeiten haben die Kraft, Einigkeit und Vertrauen unter den Soldaten zu erhalten, was die Hauptursache jedes Sieges ist. Allerdings muß damit auch Tapferkeit verbunden sein, sonst nutzen sie nichts.

Als die Praenestiner gegen Rom im Felde standen, 380 v. Chr. bezogen sie an der Allia ein Lager an der Stelle, wo die Römer von den Galliern geschlagen wurden. Das taten sie, um ihren Soldaten Zuversicht einzuflößen und die Römer durch die Vorbedeutung des Ortes zu schrecken. Obgleich nun diese Maßregel aus den oben erörterten Gründen Erfolg verhieß, zeigt doch der Ausgang, daß die wahre Tapferkeit nicht jeden unbedeutenden Zufall fürchtet. Livius drückt dies sehr gut durch die Worte des Diktators aus, die er ihm seinem Reiterobersten gegenüber in den Mund legt: Vides tu, fortuna illos fretos, ad Alliam consedisse; at tu fretus armis animisque invade mediam aciem. Livius VI, 29. Der Diktator war Titus Quinctius Cincinnatus (380 v. Chr.) (Siehst du, sie haben sich, auf das Glück vertrauend, an der Allia gelagert; du aber, auf Waffen und Mut vertrauend, greife die Mitte ihrer Schlachtordnung an.) Wahre Tapferkeit, gute Ordnung und eine aus vielen Siegen geschöpfte Zuversicht können durch Dinge von geringer Bedeutung nicht aus der Welt geschafft werden. Leere Einbildung jagt ihnen weder Furcht ein, noch schadet ihnen augenblickliche Verwirrung. Das sieht man deutlich, als die beiden Manlius Konsuln gegen die Volsker waren. Sie hatten einen Teil ihrer Truppen in unvorsichtiger Weise zu Beitreibungen ausgeschickt, und so wurden zugleich die Ausgeschickten umringt und die im Lager Zurückgebliebenen eingeschlossen. Aus dieser Gefahr rettete sie nicht die Klugheit der Konsuln, sondern einzig die Tapferkeit der Soldaten. Livius bemerkt hierzu: Militum etiam sine rectore stabilis virtus tutata est. VI, 30 (380 v. Chr.). (Auch ohne Führung schützte sie die beständige Tapferkeit der Soldaten.)

Nicht übergehen will ich ein Wort des Fabius, Quintus Fabius Maximus Rullianus rückte 310 v. Chr. in Etrurien ein. Vgl. Buch II, Kap. 33, und Livius IX, 37. um seinem Heere Vertrauen einzuflößen. Er war in Etrurien eingerückt und hielt dies Vertrauen für um so nötiger, als er das Heer in ein fremdes Land und gegen neue Feinde geführt hatte. Bei der Ansprache vor der Schlacht bewies er den Soldaten mit vielen Gründen, weshalb sie auf Sieg hoffen könnten; dann setzte er hinzu, er könnte ihnen noch gewisse gute Dinge sagen, aus denen sie die Gewißheit des Sieges erkennen würden, aber es sei gefährlich, sie bekanntzugeben. Dies klug angewandte Mittel verdient Nachahmung.

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