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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 129
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Einunddreißigstes Kapitel

Starke Republiken und ausgezeichnete Männer bewahren im Glück und Unglück den gleichen Mut und die gleiche Würde.

Unter andern herrlichen Dingen, die unser Geschichtsschreiber den Camillus sagen und tun läßt, um an ihm die Eigenschaften eines großen Mannes zu zeigen, legt er ihm auch die Worte in den Mund: Nec mihi dictatura animos fecit, nec exilium ademit. VI, 7. (Die Diktatur hat meinen Mut nicht erhöht und die Verbannung ihn nicht gebrochen.) Man ersieht daraus, daß große Männer in jeder Lage die gleichen sind. Mag sie der Wechsel des Glücks erhöhen oder erniedrigen, sie ändern sich nie, sondern bleiben stets standhaft und so völlig ihrer Lebensweise getreu, daß jeder leicht erkennt, daß das Glück nichts über sie vermag. Anders benehmen sich schwache Menschen. Das Glück berauscht sie und macht sie eitel, da sie alles Gute Tugenden zuschreiben, die sie niemals besaßen. Infolgedessen werden sie allen, die um sie sind, unerträglich und verhaßt. Daher kommt dann der plötzliche Wechsel ihres Schicksals, und wenn sie diesen vor Augen sehen, fallen sie sofort in den entgegengesetzten Fehler und werden feig und erbärmlich. Fürsten dieser Art denken im Unglück mehr an Flucht als an Widerstand, da sie ihr Glück schlecht benutzt und sich auf keine Verteidigung eingerichtet haben.

Diese Tugend und dies Laster, die man bei einzelnen Menschen findet, gibt es auch bei Republiken. Ein Beispiel bieten Rom und Venedig. Die Römer machte kein Mißgeschick jemals erbärmlich und kein Glück übermütig.

Das zeigt sich deutlich nach der Niederlage bei Cannae und dem Sieg über Antiochos. Die Niederlage war sehr schwer, denn es war die dritte, aber sie verzagten doch nicht, schickten Heere aus, wollten ihre Gefangenen nicht auswechseln, weil es ihren Grundsätzen widersprach, und baten weder Hannibal noch Karthago um Frieden. An alle jene Erbärmlichkeiten dachten sie nicht, sondern nur an den Krieg, und aus Mangel an Leuten bewaffneten sie die Greise und Sklaven. Als Hanno dies erfuhr, stellte er, wie oben gesagt, dem karthagischen Senat vor, wie wenig auf den Sieg bei Cannae zu geben sei. S. Buch II, Kap. 30. So sieht man, daß schwere Zeiten sie nicht entmutigen noch erniedrigen konnten. Ebenso machten glückliche Zeiten sie nicht übermütig. Vor der verlorenen Schlacht König Antiochos von Syrien wurde 189 v. Chr. von L. Cornelius Scipio, dem Bruder des Besiegers des Hannibal, bei Magnesia geschlagen. schickte Antiochos Gesandte an Scipio, um einen Vergleich zu erbitten. Scipio stellte die Friedensbedingungen, der König sollte sich nach Spanien zurückziehen und das übrige den Römern überlassen. Antiochos schlug den Vergleich aus, verlor die Schlacht und schickte von neuem Gesandte mit dem Auftrag, alle Bedingungen des Siegers anzunehmen. Scipio aber stellte keine andern Bedingungen als vor dem Siege und fügte hinzu: Quod Romani, si vincuntur, non minuuntur animis, nec si vincunt insolescere solent. (Die Römer werden in der Niederlage nicht kleinmütig und im Siege nicht übermütig.)

Ganz das Gegenteil sah man bei Venedig. Im Glücke, das es durch eine Tapferkeit, die es nicht besaß, errungen zu haben wähnte, war es so übermütig, daß es den König von Frankreich einen Sohn von St. Markus nannte, die Kirche nicht achtete, überhaupt Italien zu eng für sich fand und von einem Weltreich wie Rom träumte. Als dann das Glück umschlug und es bei Vailà S. Lebenslauf, 1509. eine halbe Niederlage erlitt, verlor es nicht allein durch Aufstände sein ganzes Gebiet, sondern trat auch ein gutes Teil davon an den Papst und den König von Spanien aus Feigheit und Erbärmlichkeit ab. Ja, es demütigte sich so tief, daß es Gesandte an den Kaiser schickte, um sich ihm tributpflichtig zu machen, und an den Papst Briefe voller Feigheit und Unterwürfigkeit schrieb, um sein Mitleid zu erwecken. In diese unglückliche Lage kam es binnen vier Tagen und nach einer halben Niederlage. Denn auf dem Rückzuge mußte das Heer sich noch einmal zum Kampfe stellen und verlor etwa die Hälfte seiner Leute, so daß der eine Provveditore sich rettete und mit über 25 000 Mann zu Fuß und zu Pferde nach Verona kam. Hätte man also in Venedig noch eine Spur von Mut gehabt und etwas herzhafte Anordnungen getroffen, so hätte man sich leicht wieder erholt und dem Schicksal von neuem die Stirn bieten können, um bei Gelegenheit entweder zu siegen oder rühmlicher zu unterliegen, oder einen ehrenvolleren Frieden zu schließen. Aber ihre Feigheit, die Folge ihrer schlechten Einrichtungen im Kriegswesen, brachte die Venezianer mit einem Schlage um Herrschaft und Mut. Jedem, der es wie sie macht, wird es ebenso ergehen. Denn der Übermut im Glück und der Kleinmut im Unglück entsteht aus unserm Benehmen und aus der Erziehung, die wir genossen. War sie schwächlich und eitel, so macht sie uns ebenso; war sie anders, so macht sie uns auch anders, und durch bessere Weltkenntnis mäßigt sie unsre Freude im Glück und unsern Kummer im Unglück. Was wir aber hier von einzelnen sagen, das gilt auch von vielen, die in einem Staatswesen zusammenleben; sie erlangen den Grad von Vollkommenheit, den die Lebensweise des Staates hat.

Ich habe zwar andernorts S. Buch I, Kap. 4; Buch II, Kap. 10 a.a.O. schon gesagt, daß ein gutes Kriegswesen die Grundlage aller Staaten ist und daß da, wo es fehlt, weder die Gesetze noch sonst etwas gut sein können, aber es scheint mir doch nicht überflüssig, es noch einmal zu wiederholen. In jedem Augenblick der römischen Geschichte tritt diese Notwendigkeit zutage. Man sieht, daß die Kriegsmacht nicht gut sein kann, wenn sie nicht geübt wird, und daß sie nicht geübt werden kann, wenn sie nicht aus Landeskindern besteht. Denn man führt nicht immer Krieg und kann ihn nicht immer führen, darum muß man sich in der Friedenszeit üben können, und der Kosten wegen ist das nur mit den eignen Landeskindern möglich.

Wie wir oben gesehen, war Camillus mit seinem Heer gegen die Etrusker gezogen. Als nun seine Soldaten die Größe des feindlichen Heeres sahen, verloren sie allen Mut und hielten sich für viel zu schwach, um den feindlichen Angriff aushalten zu können. Als die Verzagtheit des Heeres dem Camillus zu Ohren kam, ging er durch das Lager, sprach die einzelnen Soldaten an, brachte ihnen ihre Meinung aus dem Kopfe und sagte zuletzt, ohne eine weitere Anordnung zu treffen: Quod quisque didicit aut consuevit, faciet. Livius VI, 7 (386 v. Chr.) (Jeder tue, was er gelernt hat und gewohnt ist.) Wer diesen Ausspruch und die Worte erwägt, die er später zu ihnen sagte, als er sie zum Angriff ermutigte, wird einsehen, daß er dergleichen nur zu einem Heere sagen und mit ihm machen konnte, das im Frieden wie im Kriege organisiert und geübt war. Auf Soldaten, die nichts gelernt haben, kann ein Feldherr sich nicht verlassen, noch kann er glauben, sie würden etwas Tüchtiges leisten. Und wenn sie ein neuer Hannibal führte, so würde er durch sie unterliegen. Denn ein Feldherr kann während der Schlacht nicht überall sein; hat er also nicht vorher für Leute gesorgt, die von seinem Geiste durchdrungen sind und seine Anordnungen und die Art seiner Kriegführung kennen, so muß er notwendig geschlagen werden.

Wird also eine Stadt so bewaffnet und eingerichtet wie Rom und haben ihre Bürger täglich im einzelnen und im ganzen Gelegenheit, ihre Tapferkeit und die Macht des Glückes zu erproben, so werden sie stets und in jeder Lage den gleichen Mut und die gleiche Würde bewahren. Sind sie aber unbewaffnet und verlassen sie sich allein auf die Launen des Glücks, nicht auf die eigne Kraft, so werden sie sich mit seinem Wechsel ändern und stets solche Proben ablegen wie die Venezianer.

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